Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Böhlau >

Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel

Maria Strom trägt ihr Leid. Ruthle hat bei Sebald soviel gelernt wie andere im Kriege. Ist ein wenig Freundschaft denn wirklich viel? Dorothee, das Maidli, hat ihre eigene Art, jemandem ihr Vertrauen zu zeigen.

Maria Strom hatte ihr Leid geerntet. – Heinrich war gefallen, und Ottomar lag bei ihr, nach schwerer Krankheit langsam sich erholend.

Der Brief, der ihr die Kunde brachte, daß ihr Sohn nicht mehr war, hatte in ihren Händen gelegen. Sie war damit in irgendeinen Winkel geflüchtet, als könnte sie aus der Welt fliehen, als könnte sie der bösen Wahrheit entfliehen und dem Bewußtsein.

Die Graue, als sie ihre Herrin ganz zusammengebrochen gefunden, hatte Sebald geholt, und der war bei ihr schweigend geblieben. – Und so hatten sie beieinander gesessen, wie die Gestalten von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle, die in den tiefen Mauernischen unter der Decke sitzen und kauern. Sie können das Haupt nicht heben, so lastet das mächtige Gewölbe, das über ihnen sich erhebt, auf ihnen. Keinen Fuß können sie rühren, – kein Aufrichten – kein Strecken. Das Übermächtige um sie her hat sie im kleinsten Raume eingeengt. Sie sind wie in die Mauern gebannt.

Über ihnen aber regt es sich. –Da recken sich Gestalten, da bewegt's sich bedeutungsvoll und groß.

246 Nur hin und wieder eine leise Frage des Freundes, nur hin und wieder einen Griff der Frau nach dem Schicksalsbrief, – ein Blick darauf, – als wär's nicht möglich.

»Ottomar,« nach schwerer, tränenloser Stille, »der weiß noch nichts.« Sebald nickte und schwieg. – Die Zeit verstrich.

»Ottomar ist so bedrückt. Mir ist so bang um ihn.« Da stürzten die ersten Tränen aus Marias Augen.

Sebald erhob sich leise und schritt langsam im Zimmer auf und nieder.

An Ottomars Bett saß Ruthle, das liebe Kind, und hatte ihrem guten Freund Arme voll der duftigsten Erinnerungen ihrer Jugendzeit und Jugendlust gebracht.

»Du hast niemanden und niemanden geschrieben, roter Bub? Nicht mir und nicht an Rombergs, nicht Dorothee und nicht an Sebald. Warum bist du denn so?«

»Draußen, Ruthle, war's zu schön. Möchte dich mit draußen im Feld haben und möchte dir zeigen, wie morgenfroh das Leben ist, wenn man's nimmer sicher hat. – Und jetzt ist alles vorbei! Hier im Bett habe ich mir überlegt, wie schön mir die Jugendzeit war und die Zeit im Feld und wieviel Freunde ich hatte und hab's immer wieder gedacht: wenn die Freunde ältere Menschen werden, und ins Leben treten, dann müssen's andere Menschen werden, und hab' mir gedacht: Du bist krank und matt, du hast keine Lust zu dem großen Schritt ins Leben, ja, warum stirbst du denn nicht, warum stirbst du denn nicht?«

Das gute Ruthle sah, wie arm der alte Freund war, und brachte ihm noch viele Arme voll Freundlichkeiten. Dann strich sie ihm zart über die Hand.

»Wird schon wieder werden, roter Bub, du Ungeduldiger, du! Weißt noch nicht, daß aus Leid Freude kommt.«

247 Da lächelte Ottomar, »bleibst du immer das kleine Mädel, du?«

»Weiß nicht,« sagte Ruthle, »bin nicht so viel gar anders geworden, – bin auch in keinem Krieg gewesen, – nur immer daheim – weißt du, – ich weiß aber, daß der Sebald eine große Seele hat, fast wie der Vater, bin oft bei ihm – du, da kann eins auch wachsen, wenn es bei einem solchen Menschen sein darf und wenn er's nicht wegjagt. – Auch mit seiner Frau ist er so gut. Und weißt du, die ist wirklich so ganz ohne Gott, – mit so wem ist's schwer.

Es ist, als wenn sie an allem, was wächst, mit ganzer Seele hängt. Manchmal denk' ich, sie hat nur ein Herz für das, was wächst. – Du weißt ja, sie macht immer Wickel, – wenn wem was fehlt, dem macht sie einen Wasserwickel – und daran glaubt sie. Das ist das einzige, was sie glaubt. Nie sag' ich's, wenn mir was fehlt, gleich müßt ich in den Wickel, und dich hat sie auch schon hinein tun wollen; aber ich sag' immer, daß sie das nicht darf, und der Sebald läßt sie auch nicht, weißt du, der kennt dich, der weiß, daß man an dir nicht so herum machen darf.

Aber glaub mir, es ist ganz schwer mit ihr. Sie ist selbst auch krank, sehr krank sogar, und immer wickelt sie sich. Ich hätte auch nicht geglaubt, wie arm ein Mensch ohne Gott ist, – so ruhelos. Bald tut sie dies, bald tut sie das. So ganz stetig ist sie nie.

Wir haben doch auch die Natur lieb – und wie! Weißt du noch, roter Bub?«

Da lächelte Ruthle und Ottomar schaute auf sie und lächelte auch.

»Aber,« sagte Ruthle, »Frau Sebald liebt die Natur, wie eine arme Seele liebt, die nichts hat, ich glaube, sie kann auch die Menschen nicht recht lieben, ohne Gott.«

248 »Ja, Ruthle, man liebt den Funken Gott in ihnen, sonst wären sie arme Tiere und Liebe hätte etwas unsagbar Trauriges.«

»In ihm lebt und webt etwas ganz Geistiges, immer Fröhliches, immer Mutiges, was den Tod nicht kennt und sie kennt nur das Leben und den Tod und den Wickel, – um den Tod zu verjagen.« Da lachte Ottomar und das Ruthle lachte auch.

Die Tür tat sich auf und Franz Sebald trat ein, gab Ruthle die Hand und drückte sie Ottomar.

Dann setzte er sich an Ottomars Bett und faßte wieder dessen Hand. Ottomar schaute ihn prüfend an. Es war etwas Fremdes in der Art, wie er ihm die Hand hielt.

»Du willst mir etwas sagen? – Du weißt etwas?« sagte Ottomar gespannt. »Ist etwas mit Heinrich?«

Sebald nickte. »Er ist uns eine Strecke Wegs vorausgegangen,« sagte er ruhig und ernst.

»Gefallen!« rief Ottomar wie aufschluchzend, »weshalb kehrte er nicht heim, und ich durfte draußen bleiben, auch für die Mutter! Was bin ich ihr! Wie wäre sie aufgehoben bei Heinrich, ich mach ihr nichts als Not!«

»Das wirst du nicht.«

»Ach Heinrich, gerade Heinrich, das ist schlimm – was er anfaßte, war erlöst! Wenn solche fallen, steht's um Deutschland schlimm.«

»Nur Mut,« sagte Sebald, »wir wollen dich nicht zu niedrig einschätzen, ich weiß, was die Mutter an Heinrich verloren; aber ich weiß auch, was sie an dir haben wird.«

Ruthle stand zaghaft am Kopfende von Ottomars Bett. Ihr Händchen ruhte bebend auf seinem Kopfkissen, als hielt sie ihren guten Freund selbst. Ihre Augen standen voll Tränen, die zarte Gestalt war wie 249 vom Weh ihrer Freunde gebeugt und mit einemmal schlang ein feines Ärmchen sich um Sebalds Hals, und ein Köpfchen barg sich an seiner Brust, und Ruthle schluchzte. Franz Sebald strich ihr über das Haar und nahm sie und führte sie, und sie gingen miteinander aus Ottomars Zimmer.

Und wie ein Schatten, so leise trat Maria ein und flüchtete sich zu Ottomar. Mutter und Sohn lagen einander in den Armen und waren versunken in den Verlust des geliebten Menschen.

*

In diesen schweren Tagen kam ein Brief von Wolfgang Stürmer.

Du, mein lieber Freund!

Ich bekam ein Zettelchen aus dem Feldlazarett, einer hat Dich schwer krank gesehen. Du hattest nach mir gefragt, und Dorothee schreibt mir, Du seiest der alte Ottomar nicht mehr, Du wärst noch immer krank, so hat sie gehört. Ich aber freue mich Deiner Freundschaft, bin stolz auf sie, ich leb' gern hier draußen, brenne fürs erste auf den Kampf; es ist eine große Selbstbezwingung, ein Kriegsmann zu sein. Du hast mir einst gesagt, daß ich eigentlich ein schroffer Spießbürger habe werden wollen. Da hab' ich mich mit eiserner Energie ans Lebendige gehalten. Und habe gefunden, was ich ersehnte, vielleicht nicht so sehr in mir, als von außen in mich eindringend. Daher wohl die tiefe Freundschaft zu Dir, meine Freundschaft zu Dir bleibt, was sie war.

Und ich kann Dir nichts Besseres tun, in Deiner trüben Zeit des Wartens, als Dir die Liebste schicken, das Maidli, die weichste Stimme, sie soll Dir wohl tun. Sie soll kommen. Sie wohnt jetzt bei Gudrun 250 Romberg, die hat sich nahe bei Euch ein ganz kleines Bauernhöfchen gekauft. Obwohl sie zeitweilig mit Wera in der Stadtwohnung im alten Atelier tanzt.

Ich schrieb Dir einmal: Sie soll Dir ein klein wenig von der Liebe, die mir gehört, geben – und wenn's mich Überwindung kostete, ein wenig Freundschaft ist viel, weißt Du's noch?

Dein Wolfgang.

Wunderlich wie er mich sieht, ganz anders als ich bin – und dies Bild, was er sieht war oft sein Halt. – Arm ist er.

Ottomar war Phantast, hatte aber die Gewohnheit, Eindrücke, die ihn bewegten und Vorkommnisse, über die er Klarheit wollte, sich zu teilen, um sie zu überschauen. Und so sagte er sich und zählte dabei mit den Fingern ab: ich habe etwa dreierlei Freundschaft kennen gelernt: zum ersten die Freundschaft von Gudrun, das war gewaltige Freundschaft, die sich in Feindschaft verkehrte. Dann die Freundschaft von Stürmer. – Er ist warm geworden, Liebe muß eine große Kraft sein. Zum dritten ist da die Freundschaft von Dorothee, die ist liebevoll und geheimnisvoll wie die Gudrun. Ja, sie ist geheimnisvoller, denn ihr Geheimnis ruht in ihrer Liebe zu Wolfgang. Ottomar sprach leis für sich: »Ein wenig Freundschaft ist viel!« Da stutzte er – ein wenig Freundschaft ist viel! – Ein wenig Freundschaft? Was ist ein wenig Freundschaft? – Viel? Er mußte lachen. »Ein wenig ist nie viel. Wo das die beiden wohl aufgetrieben haben? Da steckt der Wolfgang dahinter, der liest immer so viel Bücher und der wird nochmal ein Buch.«

*

Ottomar erwartete Dorothee Garbe, wie man ein Wunder erwartet. Es war nicht Dorothee Garbe, 251 die zu ihm kommen wollte, das Maidli, die Kindheitsgespielin, die Liebste Wolfgangs. – Es war das geheimnisvolle Wesen, das er mit Ruthle vom Wasserstein aus hatte über das Feuer springen sehen.

An seine nächtliche Wunderschau dachte er mit Schauern – und wagte nicht daran zu rühren.

Er schmückte sein Zimmer, ja, er räumte und ordnete jedes Fach und jedes Fächlein, ordnete seine Briefe, seine Bücher – sein ganzes Haben und Sein.

Maria Strom spürte, wie er auflebte und in allem Weh kam ein zarter Freudestrahl über ihr Herz.

Eines Tages sah Maria Dorothee Garbe durch den Garten auf das Haus zugehen. Sie selbst stand vor der Tür und ging dem Mädchen entgegen. Sie hatte es aufwachsen sehen, es war das Maidli, sie hatte von ihr einen Brief erhalten nach Heinrichs Tod, einen guten, lieben Brief von einem jungen Menschenkind, das die Tiefe des Menschenleids nicht ermessen kann. Und sie schaute jetzt in ein paar dunkle Augen, in denen Verschlossenheit lag. Das große, schlanke Mädchen stand vor der schwarz gekleideten Frau, etwas hilflos und fragte, ob sie hinauf zu Ottomar gehen dürfe und wie es ihm gehe. Maria fragte nach Wolfgang Stürmer und Dorothee antwortete auf eine karge Art. »Ganz gut, er schreibt zufrieden.« Maria war diesem Kinde nie näher gekommen und doch wußte sie, daß Dorothee voll Leben sein konnte, voll Reiz und Schönheit, wenn sie mit den Buben und Mädeln im Haus und Garten getobt hatte, schien sie die Lebensprühendste. Vor jedem älteren Menschen aber stand sie verlegen, etwas hölzern. Da führte kein Weg und Steg. Von der Grauen war sie das Bubenmädchen genannt. Es hatte Maria immer geschienen, als gebräche es dem Kinde an eigener Wärme.

252 Ganz in sich und ihr Leben versunken, wandelte Maria dann durch den Garten, vorüber an den herrlichen Malven und Dahlien, an den ersten Herbstrosen, an den beladenen Fruchtbäumen, an allem, was im Laufe der Jahre gediehen und kam an den heiligen Opfertisch, vor der Buchenwand. Die Rosensträucher standen wieder voller Knospen, zur zweiten Blüte bereit. Das Gebirge lag wie ein fernes geisterhaftes Zauberland in zarten Duft gehüllt, der es weit entrückte. Und Maria ließ sich auf einer der breiten Eichenbänke vor dem Opfertisch müde nieder. Alles ist gediehen, dachte sie, über alles Erwarten hinaus. Wie ein Wunder steht der Garten. Als sie im Sturm einst König Davids Liebste aus dem See gerettet und so wieder frohen Herzens geworden war, da hatte Sebald sie gewissermaßen als Hüterin des Gartens eingesetzt. Geheimnisvoll war er gewesen und bewegt.

»Zu unserem Untergang hat er uns geweiht,« schluchzte sie auf. War's nicht damals friedlich und gut, war da nicht alles zu erwarten – und heute! Der Eine vergangen – und der andere müde, schwer sich erholend, traurig, wie aus seiner Bahn geworfen, heimatlos in der Heimat – und alle anderen, die sonst im Garten waren, zerstoben – verweht. Und Sebald selbst, auch er ist gequält. – Er, nein, dachte Maria, seine Frau – krank, friedlos, aber er hat's auch nicht gut und das ganze deutsche Volk in Not, draußen der Tod, im Land Hunger, Kargheit, Trauern und Bangigkeit, wohin man blickt.

Da war es die Stunde, in der Sebald öfters seine Freunde zu besuchen pflegte, und er sah Maria ganz versunken sitzen. Die Arme auf der steinernen Platte und den Kopf auf die Arme gestützt. Sie hörte Schritte, blickte auf und Sebald trat zu ihr und gab ihr die 253 Hand und ließ sich neben ihr nieder; da war's ihr, als ordneten sich die Gedanken, als würde es ruhiger in ihr. Was sie soeben tief bewegte, verzog sich nebelhaft. Und sie sagte: »Ich dachte viel Schweres und daß du uns in unseren Garten damals für alles Unheil eingeweiht hast.«

»So mag's auch sein,« antwortete er, »nur standen wir im tieferen Unheil, denn alles, was uns jetzt trifft, lag schon längst in jener Zeit. Aber auf unsere Gartenweihe lasse ich nichts kommen, nein – und du auch nicht. Keine Seele ging verloren, Heinrich ist gefallen, aber als Todüberwinder; unsere größte Prüfung ist der Tod. Wir wollen erst sehen, wie wir damit zurecht kommen. Und Deutschland, was auch kommen mag! Sturm ist gekommen und das war bei der Windstille das, was not tat. Und wenn ich so alles durchdenke, was uns betrifft: König David fliegt in den Lüften! Ja, was heißt das? – Er ist neu geworden von Kopf bis zu den Füßen, ein unerschrockenes Vogelwesen. Er wird bei der Art seiner Natur Erfahrungen sammeln, für die viele Leben seiner vorigen Art nicht gereicht hätten. Und das Wunderwesen, seine Frau? Das Gotteskind, das geht seinen seligen Weg über alles dahin, was auch kommen mag. Und du? Du wächst mit deinen Kindern in das Leben und in den Tod hinein. Die mütterliche Hälfte der Menschheit ist eine geheimnisvolle Stufe für sich. Das können wir anderen nicht durchschauen. – Da stehen wir ehrfürchtig davor.«

»Sag' mir, mir ist's um Ottomar so angst? Was ist aus meinem frohen Kind geworden? Und« – sagte sie leise, »die Dorothee Garbe ist bei ihm oben, ich kenne sie – und kenne sie nicht.«

Sebald: »Ein seltsames Mädchen, sie ist's sich bewußt, daß all die Herrlichkeit, die aus allen jungen Seelen 254 zu ihr gedrungen ist, oft von ihr selbst geweckt wird, ihre Verschlossenheit ist ein Geheimnis, das alle die Buben damals angelockt hat. Und vielleicht ist sie gar nicht so verschlossen, wie sie uns erscheint. Stürmer ist wie umgewandelt durch sie und trotzdem wird er sie nicht halten können; denn sie liebt die Liebe. Einen Menschen zu erwecken, ist ihre höchste Wonne und das ist ihr Geheimnis, das sie selbst noch nicht kennt. Denn sie ist rein und möchte auch treu sein, so schien es mir, einer Frau wird sie anders erscheinen.«

Ottomar und Dorothee wandelten zur selben Zeit im Garten zwischen den blühenden Gewächsen und der festlichen Herrlichkeit, und auf Ottomars Gesicht lag seit dem Tage, als er noch im Jugendländchen lebte, und seit den Tagen draußen im Feld wieder der frohe Ausdruck, der sonst sein eigen war.

Dorothee freute sich wieder einmal, wie einst, in Frau Marias Garten zu sein, im lieben Haus, in dem sie so viel frohe Stunden mit ihren Kindheitsfreunden verlebt hatten. Sie sprachen von Wolfgang Stürmer, von Heinrich, Dorothee erzählte aus Wolfgangs Briefen.

Und als der Abend warm und weich sich über See und Garten legte, saßen Ottomar und Dorothee miteinander am Steintisch, schauten über den opalfarbenen See ins Dämmerlicht und Ottomar erzählte ihr aus seinen Märchen von der Menschenfalle und auch, wie das Mädchen, an der Quelle der Jahre, den Wanderer so froh und glücklich machte, und er beschrieb es Dorothee, wie es so schlank, so schön und lieblich war und sagte: »sein trotzig gewölbtes Stirnlein schien ein walddunkles Geheimnis zu bergen.« Und als er so sprach, schaute er wie betroffen auf Dorothee, auf ihre schöne, gewölbte Stirn und blickte vor sich hin. Dann nahm er, wie mit einem festen Entschluß, 255 Dorothees Hand und sagte: »Du, ich habe nicht von dir gesprochen, du solltest das Sonnenkind nicht sein, ich hab' das Märchen schon vor langer Zeit mir ausgedacht.«

Da legte das Maidli, das neben ihm auf der Bank faß, das Köpfchen ihm auf die Schulter und sagte freimütig und lachend: »Schau, wie ich dir vertraue.«

Und er spürte, wie sie ihm vertraute und hielt sich stille und wagte kaum zu atmen. 256

 

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.