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Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen Expeditionscorps nach Abessinien

Gerhard Rohlfs: Im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen Expeditionscorps nach Abessinien - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorGerhard Rohlfs
titleIm Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen mit dem Englischen Expeditionscorps nach Abessinien
senderhille@abc.de
year1883
created20041109
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5. Durch Uadjerat nach dem See Aschangi.

Oberst Phayre brachte die Erlaubniss zum Weitermarsche mit sich, obwohl nur für einige Märsche, und über die Absicht des Generals Napier war er ebenso wenig ins Reine gekommen, wie jeder Andere. Demzufolge verliessen wir am 3. März Miske und marschirten auf Garab-Digdig. Dieser Ort ist vom ersteren etwa 6 englische Meilen in SSO.-Richtung entfernt. Die Miske-Ebene erhält nämlich drei hauptsächliche Thäler, eins direct von Osten kommend, das zweite von SSO., eben das Garab-Digdig-Thal, dann ein drittes von Süden kommend, das Aladje-Thal. Warum das letztere nicht zum Weitermarsche gewählt wurde, ist unbegreiflich, denn die grossen Schwierigkeiten dieses Thales sind bei Weitem nicht so hinderlich, wie in dem Thale, welches von der Avantgarde gewählt wurde. An Schönheit fehlte es im Garab-Digdig-Thale freilich nicht, steile Felswände und eine üppige Vegetation, bei der jetzt, da wir uns wieder der Höhe von 8000' näherten, besonders schöne Wachholderbäume sich zeigten, lohnten reichlich den Reiter für die Mühe des Kletterns, die er zu überwinden hatte. Wir blieben hier nur einen Tag, da theils der Lagerplatz selbst für unsere kleine Force sehr beschränkt war, theils auch die Lebensmittel hier spärlich einflossen, und brachen deshalb am anderen Morgen früh auf, um nach dem 6 Meilen entfernten Messino hinaufzumarschiren. Immer steigend, war das Thal bald enger, bald weiter, und 1500' Fuss hohe steile Sandsteinwände engten das Thal manchmal so ein, dass eine Force von einigen hundert Mann hinlänglich gewesen wäre, diesen Zugang mit einigen Kanonen der englischen Armee streitig zu machen. Zudem war bei der Steilheit der Wände, die oft perpendiculär abfielen, an ein Umgehen nicht zu denken, fast alle Berge waren ebenso unzugänglich wie der gerade im Westen von Garab-Digdig liegende Berg Bit-Mara, welchen die Eingeborenen alle als unübersteigbar erklärten. Die Vegetation bis nach Messino hinauf war noch üppiger als im unteren Theile des Thales und eine Stelle voll herrlicher, wilder Olivenbäume, Sumach, Mimosen und Lorbeeren, durch Schlingpflanzen eng verbunden, raubte uns gänzlich die Aussicht auf die Thalwände, man hätte glauben können, in einem Urwalde an den Ufern des Bénue oder des Nigers zu sein.

Aber wenn wir nun auch in Messino, welches fast am obersten Punkte des Thales, das im Allgemeinen den Namen von Garab-Digdig beibehält und dem Tschiro tributär ist, einen bedeutend grösseren Lagerplatz fanden, so stellte es sich hier mit der Verproviantirung noch kläglicher heraus. Namentlich an Gras oder Heu war gar Nichts aufzutreiben, theils war alles vom Vieh schon abgeweidet, theils waren die Gräser abgebrannt. Ja, selbst gleich bei unserer Ankunft sollten wir einen der grössten Grasbrände mit ansehen, da ob absichtlich oder zufällig die Eingeborenen den Gipfel des kolossalen Duggeduka-Berges in Brand setzten, welches Feuer mehrere Tage anhielt. Da dies gerade im Augenblicke unserer Ankunft stattfand, so war es wohl möglich, dass es ein Signal sein sollte, und die uns begleitenden abessinischen Führer glaubten dies sogar fest. Am Tage unserer Ankunft kam zudem ein Sendling von Walde Jasus, Chef von Uadjerat, um uns vor dem benachbarten Galla-Häuptling von Arara zu warnen, der seiner Aussage nach uns überfallen wollte. Wenn wir nun auch hinlänglich stark waren, um einem Ueberfall von Galla widerstehen zu können, da sie überdies ja ohne Flinten sind, so sandten wir dennoch denselben Tag nach Garab-Digdig, um 50 Mann Infanterie heraufkommen zu lassen, da wir bloss Reiterei bei uns hatten; in selber Nacht traf dies Detachement noch ein.

Wir waren in Messino jetzt so hoch, wie wir noch nicht gewesen waren, mein Hypsometer kochend bei 197deg.6 Fahrenheit bei einer äusseren Temperatur von 13deg. C. ergab 7530 Fuss. Die bedeutende Höhe manifestirte sich nicht nur in der Veränderung der Vegetation, sondern auch in der Dürre der Luft, das Hygrometer stand Morgens vor Sonnenaufgang auf unter 30deg., und hatte Nachmittags zur trockensten Zeit bloss 20deg..

Die kolossalen Berge, die uns umgaben, namentlich nach Westen zu, alle Bastionen vom Aladje-Stock machten es nothwendig, einen derselben zu messen, und ich wählte dazu den von unserem Lager am nächsten liegenden Duggeduka-Berg gerade in Südrichtung von uns. Leider hatte ich kein Aneroid zu meiner Disposition, da alle ausgelaufen waren. Vom Lagerplatze ausgehend, erreichten wir in drei Stunden die Spitze des Berges, zu dem eine steile Schlucht uns hinaufführte, der Granit lag hier zum ersten Male offen zu Tage und bewies, dass der Kern des Gebirges aus dieser Masse bestand, höher hinauf fanden wir Quarz, Sandstein und Kalk. Oben angekommen, fanden wir Alles abgebrannt, an manchen Stellen noch Feuer. Das Hypsometer ergab beim Kochen 191deg.4 Fahrenheit10930 Fuss. bei einer äusseren Temperatur von 28deg. C., das Hygrometer zeigte 10deg., der Wind war 1deg. SO. Der Himmel war schmutzig vom Rauche der rings umher brennenden Grasflächen. Dies hinderte auch bedeutend die Fernsicht, obgleich wir das Lager von Boya bei Antalo in 360deg. auf 20 englische Meilen Entfernung liegen sehen konnten. Ebenso war es möglich, den Bergzug nördlich vom Aschangi-See in gerader Linie circa 35 Meilen entfernt auf eine Linie von 160deg. zu erblicken. Die konische Spitze vom Aladje-Berg hatten wir 280deg. auf circa 10 Meilen Entfernung von uns, dieser Berg soll nach den Aussagen der Eingeborenen der höchste in dieser Gegend sein, indess konnte er den von uns bestiegenen nur um ein Weniges übertreffen. Gleich an der anderen Seite des Duggeduka fanden wir ein weites Thal von OSO. nach WNW. ziehend und auf den Aladje-Berg anscheinend zugehend.

Als wir den Berg herunterkamen, fanden wir Grant (den Afrikareisenden) in unserem Lager vor, er hatte den Auftrag, am folgenden Tage mit einer Abtheilung Sind-Horses zur Proviantanschaffung vorwärts nach Attala zu gehen. Ebenso war auch der Times-Correspondent, für die Engländer immer eine wichtige Persönlichkeit, in Person des Doctor Austin, eingetroffen. Die meisten dieser Correspondenten pflegten indess nur durch die Augen der höheren Offiziere zu sehen, ich kannte einen, der sich immer die Rapporte geben liess, diese einfach etwas verschönerte oder vielleicht verschlechterte und dann als sein Werk seiner Zeitung zuschickte. Viele waren auch äusserst anmassend und berichteten, wenn sie ihre Wünsche, z. B. bei der Avantgarde zu sein oder sonst einem Corps attachirt zu werden, nicht gleich erfüllt sahen, die lügenhaftesten Berichte über rohe Behandlung Seitens der höheren Offiziere etc.

Es schien übrigens wirklich, als ob Sir Robert die Absicht habe, seine grossen Kanonen (die 4 zwölfpfündigen Armstrong) mit den Elephanten nach Magdala hinaufzubringen; die Wege, die in Einem Tage von Etappe zu Etappe hergestellt werden konnten, für Maulthiere und Pferde, bedurften natürlich zur Weiterbeförderung der Elephanten und Kanonen einer weit sorgfältigeren Bearbeitung, dabei kamen alle Tage Befehle und Gegenbefehle, so dass Niemand wusste, woran er war.

Phayre hatte natürlich keine Ruhe, sobald er sah, dass eine andere Force vorgeschoben war, in Messino zu bleiben, und am folgenden Tage brachen auch wir auf. Wir hatten zur Begleitung noch den Times-Correspondenten bekommen, obwohl Phayre keineswegs seine Gegenwart lieb war, weil er überhaupt keinen Zuwachs wünschte. Bis Attala sind, mit Kette und Perambulator gemessen, beinahe 10 Meilen, aber die Schwierigkeiten werden durch die Uebersteigung des von Ost nach West streichenden Aladje-Stockes, so nenne ich dies Gebirge, welches Bit-Mara, Duggeduka und andere, mehr als 10,000' hohe Punkte in sich schliesst, so gross gemacht, dass uns überhaupt noch keine so gefährliche Passage in Abessinien vorgekommen war. Der zu passirende Pass, mehr als 10,000' über dem Meere und mehr als 2000' steilen Aufgang habend, bot in der That eine Vergrösserung der Naturhindernisse, wie wir sie beim letzten Aufgange im Taconda-Passe gefunden hatten. Ein steiler, sich fortwährend in Zickzack hinauf krümmender Weg, durch grosse Blöcke manchmal versperrt, mit kleinen Rollsteinen überschüttet, und manchmal Absätze habend, die bis mehrere Fuss hoch waren, manchmal von Mimosen oder Juniperen so niedrig überwachsen, dass man nur gekrümmt durchkriechen konnte, bot natürlich für unsere beladenen Maulthiere die grösste Gefahr und Beschwerde. Indess hatten wir den ganzen Tag vor uns, und da wir früh wegmarschirt waren, hatten wir keinen Unfall zu beklagen. Am Tage vorher hatten Grant und die Sind-Horses, welche von Dunkelheit überrascht worden waren, mehrere Maulthiere verloren, von denen wir zwei, die in der Wildniss umherirrten, wieder aufgriffen. Vier von ihren Pferden waren in Abgründe gestürzt und umgekommen. Der ganze Weg, namentlich der steile Abgang nach Attala zu, der noch gefährlicher war, als der Aufgang, war mit Sachen aller Art übersäet; hier sah man Sättel, dort Schläuche, Schuhe, Decken, kurz, der Weg sah aus wie ein Schlachtfeld am folgenden Tage.

Nahe bei einer Quelle, von einem grünen Baume überschattet, sah man einen Lagerplatz und noch brennendes Feuer, Beweis, dass ein Theil der Reiterei Attala am Tage vorher nicht erreicht, sondern hier campirt hatte. Wir frühstückten dort und traten dann den Weg in das schöne Ainema-Thal an. Aber so schrecklich auch der Abgang war, weit schlimmer als der Aufgang, so hatten wir doch keinen einzigen Verlust; mit Ausnahme, dass einige Maulthiere ihre Bürde abwarfen, kam Alles wohlbehalten unten an. Nicht so war es mit der Bagage des armen Times-Correspondenten, welche schlecht geladen und schlecht bedient war, so dass sie uns allerdings einen Verzug von einigen Stunden verursachte.

Im Lager von Attala angekommen, erfuhren wir, dass viele der Packthiere von Grant's Leuten noch nicht angekommen waren; sie hatten einen falschen Weg genommen. Ich sah hier übrigens, dass die Armee einen grossen Fehler begangen hatte, nicht den geraden Weg von Antalo über Miske-Aladje, d. h. die grosse Caravanenstrasse einzuschlagen. Abgesehen davon, dass der Pass von Aladje unmöglich steiler sein konnte, als der, welchen wir überstiegen hatten, war er weniger hoch, die Wegeslänge wenigstens zehn Meilen kürzer, und was vom strategischen Punkte aus äusserst wichtig war, man marschirte den Aladje hinauf immer in einem breiten Thale, während aber Garab-Digdig und Messino das Thal sich an manchen Stellen so verengte, dass die gegenüberliegenden Wände sich zu berühren schienen. Konnte man immer auf die Freundlichkeit der umwohnenden Bergbewohner rechnen, und selbst das Benehmen zum mindesten zweideutig von Walde Jasus, dem Chef des Uadjetit-Districtes, forderte es nicht auf, einen Weg so wenig gefährlich und hinderlich wie möglich zu nehmen? Aber man hatte den grossen Umweg über Messino einmal gewählt, der sich wie ein Kreis um die bemerkenswerthe Aladje-Spitze herumwindet, und das Selbstgefühl Phayre's schien zu leiden, wenn er jetzt hätte sagen sollen, der Weg über Aladje ist kürzer, sicherer und weniger hinderlich. So wollte er auch Nichts von den Gefahren des eben zurückgelegten Weges, den auf seinen RathWie sich später herausstellte, hatte Merewether Phayre bestimmt, diese Route zu nehmen. die Armee zu nehmen hatte, wissen, trotzdem dass todte Pferde und entlaufene Maulthiere hinlänglich die Schwierigkeiten des Passes bekundeten.

In Attala fanden wir übrigens einen herrlichen Lagerplatz im Bette des breiten von Osten nach Westen gehenden Thales, gerade nördlich von uns hatten wir den zuckerhutartigen Aladje, etwas weiter nach Osten den fast eben so hohen Duggeduka und die Südwand des Thales war von gleich pittoresken Bergen gebildet. Wir befanden uns bei Attala in gleicher Höhe wie Messino, so dass ich es nicht für nötig hielt, hypsometrische Beobachtungen zu machen, indess glaubte ich es doch nützlich, meine eigene Behauptung bewahrheiten zu müssen, dass der Pass über Aladje kürzer und besser sei, als der über Messino, den wir genommen hatten; in der That fand ich es denn auch so. Der Aufgang bis auf die Crete des Gebirges, südlich vom konischen Aladje-Pik bot gar keine Schwierigkeit für Saumthiere und schien ein sehr begangener Caravanenweg zu sein, da mir Haufen von Handelsleuten entgegenkamen, von da an theilte sich der Weg in einen bei Bit-Mara vorbei nach Garab-Digdig fahrenden und einen anderen nach Antalo über Miske, der letztere schien auch auf dem nördlichen Abhange gar keine Schwierigkeit zu bieten.

Indess wurde die Gegend auch etwas unsicherer, abgesehen davon, dass wir von allen Parteien gewarnt wurden, gegen die oder jene Partei auf unserer Hut zu sein, fanden wir eines Tages einen Maulthiertreiber grässlich verstümmelt, ein anderer war gänzlich verschwunden. Mangelhafte Ordnung im Lager war wohl daran schuld, dass man den Leuten z. B. erlaubte, sich auf beliebige Distanzen entfernen zu können, oder die Abessinier ruhig die Lager durchschweifen liess.

Trotzdem ging und gelang Alles, ein Feind war ja nirgends zu sehen und andere Hindernisse, welche sie auch sein konnten, wurden mit Geld besiegt. Ja da, wo sich möglicherweise ein Feind hätte zeigen können, z. B. ein Chef von Tigre, ein Chef von Uadjerat oder ein Prinz von Lasta, wurde das Geld so zeitig in Bewegung gesetzt, dass unzufriedene Gefühle bald beschwichtigt wurden. - Ausserdem wurde fortgefahren, Befehle zu geben und zu widerrufen, heute wurde befohlen, jede Rum-, Thee- und Zuckerausgabe des Transportes halber aufzugeben, morgen wurde dies widerrufen, kein Offizier sollte mehr als 75 Pfund Gepäck haben, und man sah gemeine Soldaten (jeder Sind-Horseman z. B. hier im Lager von Attala), die Matratzen mit sich führten, die allein 40 bis 50 Pfund wogen. Die Ausrüstung und Bewaffnung, weniger die Verpflegung der Truppe war eine ganz ausgezeichnete.

Den Pass von Aladje, der vom Attala-Thale aus einen sehr leichten Aufgang hatte, bestimmte ich mit dem Hypsometer zu 9630', der Pik selbst, der 1500' hoch sein konnte, war unzugänglich für mich. Eine der Hauptfesten des Chefs von Uadjerat führt nur ein einziger schmaler Zickzackweg hinauf, sonst fällt die Amba nach allen Seiten hin einige hundert Fass hoch senkrecht ab. Sie ist fortwährend von Soldaten bewohnt, auf dem Pik findet sich eine Quelle und es sind dort Vorräthe von Korn, Butter und sonstigen Lebensmitteln auf Jahre angehäuft. Uebrigens, wenn ich so die höchsten Punkte um Aladje besucht hatte, so kann ich nur sagen, wie trostlos das Land aussah, überall baumlose Berge, einer höher als der andere, und die wenige Vegetation, die in den Thälern und Schluchten war, blieb unsichtbar, alle Wiesen waren jetzt abgebrannt. Nur einen schönen Blick hatte man von Attala aus; wenn man dem Bache westwärts folgte, so öffnete sich das Thal auf den Tselari-Fluss zu und im Nebel verschwindende Berge, steile Amben, wunderliche Pyramiden tauchten auf und luden den Beschauer ein, nach Semien zu kommen.

Wenn in Abessinien so fortgefahren wird mit Brennen und Sengen, so wird das ganze Land nach einigen Jahrhunderten eine Wüste sein, denn die meisten Berge sind zu abschüssig, um bei den tropischen Regengüssen die Humusschichten zu erhalten. Aber einmal erst von jedem fruchtbaren Erdboden reingewaschen, werden die Berge nur noch jene traurigen schwarzen Steinmassen zeigen, wie sie das gegenüberliegende Arabien, wie sie die grosse Wüste aufzuweisen hat. Vor Jahrhunderten waren sicher alle jene Bachrinnen, die jetzt nur periodisch in der Regenzeit Wasser haben, beständige Giessbäche, wie wir sie in Innerafrika in Bornu und Mandara, Haussa, Bautschi und anderen centralafrikanischen Ländern zu sehen Gelegenheit hatten; wo man auch zwar brennt und zwar unvernünftig genug, die grossen Brände aber mehr auf die Ebenen beschränkt bleiben. In einem aus so durchaus steilem Gebirgsboden bestehenden Lande wie Abessinien sollte sorgsamst auf Erhaltung des Pflanzenwuchses gesehen werden, um eben für die Thäler eine permanente Bewässerung, für die Berge eine dicke Erdbekleidung zu erhalten.

Am 10. März erhielten wir noch spät Abends Nachricht vom Hauptquartier aus Boya bei Antalo. Herr Napier hatte Befehl zum Marschiren gegeben, war aber aus Mangel an baarem Geld zurückgehalten worden, zugleich aber auch war der Abgang von 300,000 Maria Theresia-Thalern von Adi-Graat angezeigt. Ebenso waren 40 Elephanten mit Mörsern und anderem schweren Geschütz eingetroffen und stand also Nichts dem weiteren Marsche der Armee im Wege. Da auch unsere Lebensmittel eingetroffen waren, so überstiegen wir am 11. März den steilen Mollaho-Pass, der das Attala-Thal von dem nur 3 Meilen entfernten Eiba-Thale trennte. Da es spät geworden war, konnten wir indess nicht weiter kommen, denn gleich vor uns tauchte wieder ein anderer Pass auf. Es begegneten uns viele Leute mit Korn und auch in Eiba konnten wir für unsere kleine Force genug einkaufen. Die Leute schienen mir heller von Farbe zu sein, von den Frauen und Mädchen hatten indess viele Kröpfe. So wiederholt sich dies überall, wo hohe Gebirgsstöcke in Afrika sind, wie bei uns in Europa (Alpen, Pyrenäen); ich beobachtete Kröpfe im hohen Gora und im Atlas-Gebirge. Eiba ist ein Thalkessel, der sich nach Westen zu öffnet durch ein Rinnsal, das in Vereinigung mit dem Attala-Wasser dem Tselari tributär ist. Dieser Thalkessel ist indess bedeutend höher, als das Attala-Thal, so dass, wenn man den 8407' hohen Mollaho-Pass überstiegen hat, man nicht wieder so tief hinab zu steigen braucht. Vor uns lag jetzt im SW. der massenhafte Dogoa-Zebit-Berg, der grösste Koloss, den ich bis jetzt in Abessinien gesehen hatte, und von wenigstens nach dieser Seite hin ziemlich sanft abfallenden Wänden.

Der Dogoa-Zebit, auch Farar-Amba genannt, wurde an seinem südöstlichen Abhange am folgenden Tage überstiegen, da wir nach dem 10 Meilen, in 150deg. Richtung entfernten Doha, auch Doba, Mai-Doba oder Mechan wollten. Der Pass, der uns über diesen Berg führte, Debar-Pass genannt, ist von Norden her sanft ansteigend, fällt aber nach Süden zu in zwei steilen Absetzen 2000' tief in die Doba-Ebene. Der höchste Punkt des Dogoa-Zebit ist wenigstens noch 2000' über dem 9723' hohen Pass. Der Berg besteht durchaus aus Granit, aber weiter nach Süden zu zeigen sich vulkanische Steine. Am Ostabhange in steilen Klippen haben sich Leute eingenistet, aus Furcht vor den Galla, deren Gebiet hier jetzt gleich anfängt, diese unzugänglichen Felswände als Wohnsitz wählend. Sobald man die Ferar-Amba überstiegen hat, ist der Fall der Gewässer nicht mehr nach Westen zu, sondern nach dem Rothen Meere, und mit der Wasserscheide hört auch die christliche Religion auf, wir sind in einem vollkommen mohammedanischen Lande. Auch politisch sind hier Grenzen, wir haben den südlichsten Punkt von Uadjerat erreicht, nach Westen zu ist alles noch Enderta-Land, während die Mohammedaner nach Süden und Osten zu dem Prinzen Gobesieh von Lasta tributpflichtig sind. Sobald man den Debar-Pass überwunden hat, kommt man in ein hinlänglich gut bewaldetes Land. Wenn man auch keine grossen Bäume antrifft, so ist das Auge doch erfreut durch das frische Grün der Juniperen und Mimosen. Die Gegend ist daher auch gut bewässert und in den Abhängen der Berge tummeln sich grosse Heerden von Affen umher. Trotzdem nun die Gegend recht einladend für Wild zu sein scheint, so hatten wir doch zum ersten Male in Abessinien weder Schakale, noch Hyänen des Nachts in unserem Lager, wir bemerkten dies sowohl in Eiba, wie in Mai-Doba. Dafür aber hatten wir hier im Buschwerk bei den Quellen Nachtigallen, sahen den nackthalsigen Aasgeier, den beständigen Strassenreiniger in den Orten von Innerafrika, Vögel, die uns bisher noch nicht aufgestossen waren. Die mohammedanische Bevölkerung dieser Gegend empfing uns übrigens ebenso gut für unser Geld, wie es bisher die christliche gethan hatte, und wir konnten hinlänglich Korn und Vieh einkaufen. Ueberdies unterscheiden sie sich in Nichts von ihren Nachbarn, weder in Gestalt, Farbe der Haut, Tracht oder Sprache, nur tragen sie kein blaues Band um den Hals, hier das einzige Zeichen, dass man Christ ist.

Während wir so glaubten, dass Hyänen unser Lager in Doba nicht besuchen würden, wurden wir indess gleich am zweiten Abend bei unserem Essen durch das Geheul von wenigstens einem Dutzend dieser Thiere aufgestört, die, wie es schien, unsere Anwesenheit herbeigelockt hatte. In der That wäre es wunderbar gewesen, wenn diese widerlichen Thiere so plötzlich verschwunden gewesen wären.

Gobesieh, Prinz von Lasta, gab uns indess ein Zeichen seiner festen Freundschaft und schien es viel ernster mit dem Bündnisse der Engländer zu nehmen, als Kassa von Tigre. Er sandte uns früher in einem Briefe die Nachricht, dass die Leute beim Aschangi-See Befehl hätten, uns bei den Wegearbeiten zu helfen; hier angekommen, fanden wir in der That Leute vor, die Befehl zum Arbeiten hatten, und wenn sie auch gerade nicht sehr tüchtig waren und lange nicht so gut als englische oder indische Arbeiter, so war doch ein thatsächlicher Beweis von Hülfe gegeben. Ebenso hatte er seinen Unterthanen Befehl gegeben, uns Korn zu bringen, und als wir eines Tages von Doha aus einen Spazierritt in die Gegend des Aschangi-Sees machten, von dem uns nur noch etwa 10 Meilen trennten, begegneten uns Hunderte von Weibern, alle mit Korn beladen. Meist Mohammedaner, jedoch unter der Herrschaft des christlichen Lasta-Fürsten Gobesieh, sangen sie Lieder, als sie bei uns vorbeizogen, zu unserem Preise und baten Gott, dass mit unserer Ankunft gute Ernte und Regen verknüpft sein möchte. Der Chor fiel dann immer mit "Amin" ein. Der Teint dieser Frauen schien etwas heller zu sein, aber in ihrer Kleidung waren sie ebenso schmutzig wie ihre christlichen Schwestern, das schmutzigste Volk, was in Afrika existirt. Ihre Haare tragen sie ebenfalls in kleinen Flechten von hinten nach vorn über den Kopf geflochten, nur Einmal im Leben gemacht, später dem Schmutze, der Butter und dem Ungeziefer frei überlassen; manche hatten sich so mit Butter die Haare geschmiert, dass als die Sonne darauf schien, dieselbe übers Gesicht und den Hals herabfloss. Die oberen Kleidungsstücke bekommen davon eine glänzend schmutzig schwarze Farbe. Viele der Frauen hatten enorm grosse eiserne oder silberne Armringe. Perlenschmuck sieht man sonst wenig in Abessinien, höchstens haben kleine Kinder Perlenschnüre um den Hals. Die Männer tragen ausser dem blauen Halsband von Seide, wenn sie Christen sind, gar keinen Schmuck, bei einigen wenigen Mohammedanern bemerkte ich einen schmalen eisernen Ring um den linken Oberarm. Die Wohnungen der hiesigen Mohammedaner waren übrigens ebenso schlecht wie die der christlichen Abessinier und bei Weitem roher und schmutziger, als die der Neger in Innerafrika. Hier meist eine runde Mauer aus Stein mit Thon zusammengeklebt und von einem so schlechten und wenig künstlich gemachten Dache gedeckt, dass es fast alle Jahre erneuert werden muss. In Innerafrika geometrisch runde zwar aus Thon ohne Steine aufgeführte Mauern und so schön und kunstreich mit Stroh überdacht, dass es wenigstens während einer Generation dem Wetter Widerstand leistet. Hier der Boden im Hause, wie ihn die Natur giebt, in Innerafrika geebnet, in Bornu von gestampftem Thon, in einigen Sokoto-Provinzen sogar von Mosaik-Arbeit.

Aber in Allem stehen die Abessinier gegen die Neger Bornu's und Sokoto und anderen zurück, obwohl seit Jahrhunderten mit Europa im directen Verkehr und durch die Erwählung eines koptischen Abuna von Alexandrien in geistiger Verbindung mit den übrigen christlichen Religionen; kein Land hat so viele europäische Besucher gehabt, als Abessinien, und nie ist ein Land mehr mit Missionen von Katholiken und Protestanten überschwemmt worden als Abessinien und doch sehen wir keine Spur davon. Aber wie die Araber, deren ganzes Leben sich nur um eine fanatische Religion dreht, sich nie civilisiren werden, ebenso wenig werden die Abessinier, wenn sie nicht ihren Religionsdünkel ablegen, je auf eine höhere Culturstufe kommen.

Es war Sonntag der 15. März geworden und wir hatten die Absicht gehabt, bis am folgenden Tage in Doha zu bleiben, als um 11 Uhr Grant mit Sind-Horses und Oberst Lack mit einer Abtheilung des 3. leichten Cavallerie-Regimentes eingerückt kamen. Es wurde nun auf der Stelle der Befehl gegeben, aufzubrechen und obwohl es schon 11 Uhr war, befanden wir uns nach einer halben Stunde im Marsche, um nach dem 5 Meilen entfernten in S. z. O.-Richtung liegenden Haya zu marschiren. Grant brachte uns zugleich die Nachricht mit, dass Sir Robert endlich Antalo verlassen habe und sich schon mit dem ganzen Hauptquartier in Attala befände. Wie ich vorausgesehen hatte, war die Route über Garab-Digdig und Messino aufgegeben worden, man hatte die kürzere über Aladje vorgezogen. Viel hatte dazu beigetragen, dass unser Dailey Telegraph-CorrespondentViscount Adair. von Attala aus über Aladje nach Antalo geritten war, freilich nicht mit der Absicht, um Sir Robert zu bewegen, diese Route zu nehmen, sondern Privatangelegenheiten halber, aber man hatte gesehen, dass die Route passirbar war, und das war für die Armee ein grosser Gewinn an Zeit und Mühe. Sir Robert Napier hatte den Aladje sogar mit einigen Elephanten passirt, ohne dass Hand vorher angelegt worden war, den Weg passirbar zu machen. Aber er schien jetzt von einem Extrem ins andere fallen zu wollen, konnte er vorher nicht langsam und vorsichtig genug Vorgehen, so wollte er jetzt mit aller Gewalt darauf losgehen. Dies bewog uns denn auch, so rasch wie wir konnten vorzugehen. Wir hatten den Weg bis Haya schon höher recognoscirt; obgleich in einer recht wild romantischen Gegend, ist er gerade nicht sehr schwierig für Packthiere; wie früher sind die Berge dicht mit schönem Wachholder und grossen Schirmmimosen bestanden. Wir gingen aber, in Haya angekommen, gleich noch weiter den Ashara-Pass hinauf, der uns noch vom Aschangi-See trennte, und obgleich herzlich müde, wurden wir, oben angekommen, reichlich durch den lieblichen Anblick belohnt, der sich vor unseren Blicken ausbreitete. Der Ashara-Pass ist eine Rippe vom hohen Saringa-Berge, der reichlich so hoch als der Zebit-Ferar-Berg ist, und der sich jetzt, da sein ganzer Gipfel in Brand gerathen war, wirklich prächtig ausnahm. Wir konnten freilich vom Ashara-Pass nicht den ganzen See übersehen, hatten aber dennoch ein Bild vor uns, wie man es nur in der Schweiz oder Tyrol wiederfindet; Munzinger, der am selben Tage Briefe von Lat einschickte, vergleicht den Aschangi mit dem Zuger-See. Allerliebst nahmen sich zu unseren Füssen die kleinen von runden Hütten gekrönten Hügel der Ostseite des Sees aus, und weiter hin nach Osten dehnte sich das mächtige Teltal-Ade-Sagol-Thal aus. Als wir uns genügsam an diesem prächtigen Anblick geweidet hatten, kehrten wir zu unserem Lagerplatz zurück, und fanden mittlerweile unsere Zelte aufgeschlagen. So sehr wir nun auch befriedigt waren, wenigstens am 15. März, an einem Sonntage, den Ashangi-See, von dem wir so viel gehört und von dem wir so viel gesprochen und nach dem wir uns so sehr gesehnt hatten, noch gesehen zu haben, so wurde unsere Freude etwas herabgestimmt wenn wir an die Schwierigkeiten dachten, mit unserer Bagage den folgenden Tag den Ashara-Pass hinauf zu müssen; der Weg, der von Haya hinaufführte, welches ziemlich tief lag, war in der That einer der zerrissensten, den wir bis jetzt zu überwinden gehabt hatten

Wirklich brauchten wir von Haya zur Uebersteigung dieses Passes fast einen ganzen Tag, da überall Blöcke aus dem Wege geräumt werden mussten, und Verhaue, die noch aus den Zeiten der Kriege zwischen Gobesieh und Walde Jasus herrührten, hinwegzuräumen waren. Unter der Zeit kamen auch die Sind-Horses und drei leichte Cavallerie-Abtheilungen mit ihren unendlichen Bagagen nachgerückt, so dass das Ganze von oben gesehen, einer Ameisenstrasse glich, wenn sie in Unordnung gerathen ist. Indess kamen wir ohne Unfall herunter und campirten ziemlich weit vom wahren Ufer des Sees beim Dorfe Ainemai, während die Cavallerie sich eines Marktes halber eine Meile weiter westlich nach dem Dorfe Ad-Aschangi verlegte, ohne indess grossen Nutzen von dem gerade abgehaltenen Markte zu ziehen.

Abends spät kam dann noch aus dem Hauptquartier ein Offizier zu uns mit der Nachricht, dass Sir Robert Antalo verlassen habe und ohne die Ebenung des Weges über den Aladje-Pass abzuwarten, denselben mit dem ganzen Hauptquartier überstiegen habe und sich in Attala befände. Selbst Elephanten waren über den rohen Weg mit leichter Mühe hinweggekommen. Zugleich brachte er die Nachricht, dass der General jetzt nicht mehr anhalten würde, worauf denn sofort beschlossen wurde, am folgenden Tage weiterzurücken. Wahrscheinlich hatte Napier von London aus Ordre bekommen, die Expedition rascher zu betreiben, was ihn veranlasste, auf einmal so ganz mit seinen Grundsätzen, Alles mit der grössten Vorsicht zu betreiben, zu brechen. Oder hatte er eingesehen, dass man in Freundesland nicht so zu marschiren brauchte, wie in einem feindlichen, dass überhaupt die Regenzeit nahe bevorstand, und dass er, falls er nicht ein ganzes Jahr länger in Abessinien verweilen wollte, den Feldzug endlich mit Energie zu Ende zu bringen hatte. Andere wollten auch behaupten, man habe im Hauptquartier Nachricht aus Magdala erhalten, König Theodor habe sich dieses Ortes bemächtigt und er eile deshalb so rasch vorwärts. Aus alle dem ersah man indess, dass er aus einem Extrem ins andere verfiel: die Wege hätten längst gemacht sein können, einen ganzen Monat hatten wir unnütz auf den Orten von Antalo bis zum Aschangi verbracht, mit dem Befehle, nicht vorzurücken, während wir selbst, wenn Napier wie er beliebte, zurückzubleiben wünschte, in der Zeit mit leichter Mühe einen fahrbaren Weg bis Talanto durch eine Pionirforce von einigen hundert Mann hätten machen lassen können. Ueberhaupt hätte der General en chef längst einmal wenigstens von dem Zustand der Wege bei der Recognoscirungstruppe sich überzeugen müssen; bis zu dem Marsche über den Aladje-Pass hatte er nie einen Anblick von den Schwierigkeiten, welche zu überwinden waren, gehabt, eine Menge Truppen marschirten immer vor ihm, wie er denn im Anfange - und dies ist unerhört in allen Kriegsgeschichten - die Operationen von Indien aus leiten wollte und sogar Befehl gegeben hatte, vor seiner Ankunft die HochlandeGeneral Merewether und Colonel Phayre hatten Ordre, mit den viel früher angekommenen Truppen an der Küste zu halten, bis der Chef einträfe; hätten sie es getan, so wäre Krankheit und Tod bei der grossen Hitze zu der Zeit in Zula unausbleibliche Folge gewesen und überdies wäre es Unsinn gewesen, ohne recognoscirt zu haben, mit der ganzen Armee auf einmal in Abessinien einzurücken. Phayre und Merewether erwarben sich also grosses Verdienst um die englische Armee, als sie Sir Robert's Befehlen aus Bombay nicht folgten. nicht zu betreten.

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