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Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel

Wunder, Wunder über Wunder. Walter Frühauf und Ottomar Strom sprechen über Mädel. Frau Maria liest drei Wunder. Das Konzert. Das schöne Sprechen und das flockige Wollhäufchen. Ottomar erschrickt. Gudrun zeigt ihre Lebenswandlung an. Das kalte Wunder am Parksee. Ottomar findet, daß ein selbstgemachtes Wunder nötig wird. Der Wunder schönstes aber bist du.

Wenn Ottomars Dienst ihm Zeit ließ, war er, so oft es ging, draußen in den Bergen. Allein, oder mit Walter Frühauf, auch Dorothee begleitete beide öfter, oder sie besuchten ein Theater miteinander. Sie sahen sich oft nach alter Gewohnheit. Heute, an einem herrlichen Märztag, machten sie zu zwei eine Skitour.

Beim Aufstieg mühten sich Ottomar und Walter Frühauf in Sonne und glitzerndem warmen Schnee auf ihren Skiern durch junge buschige Tannen.

Wärme und Frische lag zwischen den Bergen, Ottomar hatte die Ärmel von seinem roten Hemd aufgestülpt, da streichelten ihn die kleinen Fichten mit frühjahrsehnsüchtigen Zweigen über den Arm. Sonne und Schnee und blauer Himmel.

Es lag Pulverschnee, tiefer, duftiger Pulverschnee. Das Schönste im jungen Leben ist die Skifahrt im Pulverschnee.

Und der Schnee lag und erste Frühlingssonne schien warm, und damit Schnee und Sonne sich nicht 283 wehtun, begann es jetzt leise und flockig zu schneien in der Sonne, im Tannenwald und in den Bergen.

Wie offen die Herzen waren. Ottomar erzählte dem Kameraden von Tannen, von Birken und anderen Bäumen. Sie verstanden Bäume besser als Menschen. Menschen verstanden sie heute, wenn sie deren Baum gefunden hatten.

»Was hältst du von mir, Ottomar? Wie bin ich?«

»Wir kennen uns noch nicht ganz.«

»Sagst du auch, daß ich egoistisch bin?«

»Ja, das sind wir alle, und das soll unser Kampf sein. – Und doch sind wir in den großen Stunden des Lebens immer weniger selbstsüchtig und haben ein weiches Herz. Am schönsten bringt dich aus deinem engen Kreis die Liebe. – Weißt du noch, Gudrun, wie sie einem das Herz eng machte durch ihren selbstsüchtigen Tanz, und wie weich und mild sie wurde, als sie, mütterliche Liebe in jeder Bewegung, mit ihrer kleinen Schwester tanzte? Groß ist der Auszug in den Krieg. Da ist aber das Herz weit, weil wir nicht für uns kämpfen und sterben, sondern weil wir dem Rufe folgen und für Fremdes eintreten.«

Von Dorothee Garbe sagte Ottomar: »Wie schön ist es, mit einem eigentlich schon verlobten Mädchen zu reden. So ein Mädchen wird durch die Liebe erst beseelt. –Was für schöne Stunden hatte ich mit Dorothee, ich glaube noch schönere, als wir zwei heute in der Sonne.«

»Halt, Ottomar, jetzt haben wir aber in fünf Minuten einen Schneesturm, dort kommt eine böse Wolkenwand.«

Walter hatte recht. – Es dauerte nicht lang, da keuchten sie im Sturm den Berg in die Höhe. Ein Windstoß hatte Ottomar einmal umgeweht; und so blieb er zurück, gab es auf, seinen Freund einzuholen, und folgte ihm müde im Sturm, durch wilde Schluchten, 284 über Gräben und Rücken und dann über einen Felsgrat unter großen Bäumen. Sie hatten sich verirrt. Er folgte Walters gerader Skispur und staunte über des Freundes Tapferkeit. – Ein gerader Strich, gezogen von Menschenwillen und Menschenmut durch die Schneewildnis und durch den Sturm; ein gerader Strich im tiefen, tiefen Schnee. Er folgte müde.

Die Spur ging über den Felskamm weiter; hier war es windstill. Ottomar konnte aufatmen; aber es bangte ihm, so einsam unter den vereisten Bäumen. Vor ihm stand, wie ein uralter Wächter, eine große Tanne, dahinter eine seltsame Schneemasse. Waren es Bäume, war es ein Felsen? Er fuhr weiter, an der Schneemasse vorbei, und blickte zurück. Windstille, weiche Flaumflocken und warme Glut im Gesicht nach dem schneidenden Pfeifen. – Sonne schien nicht.

Er blickte zurück. Ein kristallvereistes Gitter, grüne Efeublätter im Schnee, und in der Felsengrotte eine Mutter Gottes von schlichter Schönheit.

Nie hatte Ottomar der Menschen Beten zur Muttergottes verstanden. Warum ein Teilen des Höchsten? Heute aber betete er, wie die katholischen Menschen beten um Kraft zum Weiterfahren. Und wie er Vertrauen bekam, da flehte er die Himmlische um ein reiches Herz und um Liebe an. Gib mir flutende Liebe ins Herz, gib mir Liebe. Dann glitt er weiter auf der Spur seines Freundes und wollte zum Kameraden sprechen. Doch der hatte nichts gesehen. Der Sturm war vorübergebraust, die Sonne kam, und die beiden hatten wieder stille Bergherrlichkeit bis zum Abend, dem frohen Ende ihrer Fahrt.

*

Eines Morgens fand Maria auf dem Küchentisch, in Ottomars Handschrift, wieder ein Büchlein, 285 überschrieben: »Mein Wunderheft«. Und sie las darin, ohne sich anfangs klar zu werden, wohin es deutete, von einem Konzert:

Akkorde erlösen sich, Läufe haschen einander. Einer sitzt am Klavier und spielt mit viel Technik und viel Rauschen. Ein unangenehmes Weib in schamloser Robe sitzt neben ihm und schlägt die Notenseiten um.

Ich verstehe nichts. Da steht sie auf. Man klatscht ihr zu – steht auf – und singt das schöne Lied: Die Disteln und die Dornen, die stechen allzusehr. Sie singt mit guter, voller Stimme; aber kalt an Leib und Seele.

Und jetzt kommen sie zu viert.

Sopran – Alt – Tenor – Baß.

*

Tenor und Baß die Brust voller Orden. – Zackige Orden! Geschulte Stimmen, sie stehen alle vier nebeneinander auf dem Podium, mit großen Notenblättern in der Hand. Mit runden Mäulern, und so gellen sie gleichzeitig in den Saal, bleich wie Molche.

Sie singen Volkslieder, deshalb sind wir gekommen, wir Wandervögel. Stille, alte Lieder. Hat die eine ausgesungen, setzten die anderen wieder ein. Sechzehn Lieder. Nur ein kurzer Übergang durch des Begleiters Spiel.

Erst bedaure ich mich: Wieder eine Kunst, ein Genuß, der für mein enges Hirn nicht gemeint ist. Dann aber bekomme ich Angst und denke: Jetzt sitzt die Dorothee, das Maidli, neben Walter, den die Klangkunst freuen wird, und ihr freut euch und klatscht wie die Menge. Ihr habt euch fangen lassen durch das Wort Volksliederabend! Ihr könnt's ja nicht wissen, wie ich leide – ich litt.

Bei einer Klatschsalve rettete ich mich in die Garderobe, frei wie ein Vogel! – Leider sitzen die Freunde noch in dem Käfig.

286 Der Liederabend ist aus, Lieder werden wiederholt – auch das ist aus!

Das Maidli kommt als die letzte. Sie staunt, mich zu treffen: »Ottomar, da bist du ja – und ich warte immer auf dich, ich bin schon lange da, weißt du, ich war herausgegangen, ich konnte nimmer drin bleiben.«

Und so waren wir beide die einzigen, die so gefühlt hatten, und das Billett war teuer.

Dorothee fragte mich und machte große Augen: »Ottomar, meinst du, daß Wolfgang sich heut abend gefreut hätte?«

Da dachte ich nicht nach und sagte gleich: »Nein, der hätte sich nicht gefreut.«

Das war ein Wunder, so fühlte ich es.

Wieder ein Wunder!

Einmal ging ich mit Dorothee abends durch den Englischen Garten am See hin, da konnte ich sprechen.

Die Brust strömte alle Schönheit der Natur ringsum, und es strömte mir durchs Herz alle Herrlichkeit der Sterne über uns. Und Freude! – Ich fühlte es strömen und strömen.

Wir sprachen einst davon, von der weichen, schönen Stimme, die man bei solchem Sprechen haben kann. Und an diesem Abend war mir eine Stimme in der Brust, die war fast nimmer von mir, so schön.

*

Ein drittes Wunder: Dorothee, das Maidli, und ich, wir haben uns nie verabredet – und dennoch, wir sahen uns jeden Tag, seit ich in München bin, und wir sprachen uns.

Wir sprechen nur Großes, nur Freudiges, nur Schönes.

Da weiß ich mir heilige Wunder: Bei mir im Zimmer war's; sie wollte, daß ich ihr von Gott spräche. Sie bat so hoffnungsvoll, aber ich schämte mich. Da hab' 287 ich das Maidli auf den Teppich gelegt, sie liegt so gern auf der Erde, und hab' eine weiche, bunte Wolldecke über sie gebreitet. –

Da war's kein schwerer Mensch mehr, da war's ein weiches, flockiges Wollhäufchen. Und dem flockigen Wollhäufchen hab' ich erzählt: von der Welt, von dem, was wir Himmel nennen, und ich hab' ihm vorgelesen aus einem sonnigen Buch, das ich liebe, und auch ein Gedicht von mir.

Und das Häufchen schien mich zu verstehen. Und ich wurde mutig und tapfer. Da hab' ich die Bücher weggelegt und hab' vor mich hingesprochen. Worte, die mir die Stunde gab.

Da geschah das Wunder! Ich schau zum Wollhäufchen hin – da ist es kein Wollhäufchen, zu dem ich sprechen kann, da hat es seinen Kopf erhoben, gleich dem Vogel im Nest, und schaut auf mich mit ruhigen, großen Augen.

Du, Schönaug'! – Du, Gesicht – welches himmlische Leben mag Seele deiner Schönheit sein? Die Sterne am nachtblauen Himmel machen mich oft staunen. Sterne sind die Wunder der Weite. Ein klares Leuchten, das von so unendlicher Weite zu uns kommt, das muß starkes Licht sein. Und du, was bist du für ein Wunder? Du bist ein Wunder der Weite und ein Wunder der Nähe.

In deinen Augen wogt scheues Staunen über mich – und doch eine Heimat, ein Wiedererkennen.

In stiller Stunde schrieb ich:

 
                              Sonnenkind!

Ich kann vergessen Deine schlanke, liebe Hand.
Ich kann vergessen junge Glut, die Dir im Herzen flutet,
Deinen Mut, den mädchenhaften, der das Gute glaubt,
Und milde Mutterart, die in Dir keimt. 288
Und kann Dich vergessen, Dein Gesicht,
Deine biegsame Schlankheit,
Doch tief ins Leben gehaucht sind mir zwei Sterne,
Zwei gleitende Lichter am nachtblauen Himmel,
Zwei Augen mit der Heimat des Erinnerns –
Als ich von Gott zu Dir sprach.

 

Zur Stunde, als das Maidli ein flockiges Wollhäuflein war.

Wohl fünfzig Wunder, die mir in ärmerer Zeit das Herz gefüllt hätten, sind achtlos vorübergezogen.

Im Spiel hab' ich gewonnen, daß die anderen mich für behext hielten. War mir der Dienst zuviel, oder wollte ich etwas anderes tun, da bin ich einfach fortgegangen, ohne mir eine Entschuldigung zurechtzulegen, und jedesmal ist etwas Günstiges gekommen, das mir nachträglich das Recht dazu gab. –

Vielleicht waren das die stärksten Wunder, die selbst dem eisenharten Militär ein Schnippchen schlugen.

Ich hab' nur ganz meinem Glück vertraut, die anderen aber hielten mich für einen kaltblütigen Menschen.

*

Maria fand kein Wort, als sie im Büchlein gelesen hatte. Aber sie hielt das Vertrauen ihres guten Kindes wie ein Kleinod in den Händen und wußte, daß es gar kein Vertrauen war, denn Ottomar und Dorothee wußten von ihrer Liebe zueinander noch nichts.

In dem ungeheuren Untergang, der auf Erden tobte, spielten diese armen Seelen ihr Lebensspiel am Abgrund, in einer blassen Frühlingssonne.

Wie dies Bild sie im Herzen tief bewegte. Welch wehmütige Schauer empfand sie. Mit Bangen sah sie Ottomars Liebe zu der Liebsten seines Freundes. – Sollte dieses reine Herz in Not und Unrecht gestürzt 289 werden? Sie fühlte seine starke, junge Wonne, seine reine Seligkeit.

Alles mußte geschehen, wie es geschah. Das Leben war ein großer, urgewaltiger Lebensstrom geworden. Die Menschen lebten jetzt ein starkes, übermenschliches Leben.

Und sie fühlte sich hilflos und zeichnete einen kleinen Stern, wie er den drei Königen aus dem Morgenlande vorgeleuchtet hatte, hinter Ottomars Zeilen.

*

Es war zu später Stunde, Ottomar fuhr in der Trambahn und stand vorn beim Wagenlenker, und es war sehr kalt. Da erlebte er eine seltsame Verwechslung, fast eine Erscheinung. – Gedankenlos. – Da schaute er in den Wagen und sein Blick traf unerwartet auf Dorothee Garbes Hand. Er war betroffen – doch Dorothee war es nicht gewesen. – Ein Irrtum. – Doch bald darauf traf ihn ein Blick, eine Gestalt stand am anderen Wagenende, Dorothee Garbe. – Das Herz schlug ihm – doch sie war es nicht. –

Beide steigen sie getrennt aus – Ottomar wie im Traum. – Er sieht sich um – und fühlt ein großes Weh, da steht sie noch – auch wie im Traum – die Gestalt – und sieht nach ihm und bleibt lange stehen – dann gehen sie beide fort – lautlos im neugefallenen Schnee, jedes in seiner Richtung.

Und wie er zu Hause war – kam es ihm, als würde er Dorothee Garbe lieben – da erschrak er und mußte lange, lange weinen. Da schrieb er in der Nacht:

Dorothee,
Schön war unsere Zeit! Schön!

Und Gott sind wir näher gekommen; wie wenn zwei Menschen eine Felswand hinaufklettern und oben am 290 Gipfel mit wogender Brust sich recken und die Arme nach den sonnigen, weißen Wolken spannen.

Wir waren wie glückliche Gotteskinder.

Auch ich war Kind und war's noch nie mehr – noch nie weniger. – Ich hab's Dir nie gesagt, aber wollte zu Dir sagen: »Du kannst mir vertrauen, ich vertraue mir.«

Wie schön wir beide!

Schön auch, was ich noch zu schreiben habe!

Heute sprachen Mächte zu mir, unbekannte, ungeahnte Gewalten. – Heute! Mächtige Gewalten, vor denen mir bang wurde. Mächte, die stärker werden können als mein Wille – stärker als meine Pläne – stärker als meine heißen Wünsche.

Laß Gold und Schönheit von tausend Jahren zwischen uns treten und uns verbinden, nicht trennen.

Ich traue mir und traue mir auch weiterhin im Leben.

Glaub nie, nie, nie, mir Dank zu schulden – glaub mir nie weh getan zu haben, Du hast mich reich gemacht, hast mir mein Bestes geschenkt! Gute Nacht!

Auf den Briefumschlag schrieb er: Es steht nur Schönes darin; in dem Brief steckt der ganze Ottomar, er könnte rausfliegen. Öffne den Brief, wenn Du eine große Frage über mich fühlst oder wenn Du glaubst, ich sei ohne alle Freundschaft für Dich und hätte Dich vergessen.

Den Brief gab er ihr am anderen Tag.

Da kam's eines Tages, wie er's nie erwartet hätte, was sein Herz kaum fassen konnte, weil es zu eng war:

Ottomar, lieber Ottomar!

Jetzt ist er offen, der Brief!

Und ich hab' ihn nicht fortfliegen lassen, hab' ihn gehalten, ganz fest, und möchte ihn immer so halten, 291 nimmer fortlassen, weil er das Beste und Schönste in mir ist und ich ohne ihn arm und klein bin, ohne den Ottomar. Ich habe den Brief geöffnet, weil ich eine große Frage über Dich in mir fühlte, eine, die mich schon länger quälte und mir in den letzten Tagen gar keine Ruhe ließ.

Und als ich Deinen Brief gelesen hatte, da mußte ich weinen. Ich weiß nicht warum. Vielleicht sollte ich Dir noch nicht schreiben.

Vielleicht weil ich mich selbst verloren. 's wird aber nicht schad drum sein.

Wenn ich nur mit meiner Mutter reden könnte. Aber sie hat nie in heiliger Stunde zu mir gesprochen.

Ich weiß, sie wird mich entweder schimpfen, oder, was eher der Fall ist, sie würde lachen – das wäre das Schlimmste!

Das Maidli.

Den Brief hat er oft gelesen und den ersten Teil wohl hundertmal. Immer klingt's ihm schön – immer schöner. Dann kam wilder Kampf über ihn und dann wieder Ruhe.

Meine Sonne, leb wohl, schrieb er. Verstandest Du denn meinen Brief nicht? Klang Dir nicht aus aller Glut, aus aller Freude ein wehes Wort, klang es Dir nicht wie Ade? Du hast mir mein Bestes gezeigt und geschenkt, ich bin reich und froh geworden, ich schulde Dir nichts, hab Dir kein Leid getan, auch keinem anderen ein Unrecht.

Hab' Dir Dein Bestes geweckt und geschenkt, Du bist reich. Bewahre es Dir! Bewahre es Dir!

Es geschah etwas Seltsames.

Der Morgen brachte Ottomar einen Brief von Gudrun – nach Jahren der Kälte.

292 Er sollte kommen, sie wollte ihn sehen, weil sie vor einer Lebenswandlung stehe.

»Ich will in mein neues Leben schöne Erinnerungen aus meiner Jugendzeit mitnehmen, Du sollst mir helfen. Ich will mir das Beste meiner Jugend retten, und ich weiß nicht, ob Du es nicht vielleicht gewesen bist.«

Und er kam am Abend, stieg die Treppe auf zur Mietwohnung, wo er schellte.

»Ist Fräulein Gudrun von Romberg zu sprechen?«

Die bleiche, alte Dienerin, der dunkle Gang, die vielen, schmalen Türen.

Und durch die zweite Tür rief die Gudrun, die alte Gudrun von damals, in der Art, wie sie immer rief, bei den tollen Spielen im Garten – und wie sie auch ihren Hund rief: »Herrrein!« Da beobachteten sie einander. Da sprachen sie, als wäre das schmale, weiße Zimmer eine Bühne, und das Publikum, das ihnen lauschte, dem sie sprachen und spielten, das waren einige Menschen mit großen Verschiedenheiten, denn das waren sie beide selbst in den verschiedenen Gestalten ihres kurzen Daseins.

»Es freut mich, daß du so schnell gekommen bist, Ottomar.«

»Ja, ja, freilich nach unserer langen Kühle und weil du mir von einem Wandel schriebst. Ob es der größte Wandel ist?«

»Du meinst Liebe oder Religion? Nichts von dem, etwas ganz anderes. Ich will nur ein bißchen die Welt mit umstürzen helfen. Ich bin unter die gegangen, die selber nichts haben und die denen, die etwas haben, es nehmen möchten – ganz links – und wenn du mich fragst warum, Gott weiß weshalb? –«

Gudrun sprach das mit seltsamer Kälte, sie war bleich und schön. Ihr kleiner Mund trug den bitteren Zug.

293 Ihr Ausdruck wurde kein anderer, obwohl nun Ottomar versuchte, sie die Kraft ahnen zu lassen, welche er selbst in Liebe und Religion gefunden.

Sie lachte: »Weißt du, Ottomar, wenn man Geld hat wie du, kann man leicht eine glückliche, vornehme Seele haben!«

Dabei schaute sie Ottomar an wie einen bunten Vogel und meinte weiter: »Und du mit deinen Wundern! Ich glaube nicht an Wunder. Schau, es ist eine lange Zeit her, daß Christus gelebt hat und viele große Menschen sind da gewesen und es gibt auch heute große Menschen, aber keiner kann Wunder tun. – Keiner kann durch die Mauer gehen.«

»Du, Gudrun – das ist nicht wahr! Für mich kann mancher durch die Mauer gehen! Willst du mehr?«

»Nein, das kann mir nicht genügen. Ne – ne!«

»Herrgott, Gudrun, das wäre doch geschmacklos, wenn Christus wirklich durch die Mauer ginge, stell dir's vor.«

»Nein, nein, das wäre ganz hübsch! Du Ottomar, und schaue, mit den Religionen, der Grundgedanke ist ja immer schön; aber stell dir vor, wenn einer ganz nach christlichen Geboten lebte.

»Einfache Gebote wie: Du sollst deine Eltern ehren, wären ja zu befolgen. Und außerdem – wir müssen ja immer den Mittelweg gehen, um nicht in zwei Abgründe zu fallen.«

»Du bist gut – brauchst nicht gleich so anzuspielen. Könnte meine Mutter besser für mich sorgen, ich würde auch anders mit ihr auskommen. Das kannst du mir glauben.«

»Das hab' ich nicht gemeint, glaub' mir.«

»Nur nicht so feierlich,« lachte sie, »im Grunde ist's gleich.«

Sie sprachen wieder von Liebe.

294 »Da will ich nimmer dran denken. Es gibt Trümmer auf der Welt, viel Trümmer.«

Sie sprachen auch von Freundschaft, da meinte sie: »Ich bin ein Mensch, der nicht lange zu zweit leben kann. Bei Freundinnen hab' ich's kennen gelernt, wie sie alles, alles erzählen, bis man sie durchschaut in ihrer restlosen Nichtigkeit. Nicht umsonst hat Dorothee Garbe so lange bei mir gewohnt.«

Da sagte Ottomar: »Bei rechter Freundschaft muß einer eben eine Quelle sein und eine solche Quelle kann nur aus göttlicher Tiefe kommen.«

Gudrun schaute ihn mit einem leichten, spöttischen Zug um den feinen Mund an: »Solche Tiefe beim Maidli? – Da mußt schon du dafür aufkommen. – Aber, dem einen sein Uhl ist dem anderen sein Nachtigall, es lohnt sich überhaupt nicht, darüber zu reden.«

Ottomar schwieg.

Ihre einsame, kluge, in sich eingesponnene Seele konnte sich dem anderen nicht zuneigen, blieb wie in sich selbst gefesselt. Ihre schöne, reiche Jugend, die so viel versprochen, begann sich zu verhärten.

Zuletzt ließ sie sich auf gar nichts mehr ein und um ihr Innerstes nicht preisgeben zu müssen, gab sie dem Gespräch eine neue Wendung. Wie früher als Kinder, unterhielten sie sich nun bärenhaft, in täppischen Späßen.

»Du, Gudrun, ich muß schon lachen, wie du mir Tee einschenkst – bist du noch immer keine Hausfrau? Es steht dir drollig. Aber dein Kuchen ist gut, den eß ich schon gern.«

»Ha – ha – ha,« lachte Gudrun.

»Warum lachst du so?«

»Ja, ja, das glaub' ich, daß du gern ißt – entschuldige – aber ich glaube, du hast das Maul dazu.«

295 Auf dem Heimweg von diesem Besuch bei Gudrun sagte sich Ottomar: »Ich hätte mit Gudrun nicht über Liebe sprechen sollen, Gudrun hätte zwar etwas Großes in sich, um von Liebe sprechen zu können; aber ich glaube, es sind nur Trümmer vom Göttlichen in ihr.«

*

Ottomar und Dorothee trafen sich wieder und gingen miteinander ins Freie.

Dunkle schwarze Tannen und wolkiger Abendhimmel. Und als sie aufgeschaut haben, unter den Bäumen, zu den Wolken, da haben die Abendglocken geläutet wunderbar.

Und der schwüle Heimweg im Mondschein, am Bach entlang, mit den schnellen leichten Schritten, Lautenklängen und ganz leisen zweistimmigen Liedern. Der Föhn wehte Frühling und bedrängte Ottomars Herz, als wehte er Liebe und Glut zu dem schönen, zärtlichen Geschöpf, das neben ihm ging, über ihn hin.

In jedem Worte war sie so ganz ihm zugetan, in jeder Bewegung; und ihm versank die Welt, die er kannte – und eine neue tat sich auf, die ihn mit Schauern und Seligkeit erfüllte.

So hatten sie sich wiedergesehen.

In Liebe und im Erschauern ihrer Herzen gingen sie bebend und glückselig.

*

Ich war nicht so stark, wie meine Worte waren, schrieb er, und war auch nicht so schön wie meine Worte. So ist nicht Gold und Schönheit von tausend Jahren zwischen uns getreten, so haben wir uns wieder und wieder gesehen und begegnet. Da hat mich Gott mit einem Wunder bestraft: Der Föhn hat Kälte gebracht, im Frühling, weil der Sturm plötzlich so eisig braust. Die Parkbäume ächzen und der Wind drückt auf den See, daß er nicht atmen kann. Der alte Parksee hält den Atem an und 296 krallt sich an die zottigen Wasserpflanzen und klammert sich an die Steine seiner Tiefe.

Der Sturmwind preßt ihn nieder und läßt ihn nicht atmen im Wellengang und läßt ihn nicht nach Luft ringen in gepeitschten Wogen. Er preßt ihn nieder, daß ihm die Haare aufrecht stehen, und der Sturm will den See ersticken.

Der Mond kommt gegangen und sucht sich in seinem Spiegel im Park und kann sein schönes Bild nicht finden vor lauter mattem Silbergekräusel.

Da wollte er dem See schon grollen.

Er hört ihn aber stöhnen.

Und der Wind prallt an der Wasserfläche ab und fährt durch den Himmel. Er putzt durch die Sterne, bis sie blank sind und bis sie glitzern und leuchten; fast reißt er sie los.

Wer die Zeit rollen läßt und mit ihr rollt ohne sich selbst zu leiten, das tut nicht gut.

So haben wir uns wieder gesehen und wieder gesehen, wieder geschaut, auch in der Nacht am See im Sturm. Zwei Menschen, zwei Herzen im Wind; an dem Wasser, da war es, als wäre mir das Herz ausgelöscht; nur wenn der Sturm ganz wild wurde, wollte es noch leicht leicht glimmen.

Ich habe dein Seelchen gern gehabt und ich glaube, ich habe es nun verloren. Ich klagte dem Maidli: »Denk, ich bin so erschrocken über alles, fast ist mir, als hätt' ich dich heut in keinem Eckerl meines Herzens gern. Ich will nach Haus gehen und schauen, ob der richtige Ottomar nicht in seinem Zimmer sitzt.«

Da faßte sie meine Hand und flüsterte erschrocken: »Du gehst jetzt nicht: bleib ein bisserl, geh mit mir.«

Und so kam es, daß wir Hand in Hand solange durch den Sturm gingen, bis unser Gewissen wieder eingeschlummert war.

297 Ach, unser Erleben war ja auch zu schön für ein Gewissen.

*

Sie gehen durch die Großstadtstraße, an den Fenstern und Häusermauern vorbei und reden nicht. Das Maidli zieht sich gern immer so an, wie es sich fühlt. Es trägt jetzt gern Rot.

»Du, laß dich angucken, wie du ausschaust? Uh, bist du heute ein Rotes! Was man nur mit so einem machen soll?«

Dann haben sie wieder lange geschwiegen.

»Du Maidli, weißt du, wie ich sein möchte? Ich möchte so sein, daß ich dem Wolfgang ins Auge schauen kann, wenn er vom Feld kommt, dann will ich es können. Sonst kann ich auch deine Augen nicht schauen. Weißt du, ein Mädel, für das einer draußen kämpft und für das er tapfer ist, das mag man halt nit gern haben. Merkst du, was ich meine?«

»Ich weiß schon, Ottomar, ich hab' in dir nur einen Freund gesehen, einen lieben Freund, und Wolfgang war wohl auch nur mein Freund, wohl mein liebster. Ich hab' aber mein Vertrauen zu mir selbst verloren, ich hätt' dir schon lang lebwohl sagen sollen; aber – aber weißt du? Ach, Wolfgang ist anders zu mir geworden. Meine Mutter sagt: alle Männer wären Egoisten. Er hat mir oft weh getan, wenn er mich für so unwissend hält. Ich bin immer das Dumme und das Windige, und er hat gesagt, ich müsse noch viel lernen und er könne nur ein ganz gescheites Mädel brauchen.«

»Maidli, Egoisten sind wir alle und das soll unser Kampf sein, und doch sind wir's in den großen Stunden des Lebens weniger, ich hab' es Walter auch schon einmal gesagt. – Du – und beide wollen wir nie zusammen rot sein. Eines von uns soll immer schön 298 himmelblau sein, gelt? – Doch der Tag, wenn ich wieder in den Krieg ziehe, der soll mein roter, schöner Tag sein! Ich will dann meinen Stern brennen lassen. Es muß so sein.«

*

Wie ein Kind mit seinem Ball spielt, so spielte Ottomar zu Hause an diesem Abend mit einem Satz, ohne über ihn nachzudenken: »Maidli, fühlst du, wie sich Welten um uns drehen?« Und er fragte sich, wo sein Herz wohl den schönen Satz gefunden hat.

Ottomar Strom wußte nun, wie er es zu halten hatte für die wenigen Tage, die ihnen wohl nur noch beschieden waren.

Einmal war Frau Maria auch mit Ottomar und Dorothee im lieben Haus am See. Sie sahen Sebald, sie sahen Ruthle.

Wie war die fein zu Dorothee und zart. Sie brachte ihr ein Sträußchen Schneeglöckchen, denen sie selber glich. – Und manchmal schaute sie Dorothee an, die sie doch solange schon kannte, als hätte sie sie noch nie gesehen.

Und Ottomar gab sie einmal, als sie allein durch den Garten gingen, die Hand und drückte sie, als wollte sie sagen: Roter Bub – gelt, du bist glücklich jetzt! Aber sie sagte kein Wörtlein.

Und Sebald sprach von ihr wie von einer kleinen Heiligen. Sie pflegte Sebalds Frau in ihrer schweren Krankheit. Und wußte wieder wunderlich von ihr zu erzählen.

Sie sagte und lächelte so lieb dabei: »Der Wickel ist wirklich ihr liebes Herrgöttle geworden, von dem sie alles, alles erwartet. Ihre Gesundheit und die Gesundheit der ganzen Welt. Wenn sie von ihrem Übel geheilt ist, will sie solche Kranke, wie sie war, mit dem Wickel heilen. Sie sollen alle zu ihr kommen.«

299 Ruthle war wie ein Nönnchen, so zart und so fein – und so ganz voller Liebe. Wenn Sebald kam, flog ein heller Schein über ihr Gesichtchen. Und Sebald war zart und liebevoll zu ihr wie zu einem lieben Kinde.

*

Ottomar hatte in sein Büchlein eingetragen: Ich staune, das Wunderheft geht weiter mit weher, weher Macht. Die Wunder der Liebe sind in der Liebe Leid. Frühlingssonne wogte über wellige Wiesen. – Ich lag und sann vergangenen Zeiten nach – sann nicht nach, um Glück zu retten und fassen. – Ich wollte es nur streicheln.

Der Vorfrühling umschmeichelte jede Knospe an den Bäumen, er schmeichelte meinem Herzen, weil es weh tat. Ich wollte heute in den Bergen sein, hatte aber abends Dienst. Dann dachte ich an manche verrauschte Bilder und Worte: Sebald hatte einmal gesagt, Ottomar hat eine Gabe, er kann bremsen, bremsen im Glück und im Leid. Das ist eine gute Gabe.

Und noch etwas Seltsames kam mir kurz in den Sinn. Hatte man mir nicht nachträglich erzählt, Gudrun hätte vor einem großen Lebensabschnitt gestanden? Sie hätte sich das Leben nehmen wollen?

Und da eilten wieder verrauschte Bilder. Ich hab' ein kaltes Händchen gehalten und hab' gespielt, hab' die Finger gezählt, eins – zwei – drei – vier – fünf – und hab' leise gelacht. Da hab' ich zwei traurige Augen gesehen und ein Stimmchen hat gesagt: »So ein Spielzeug tät dir wohl gefallen?«

Ein anderes Bild:

Ich hab' ein Händlein gehalten, fest gehalten, und da hat ein Stimmlein gelacht und hat gesagt: »Knutsch sie nicht so sehr! Gib sie mir mal her!«

Beide Male bin ich erschrocken und ich wollte sagen, daß ich gar nicht gern mit dem Händlein spiele, daß 300 mir's weh tut, spielen zu müssen, hab' aber geschwiegen.

Dann hab' ich einmal eine Melodie gehört: Gib mir deine Hand, deine liebe Hand. Die Melodie war aus einer Operette, und doch hab' ich sie viele Tage gesummt; da hab' ich den Kopf verwundert geschüttelt.

Wie ich so in der letzten Abendsonne lag, da kamen kleine Kinder und spielten. Sie spielten Vater und Mutter und Eltern und Kinder. Sie hatten sich ein Tuch ausgebreitet, das war ihr Haus, und sie waren gar streng miteinander. Sie spielten die ernsten Spiele des Lebens so drollig. Zwei saubere kleine Mädchen, ein schwarzes und ein lichtes, warfen sich den Ball zu. Der Ball flog und rollte. Einmal flog er zu mir. Da hab' ich zu den Kindern zärtlich gesprochen und weich, ganz so wie man Vögel streichelt, und sie sind nicht vor mir erschrocken.

Ich habe in einem Brief an Wolfgang geschrieben: Nun stehst du deinem Freunde gegenüber – neu – und zwischen uns hinein hat der Wind des Schicksals geweht. Ich weiß nicht, wie du in der Ferne, im Feld draußen, über alles denken wirst. Ich schreibe dir, meine Liebe ist keine Diebin geworden. Dir und deiner Liebe kann ich jederzeit ins Auge sehen, sei es zum Gruß oder selbst zum Kampf. Meinem Freund und Kriegskameraden halte ich Treue und Anstand. So hab' ich's gehalten. Doch von dem Tag an, wo ich wieder in den Krieg ziehe, wo ich ins Gottesgericht trete, da wird mein Herzschlag den Schlag des Gewissens überklingen und überjubeln.

Stürmer hat Dorothee mit einem seltsam schönen Brief darauf geantwortet.

So schließe ich mein Wunderheft. Und der Wunder Schönstes und der Wunder Letztes bleibst du!

*

301 Wera und Gudrun hatten wieder einmal im Atelier eine Tanzvorstellung gegeben.

Das Maidli kam auch.

Wie Ottomar Gudrun sah, wußte er, daß sie nicht gut von ihm dachte und gesprochen hatte. Der Schatten dieser Stunde fröstelte ihn.

Der Schatten hatte auch das Maidli getroffen.

Scheu staunten sie ihr Leid an, als sie bald miteinander wieder gingen. Sie gingen zwischen den Häusern zu einer alten Kirche, die auf einem kleinen, fast ländlichen Platz stand. In Ottomars Brust saß das Leid und er rang und rang damit.

»Das Leid ist da! Leid soll sein! Denk, du wärst immer glücklich,« sagte er, »würdest du nicht schaudern müssen vor dir und solchem Glück? Wäre es nicht Qual? Und sollte Leid nur sein, um uns die Freude zu zeigen – wir wollen es achten! Leid soll der Grund und der Halt zur Freude sein. Leid soll uns Freude sein!«

Wie er sprach, wurde sein Herz leichter, der kühle Schatten verwehte. Das Wehe vom Leid war fort und es war groß und schön geworden. Die Nacht war gekommen, aber das Kirchtor war offen. Drinnen sperrte ein Eisengitter. Die Schatten der Nacht hingen wie schlafende Gebete am Gewölbe und von innen her dämmerte ein rotes Licht aus der dunklen Stille.

»Gieb mir die Hand. Wollen tapfer tragen, was das Leben bringt.« Sie gingen unter Bäumen, bei der Kirche steht eine Bank.

»›Man muß das Leid gelten lassen, um es zu bezwingen, Leid ist von der Erde und Freude ist Gott wohlgefällig,‹ sagt die Mutter. Wie leicht, wie göttlich leicht eine frohe Seele ist! – Sag's, warum bist du traurig? – Du bist doch oft lustig in der Sonne, im Schnee und sonst, wenn du dich freust! – Oh, bist du ein feines Mädel!«

302 »Warum nicht traurig sein, Ottomar? Wenn man dich nicht gern haben darf! – Solange mich Wolfgang liebt, nicht, wenn er uns auch unser Glück gönnt, er wird ein klein Wörtlein dazu sagen – von seinem Leid; wenn er mir auch den schönen Brief geschrieben hat. Mir wurde es nicht danach.«

»Wenn ich jetzt wieder ins Feld ziehe, wenn ich jetzt falle, dann wirst du den Wolfgang haben, das wünsche ich dir und das verstehe ich, aber wenn er sagt, daß Ottomar in dein Leben treten würde, das wußte ich – und ich wußte, daß es nur für kurze Zeit sein würde, denn Ottomars schönes Glück ist zu leicht und zu durchscheinig, um in der Welt bleiben zu können, wenn Wolfgang so zu dir sprechen wird, dann glaub' ihm nicht. Glaub', daß mein Glück groß war, wie die Welt und der Himmel!«

»Du,« sagte das Maidli, »wie schön wir unser Leid bezwungen haben, ich fühl's wohl noch, aber es ist groß geworden.«

»Ja,« meinte Ottomar, »werd' mich schon durchbohren durchs Leben, aber für sich allein kämpfen ist eigentlich schwer und doch lebt man die Tage hin. Und die Tapferkeit! – Es war nicht immer leicht, im Krieg tapfer zu sein, Tapferkeit ist unsere Reinheit vor Gott.

Aber leicht, aber leicht wie das Morgenlicht könnte es sein, für Liebe ein Held zu werden!«

»Kannst du mir treu sein?« frug Dorothee leise Ottomar.

»Ich weiß ja nicht, wie lieb man jemand haben kann, ich weiß es ja nicht! Ich müßte dich immer haben, dann wüßte ich's. Werde ich offen sein und gerade schauen; dann werde ich immer lieben können.«

Da sprach wieder leise eine staunende Stimme: »So sagte mir Wolfgang auch.«

Darüber erschrak Ottomar.

303 Die Schatten der Dunkelheit haschten um die Kirche und um die Bäume und um die Bank und brachten Ruhe mit sich. Über den Wipfeln am Himmel brannten die Sterne. Beide schwiegen.

Dann sagte Ottomar voll Wärme: »Ich habe Wunder und Sonnenglanz auf meine Jugend gehäuft. Ich habe Welt und Himmel gesehen – und ich habe die Welt noch mehr lieben gelernt durch dich.«

*

Unerwartet, wie das Schicksal gern sich zeigt, kam der Befehl zum Abmarsch ins Feld. 304

 

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