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Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Das dreitägige Fest beginnt. Der Baumsegen. Die Flammenfrau. Dorothee springt durchs Feuer. Ruthle bekommt am Wasserstein ihren Baumsegen.

Der braune Maikäfer schwirrt abends auf die Lampe zu. Ein Licht lockt die unscheinbaren lautlosen Nachtschmetterlinge von allen Seiten. Ein nächtliches Feuer umschleichen die Waldtiere und arme Vögel prallen gegen eine glänzende Scheibe. So lockt auch der Sonnwendpatz an der Isar die jungen Menschen. Da führt Heinrich welche isaraufwärts das Tal entlang. Ein andere Horde lagert schon seit letztem Abend dort und hat das Gras am Festplatz gemäht, und Dorothee Garbe rückt unter einer singenden Mädchenschar vom Ammersee heran. Der Festplatz war ein glatter runder Wiesenhügel dicht am Fluß. Um diese Wiese standen uralte Buchenstämme und trugen das lichtgrüne Blätterdach wie graue Riesen, die ein luftiges Gewölbe stützen. Der mächtige Wald beherrschte weitum das Land. Wie auch die Uferhänge. Er hat sich so eine große Schweigsamkeit erzwungen; nur sein eigenes Rauschen und die Sprache des Flusses ließ er gelten.

Von allen Seiten kamen neue frohe Menschen, neue fröhliche Gesichter, neue junge Herzen gezogen. Bald waren es vier, bald kam ein Bub oder ein Mädel ganz allein angegangen bald tauchten an die Zwanzig auf.

171 Gar manches blaue Räuchlein schlängelte in die Höhe und suchte seinen Weg durch die Blätterherzen. Gar manches Rüchlein kam gezogen, wie Butterduft, Knödeldampf, gar manches Mägdlein hat da gelacht und mancher frohe Sang hat im Waldgewölbe geklungen. Hier wurde ein Gericht verkostet, dort gab's ein neues Lied, da erzählte einer und dort wieder schliefen sie im Schatten.

Da kam der Ochsenwagen mit den Brettern! Ei, wie wurde nun geschafft. Wie sausten die blinkenden Beile und die Nägel schwirrten zu Hunderten ins Holz. – Es wird der Tanzboden! Und mitten im Tanzboden steht der älteste Buchenbaum vom Wald und wölbt sein Dach. Der Baum ist nicht erschrocken ob des wilden Getriebes, er war es im letzten, im vorletzten und in manch anderem der vergangenen Jahre, um den die wilden Burschen und zopfigen Mädels sich drehten und wirbelten. Er weiß, nur der fröhlichste, reinste Menschenjubel wird's werden, und auf die bunten Lichter, die dann am Abend in seine Zweige kommen, da freut er sich wie ein großes Kind, der alte Baum. Und gar dies Jahr hat er sich vorgenommen, so ganz im stillen, ohne daß sie es merken, die ganze Schar in ihrem wildesten Tollen mit seinen Ästen und Blättern zu segnen und allen, allen ein saftiges, ein sonniges, ein freudiges Glück zu wünschen, wie er es kennt; ein Baumglück. So wollte er sie segnen alle miteinander.

Wenn die Buben eine Bank oder Geländer gezimmert hatten aus kantigem Holz und Gebälk, so kamen die Mädchen und umwanden es mit Blumenkränzen. Schon am Vorabend hatten die Buben das Brennholz zusammengeflößt. Ein Feuer hatten sie auch schon gemacht. Weil's heute so warm war, konnte man die kleineren gar nimmer aus dem Wasser bringen. Da 172 schaukelte ein glatter, sonnengeblichener Balken in den Wellen, den zogen sie sich immer von neuem flußaufwärts und ritten dann zu zehn und noch mehr darauf hinunter so lange, bis er sich drehte und die Reiter abwarf. Dann gab's den Wasserwettlauf.

»Nichts Herrlicheres kann ich mir denken als Stunden und Stunden auf dem Wasser. So wie ihr es heut' gemacht habt,« sagte Heinrich zu Ottomar und Gudrun. »Wenn ich früher traurig war, bin ich ans Wasser gegangen. Das Wasser ist in der Welt eine große Macht. Das Meer ist die Ruhe. Horcht einmal, was ich mir damals ausgedacht habe: Das mächtige Meer sendet mit den Winden seine Wolken, die kommen an die Berge – da sprudelt dann ein neugeborenes Quellchen, geht ins grüne Leben hinaus, wächst und wächst und erlebt und lernt und trifft seinesgleichen. Und wenn's ein mächtiger Fluß geworden ist, so wie unsere Isar, dann tobt es und rauscht und hat einen starken Willen und duldet nicht Rast und Widerstand und wächst und wächst, läßt Schiffer in seinem Wirbel ertrinken, reißt armen Menschen ihr Land fort, baut wieder Land auf und wirkt und schafft. – Dann kommt über einen Fluß das große Ahnen und der Wille: Es geht dem Meere zu. Das Meer ist Gott! Und das Sterben ist das Münden ins Meer.«

Da meinte das Mädchen: »Das Meer ist nicht das Bild Gottes! So schön das auch klingt, das Meer ist das Meer und ist das Bild von sich selbst.«

»Wie es jeder nüchterne und schlechte Mensch ist,« ergänzte Ottomar. Er war immer stolz, wenn sein Bruder sprach: denn er kannte ihn. Und diesmal ahnte er gleich, was und welches Bild Heinrich so ergriffen hatte. – Das Flußwasser, der sehnende Gedanke: zurück zu Gott. – Aber ein ganz neues, großes 173 Glücksgefühl klang ihm diesmal bei Heinrichs Worten in der Brust auf: All die brausende Freude, die Gudrun heute mit mir erlebt hat, all die Sonnenglut und Wasserlust, und nun spricht Heinrich, er spricht mir ganz aus dem Herzen, da wird ihre Seele erwachen. Wie schön der Bruder hier hilft und weiß es nicht.

Doch dann wurde er bleich und seine Augen sahen so suchend hilflos und verlassen aus. –

Plötzlich aus heiterem Himmel brauste ein Wind daher, ein wilder, ein nicht geladener Gesell! Er bringt eine dunkle schwere Wolke, und die wächst und breitet sich in wenigen Minuten aus. Es wankt der ganze Wald, und die Buchen, wie sie im Sturm die hellere Unterseite der Blätter zeigen, schlagen sich einen Silbermantel um die Schultern. Die ersten Blitze zucken auf und ein einziger Donnerschlag ertönt, der will aber fast nicht enden. – Schnell, wie er kam, verschwand der wilde Wind. Seine finstere weite Wolke nahm er mit sich fort. Schwere, warme Tropfen waren gefallen. Das Menschenvölklein war zum alten Baum gekommen. Dort saßen sie, kauerten sie und lagen beisammen wie eine mollige Hasenfamilie. Ottomar fing an und alle stimmten ein in das alte Lied:

Es geht eine dunkle Wolke herein;
Mich deucht, es wird ein Regen sein,
Ein Regen aus den Wolken,
Wohl in das grüne Gras.
Und kommst du liebe Sonn' nit bald,
So weset alles in dem Wald,
Und all die müden Blumen,
Die haben müden Tod.

Da, als es wieder hell wurde, rief eins aus der molligen Familie, es war Walter Frühauf: »Fein haben wir 174 es gemacht, wir haben das Gewitter fortgesungen. – Der lange Donner war wohl ein Gruß vom alten Wotan für unsere Sonnenwende.«

Ja, der Donnerschlag hatte nur gut getan, frisch war's geworden, munter frisch, und Blumen, Wiesen und Blätter dufteten und strahlten, ein jedes seine eigene Herrlichkeit in seiner Art. Und dem alten Buchenbaum hat's wohl getan, er hat sich gefreut. Wie gern hätte er sich geneigt und hätte die weichen, duftigen Menschenkinder gestreichelt mit seinem Laub. Er hat tief, tief geatmet, bis hinab ins zarteste, blasseste Würzlein, und da hatte er aus seiner Krone Wasserperlen und eine wonnevolle Duftwolke auf die Schar sinken lassen. – Erdenduft und seltene Kraft aus den Wolken und alles, was er je getrunken hatte vom blauen Sonnenhimmel und auch von der Nacht, wenn die Sterne standen. – Solche Wolke umschwebte die Buben und Mädel; daß sie fast wie im Taumel waren. Die Buben, noch glühend von ihrer Arbeit, überlief ein kühler, müder Schauer und sie fühlten Kraft, die über sie kam; und die Mädel bekamen ganz verträumte glänzende Augen. Da wurde die schwebende Duftwolke schwerer, da schliefen sie alle ein, Buben und Mädchen. Eins hatte keiner beachtet! – Der Wind war doch längst vorbei. – Ja, was rauschte dann der Baum noch so lange? Das ist der Baumsegen!

Ihr sollt Baumglück haben, ein saftiges sonniges Glück. Ihr sollt Glück haben, weil ihr Glück brauchen werdet, ihr Menschenkinder; du im roten Hemd, ich wünsche dir das Tannenglück, sei gerade, sei ruhig, sei schön wie die Tanne. Einmal sollst du den Sinn und die Sprache der Tannen verstehen. Du sollst erfahren, weshalb wir Bäume alle den Tannenbaum lieben. Du wirst dann deine große Stunde haben. Und du, 175 Mädchen, in deinem dunkelgrünen Kleid, du Sternäugige, ich gebe dir das Lärchenglück, das immer neue Glück vom Lärchenbaum und somit sollst du, wenn neues Grün dich schmückt, blühen wie ein Lärchenbaum in seinen seltsamen Blüten. Und du – er meinte das Ruthle – bekommst kein Baumglück, du bekommst ein Blumenglück. Nimm die verträumte Seligkeit einer weißen Nelke, die an einer Wasserperle trinkt, in der die ganze Welt als Spiegelbild liegt.

Da sah er Wolfgang Stürmer. Bursch in der Lederhose, du knorriger Kerl, ich geb' dir ein knorrig Glück, das Eichenglück, das Kriegsglück. Halte du es – und wahre es wohl. Da sah der Alte Gudrun liegen und schlafen: Du bist wild – ich will dir das betäubende Glück der gelben Wasserrose geben – doch sieh dich vor, du könntest mehr Glück brauchen, als ich dir geben kann. Heinrich Strom rauschte er zu: Du hast das Glück des Weltenbaums, der Esche. Solche, wie du, tragen schlicht und treu und ruhig die Welt in ihren Ästen.

So floß der Segen von den Zweigen der Buche. Da war noch ein Birkenglück, das Glück vom Rüsterbaum, vom Haselbusch. Ein kleines Häufchen bekam, weil sie so lieb beieinander lagen, das Waldglück, das Glück vom Zusammensein. Manche fanden nur ein Vogelglück, ein scheues Glück, das oft gar ängstlich flattert und flüchtig ist. Als die Schläfer erwachten, schauten sie sich wohl verwundert um und strichen den Schlaf aus den Augen. Es mag mancher geträumt haben. Der Baum war wie früher, die Sonne ging unter.

Sie standen alle auf und gingen zur Feuerstelle. Da strich Wolfgang Stürmer der Dorothee Garbe, dem Schweizer Maidli, über die weiche Hand, sie sollte schauen.

»Wie lange, wie endlos lange ich dich schon gern habe.«

176 So waren Wolfgangs erste Liebesworte, der erste Wortweg, den sein glühendes junges Herz gefunden hatte. Ein liebendes Herz in erster Glut hatte sich Bahn gebrochen. Nun werden Flammen kommen.

Und Flammen kamen. Erst gab's Rauch. Bald tanzte und züngelte aber Frau Flamme und duldete kein Rauchwölkchen, nur flimmernde Hitze und Funken durften um sie sein. Und das Feuerweib wuchs und wogte und griff aus nach dem Nachthimmel; schauerlich wogte und schwankte sie und schlug in tausend Armen nach oben. Welche Gewalt ist entstanden in schweigsamer Nacht, und um das glühende, gierige Flammenweib sprangen Hand in Hand, in dreifachem Kreise die Freudevollen, Glut auf den Wangen. In dreifachen Kreisen umrissen und umdrängten sie die Feuerfrau, und die jungen Herzen entbrannten ihnen so sehr, daß die sich von ihnen loslösten und übersprangen zum nächsten Nachbarmenschlein, und es sprang der dreifache Kreis aus roten entflammten Herzen immer weiter, und wenn eins von diesen tanzenden Herzen in einen recht munteren und flammenwarmen Nachbar gesprungen war, mag so ein Menschlein wohl gejubelt und gerufen haben!

Aber denkt euch, als die Flamme zu heiß wurde und als sie mit Glut und Hitze die drei Kreise gesprengt hatte, da war's mit den Herzen nimmer in der Ordnung! –

Der eine fand sich zwei, ein Mägdlein hatte das seine verloren, und nun sucht es und suchte im nächtlichen Wald, und wieder eins sah sein Herz, es war aber nimmer bei ihm, und wieder andere fanden ein fremdes, ein vertauschtes, in der vom Springen wogenden Brust. Neue Herzen, fremde Herzen, verlorene Herzen, vertauschte Herzen, Nachbarherzen! – Oh, wurde das ein Jubel und Lachen und Suchen und Laufen und Springen und Verstecken und Necken!

177 Da rief Gudrun, die nun beim mächtigen Feuer stand, ganz laut: »Ottomar! – Du mußt als der erste durchspringen! – Ich mag dich sonst nimmer!« Ottomar staunte. Er ging nahe an das Feuer, er ging darum herum und besah es sich – dann staunte er wieder: Wie die Gudrun doch ist? – Aber fein ist's doch, das ist für mich etwas, so was Wildes, wie mir da das Teufelsmädel gesagt hat! Und doch bin ich erschreckt? Wieder besah er das Feuer, trat zurück und sprang mit einem wilden Jubelschrei durch die Flammen. Beim Sprung war ihm eine Glutwelle entgegengeschlagen, die ihm fast den Atem nahm – doch der Sprung war geglückt. Ottomar trat unter die Waldbäume. Dort dachte er lange nach; denn er war zornig. Pfui, wie kalt die ist, wie eiskalt und wie grausam und hart. Ich höre sie noch lachen, weil ich beim Aufsprung hingefallen bin, weil's Gras noch naß war vom Regen. – Immer eine fremde, eine kalte Welt.

Wie einfach das ist, man braucht nur in den Schatten zu treten, und dann ist man nicht mehr da, und will man wieder mittoben und tollen, so tritt man an einer Stelle von neuem in den Lichtkreis. Doch Ottomar sann lange nach, bis er einen Entschluß gefaßt hatte. – Dann ging er zu Ruthle und fragte freundlich die Nelkenblume mit dem Weltenspiegel in der Tauperle: »Ruthle, willst mit mir springen?«

»Will schon – aber komm, laufen wir schnell zur Isar und machen die Augenbrauen und die Wimpern naß.«

Sie faßten sich bei der Hand und rannten wie der Wind durch die Finsternis, dem Strome zu.

Am Flußufer, vom Wasser umspült, war ein großer Felsenstein.

»Denk dir, Ruthle, im Dunklen seh ich viel besser als andere, wollen wir auf den großen Stein klettern? 178 Weißt du, weil der Mond so groß scheint, es wird hier wunderschön sein!«

Es war wunderschön, schaurig schön! – Sie saßen beide auf dem hohen Stein, umbraust von Nacht und Wasser. Das zarte Mädchen war so lieblich im Mondenlicht, wie es auf dem Stein saß, dicht an den roten Buben geschmiegt, denn der fror nicht in der Sommernacht, dicht und weich bei dem roten Buben, und das eine Zöpflein lag am Rücken, das andere aber hatte es vorne bei seinem Gesichtelchen. Beide waren umschlossen und umflossen vom Mondlicht.

»Roter Bub! – Wir wollen ganz still sitzen bleiben und das Feuer anschauen, es ist so schön hier. Alleine möchte ich aber hier nicht sein.«

»Oh, Ruthle, schau, schau – jetzt springen sie, das Feuer ist kleiner geworden – schau, da steht Walter und Wolfgang. Soll ich rufen?«

Da legte das Schwarzköpflein ihm seinen Finger auf den Mund: »Ruf nicht, roter Bub, es soll doch ganz still sein!«

So horchten sie und schauten sie wie ein paar neugierige Nachtvögel, und saßen auf ihrem Fels im Wasser.

Am Feuerplatz begann wieder neues Leben. Das Feuer brannte niedriger, das Völklein mit den verlorenen Herzen stand Paar hinter Paar, in langer Reihe bis in die Finsternis hinein – und so warteten sie auf ihren Feuersprung. Wie sie alle, alle glühten! Wenn so zwei freudevoll durch die Flammen flogen, war's immer ein kleines Erstaunen, ein kleiner Schreck, ein kleiner Schrei, es war eigentlich jedesmal ein glutwarmer Herzschlag!

Weil aber die Wiese gleich vom Feuer an abwärts ging und es so große schwere Tropfen geregnet hatte, glitten sie alle beim Aufsprung am Boden aus und 179 sausten und kugelten den Wiesenhang hinunter. – Ein toller Sprung durch heißes, helles Licht in die finstere Nacht hinaus! Wie licht, wie schön Menschen im Feuerschein werden!

Da schlug einer mit einer Stange in die Flammenglut. Funkenwirbel stoben himmelhoch.

Wie Dorothee Garbe das sah, sprang sie allein. – Ein leichter, gelenkiger Sprung. Das Mädchen war in seiner ganzen Bewegung, in seinem Willen selbst ein aufzuckender Lichtstrahl, der durch die Funken und Flammen schoß. Durch blendende Glut in die Nacht und Finsternis hinaus, und so sprang das glühende Kind in Stürmers Arme: »Oh, du Feuermädel! – Funke, daß ich dich nie küssen darf!«

»Du darfst nicht?« so entfuhr es dem Mädchen. »Warum darfst du nicht?«

»Dorothee, ich hab' schon einmal ein Mädchen geküßt, das war ein Abschiedskuß –«

»Und darfst du nicht, ich darf's!«

So brannte Wolfgangs liebendes Herz und schlug die ersten Flammen. Ein naseweises Käuzchen saß dabei und hat gelacht im Dunkeln.

Als die Funkenwirbel stoben und Dorothee Garbe sprang, da haben auch zwei gelacht und sich herzlich gefreut, die beiden Nachttiere auf dem Wasserstein.

»Ruthle, Ruthle, wie sprühen die Funken!«

»Ja, ganz in den Himmel hinein, sie springen unter die Sterne! – Und wie das Maidli springt!«

»Du, Ruth, wie hell das Feuer geworden ist, wie hell es scheint, und wie die da alle leuchten! – Die ganzen Buben und Mädchen leuchten selbst wie die Sterne! Du, das sind lauter Sterne, Sterne, die ums Sonnenfeuer tanzen.«

»Es gibt ja auch Sternenmenschen, Ottomar,« meinte Ruth.

180 »Ja, freilich gibt's Sternenmenschen. Dem Wolfgang sein Stern ist der Mars, das hab' ich schon oft gedacht, weil der Wolfgang so was Standfestes hat.«

»Ruthle, mir hat dein Vater gesagt, wir sehen Sterne, die vor tausend und zweitausend Jahren erloschen sind, so lange braucht das Licht auf seinem Weg zu uns. Und solch einen erloschenen Stern kenne ich auch.«

»Roter Bub, was uns beiden wohl für Sterne stehen?«

»Oh, es steht mir ein Stern, ich fühl' es oft! Und wie die Sterne droben ziehen und sich bewegen und sich begegnen, und wie die Menschen hier gehen und leben und einander treffen. Die Wege der Sterne und die Wege der Sternenmenschen, wie die gewaltig sind, wie die sicher sind und unverrückbar!

Schau, wie die Dorothee gesprungen ist, da war mir's wie ein Stern, und der Walter Frühauf, wie der toll hin und her springt, übers Feuer, wie ein wilder Ziegenbock.« – »Der springt wie ein Irrlicht,« meinte Ruthle.

»Weißt du noch, Ruthle, wie wir zwei früher Löwenviechlein gespielt haben, hat dir deine Mutter einmal davon erzählt?«

»Sie hat mir schon erzählt. Gelt, unterm Schreibtisch, wo der Papierkorb sonst steht, haben wir die Höhle gehabt? Ich kann mich sogar noch ein bißl daran erinnern.«

»Da weiß ich drei schöne Tiergeschichten von deinem Vater. Paß auf: Als der Buddha noch kein Mensch war, da war er einmal ein Spatzenkind. Er war ein gutes, artiges Kind, und er half seinen Eltern, wo er konnte. Ja, weil er der erste war, der aus dem Ei geschlüpft war, und weil er hörte, wie seine Geschwister in ihren Eiern sich quälten und klopften, half er allen fünf Geschwistern aus der Eierschale. Und der Vogelmutter half er beim Mistauswerfen, aber, wie er merkte, 181 daß seine Brüder so gefräßig wurden und nie satt bekamen, da wurde er traurig, er aß fast gar nichts mehr, aber die gierigen Brüder waren immer hungrig. Und von dem vielen Fressen wurden sie so groß und dick, daß es sehr, sehr eng wurde im Nest. Die Eltern konnten nur mehr am äußersten Rändchen sitzen und den jungen Vögeln wurde es ungemütlich, daß ihnen ständig ein Flügel oder ein Beinchen einschlief. Da wurde Buddha traurig und blieb ganz klein. Der Hunger aber wurde größer im Nest, und es wurde immer enger. – Es war an einem schönen, hellen Tag, Buddha hatte die erste Stunde im Piepsen gehabt, da nahm er Abschied von der Welt, sprang aus dem Nest und fiel sich zu Tod.«

Ottomar hatte sich beim Erzählen gemütlich auf den Stein hingelegt, und das Ruthle hatte ihm freundlich und mütterlich das buschige Kopfhaar gestreichelt, und ab und zu kitzelte sie ihn mit ihren schwarzen Zöpfchen an der Stirn.

»Paß nur auf, noch eine. Aber kitzeln darfst du mich nicht, sonst nies' ich.

Da wurde Buddha ein Fisch. Es war im Frühjahr und seine Fischbrut, zu der er gehörte, war die größte vom See. Seine Eltern hat er nie gesehen, er kannte nur die unzählig vielen Brüder und Schwestern. Und er liebte alle sehr.

Sie schwammen einmal nahe beim Ufer, durchs Uferschilf. Die Sonne schien aufs klare Seewasser und warf große gelbe Lichtscheiben auf den Boden des Sees. Er ließ seine spinnwebfeinen Flossen zittern und spielen und beschnupperte den Stiel einer Wasserrose.

Da kam ein hungriger großer Fisch geschwommen und wollte einen von der Brut fressen.

Der Buddhafisch besann sich keinen Augenblick – er schwamm ruhig auf den Hungrigen zu und rief: »Freß mich nur, großer Fisch!«

182 Der große Fisch erschrak aber und dachte über den sonderbaren kleinen Brutfisch nach und wurde sehr gerührt. Es kamen ihm Tränen, daß er fast nimmer sah – und so schwamm er wieder fort. – Aber nicht lange währte es, da opferte sich das Buddhafischlein doch für seine Brüder.«

»Traurig sind deine Märchen – aber schön,« sagte Ruthle.

Zuletzt wurde Buddha ein Tiger. Seine Frau war eine wunderbar gestreifte Tigerkatze, die schönste, die jemals im Dschungel gelebt hatte, und Buddha liebte sie über alles. Sie war seine frohe Gefährtin bei seinen nächtlichen Jagden, sie war seine Freude, wenn sie morgens noch vor Sonnenaufgang durchs wilde Geklüft zur Quelle gingen, und in der Höhle war sie den Kindern eine liebevolle Mutter. Da konnte sie wedeln und scherzen und auch ganze Abende lang schnurren. Von Zeit zu Zeit gab sie aber dem sechsten und neugierigsten der Kleinen einen weichen Klaps mit der Pfote, daß er umpurzelte und über den Höhlenboden kugelte.

Am liebsten hatte er sie aber, wenn sie über einen mächtigen umgestürzten Baum sprang, der nahe bei der Felsenhöhle lag. Oft, wenn ein kühler Abend war, mußte sie ihm dort vorspringen.

Als seine schöne, geliebte Tigerin aber eines Abends von einem Gang nimmer heimkam, denn sie war gefangen worden, da wurde der Buddhatiger traurig und starb.

Nun war Buddha, als er tausende Male sich als Tier geopfert hatte, auch unendliche Male als Mensch für seine Brüder in den Tod gegangen, ein Fürstensohn in Benares geworden; da sollte er mit einem jungen Mädchen verheiratet werden. Es war sein 183 Hochzeitstag und, wie es in Indien gehalten wird, Buddha sah seine Braut in der Kirche zum allerersten Mal. Und wie er sie stehen sah, war sie so bezaubernd schön, und das Herz begann ihm ganz seltsam zu schlagen. Ihr Haar war weich und glänzend wie das Gefieder eines Vogels, und ihr Leib war geschmeidig wie der Leib eines Fisches. Ein unendlich fein gesponnener Seidenschleier lag über ihr und umwehte sie wie Wellen. Der Schleier war gelb und tief bräunlich gestreift. – Als Buddha aber das sah, schrie er auf vor Übermaß an Glück und Freude. Er hatte an dem Streifen des Schleiers die Tigerfrau vom Dschungel wiedererkannt.

»Du, Ruthle, laß dich auch wieder erkennen und sei meine richtige Löwin von früher? –« Ottomar setzte sich auf und sah den Blaukopf freundlich an.

»Ach,« seufzte das Ruthle drollig, »ach, Ottomar – ich bin ja doch gar keine Löwin geworden.«

»Das schadet nichts, für kurze Zeit kann man schon eine Löwin sein! Komm und sei heut meine wilde Löwin, und springen wollen wir jetzt, und zum Feuer gehören wir Löwen doch auch!«

Ottomar faßte das Mädchen bei ihrem weichen Mondhändchen und half ihr vom Stein herunter.

»So, jetzt spritz' mir das Haar ein bißl naß, Herr Löwe, tu mich aber nicht schinden und recht vollspritzen, das wäre mir gar zu kalt! Katzen mögen so was nämlich nicht.«

Die Löwin duckte sich am Ufer nieder, und ihr roter Löwe spritzte ihr fein vorsichtig das Köpfchen naß. So fein und so vorsichtig fast als wär's eine liebe Blume, wohl eine Nelke, die durch ein ganz wenig Wasserstaub noch duftiger und herrlicher werden soll. Dann schöpfte er auch mit der Hand ein kleines Wasserpfützchen und tauchte die beiden schwarzen 184 Zopfschwänzlein darin ein. Es gaben sich Löwe und Löwin ein schnelles noch wassernasses Küßlein – ist nur ein Löwen- und Freundschaftsküßlein – und nun trabten beide gemächlich dem Feuerplatz zu.

Das Feuer hatte neues Holz bekommen und brannte hoch auf und die beiden Löwen sprangen den ersten Sprung durch die frische Flamme. Und die Flammenfrau tat einen gewaltigen Löwenherzschlag. –

Das Ruthle blieb auch den ganzen Abend lang Ottomars wilde Löwin, und sie sprangen und rasten, bis sie fast gar nimmer konnten.

Wie gut tat das auch dem armen Mädchen, das wollte seit dem Tod seines Vaters nimmer froh werden.

Wenn ihnen aber das Löwenpaar Stürmer und Dorothee, das Maidli, am Feuerplatz oder im Dunklen begegneten, dann grüßten sie einander und freuten sich aneinander und verstanden einander auch recht gut!

Immer beim Sprung drückte der rote Bub das weiche Mondhändlein fest und er hob damit das ganze Mädchen mit federnder Kraft in die Höhe, gerade als wollte er es mit den Funken zusammen hoch, hoch in den Nachthimmel heben und sich selbst hinunterdrücken in die Flammen. Ruthle fühlte das auch und hatte nie Angst über der Feuersglut, sie wußte sich sicher. – 185

 

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