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Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Der dritte Tag, die dritte Nacht. Das ist der beste Wunsch. Nochmals kommt Ruthles Schürzle vor.

Dorothee Garbe ging als die letzte und blieb zurück. Ihr schönes Haar war noch offen. Die Sonnenkugel stieg höher am Himmel, und wenn Dorothee aufsah zu dem junggrünen Blätterdach und sich über die durchscheinigen Blätterherzen freute, dann trafen sie jedesmal von der Sonne her goldene Lichtstrahlen in die Augen. Sie war schön, im grünen Kleid, im grünen Wald, und über ihr wie über dem Wald lag der Sonnenmorgen, froh und munter.

Als sie nahe beim Zelt war, trat Wolfgang Stürmer auf sie zu: »Guten Morgen, du!«

Dorothee erschrak nicht. Es war recht so, es war selbstverständlich, sie wußte, daß sie ihn treffen würde.

Das Sonnengold wurde schön und schöner. Zuletzt so schön und lebendig, daß die beiden im Morgenlichte wie taumelten. Und wo die Sonne hinschien, da glühte es, da brannte es! Flammen am Morgen! So gingen sie lange durch grünen Wald.

Weil's aber im Schatten doch kühl war, krochen sie beide ins Zelt zum Ottomar. Es war heimlich und häuslich im warmen Zelt mitten im Wald, und Dorothee war liebevoll und freundlich zu Ottomar. So lustig die drei plauderten und so traut sie beisammen saßen, so waren Dorothee und auch Wolfgang nur Gäste im 202 Zelt, Gäste in Ottomars Zelt. Einmal schien es Ottomar, als seien zwei betaute Blumen zu ihm hereingebrochen, einmal war es ihm wieder, als seien es Fremde aus dem Lande der Verträumten oder Gäste aus dem weiten Reich der Liebe und der Liebenden. Und da war dann er plötzlich ein Fremder unter seinen Gästen.

Der dritte Festtag war ausgefüllt mit Sonne und Müdigkeit und gerade dadurch war es der reichste Tag; denn welcher Reichtum schlummert in der Müdigkeit! Bist du richtig, richtig müde, ja dann reift es und wächst es in dir. Dann erst träumt deine Seele, träumt und wächst sich dabei groß. Denn wenn die Seele einen freien, offenen Atem haben soll, wenn sie träumen will und Wunder schaffen will, dann muß eben der Körper müde sein. – Und ist seine Müdigkeit versunken groß, dann freut sich die Seele, weil sie nun Gewalt bekommt.

Und am dritten Tag war die Müdigkeit versunken groß – bei Buben wie bei Mädeln.

Und als die Mädchen den ganzen Tag lang in der Sonne lagen und schliefen, da wandelten sich all die kleinen Freudenfunken, die ohne ihr Wissen in letzter Zeit in sie gesprungen waren, in lauter kleine Flämmchen. Und jedes Mädchen entbrannte da in lauter kleinen Flämmchen. Wären sie aber nicht so herrlich müd geworden, dann wären es auch nur unscheinbare, unbekannte Fünklein geblieben. Und solche Freudefunken können sein: Ein froher Blick, den sie beim Tanz erhascht, oder gar ein Küßlein, ein kleiner Händedruck, oder sie hörten ein kleines Wellchen lachen im Fluß oder ein freundliches Wort, oder sie haben beim Springen ums Feuer eine so schöne Bewegung gemacht, so schön, daß sie nie und gar nimmer vergessen konnten. – So flackerten die Flämmlein bei den Mädeln.

203 Und als die Buben den ganzen Tag lang in der Sonne lagen und schliefen, da fühlten sie erst die kleinen Freudenblitze, die in der letzten Zeit bei ihnen, ohne ihr Wissen, eingeschlagen hatten. Und jetzt erst zündeten die Blitze und gaben viele kleine Flammen. Und die Buben erbrannten in vielen kleinen Flämmchen und lagen in der Sonne. Und solche Flammenblitze können sein: Ein froher Händedruck, den sie gegeben, oder ein frohes Wort, das sie gesprochen hatten, gar ein unerwartetes mutiges Küßlein, das sie sich erlaubten, oder es war eine kleine Rauferei, und sie waren Sieger geblieben, oder es hatte einer einen Stein so hoch geworfen, daß man ihn nimmer gesehen hat, oder es war einer selbst so hoch übers Feuer gesprungen, daß die anderen alle staunten, oder es hatte einer an einem wilden, wilden Mädchen eine Bewegung gesehen, so schön, daß er sie nie und gar nimmer vergessen konnte. – So zuckten die Blitze bei den Buben – Müdigkeit, Sonne und Sonne. –

Ein Sonnenbrand hat seine seltenen Reize. Wenn du ganz glühst, in leiser, leichter roter Glut, dann bist du ein Sonnenkind geworden. Und wenn es dann ein kühler Abend wird und du in deinem leichten Kleid vom Wind gestreift wirst, weil du eigene Wärme strahlst und weil du rund, rund an dir die Sonnenspuren fühlst! Aber hast du schon, wenn du gebräunt von der lieben Sonne warst, in den Spiegel gesehen, hast du da nicht bemerkt, wie anders, wie neu dir's in deinen Augen leuchtet?

»Komm mit mir!« so rief am Nachmittag Ruthle Ottomar zu sich. »Roter Bub, ich will dir etwas zeigen.«

Und machte dabei ein geheimnisvolles, verheißungsvolles Gesichtelchen und führte ihn fort. Und der rote Bub trottelte neben ihr her, folgsam und freundlich. Sie führte ihn zu einer kleinen, buschigen Tanne, und 204 vor der kleinen Buschigen lag ein Schürzchen ausgebreitet, und es war ihr Schürzchen. Und auf dem Schürzchen lagen allerhand Dinge.

»Ich wünsche dir Glück!« so rief sie und gab ihm ihr Mondhändlein. Und auf dem säuberlichen Schürzchen lagen: Erstens ein winziger Strauß von blauen Blumen. Zweitens ein Päckchen Lebkuchen, drittens brannte da eine kleine, rote Kerze, viertens hingen von einem Zweiglein zwei Gitarrebänder aufs Schürzlein nieder. Das eine davon war veilchenblau und mit roter Seide stand darauf: »Mein lustiger roter Bub!« Das andere mit einem Ausrufezeichen aus Gold gestickt und die Worte: »Ein wenig Freundschaft ist viel. Dorothee.« Und als Letztes lag ein großer Bogen Papier im Schürzlein, ein Glückwunsch von Wolfgang Stürmer.

Es war dies säuberliche Schürzlein mit den Geschenken und dem neugierigen Tännchen dabei sicherlich ein ganz winzig kleines Stückchen vom Tannensegen und vom Tannenglück der alten Buche am Tanzplatz. 205

 

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