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Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vorkapitel

Es war einmal eine junge heitere Frau, gesund und wohlgemut. Sie sah schlicht und recht aus und hieß Maria.

Man sah ihr nicht an, daß sie schon durch tiefes Leid gegangen war. Mit zwei jungen Söhnen stand sie allein im Leben, hatte den geliebten Mann verloren und lebte still und gelassen in einer strengen Straße ohne Baum und Strauch.

Ein dunkler Novemberabend. Schnee und Regen. Traurig und menschenfremd fuhr der Wind in seiner Urweltlichkeit durch die Straßen wie durch Gebirgsschluchten.

Er sang sein ewiges Lied, das von den Menschen nichts wußte, strich an ihnen vorüber und an ihren düsteren Häusern, als führe er durchs Chaos – heute wie vor Ewigkeiten.

Maria trat mit einem guten Freund aus einer hohen Haustür, aus der ein Gewimmel dunkler Gestalten strömte, denen allen beim Hinaustreten in das wilde Wetter von der Gewalt des Sturmes und des Regens der Atem stockte und die in Nebel und Dunkelheit geschoben und geweht wurden, sich zerstreuten im Gewirr von Straßen und Plätzen, über die die Bogenlampen ihren unbewegten Schein gossen, der durch 6 Regenwasserschleier gespenstisch leblos leuchtete, ein gefangenes Licht, das die Menschen sich erlistet hatten.

Maria und ihr Begleiter gingen fest und kräftig dem Sturmwind entgegen, wie der ganze dunkle Menschenschwarm, der sich in der Nacht zerstreute, es auch zu tun versuchte. – Sie kamen alle aus einem Vortrag.

»Wie Raben tragen sie nun,« sagte Marias Begleiter, »irgendeinen Fetzen, irgendein Eingeweidchen von irgend etwas heim, verlieren's schon unterwegs – und die's heimbringen – wenn sie's daheim im Nest verzehren wollen, ist's ihnen in den Krallen zu nichts geworden – und sie krächzen oder meinen nur so: da lag doch so ein schöner Monismus, in den man hineinhacken konnte, oder sonst eine Weltanschauung – und nun – ich glaubte, mein Leib sei gefüllt und meine Krallen auch – und nun –? Wo ist's hin? – Herrgott noch einmal – es war doch da! Wohin? Wohin? – Krah – krah –«

Maria lachte.

Hu – da kam der Wind und drängte und stemmte und ließ die Kleider flattern und riß und schnob.

Aber er bewegte sich im Chaos. Vorträge, Straßen, klappernde elektrische Straßenbahnen, gefangenes elektrisches Sonnenlicht, eilende Menschen, Worte, eine junge Frau, ein munterer wacher wissender Mann, nichts davon war für ihn da. Er brauchte es gar nicht fortzublasen.

»Leer mahlen die Mühlen,« sagte Marias blondbärtiger Begleiter.

Seine Stimme lebendig, frisch wie seine Art zu gehen. Er ging nicht wie die echten Stadtleute, so ein Schieben, um weiterzukommen. Das Gehen ist unbewußte Funktion geworden. Der Mann mit der lebendigen Stimme ging anders. Er ging mit Vergnügen, gut gelaunt, 7 kämpfte gegen den Wind, schien gewohnt über ein Erdreich zu gehen, das er liebte, über Grasboden, über Steingeröll, über mit Tannennadeln bestreute Waldpfade, über Moos und Heide. Er hatte den Wanderschritt, trug auch einen Wander- und Wettermantel. Der Wind verfing sich in den weichen und wolligen Falten und blähte sie aus wie ein Segel – und so fuhr er dahin. Maria hielt Schritt mit ihm.

»Da klappert nun Mühle an Mühle in solch einer Stadt – aber sie haben kein Korn zum Ausschütten –. Sag', liebe Maria, – was war das nun heute abend? – Das Mahlwerk rieb sich heiß, – umsonst! – Der Wille war da, hundert Säcke voll Korn auszuschütten – aber eine leere Mühle – und so wurden in Gottes Namen Worte hineingeschüttet. Wohl uns, daß der Wind so geht und die ganze Wortspreu davonfliegen kann! Eine Zeit, die leer mahlt, ist zu fürchten.

Ich denke oft Maria, Ihr solltet aus der Stadt hinaus. Eine Zeit, die leer mahlt, möchte wieder voll mahlen, und wer weiß, was für Korn da eingeschüttet wird, Ihr solltet zu uns ins Zeitlose ziehen.«

Jetzt standen sie in der engen Straße ohne Baum und Strauch vor Marias Haus.

»Kommst du nicht mit hinauf, du bekommst einen Tee?«

»Heute nicht. – Hab' einem versprochen, ihn zu besuchen – und morgen geht's wieder heim! Grüß die Ströme in ihren Betten. Hinaus sollen sie in die Sonne und in den Wind, der von den Bergen kommt, ohne erst den ganzen Menschenwust aufzuhocken!«

»Wir werden schon einmal kommen,« sagte Maria ruhig.

Das Laternenlicht, das von Schnee und Regen verdämmert war, traf die festen gedrungenen Züge des 8 Mannes. Da leuchteten Augen auf, wie sie sonst nur in glatten Kindergesichtern strahlen, aber stark im Blick und frohmutig – froh und mutig – und standen weit auseinander im blondbärtigen Gesicht. Maria und ihr Freund schüttelten sich beide freundschaftlich vertraut die Hände. Hinter Maria schloß sich die Türe, und der Mann segelte im fliegenden Mantel, in Wind und Regen und Sturm, fröhlichen Schritts davon. 9

 

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