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Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Gudrun schlägt einen zweiten Nagel ein. Maria Strom macht einen schweren Gang. Ein Bub zieht neugierig aus, die Satteltaschen voll gebrannter Mandeln. Eine Mutter bekommt eine sonderbare Postkarte.

Der Garten lag ausgebreitet in seiner Herbstblütenpracht. – Die leichten Füße, die über seine Wege gesprungen waren, schritten schweren Zielen zu in fremden Ländern. Sorglosigkeit war von unserer Erde vertrieben.

Alles, was geschah, war im tiefsten Grunde nicht in Worte zu fassen.

Die Zeitungen flossen aber über von Worten. – Die Politiker aber schwammen in Wortseen und Wortmeeren – alles brandete von Wortgeräuschen, als wollte es das Ungeheure, das in keine Seele in seiner Furchtbarkeit einzudringen vermochte, übertäuben. Die Leute in Maria Stroms Garten aber waren ganz still, und wenn sie zu sprechen versuchten, waren es eigentlich keine Worte. Es kam alles zu schwer aus dem Herzen, es waren tiefste Herzenserkenntnisse, wie sie, halb träumend, Kinder fühlen mögen, wie sie die ersten Sprachformer wohl haben mußten, deren Seelen sich mit den Dingen verbinden wollten, an ihnen herumtasteten.

Maria wollte nach München, solang Ottomar dort noch war; aber der wollte das nicht. So oft es anging, 220 kam er heraus zu ihr, war müde, gequält, ungeduldig, ins Feld zu kommen.

Maria fragte ihn zaghaft: »Weshalb willst du so heftig hinaus? Es wird ja kommen.«

»Weil's hier unerträglich ist! Das verstehst du nicht! Sei mal in der Kaserne. – Nein, das ist's nicht, fast alle sind schon draußen, und ich bin noch hier.« –

Maria fühlte, als wäre es erst gestern gewesen, daß Ottomar ihr kleiner Bub war; für sie war er noch immer der zarte, liebe Gott im laubgrünen Kleid mit viel feinem Gold, dessen Herz vor Trauer um den Nußhäher zerfloß, der kleine Bub, der das Weh der Welt in seinem kaum erblühten Herzen trug.

Wie ihr die übermenschlichen Kontraste des Lebens die Seele zerrissen! Wunder, Freuden und Hoffnungen – noch gestern. – Die Zeit rann zusammen, – und heute: Wie am Kreuze – dieselben geliebten Wesen, jeder Not überliefert – jeder Marter – und dem Tode.

Ja, sie wünschte ihm, daß auch er bald hinaus käme – sie wünschte seinen Wunsch. Ihre eigenen Wünsche waren ihr erstorben, sie hatte sie nicht überwunden; sie lagen tot in ihrem Herzen.

Heinrich war mit Leib und Seele Soldat, vaterlandsopferbereit, begeistert, traf prächtige Menschen, die viel von ihm hielten. Maria bekam von seinem Hauptmann einen Brief voll Anerkennung über ihn, der war ein Freund seines Vaters gewesen und freute sich am Sohne. Es währte nicht lange, da bekam sie in schlichten Worten von Heinrich die Freudenbotschaft, daß er sich das Eiserne Kreuz verdient habe. Er tat seine Pflicht, machte wenig Worte; aber war von inniger, zarter Liebe für seine Mutter. Seine Heimat, alles Schöne und Gute trat ihm jetzt so recht vor Augen, und 221 er sprach aus, was er empfand. Der Stille fand Worte, die Maria tief innerlich freuten. Er hatte ein wunderliches Geschick, über die Schrecken des Krieges hinwegzugleiten und seine menschlichen und dienstlichen Beziehungen zu seinen Vorgesetzten und Kameraden in den Vordergrund zu stellen. Und es war immer Ursache, von seinen Briefen befriedigt zu sein.

»Weißt du,« sagte Ottomar einmal zu seiner Mutter: »Solche, wie Heinrich, sind die größten Erlöser auf Erden. Weißt du – ich liebe ihn! – Aber ich kann nicht wie er – ich mache dir alles schwer.«

»Schwer,« sagte Maria, als läge Jubel in dem Wort, »sei, wie du bist, schwer gibt's gar nicht.«

*

Mitten in der Kasernenzeit, wenn es irgend anging, trafen sich die jungen Freunde, die noch in den Kasernen steckten, die Freunde vom Baumsegen und die ums Flammenweib gesprungen waren, bei Maria Strom im Garten. Und sangen ihre Lieder zur Laute, waren Kinder, froh wie einst, hatten alle Not und alles Schicksal abgeschüttelt.

Maria sah das lachende junge Volk, das sich ganz dem Augenblicke hingab, sie saßen um den heiligen Tisch, das liebe Ruthle, Wera und Gudrun von Romberg, Ottomar, Walter Frühauf; und immer fand sich Sebald ein, der konnte nicht mit hinaus ins Feld, mußte in seinem Amte bleiben, war unabkömmlich. Es öffneten sich die Herzen, König David kam, wenn er irgend konnte, der war als Flieger eingetreten, und das Schlänglein saß hin und wieder neben Maria, war traumbefangen, ganz aufgelöst in Liebe und Tapferkeit. – Sie kam meist mit ihrem Kindchen, das die schöne Musik hören wollte, einem dreijährigen Dirndl, das in die arme und überlebendige, kleinwinzige Häuslichkeit 222 der verträumten Menschen einen seligen Überschwang gebracht hatte, auch viel Arbeit und Sorge für das zarte Schlänglein; aber es war, als wollten alle Erdenmühen und Lasten an diesem Geschöpf zu lauter reinen Freuden werden.

Wenn man das Schlänglein so sitzen sah in seinem ärmlichen Kleidchen, machte sie auf den ersten Blick einen fast rührenden Eindruck, das Kind auf dem Arm, König David neben ihr in seiner Fliegeruniform – der Abschied, der über den beiden lag – die Lebensnot, gegen die sie kämpften, von Glückszufällen lebend, sparend wie Eichhörner im Winter.

König David verkaufte seine zarte Kunst und kaufte sich nicht mehr Krawatten und ein gebackenes Hühnchen, trug alles zu Nest, und das Schlänglein spielte mit Kind und Kunst, entwarf erstaunliche Dinge, die sie nicht ausführte – auch nicht ausführen konnte; aber ihre in Wachs gegossenen kleinen Wunderwerke hatten doch ihren Weg in die Welt gefunden. König David trug solch ein zartes Gebilde, wunderlicherweise in einem Blecheimerchen, das beide zu diesem Zweck wahrscheinlich außerordentlich geeignet fanden, zu diesem oder jenem Kunsthändler, und kam meist ganz erfüllt heim – irgendwer hatte das Werk gesehen, irgendwer hatte gestaunt, irgendwer hatte Lust, es zu erwerben und der Kunsthändler hatte es behalten.

Ursache zu einem Fest war jedesmal, wenn er mit dem leeren Eimerchen wieder heimkam, oder sonst zu irgendeiner Überschwenglichkeit, auch wenn der Erfolg gar nicht gesichert war.

Sie blieben die Reichen, die Gebenden, wie in ihrer ersten Liebesstunde in der kleinen Scheunenstube. Auch in aller Erdennot, auch in dieser großen Not, die über 223 die Menschen gekommen war – keine Klage, unsägliche Freude, wenn sie einander nah sein konnten.

»Es ist nicht anders,« sagten sie wie Heinrich, »als es sonst auch gewesen, der Tod ist unser Ziel, das Leben ist ein ungewisses Geschenk. Gott ist uns nah, ist unsere eigentliche Lebenskraft. Es ist so, wie es war und ewig hier auf Erden sein wird.«

Ganz entfernt waren sie von dem, was Lebensdumpfheit, Gewohnheit, Stumpfheit aus uns machen, und was wir Philistertum nennen.

Frau Sebald kam auch an den heiligen Tisch; so lobte sie sich den Altar, so hatte er einen Sinn, in schweren Zeiten frohe Leut' zu versammeln.

Es war strahlender Spätherbst, und abends fuhren die Schicksalsträger im Herbstnebel müde zurück in ihre Kasernen, und Gudrun und Wera von Romberg in ihr nichtbehagliches Heim, in dem Unruhe wohnte. Die geschiedene Mutter kam mit ihren Lebensgestaltungen nie so recht ins reine.

Während einer solchen abendlichen Fahrt im überfüllten Kupee saß Gudrun Ottomar gegenüber, und Ottomar dachte an die Wasserfahrt mit Gudrun – er sah sie im Boot vor sich sitzen, aufgelöst in Wonne, nach heiliger, fester Freundschaft verlangend, nach seiner Freundschaft, nicht nach kindischer Liebe. Auch daß sie keine Liebe kannte und wollte, zeigte sie ihm jetzt seltsam groß, stolz, gerade, voll Feuer mit ihrer Freude an der Natur, am Gesang, an den Tieren – und so vielversprechend. Die Naturgewalt, die in ihr schlummert, ihr gerades Gesicht, ihr geheimnisvoller Tanz. Wie gefiel sich ihre Stimme in den tiefen Tönen, alles sah Ottomar wieder, wie sie so ihm gegenübersaß im dämmerigen Wagen, der kümmerlich von einer Lampe erhellt war.

224 Er wußte nicht, wie tief das Mädchen von Kindheit an nach seiner Freundschaft Verlangen getragen hatte – er ahnte nicht, was er dem stolzen, einsamen Geschöpf hätte sein können, er war, wie Heinrich von ihm sagte, an ihr vorübergeglitten im Jugendtraum. Er ahnte auch nicht, welchen Groll sie gegen ihn hegte, wie er sie verwundet hatte, er ahnte ihre jugendstarke Feindschaft nicht. Sie hatte sich zu ihm gehörig gefühlt, und er hatte sie derb zurückgestoßen, hatte ihren Stolz aufs äußerste gedankenlos verwundet. Jetzt war er von ihr bewegt, – ja, und er sah sie jetzt. Sie drang endlich in ihn ein, in sein Bewußtsein – und er fühlte ein wunderliches Weh.

Und mit offenem Blick und der Ruhe und Festigkeit des Jünglings, der ins Feld zieht, beugte er sich zu ihr und fragte: »Gudrun, ich gehe nun in den Krieg, wollen wir die Feindschaft und Kälte zwischen uns lassen? Mir ist mein Herz so weit, ich hab' mich zu dir hingefunden. Gib mir die Hand!«

Und sie gab keine Hand! Doch wurde sie bleich, und sie schien mit Schmerz zu sprechen: »Nein, Ottomar, gebrochen will gebrochen bleiben. – Ich wollte einst deine Freundschaft, und du warst sie nicht wert und du bist Freundschaft nicht wert. Wenn du wüßtest, was in mir für Leid gewurzelt ist. Es ist traurig um mich; aber ehrlich bin ich doch geblieben!«

»Gudrun, dann leb wohl!« Ottomar sah ihr ins Auge. »Aber dies, dein Gesicht werde ich nie und nimmer vergessen können. Du wünschst mir nichts Gutes.«

»Und wenn es so wäre, so weißt du's nun. – Doch mag's mein eigener Wille gar nicht sein.«

Da war jedes Wort ein Stich oder Schlag, und Ottomar war's zumute, als habe ihm das Mädchen langsam einen kalten Nagel in die Brust gedrückt.

*

225 An einem winterlichen Frühlingsabend saß Ottomar bei seiner Mutter – wortkarg – verstimmt. Er durfte den Sonntag im stillen Haus zubringen, er durfte daheim schlafen. Schwer drückte die Stunde auf Mutter und Sohn, Dunkelheit lag über dem großen See – und die nächtliche Stille, kein Laut, kein Wind – eisige dunkle Nebel.

»Willst du etwas für mich tun?« fragte Ottomar kurz.

»Ja,« sagte Maria Strom.

»Dann tu's. – Geh zu meinem Obersten und bitt ihn, daß er mich jetzt mit hinausnimmt, es kommen wieder welche fort. Mein Wachtmeister hält mich zurück, es kann nicht anders sein, der ist's, der mich zurückhält. Wenn du kannst – tu's.«

»Ja, ich tu's.«

»Aber tu's nicht aus Zwang.«

Ottomar stand am Ofen, und Maria saß am Tisch unter der brennenden Lampe. Sie sah ihn kaum im Schatten. Seine Stimme hörte sie, als wäre nur diese Stimme im Zimmer.

»Tu's,« sagte die Stimme, »aus gar keinem Grund – auch nicht aus Liebe – aus Freude an Gottergebenheit, tu's – tu's einfach. – Ganz frei. Dann tust du mir auch nicht leid. Dann sei froh.«

Maria sagte: »Ich tu's.« – Und sie sprachen nicht weiter darüber. Über Ottomars Gesicht aber lag ein Lächeln, als er in den Lichtkreis trat, und über Marias Gesicht lag es ebenso.

Und Ottomar gab seiner Mutter einen Zettel in die Hand, machte seine Schnute und sagte: »Da lies!« Und Maria las:

Die Diener der Welt sind: Fester Charakter, Selbstzucht, Bestand, Unbarmherzigkeit dem Unrecht gegenüber, Weltgewandtheit, stete Treue sich selbst, größte Tapferkeit, Rücksichtslosigkeit, Durchsetzen, Tatkraft.

226 Aber die Diener der Welt fesseln dich der Welt und lassen dich Gott vergessen. Du wirst aber viel Erfolg haben. Doch der Weg, den du, Charaktervoller, auf Erden gehst, der Weg ist gerade.

Schlechte Führer durch die Welt sind: Der Taumel vom Ja zum Nein, der Taumel vom Ich zum Du, vom Freund zum Feind, die Verzeihung fürs Böse, die Grenzenlosigkeit, Weltungewandtheit, die Treulosigkeit seiner selbst, Barmherzigkeit dem Unrecht gegenüber, Unbeständigkeit, Taumel vom Mut zur Feigheit, Mangel an Durchsetzungskraft und Tatkraft.

Aber die schlechten Führer durch die Welt lassen dich die Welt leichter vergessen. Sie kann dich nicht fesseln, da du nicht viel Erfolg haben wirst.

Der den geraden Weg geht und sich weltgewandt und charaktervoll zeigt, verliert sich an die Welt.

Der den Taumelweg in der Welt geht und sich weltungewandt zeigt und sich charakterlos zeigt, verirrt und verliert sich nicht in der Welt.

Im Taumelweg durch die Welt ist der stärkste Stand und Bestand gegründet: der Stand zu Gott.

Und der Taumel ist nur Kleinschätzung der Welt und ist die Überallesschätzung Gottes.

Ist der Erdenweg gerade,
Ist der Weg zu Gott verloren;
Taumelst du in blinder Treue,
Ist der Weg zu Gott erkoren.

»Ich schrieb's dir auf in der Bahn,« sagte Ottomar kurz, »so als ein Trost für dich – so wegen meiner.«

Maria hätte ihn gern an sich gezogen; aber eine Scheu hielt sie zurück. Und sie sprachen über das, was er geschrieben – und Maria verstand ihn so ganz. Da 227 lächelte er wieder wie ein gutes Kind, das schwer leidet und dem eine Pause im Leid eintritt.

*

Und Maria ging zu Ottomars Oberst wie im Traum und bat ihn, ihren Sohn mit hinauszuschicken.

Der Mann betrachtete sie verwundert.

Nicht sogleich antwortete er.

»Er ist sehr jung,« sagte der Oberst, »ich war nicht dafür, daß man gleich anfangs die Jüngsten hinausgeschickt hat – und was wir erlebten – hat mir recht gegeben. – Und Sie wollen, daß Ihr Sohn jetzt mit hinauskommt?«

Der Mann schaute auf die Frau, die vor ihm saß, die auch kein Wort mehr zu finden schien.

»Er wünscht es sehr,« sagte sie endlich leise.

»Nun – dann – wenn er es so sehr wünscht, dann kommt er jetzt mit hinaus – aber – dann kommt er auch hinaus.« Der Oberst blickte auf die Mutter, als sollte die ihm ins Wort fallen und rufen: Nein, nein, halten Sie ihn zurück!

Aber die Mutter blieb still, der Mann wartete noch ein paar Augenblicke, reichte ihr dann sehr ernst die Hand und sie ging.

Sie ging – und wußte nichts von sich – nur, daß sie getan hatte, was sie konnte.

Und sie ging in das Haus in der strengen Straße – in das alte Heim, in dem sie ihre Kinder geboren, in dem sie alle Seligkeiten der Erde erlebt – und ihren Mann verloren hatte. Hier auf einer Treppenstufe blieb sie stehen und betete um Gottes Hilfe.

Was sie getan, hatte sie getan, aber es stand vor ihr als etwas Ungeheuerliches, Unnatürliches.

Aber da hält sie sich an Ottomars Worte: »Tu's nicht aus Liebe, einfach aus Ergebenheit.« Und so konnte sie das, was sie getan, demütig Gott hinreichen, 228 daß er darauf blicken sollte. Und legte Gott ihre Kinder ans Herz und konnte sich gar nicht von der öden Treppe trennen, als wäre das der höchste Gnadenort.

Darauf fuhr sie in Ottomars Kaserne und ließ sich von einem Wachhabenden ihren Sohn rufen, stand wartend in der wie aus Felsstein gebauten, grob gepflasterten Vorhalle mit den schweren Torflügeln, den rauhen, abgetretenen Treppen, und alles dröhnte in dem Riesenhaus und rasselte und wuchtete, war schroff und eisern.

Da kam Ottomar die von vielen derben Schritten immer dröhnende Treppe zwischen anderen herab und eilte auf seine Mutter zu. »Übermorgen,« sagte er fest und ruhig und seine Augen hatten einen freien festen Blick.

»Du warst wohl beim Oberst?«

»Ich komme von ihm.«

Da bekam sie einen Händedruck, so treu und gut und voll Dank und kein Wort. Und ihr Herz wurde ganz ruhig.

Maria und Ottomar wohnten die letzten Tage in einem Münchener Hotel, und es war wie zur Weihnachtszeit, Maria brachte alles Erdenkliche zusammen, und Ottomar war voll Dank und Freude. Alles war recht, er fühlte sich wundervoll versorgt. Und war so ganz der frohe, rote Bub wieder, der vom Baum gesegnete. Ganz beglückte es ihn, daß seine Satteltaschen voll gebrannter Mandeln steckten, voll Schokolade und Konfekt. »Gesteckt voll!« rief er. Es erinnerte ihn an das Gefühl, das er als kleiner Kerl hatte, als die schweren Konfettisäcke ihn an die Schenkel schlugen und er daran den ganzen großen Reichtum fühlen und ermessen konnte.

Wie er bei jenem Fest, an dem sein Leben aufblühte, das Ruthle beim Springen durch die Feuerflamme 229 hob und hielt, daß es mit ihm den Rhythmus seines Sprunges halten konnte, so hielt und trug er, ohne es zu wissen, die arme Seele seiner Mutter über die Flammen des Abschieds.

Sie durfte ihn begleiten, sie durfte alles mit erleben, er wußte für sie geheime Wege und Möglichkeiten zu finden. Sie sah ihn, wie er im Kasernenhof stand unter den anderen Kanonieren, jeder zwei unruhige Pferde am Halfter. Sie durfte ihm helfen, die beiden Satteltaschen mit gebrannten Mandeln zu halten, als die Pferde sich bäumten und er alle Kräfte brauchte.

Sie durfte als einzige sehen, wie auf einem Nebengleis die Pferde und die Kanoniere verladen wurden, und sie sah ihren Jungen in seinem Viehwagen, sah ihn zwischen den sechs schnaubenden Pferdeköpfen, zwischen den Kameraden, es war auch der Wandervogel, Walter Frühauf, dabei. Ottomar im Überschwang der Freude kam verschiedene Male aus seiner geheimnisvollen Welt und sprach ein paar ruhige Worte mit der Mutter.

»Zu denen, Mutterle, hinter der Barriere, die nicht an den Zug dürfen, gehst du aber nicht. Du gehst heim.« Maria versprach's – ein Händedruck. –

»Und nun geh, nun geh.«

Und sie ging.

Daheim aber wurde sie empfangen von König Davids lieber Frau, die stand da wie ein zarter Engel, wußte alles, trug alles mit im eigenen Herzen, war selbst Schicksalsträgerin. Jede Stunde konnten sie getrennt werden, die beiden Getreuen.

Es war ein erster Frühlingstag, der Garten pulsierte von kommendem Leben. Frühlingsklänge, Starenpfeifen.

Die Graue brachte den beiden Frauen den Tee und bat Maria voll Gutmütigkeit, doch etwas zu essen und zu trinken.

230 »Eine scheußliche Zeit,« brummte die Graue – »eine ganz scheußliche Zeit! –«

Da sah Maria die Alte, als stecke diese in einem Sumpf, einem dunklen klebrigen Sumpf, der sie ganz fest hielt, ganz in sich aufsaugte.

»Eine scheußliche Zeit« – hörte Maria es nachklingen, wie ein Gespensterwort, ekelhaft zitterig. – Und sie sah ihres Kindes lebendigen, frohen Blick, so als wäre alle Erdenlast von ihm abgefallen.

Ihrem Herzen war's, als sollte es zerspringen, soviel Unnennbares wollte hinein und sich darin ausbreiten.

In diesen Tagen erhielt Maria eine Karte von Ottomar und las unter heißen Tränen:

Es scheint sich zu verlohnen!

Mit Gruß, noch auf der Fahrt.

Ottomar aber schrieb in seinem Viehwagen im Stroh, von den Pferden beschnuppert, im dröhnenden Rütteln der Fahrt, glückselig, voller lebendiger Neugier und junger Freude. Er wollte sich selbst packen und halten im Strudel, der ihn mit sich riß.

Mein Kriegs-Ruck im Frühling:

Aus monatelangem dumpfen Hoffen und aus zeitloser Eintönigkeit riß mich die sonnige Wirklichkeit! Die Bahnsperre kämpft herzlos mit dem traurig wogenden Schwall der Eltern, der Brüder und Mädel. All die schwarzen und hellen Augen, die trüben und die lichten suchen unseren Zug ab – Kriegsfreiwillige! – Bang schlagen die Herzen die Scheidestunde.

Doch leuchtet kein Erkennen auf in den Augen der Suchenden, denn die Weite hat uns vereint zur Masse, zur Kriegerschar. Und die Bahnsperre meinte es gut mit uns. Was sollte die traurige Welle uns bespülen? Wußten denn die von unserem Glück, von unserem heiligen, gedankenlosen Glück? – Seufzend wäre sie 231 nur verzischt an der Glut, die um uns ist. Ruhe und Zufriedenheit und ein weites, weites Dehnen in der Brust.

Der Militärzug rollt an, und wir schauen uns durch die breite Viehwagentür die Militärkapelle an, wie die dicken, feldgrauen Münchener hier in Reih und Glied mit gedankenlosen, gut umpolsterten Augen uns mit fetten Backen und wässerigen Mäulern die üblichen Abschiedsschallwellen nachsenden.

Es sind die breiten, matten Tage des Kasernenlebens verwischt. – Ich empfinde wieder die Stunden, die Minuten und das Allerherrlichste, das uns das Leben geben kann, die Augenblicke.

Wir fahren durch das Land, für das wir kämpfen wollen, und noch dazu im jungen Frühjahr! Erst waren es Bayernherzen, die uns zujubelten und uns Mut und Wut gaben, dann schwäbische.

Ein wildes Zigeunerleben in unserem Wagen. Vorne drei Pferde, hinten drei. Die sechs Köpfe der Mitte zu. In der Mitte Heu, ein Hafersack, Tornister, Waffen, Feldflaschen und feldgraue Röcke schaukeln, wo irgend Gelegenheit zum Aufhängen war, von der Decke. Auf dem Heu aber liegen vier Mann voller Freude, und Walter Frühauf ist dabei. Welch frohe Fügung! Der liebe Walter Frühauf. Und wir jubeln und schlafen und essen und rauchen und schauen zur Tür hinaus auf Land und Leute und sehen einen Bauern, einen weißhaarigen Mann, säen in der Sonne, und es ballen sich mir die Fäuste und bebend sage ich: »Du sollst säen und ernten können, alter Mann!« Zum erstenmal Pathos in meinem Leben; aber es scheint der Krieg sein Genosse zu sein. Sonst war er mir verhaßt im Leben und im Theater.

Nachts haben die Pferde geschlagen, daß wir fürchteten die Wände brächen aus; wenn ein Pferd wiehert, gibt's 232 immer einen Gießbach. Wenn sie scharren und einem das Heu unterm Leib vorholen, ist's im Dunkeln unheimlich.

Im Neckartal wachen wir auf. Über Nacht ist uns der Frühling erblüht in rheinischer Pracht. Sonne scheint ins wogende Blütenmeer, das wirft seinen leuchtenden Gischt jubelnd himmelwärts – wir aber fahren zur Schlacht, durch diesen endlosen Frieden! Die Rheinhüter, die Burgen, ragen wie Felsen von hartem Urgestein.

Von einer winkligen Burg grüßt, aus einem schmalen Turmfenster, ein Mädchen, ein schneeweißes Mädchen, weit vorgelegt, und winkt mit beiden Armen.

Am Abend, dicht vor der belgischen Grenze, tritt aus seinem moosigen Häuschen, das traulich mit seinen lampenroten Fenstern im Abendsonnenschein über die weite Heide sieht, ein alter Mann heraus. Ein Tannenbaum steht beim Haus, als ein Wächter. Und der alte, gebückte Mann hebt segnend beide Hände im Abendschein und segnet und segnet den brausenden Zug. Keiner von uns wagte zu winken. Es hielt uns heiliger Schauer die Hände.

Nachts an Lüttich vorbei, tags durch das zerschossene und abgebrannte Belgierland.

Kein Winken mehr – Feindesland! Nur kalte, traurige Blicke. An den Massengräbern geht's vorbei und daneben pflügt ganz allein ein Belgier und schafft neues Gedeihen.

Über dem zerschossenen Löwen gleitet ein Zeppelin der Front zu. Und über dem Land, durch das wir fahren, über den zerborstenen, verkohlten Häusern, über den zerfleischten, wunden Bäumen, den gesprengten Brücken, den verseuchten Brunnen, der zerwühlten Erde, den blutgetränkten Bächen, über den Einwohnern, die in der Nacht mit dunklen, scheuen Rehaugen zum Zug 233 aufblicken und nach Brot rufen, über all dem hebt sich riesenhaft und schaurig als große Scheibe, der Mond. Er lächelt über uns Menschen.

Doch hat der Frühling sich erbarmungsvoll der Menschheit angenommen und erwärmt sie durch seine unfaßbare Kunst.

Ottomar und Walter Frühauf und noch zwei muntere Gesellen kamen fürs erste zur Staffel einer Haubitzenbatterie. Die Ferme, in der die Staffel lag, war überfüllt, und so wurde ein kleines sauberes Häuschen, ein Pavillon mitten in einem mächtigen Schloßpark, ihr Quartier. Dort lebten die vier Gesellen ein sorgenfreies Frühlingsleben. Zu tun hatten sie nichts, außer ein wenig Landarbeit. Bald wurden sie traulich mit der Familie des winzigen Parkhäuschens, die hießen du Moulin, und alle Abende saßen sie im Stübchen bei der lustigen Mutter du Moulin und den beiden nachtäugigen Mädchen. 234

 

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