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Friedrich Gerstäcker: Im Busch - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Busch
authorFriedrich Gerstäcker
year1990
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5655-5
titleIm Busch
pages15
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1. Der Überfall

Die Sonne verschwand eben hinter den wildzerrissenen Höhenzügen der »Blue Mountains« in New South Wales und gab dem sonst so monotonen australischen Urwald eine ganz eigentümliche, malerische Färbung und Schattierung. Rund umher wahrte freilich der Wald seinen grauen Charakter, der den endlosen Gumbäumen ein so trauriges, totes Aussehen gibt, und wurde nur an wenigen Stellen durch einen frischen, grünen kleinen Wattel mit seinen goldgelben, duftenden Blüten unterbrochen. Schon die zweite Bergschicht zeigte aber in den Dünsten des rasch blaß werdenden Lichtes einen fast dunkelgrünen Mittelgrund, während noch weiter dahinter die entfernteren Gebirgsrücken ein nicht ganz so dunkles Blau annahmen, das bei dem allerletzten in ein lichtes, fast verschwimmendes Himmelblau überging.

Das Firmament war durch leichte Wolkenschleier bedeckt, und im Westen übergoß rosiger Schein die Nebelstreifen, als vier Männer den hier höchsten Gebirgszug, den sogenannten Razorback, erreichten und wenige Sekunden dort oben hielten.

Ihr Anzug wäre im Inneren Australiens kaum aufgefallen, denn Reisende im Busch legten keinen großen Wert auf gute Kleidung. Bundlemen und StockkeeperBundlemen werden die im Land umherwandernden und Beschäftigung suchenden Arbeiter genannt. Stockkeeper sind die angestellten Aufseher der Viehstation, etwa vergleichbar mit unseren Verwaltern, nur müssen sie keinen Ackerbau überwachen. tragen eine so verwilderte und mitgenommene Außenseite, daß sie jedem Maler für eine Gruppe Banditen oder Wegelagerer Modell stehen konnten.

Bundlemen und Stockkeeper führen aber nur ausnahmsweise Waffen. Dagegen hatten sich diese vier Burschen trotz ihres Bergmarsches richtig damit beladen. Und um sich noch verdächtiger zu machen, betraten sie den über den Razorback laufenden Fahrweg erst oben auf der Wasserscheide und mitten aus dem Busch kommend. Es hätte kaum eines Blickes in ihre Galgengesichter bedurft, um der kleinen, sehr schweigsamen Gesellschaft nichts Gutes zuzutrauen. Nur einer von ihnen schien nicht ganz dazu zu passen.

Er trug aber auch keine andere Kleidung als die übrigen, nämlich Jacke und Hose aus sogenanntem englischen Leder, einen kalifornischen Hut und große Buschschuhe. Aber sein Hemd war sauber, sein ganzes Äußeres sah besser und sorgfältiger behandelt aus. In anderer Gesellschaft hätte er gut für einen der Stationseigentümer gehalten werden können, die bei ihrem wilden Buschleben auch keine besondere Sorgfalt auf ihre Kleidung legen können. Außerdem schien er noch jung zu sein, er konnte kaum mehr als achtundzwanzig oder dreißig Jahre alt sein. Der leicht gekrauste, hellbraune Bart, das lockige Haar und die leicht geröteten, vollen Wangen hätten seinem Gesicht etwas Freundliches gegeben, wäre das nicht durch den scheuen Blick gestört worden, den der junge Mann um sich warf, als sie den Weg erreichten.

Aber es war niemand auf der Straße zu sehen, die man von hier aus nach allen Richtungen überblicken konnte. Der Wald lag totenstill, nur in weiter Ferne strich ein Schwarm kreischender Kakadus seinem Nachtstandort zu. Drei oder vier der elsternartigen Vögel, die der Australier »lachende Esel« nennt, stießen lautlos von ihrem Baum ab, als ihnen die Menschen zu nahe kamen, und flogen über die nächsten Wipfel in das weite, gähnende Tal hinein.

Der älteste der kleinen Gruppe war unverkennbar ein Ire, ein »Sohn der grünen Insel«. Er hatte auffallend starke Pockennarben und den oft bei Irländern vorhandenen drolligen Zug um die dünnen Lippen. Als sie aus dem Busch traten, bückte er sich, untersuchte die Spuren und sagte dann:

»Wir kommen rechtzeitig. Sie ist noch nicht vorüber.«

»Dazu hätten wir deine Weisheit nicht gebraucht, Jim«, lachte sein anderer Gefährte. »Nach der Zeit, wo sie von Golbourne abfährt, kann sie noch nicht hier sein und kommt auch vor der nächsten Stunde nicht. 's wäre aber besser, wir gingen an die Arbeit. Wenn nur der Trompeter erst da wäre! Er wollte doch um diese Zeit hier sein. Zehn zu eins, der Holzkopf hat sich verlaufen!«

»Wir haben noch viel Zeit, Bob«, sagte jetzt der junge Mann ruhig. »Die ganze Arbeit erledigen wir in fünf Minuten, und außerdem ist es noch etwas zu hell. Wenn uns jetzt Reiter in die Quere kämen, könnten sie uns den ganzen Spaß verderben.«

»Pah«, sagte der Angesprochene verächtlich. »Ein einzelner Reiter würde uns schon keine Gefahr bringen. Aber meinetwegen, lange haben wir nicht zu tun, und außerdem ist ja der Trompeter noch nicht einmal da. Wenn er's nur nicht dumm angefangen hat!«

»Keine Angst.« Der junge Mann lachte. »Der bringt eine Spitzhacke mit, und wenn er sie einem der Schäfer unter dem Kopfkissen wegstehlen müßte. Es sei denn...«

Ein eigentümlicher, glockenähnlicher Laut schallt in diesem Augenblick durch den Wald. Es war ein Ton, wie ihn der kleine, nur am Wasser lebende Glockenvogel von sich gibt, der dadurch nicht selten den halb verschmachteten Wanderer auf die Nähe des rettenden Labsals aufmerksam macht.

»Da kommt der Trompeter«, sagte Jim, der nur die Wiederholung des Tones erwartet hatte. »Jetzt wissen wir gleich, woran wir sind.« Er legte die Hände an den Mund und ahmte täuschend echt den Schrei des schwarzen Kakadus nach. Gleich darauf hörten sie schwere Schritte und das Brechen der Büsche. Dann kletterte der erwartete Kamerad den Hang herauf.

Er war genau so wie die anderen gekleidet. Außerdem trug er aber ein großes Messer mit einem Holzgriff an der Seite und eine lange Muskete auf der Schulter und in der Hand außerdem noch eine Spitzhacke. Mit einem gotteslästerlichen Fluch warf er sie jetzt auf die Erde und schwor, er wolle verdammt sein, wenn er in seinem ganzen Leben wieder ein so schweres Werkzeug sieben Meilen und zuletzt noch den Razorback hinauf schleppen würde. Trompeter hieß er übrigens nur bei seinen Kameraden, weil er früher einmal als Trompeter in einem Regiment gedient hatte und noch immer gern davon erzählte. – Aber jetzt war keine Zeit mehr zu versäumen, der Himmel hatte schon die der Nacht vorangehende bleigraue Färbung angenommen. Höchstens noch eine Viertelstunde blieb ihnen Tageslicht. Da ihr Plan schon genau verabredet war, konnten sie ihn auch sofort ausführen.

Noch einmal horchte der kleine Trupp in den Wald hinein, in die Richtung, von der die Postkutsche erwartet wurde. Als sie immer noch nichts davon hören konnten, stiegen sie jetzt schweigend und rasch den Berg nach Osten hinunter, bis sie einen Platz erreichten, wo die größte Steile überwunden war. Bis hierher ließ es sich nämlich voraussetzen, daß die Passagiere zu Fuß gehen und ihren Hals nicht im Wagen auf der steilen, rauhen Strecke riskieren würden. Von hier an aber lief der Weg wieder leicht abfallend schräg ins Tal, und der Kutscher würde von hier an seine Pferde bestimmt kräftig ausgreifen lassen.

Trotzdem folgten sie noch etwa zweihundert Schritt dem Weg, um ganz sicherzugehen, und hier endlich brach Bill das Schweigen.

»Das ist der Platz, Mates; hier wird die Gesellschaft keinen Schaden erleiden, wenn wir den alten Kasten umkippen, und bequemer können wir's ihnen auf keinen Fall machen. Jim, nimm du lieber die Spitzhacke, denn du kannst mit dem Ding am besten umgehen, und nachher lösen wir dich ab.«

»Eine verfluchte Idee.« Der Angesprochene lachte vor sich hin. Er legte ohne weiteres seine Waffen neben den Weg in den Busch und griff das Werkzeug auf. »Wir sind doch komische Wegverbesserer, und ich weiß nicht, ob uns die Regierung Ihrer Majestät dafür besonders dankbar ist!«

»Die Regierung Ihrer Majestät soll verdammt sein«, brummte sein zuletzt gekommener Kamerad. »Was die für uns getan hat, soll ihr der Teufel lohnen. Wenn ich es einmal quitt machen könnte, würde es ›mir zur Ehre gereichen‹, wie der alte Friedensrichter in Osborne immer sagte.«

»Etwas tiefer in den Weg hinein müßten wir doch gehen«, sagte jetzt Bill, der junge Mann, der auf das Gespräch nicht geachtet, sondern nur den Beginn der Arbeit beobachtet hatte. »Die Pferde weichen sonst doch noch rechtzeitig aus, und wir haben den ganzen Spaß umsonst gehabt.«

»Der Weg ist so verdammt hart«, brummte Jim, »die Spitze fährt ja kaum einen halben Zoll in den Boden!«

»Das wird besser, wenn wir nur etwas tiefer kommen«, tröstete ihn Bill. »So, bis dahin, das wird's vollkommen tun. Das eine Rad muß hier die Rinne fassen.«

Jim arbeitete mit der Hacke ruhig weiter, während alle anderen ebenfalls ihre Waffen abgelegt und sogar ihre Jacken ausgezogen hatten. Sie schafften jetzt die losgehauene Erde mit den Händen fort, weil sie keine Schaufeln hatten. Über die Absicht ihrer Arbeit konnte auch nicht länger Zweifel herrschen, denn Jim hieb ganz direkt das eine Fahrgleis der von Bathurst nach Sydney fahrenden Chaussee auf. Sie war zwar hervorragend angelegt, aber sehr schlecht unterhalten. Jedenfalls mußte die von Golbourne kommende Postkutsche an dieser Stelle rettungslos umgeworfen werden. Der Abhang fiel hier auch genug ab, um ein rasches Anhalten völlig unmöglich zu machen.

Endlich war die Arbeit beendet und das Loch für tief genug erachtet, um den Zweck vollkommen zu erreichen. Die Nacht war auch vollständig hereingebrochen. Nur kurze Zeit herrschte noch jenes dämmrige Zwitterlicht, bis auch der letzte Schein im Westen verblichen war und die Sterne ihren matten Strahl durch die zerstreuten Wolken wieder auf die Erde sandten.

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