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Im Allbach

Adolf Pichler: Im Allbach - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAllerlei Geschichten aus Tirol, 1. Band
authorAdolf Pichler
year1897
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig
titleIm Allbach
pages118
created20141203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Allbach.

Eine Geschichte aus Tirol

von

Adolf Pichler

 


 

Aus: Allerlei Geschichten aus Tirol, 1. Band
Verlag von Georg Heinrich Meyer, Leipzig
1897

 


 

Der Frühling gehört in den Alpen durchschnittlich zur Regenzeit, so daß Kraut und Blumen sich eher darüber freuen mögen, als Touristen und Dichter. Bisweilen giebt es jedoch eine Ausnahme, dann ist freilich nichts mit den herrlichen Tagen zu vergleichen, deren Genuß uns vergönnt wird. Ja, da trägt das Land seine Schützenfarben: Thal und Höhen überzieht schwellendes Grün von Blumenschmelz durchwoben, die Berge jedoch umhüllt der schneeweiße Mantel, von dem breite Falten zum Föhrenwald niederfließen, während sich, noch dunkler durch den Gegensatz, der Himmel tiefblau darüber wölbt. Solche Tage in der Studierstube zu verdämmern, wäre eine Todsünde gewesen. Ich nahm mir gar nicht mehr Zeit, die 2 Versteinerungen, über deren Untersuchung ich lang vergebens geschwitzt, in den Schrank zu legen, ergriff Bergstock und Hammer und eilte auf den Bahnhof. Schon qualmte der schwarze Rauch aus dem Schlot; ein greller Pfiff, und lustig dampfte ich hinab ins schöne Unterland, in die Blütenfülle des reichen üppigen Lenzes. Zu Brixlegg verließ ich den Waggon; seitwärts zog durch die Wälder und Wiesen ein Pfad, immer höher und höher ins Allbach, wo ein Völklein wohnt, eigentümlich in Art und Weise, aber nicht älplerisch verbohrt, und gerne bereit, das Gute aufzunehmen, wenn es auch von außen kommt. Der Leser muß es sich schon gefallen lassen, wenn ich hie und da vom Pfad ablenke, vielleicht pflückt er nicht ungern mit mir eine gelbe Jochaurikel, oder schlägt einen Stein los, wo kleine Nester Fahlerz schimmern: letzte Spuren des reichen Bergsegens von Tirol, der mit so manchem andern Guten nur mehr in der Erinnerung der Väter lebt.

Dort öffnet sich eine enge Klamm: dumpf rauscht der Bach und treibt Qualm empor, der 3 feine Rauch steigt über die Tannen, die den Rand einfassen, und spielt im Glanze der Morgensonne alle Farben des Regenbogens. Solche Schluchten sucht der Geognost gern auf; der Bach hat ihn der Mühe des Steinsprengens überhoben, und überall den harten Kern der Erde bloßgelegt, so daß er nur zuzugreifen braucht. Diese Schluchten sind aber auch die letzte Zuflucht des Frühlings; wenn auf den Höhen das Gras schon fahl wird und der Sommer glüht, kehrst du hier vom Mai Schritt für Schritt in den April und März zurück. Wären es auch nicht die Steine, so verlockt die Schönheit dieser Plätzchen zu einem Aufenthalt, und es giebt leicht eine Ausrede. die kleine Naturbummelei, die mit dem eigentlichen Zweck der Reise nicht zusammenhängt, zu entschuldigen. Ich stieg über die steile Graslehne hinunter, Feuerlilien flammten aus dem grünen Haselbusch, an dessen Zweigen ich mich festhielt und auf einen kleinen Absatz schwang, über den ein Ziegensteig einwärts leitete. Bald erhoben sich rechts und links kleine Felsenköpfe, der 4 kühle Luftzug brachte den Duft der Schlehenblüte; endlich schlossen die Wände enger zusammen und gönnten gerade nur einer kleinen Mühle Raum, wie sie die Bauern für ihren Hausbedarf einrichten. Sie war auf einer niedern Grundmauer kantiger Steinblöcke ganz von Holz gezimmert, die Bretter halbvermodert und überwuchert von feuchtem Moos, am Rad hingen lange Strähne Wasserfaden, als hätten sie es für immer eingesponnen. Aus der Spalte des Schiefers nickten mannshoch die Federn eines prächtigen Farren, die langen Ranken des Erdbeerkrautes spannen sich von Rasen zu Rasen, der hie und da eine Ecke umhüllte. Noch blühte hier die Anemone blau, rot und weiß in den Farben der Trikolore und die gelbe Primel, über die breiten Polster des Heidrichs summte die Biene, und das Rotkehlchen besann sich zwischen den blühenden Erlen wieder auf das Lied, das es vor länger als einem Monat draußen im Thale gesungen. Zu hinterst in der Schlucht, wohin kein Sonnenstrahl drang, spannte sich sogar eine Brücke 5 von Schnee über das Wasser. Lange betrachtete ich das reizende Bild, endlich holte ich Hammer und Meißel hervor und begann mein Tagwerk, in die Wette mit dem Schwarzspecht, der unfern einen alten Buchenstamm abklopfte. Da öffnete sich die Thüre der Mühle, ein kleiner, breitschulteriger Mann, auf dem Rücken eine leere Kraxe, trat heraus. Sein Haar war stark mit Grau gemischt, das Auge hatte fast einen stechenden Blick, als sollte ihm nichts entgehen, doch wurde der Ausdruck unheimlichen Lauerns durch einen Zug unverwüstlicher Gutmütigkeit gemildert, und bald spielte um den Mund ein freundliches Lächeln.

»Grüß Gott,« begann er, »hab' Euch durch eine Lücke gesehen und erst für einen Maler gehalten. Kommt mancher her und zeichnet, was dann die reichen Leute um viel Geld kaufen, daß ich nicht bloß die Klamm hier, sondern auch noch mein Gütchen gern dafür weggäbe. Ihr seid wohl ein Knapp', der Erz sucht, da werdet Ihr aber nicht viel aufklauben, geht mit mir ins Allbach, dort schaut eher was heraus.«

6 Der Mann hatte recht, der Schiefer barg hier nur einzelne Blättchen Glimmer, – Katzensilber, wie ihn die Bauern verächtlich nennen, weil nichts daran zu gewinnen ist. Wir kletterten schweigend über den steilen Abhang bis zum Fußpfad, den ich verlassen, dort fuhr der Alte fort: »Die nächste Woche will ich die Mühle ausflicken, deswegen hab' ich heut' Werkzeug hinabgetragen; denn eh's auf die Alm geht, muß man Mehl haben. Nun meldet aber auch Ihr, was hat Euch hergeführt?« Während wir langsam vorwärts gingen, gab ich ihm Auskunft; nach mancher Rede bogen wir um einen Vorsprung und Allbach lag mit allen Buchten und Höhen klar vor uns. Links drängten sich Kalkfelsen vor, zuhinterst leuchtete die Spitze eines Gletschers so hell, daß der vom Waldesdunkel verwöhnte Blick sich geblendet abwenden mußte. Mein Begleiter deutete mit dem Finger auf zum Schrofen. »Da kommt Ihr zu spät; bunte Steinchen, fast wie Marbel giebt es freilich noch genug, aber das Erz, Silber und Gold viel tausend Centner ist längst schon aufgeräumt 7 oder mit den Knappen in die Hölle versunken, weil sie die Gabe Gottes schändlich mißbrauchten. Nicht bloß im Wirtshaus haben sie gesoffen, wie es wohl auch ein ehrlicher Christenmensch mitunter thut, man mußte ihnen den Wein durch Brunnenröhren in die Stollen leiten, bis endlich unser Herrgott zornig dreinschlug, die Wässer der Tiefe schwellen hieß, und Mann und Maus ertränkte. Aber dort, dort bei der schneeigen Spitz giebt es mehr Silber als Eis und unsere Finanzler hätten es gewiß längst schon geholt trotz der kalten Pein, wenn nicht das Hinaufklettern wäre. Schaut, jener stattliche Bauernhof mit mehr und größern Fenstern als manches Schloß ist vom Gelde der Spitz erbaut und ausgestattet.«

»Nun, was ist's mit der kalten Pein?« unterbrach ich ihn.

Er zog die Augenbrauen pfiffig in die Höhe und erwiderte lächelnd: »Ihr Herrenleut' glaubt doch nichts; eigentlich ist es bei den Bauern seit einigen Jahren auch nicht besser, sie lachen dem Meßner ins Gesicht, wenn er zu Martini 8 das Korn fürs Wetterläuten fordert. Es giebt ja doch keine Hexen mehr, die unter Donner und Blitz den Hagel werfen; – zwar der Lexen Moid sagt man allerhand nach, wird aber nicht wahr sein. Nu gut, die kalte Pein! Den Schatz auf der Spitz muß einer hüten, der alle hundert Jahre abgelöst wird, wenn sich ein anderer statt seiner anstellen läßt. Hundert Jahr! denkt mancher Geizhals, das wird auszuhalten sein, wenn man sein Lebtag Geld genug hat, und dann, sobald es dran und drauf kommt, kann man sich ja in Pelz einnähen lassen. So meinte auch der Sepp, der den Palast dort erbaute. Er war ein armer Kleinhäusler, und gangen ist's ihm schlecht genug, daß er wie Esau um ein Linsengericht gewiß alles verkauft hätte. Da fielen ihm allerlei lästerliche Gedanken ein, er hing ihnen nach, vom Gedanken zum Wunsche ist es nicht weit, und dann hat der Teufel lockern Boden für seine Saat. Im Fasching legte er sich hungrig zu Bette, da hörte er spät in der Nacht den Lärm der Zecher und den Klang der Tanzmusik aus dem 9 Wirtshaus beim Knollen. Ihr müßt dort einkehren, die Wirtin ist meine Gevatterin und hat sie kein frisches Bockfleisch, so gackern Hühner genug in der Steige.

Ja beim Knollen ging's in alter Zeit oft saggerisch zu, jetzt haben die Leut' das Geld nimmer, – gerade wie damals der Sepp. Der sprang, als er die trunkene Mette hörte, mit einem greulichen Fluch vom Stroh und forderte den Teufel auf, ihm zu helfen, wenn er etwas könne. Weißt wohl, der Schwarze läßt sich nicht zweimal laden; das Haus krachte in den Grundfesten, und aus dem Boden stieg ein Mann in der Tracht des verflossenen Jahrhunderts. Sein Gesicht schimmerte wie Eis, er zitterte am ganzen Leib und rief mit den Zähnen klappernd: ›Alle Jahre kannst du von der Spitz Geld holen, so viel du zu tragen vermagst; ist aber deine Zeit um, so wirst du Schatzhüter an meiner Statt. Willst du, so geh mit.‹ Sepp überwand den ersten Schrecken und folgte der Aufforderung. Bald war er der reichste Mann im Unterinnthal; wer Grund 10 und Boden verkaufen wollte, bot es ihm, so daß er endlich mehr hatte als mancher Baron nicht bloß in Tirol, wo die meisten ihren Grundbesitz an der Schuhsohle herumtragen, sondern in der ganzen Monarchie. Da kaufte er auch jenes Mahd, – es liegt noch Schnee drauf –; als er hinaufstieg, um es zu besichtigen, schlüpfte er und verschwand in einen Abgrund, ohne daß es je gelungen wäre, seine Leiche zu entdecken. Noch ist aber die Sache nicht aus. Er war sonst ein guter Kerl, schenkte den Armen und gab den Franziskanern manche Butterkugel für Messen, deswegen durfte er in der heiligen Weihnacht zurückkehren und sich wärmen. Seine Nachkommen heizten dann immer die große Stube, daß der Ofen springen wollte, doch wagte niemand zu bleiben. Nur ein Knechtlein konnte die Neugier nicht bändigen, es spähte durch das Fenster. Da sah es ihn, wie er am Ofen hockte, ein brennendes Scheit nach dem andern hervorzog und auffraß, wie unsereins ein Würstchen. Das Knechtlein fand man des Morgens ohnmächtig, es hat sein Lebtag nicht 11 mehr gelacht. Der Geist ist übrigens auch schon lang erlöst, – dort springt gerade sein Urenkel mit einem saubern Diendl daher.«

Zwei junge Leute wurden zwischen den Bäumen auf einem Wege sichtbar, der zu einigen höher gelegenen Häusern emporführte. Der Bursch trug die kleidsame Tracht des Thales, vom Hut nickte eine große Blutnelke und ein Zweiglein duftigen Rosmarins, beides mit einem breiten, flatternden Seidenbande zum Strauß verschlungen. Das Mädchen war in Hemdärmeln, welche von zierlichen Spitzen umfranst, den runden, etwas gebräunten Arm fast ganz nackt ließen. Sie trug eine weiße, in glatte Falten gebiegelte Schürze; den Strauß am blauen Mieder suchte sie, als wir uns näherten, sorgfältig zu verbergen. Mein Begleiter betrachtete das schöne Paar mit Wohlgefallen, endlich, nachdem er sich einen Augenblick an ihrer Verlegenheit geweidet, sagte er lachend: »He ihr zwei, was ist denn heute für eine Prozession, daß ihr so zierlich aufgeputzt zum Dorfe rennt? Lisele, brauchst nicht auf die 12 Seite zu schauen; mir scheint gar, du hast den Hans endlich aus der heißen Pein erlöst, in der du ihn so lang schmachten ließest – freilich nicht hundert Jahr, sonst wär's auch zum Heiraten für immer zu spät.«

Das Mädchen errötete bis auf das Busentuch und sagte halb unwillig zum Burschen, der bereits erwidern wollte: »Geh, Hans, sag nichts, sonst trägt uns der Schwätzer von Haus zu Haus.«

»Nu, nu nicht so oben aus,« rief der Alte schmunzelnd, »der Pfarrer wird euch schon von der Kanzel verkündigen, ich brauch' es nicht zu thun. Uebrigens wünsch' ich viel Glück zur Brautprüfung, ihr seid ja auf heute bestellt; ich mein', wenn ihr auch den ganzen Katechismus vergessen habt, über das Kapitel von der Liebe werdet ihr gewiß Bescheid wissen. Fehlt sich nichts, seid nette Leut', werd' schon auf die Hochzeit kommen und eine ordentliche Ehrung thun.«

»Nimm's für die Einladung, daß wir dich hier getroffen haben«, erwiderte der Bursch und 13 reichte treuherzig die Hand. »Wenn dein Kamerad,« – er meinte mich – »auch kommen will, ist's recht: ein ordentliches Frühstück mit festen Knödeln, einem gesottenen Kalbskopf und Schmalznudeln wird auf dem Tisch stehen.«

Das Pärchen ging eilig, wie es gekommen, ohne eine weitere Antwort abzuwarten. »So eine Braut ist doch ein spaßiges Ding!« sprach der Alte endlich. »Sie ersehnt nichts so sehr als die Hochzeit, und redet man davon, wird sie rot, als hätte sie den Bräutigam gestohlen. Zwar die da hätt' einige Ursache, wie lang hat sie sich gespreizt und warum? Da hat einmal ein Missionär von der Jungfrauschaft gepredigt, wie sehr sich unser Herrgott daran freue, und denen, die sie bewahrt, droben ein Ehrenplätzlein einräume, als ob alle brave Eheleute, die wahrlich auf Erden nicht immer den Himmel haben, nur Bagage wären. Bin zwar auch ein Junggesell, das ist aber nicht meine Schuld, gehört auch nicht hierher.« – Der Blick des Alten trübte sich und erst nach einer Weile nahm er den abgebrochenen Faden wieder auf: 14 »Das Lisele wollte nun auch heilig werden, wie die Notburg, deren Gebeine ober dem Altar zu Eben in einem goldverzierten Glaskästlein prangen, sie lief von einer Kirche zur andern und der Hans half ihr fleißig beten. Das war, wie man zwei Oechslein, eines vorn, das andere hinten, an den Wagen spannt; eines zieht da-, das andere dorthin: sie betete um ewige Jungfrauschaft, obwohl ihr die Liebe aus den Augen lachte, und er verlobte sich zu allen Heiligen, daß sie sein würde, und heulte dabei nachts wie ein Kater vor ihrem Fenster. Diese Narrenwirtschaft that nicht lang gut, ich beschloß daher, mich dreinzulegen und dem Hans, den ich aus der Taufe gehoben, einen guten Rat zu geben. Es war im Jahre 1859, wo der Bonapartl, dem ich auch ein Ehrenplätzlein vergönne, aber recht tief drunten, den großen Krieg anfing: da sprengten wir aus, der Hans wolle aus Verzweiflung Kaiserjäger werden. Lisele fing nun an, den Kopf zu hängen – natürlich, träf' ihn eine Kugel, wer mußt' es verantworten als sie. Um einen 15 so schönen Hans wär auch schad gewesen, wie um keinen andern. Als er nun eines Abends Abschied nehmen wollte, da weinte Lisele, daß es einen Stein hätt' erbarmen mögen, er reichte ihr die Hand, krampfhaft hielt sie ihn fest, und sie stünden wohl noch vor einander, hätte sich Hans nicht endlich ein Herz gefaßt und den Arm um ihren Leib gelegt. In einem langen Kusse war der Bann gelöst. Lisele ging zu einem Serviten in Rattenberg beichten: das war ein alter, vielerfahrener Mann, keiner von den Ueberfrommen, wie sie die Himmelsthür mit dem Schädel einrennen möchten. Er tröstete sie in ihrer Herzensnot wegen dem Ehrenplätzlein neben der unbefleckten Jungfrau Maria droben im Himmel und legte ihr auf, der Mutter Gottes zu Absam nach der Hochzeit eine Wachskerze zu opfern. Ich hab' ihr geraten, damit zu warten, bis der erste Bub' da sei, und sie dann beim Wachszieher nach dem Gewichte von diesem zu bestellen; da hättet ihr aber sehen sollen, sie wär' mir bald ins Gesicht gesprungen. Seitdem schaut sie mich 16 immer scheel an, thut aber nichts, sie nimmt mich doch zum Gevatter. Ich hab' sie oft auf dem Buckel aus der Schule heimgetragen, wenn es witterte, daß man nicht einen Schritt vor der Nase sah und manchmal auch geblattert, sobald sie zu unbändig that. Hat nicht übel angeschlagen und war auch recht. Sind wir doch verwandt und gar nicht so weit auseinander. Jaggs Urgroßmutter war Seppen – Hansens – Jörgels Schwester und dieser eine Base von Hiesens – Stanis – Melchers Buben meinem Ahndl. Also wißt Ihr's!«

Mir ging bei diesem homerischen Stammbaum etwas das Gesicht aus dem Leim, obwohl ich die Sitte der Bauern kannte, Verwandte durch die Angabe der Sippe zu unterscheiden, wenn etwa nicht ein Spitzname an ihrer Person oder am Hofe haftet.

Wir waren zu einer kleinen Kapelle gelangt, über die sich ein ungeheurer Lärchenbaum neigte. Der Gipfel war vom Blitz gebrochen, nur wenige Aeste trugen noch den grünen Schmuck, die meisten starrten vertrocknet 17 hinaus, graue Flechten hatten sich am Stamme angesiedelt, dessen borkige Rinde, vielfach gespalten, zu eng geworden schien und überall in die markleere Höhlung blicken ließ, wo sich eine Natter verkroch. Ameisen wuselten geschäftig hin und her, indem sie die Splitter des toten Holzes auf einen nahen Haufen fortzuschleppen bemüht waren.

»Warum fällt man den Baum nicht?« fragte ich meinen Begleiter.

Der stopfte erst ruhig sein Pfeiflein, schlug mit dem Stein Feuer und legte den glimmenden Schwamm auf den Tabak. Nach einigen vollen Zügen erwiderte er: »Den Baum? Er steht zur Erinnerung an eine schreckliche That und ich möcht' es keinem raten, ihn anzutasten. Schaut nur hinein in die Kapelle, seht Ihr den Christus am Kreuz? Er ist mitten durch die Brust geschossen. Einst hing er unter den Aesten der Lärche; seit sich aber die Hand des Frevlers wider ihn erhoben, ward er in der Kapelle untergebracht.«

»Das könnt Ihr mir ja auch erzählen!« bat 18 ich ihn. »Sehr gern,« erwiderte er, »im Grund hab' ich heut' nicht mehr viel zu versäumen, die Kühe versorgt der Knecht und die Bienen, – nun die werden auch nicht schwärmen, wenn auch die Kirschenblüte bereits heraus ist. Die Geschichte spielt wieder in der Familie unseres Hans. Es ist überhaupt sonderbar, daß sich an manches Geschlecht so viel Merkwürdiges knüpft, während andere entstehen und vergehen wie das Kraut im Garten und kein Mensch fragt darnach. Trägt sich im Thal was Eigentümliches zu, sei's Glück oder Unglück, ist gewiß ein Hochmair, so schreibt sich der Stamm jenes stattlichen Hauses, damit verflochten. Da ließe sich viel mitteilen, vielleicht ereignet sich alles gerade deswegen, weil die Leute daran glauben.

Was das Kreuz betrifft, so hört. Der Großvater des Schatzhüters auf der Schneespitz war ein verrufener Wilddieb; es mag vielleicht nicht unwahr sein, wenn man ihm nachsagt, das Blut eines Menschen und einer Gemse sei ihm gleich gewesen und er habe 19 manchen landesfürstlichen Jäger, der ihm in die Quere kam, weggeputzt. Einmal wurde er zu Ostern im Beichtstuhle nicht mehr losgesprochen, verzweifelnd verließ er die Kirche und besuchte seitdem nie mehr einen Gottesdienst. Auf der Jagd ward ihm das alte Glück untreu, beim Zielen legte sich ein Nebel vor seinen Blick, er zitterte, wenn er losdrückte. Man behauptete, er sähe in diesem Augenblick das Gespenst eines jungen Mannes, den er, nachdem er ihn angeschossen, trotz aller Bitten mit dem Kolben totgeschlagen und in die Schlucht geschleudert. Sei dem, wie ihm wolle, so viel ist gewiß, daß er menschenscheu oft wochenlang in den Wäldern herumirrte und sein Hauswesen ganz in Unordnung geriet.

Wo das Auge des Herrn fehlt, gedeiht nichts, ist ein alter Spruch. Er war nahe daran, vergantet zu werden. Da erinnerte er sich an den Rat eines bayrischen Raubschützen. Lange schwankte er, die Not drängte jedoch immer mehr, Gott half ihm nicht, was sollte er sich noch länger um Gottes Sohn kümmern, aus dessen 20 Kirche er ausgeschlossen war. Der verhängnißvolle Fronleichnamstag brach an, . . . er lud den Stutzen, jedoch für kein Wild. Unter hellem Glockenklange zog die Prozession über die Felder, die Fahnen wallten, die Chorknaben stimmten das Sanctus an und feierlich erhob der Priester die Hostie in der Goldmonstranze zum Segen, – da krachte ein Schuß, es krachte ein Donner aus hellem Himmel, und das Haus des Wilderers brannte lichterloh. Aus den Büschen unweit des Baumes drang ein fürchterlicher Schrei, die Prozession zerstob in scheuer Flucht, nur der Geistliche wagte mit wenigen Männern an die Stätte zu eilen. Da hing das Christusbild durchbohrt von einer Kugel, einige hundert Schritte seitab lag der Wildschütz, den Stutzen in die Faust gepreßt, die Augen rollend wie im Wahnsinn. Er winkte dem Priester, die andern blieben zurück. Nach einer langen Unterredung erhob sich dieser und ging düster schweigend in die Kirche, wo er die ganze Nacht hindurch betete: der Wildschütz verschwand im Gebüsch und kein Mensch im 21 Thal sah von ihm eine Spur mehr. Viele Jahre verflossen, da kam ein Brief aus Welschland an den Pfarrer. Am nächsten Sonntag verkündete dieser von der Kanzel, der Frevler sei nach strenger Buße mit Gott versöhnt gestorben; jeder, dem er Aergernis gegeben, solle ihm verzeihen, und der eigenen Sünden gedenken, damit der Herr auch ihm gnädig sei. Der Abgeschiedene habe geglaubt, sein Gewehr unfehlbar zu machen, wenn er am Fronleichnamstage während des Segens einem Christusbilde die Kugel in die Brust schieße. Nachdem er es gethan, habe der Erlöser am Kreuz das Haupt erhoben und ihn mit dem Aug' voll Thränen schmerzlich mild angeschaut. Durch diesen Blick mehr erschreckt als durch den Blitz, der von seiner Stirn auf das Haus, wo er so viel verbrochen, abgelenkt worden, im innersten Mark getroffen, habe er sich aufgerafft, um zu fliehen, überall sei ihm aber das Antlitz mit der Dornenkrone vorgeschwebt, bis er endlich ohnmächtig niedersank. Er faßte auf Zureden des Pfarrers den Entschluß lebenslänglicher Buße, 22 das übrige kennt Ihr. In der Kapelle hing zum Beweis der Wahrheit eine Holztafel mit vielen Reimen, – sie ist im Lauf der Zeiten zu Grund gegangen und niemand hat sie erneut. Seht Ihr, der Schatzhüter steht nicht allein in seiner Familie. Vielleicht verbindet ein unsichtbarer Faden diese Geheimnisse bis herab zum Jahr 1809, wo ein Bruder als Landesverteidiger den andern, welcher als Soldat im bayrischen Heere diente, unbewußt an der Zillerbrücke ins Herz schoß und dann im Irrenhause zu Hall endete.«

Ich dachte eine Zeit lang schweigend über diese Sagen nach. Sind sie und andere verwandte voll ernsten sittlichen Gehaltes im Grund genommen nicht der ergänzende Gegensatz des deutschen Sprichwortes? Hier spitzt Reflexion die Erfahrung zu einem abstrakten Satze, der wieder nicht selten durch einen plastischen Ausdruck Mark und Knochen gewinnt; dort verdichtet sich das sittliche Gefühl des Volkes zur märchenhaften Erzählung, die oft vielleicht an ein ganz unbedeutendes Ereignis anknüpft. 23 Man schleppe hier nicht die deutsche Götterlehre herbei; die Deuteleien, deren man sich in neuester Zeit befleißigt, scheinen nicht überall wohl angebracht, obwohl in mancher Mythe ein unverwüstlicher, sittlicher Kern steckt. Es sind eben verschiedenartige Ausflüsse desselben Volksgeistes.

Der Alte trat unruhig an eine lichte Böschung, ich folgte ihm und sah bald, wie sich über die Berge des Innthales dicke Wolken schoben. »Noch ist es nichts!« meinte er; da wehte plötzlich ein kalter Wind, am Gratelkopf ober uns kräuselten sich, wie hingezaubert, Nebel empor, rasch ergriff er den Stock und forderte mich auf, ein Gleiches zu thun.

»Die Hexen beginnen da droben wieder ihren Ball, in einer Viertelstunde plätschert es, schaut, daß wir unter Dach kommen.«

Mir schien diese Prophezeiung nicht recht mit den Grundsätzen der Wetterkunde zu stimmen, er merkte das und fügte bei: »Es ist so. Glaubt von den Hexen, was Ihr wollt, ich habe sie auch nie gesehen, trotzdem, daß ich einmal 24 in der Christnacht auf einem Schemel von neunerlei Holz kniete; wenn es aber da droben Nebel wirft, regnet es sehr bald. Es wird nur ein tüchtiger Spritzer, wir können derweil beim Hochmair unterstehen, in einer Viertelstunde erreichen wir das Haus und Ihr macht dort mit einem der besten Männer unserer Gemeinde Bekanntschaft.«

Wir eilten am Rande der Schlucht vorwärts. Aus der Tiefe flatterten leichte Nebel empor, als wollten sich die Nixen des Wassers zu den Geistern der Luft aufschwingen, bald trug jeder Berg eine undurchdringliche Tarnkappe. Der Wechsel der Scenerie war sehr rasch vor sich gegangen – wer darf es unsern Vätern verdenken, wenn sie solchen Erscheinungen gegenüber, unbekannt mit den Gesetzen der Natur, die Brust voll dunkler Ahnung göttlichen Waltens, das Wirken dämonischer Kräfte vermuteten? Besser sind viele unserer Gebildeten gewiß nicht, vielleicht kaum klüger: die Berechnungsformel als Grund der Erscheinungen ist für manchen wohl auch schwerlich mehr als ein – Gespenst. 25 Die Menschen bleiben sich im großen und ganzen so ziemlich gleich.

Der Sturm wuchs zusehends, auf den Wiesen schlossen sich die Kelche der Gentianen und eine Schaar Ziegen rannte blökend über die Berglehne den Häusern zu, Unterstand zu suchen. Diese Zeichen wußte ich zu würdigen, und beeilte daher den Schritt ebenso sehr als mein Gefährte. Als wir vom Hofe Hochmairs nur mehr etwa einen Büchsenschuß entfernt waren, blieb ich stehen, weniger um zu verschnaufen, als das Anwesen zu überschauen. Es war ein stattliches Gebäude, das sich vor mir erhob, die Wände überall weiß getüncht, die Fenster eingefaßt von einem breiten grünen Rahmen, auf dem Gesimse standen Blumentöpfe, besonders reich war aber der Söller ausgestattet. Hier erhoben sich Gestelle, treppenförmig eines über dem andern, die Holzstäbe und Latten waren mit Schlingpflanzen verkleidet; Blumen mit großem Farbensinn gruppiert, schufen eine angenehme Abwechslung, dazwischen hingen einige Bauer aus Draht, deren Bewohner lustig 26 sangen. Auch der in Tirol beliebte Kreuzschnabel war dabei und kletterte rastlos an den Spangen auf und ab. Am First des Daches kreuzten sich die Balken, in kunstvoll geschnitzte Drachenköpfe auslaufend, welche die offenen Schnäbel mit der herausgebogenen Zunge einander zuwandten. Darüber ragte ein kleines Türmchen von Holz mit einer Glocke, um das Gesinde zu rechter Zeit an den Tisch zu rufen. Auch der Garten, den sonst die Bauern nur zu gern vernachlässigen, konnte den Blick des Kenners befriedigen. Eingefaßt von glatten Sprinzen, war er regelmäßig in Beete abgeteilt, die Kieswege säumte kurzgeschorener Buchs. Neben den Kräutern, welche urkundlich, aus Miniaturen und Initialen nachweisbar, bereits die Gärten zu Karls des Großen Zeit schmückten und auf dem Lande bisher höchstens die Kapuzinerkresse und Sonnenblume als Zuwachs erhielten, erhob sich manches Gewächs, dem man sonst nur in den Anlagen der Städter begegnet. Besonders viel schienen die sammtrote Amaryllis und die zierliche Leierblume zu gelten, sie standen 27 mitten in einem Beete, eingefaßt von einem Kreise weißer Kiesel, während ihre Schwestern, die bärtige blaue Schwertlilie, die weiße Narzisse mit dem Goldkrönchen, die bunt gestreifte Tulpe an den Rand und in die Ecken verwiesen waren. Der Hauptplatz gehörte doch eigentlich den Nutzpflanzen; in geraden Reihen wölbten sich bereits die Köpfe des Salates, die Kohlraben setzten schon Knoten an und der Karviol begann flache Rosetten auszubreiten. In einem Winkel wuchs der gelbe Saflor, mit dem die Bauern anstatt des Safranes die Suppe färben, überragt von der steifen Stockrose; in einem andern der duftige Brotklee, die Würze des Weihnachtszeltens, und die hoch aufschießende Sonnenblume, deren Same den Meisen für den langen Winter zum Naschen bestimmt war. Rosen und Lilien, die Könige der Pflanzenwelt, blühten noch nicht. An der Sonnenseite stand ein mächtiges Bienenhaus, die Stöcke sorgfältig nach den neuesten Erfahrungen geflochten, so daß mein Freund, der Immenvater im Oetzthal, sich über das 28 Wohlergehen der lieben Tierlein gewiß herzlich gefreut hätte. Sie flogen aber auch daher, schaarenweise den Sturm fliehend, jedes mit einem schweren Höslein von gelbem oder rotem Blütenstaub. Es ist beim Tier wie beim Menschen: hat es seine ordentliche saubere Pflege, so arbeitet es um so lieber, ausgenommen wem im Unflat am wohlsten ist. Aber auch die Vierfüßler dieser Sorte waren nicht ganz verwahrlost wie der verlorne Sohn; festgefugt schlossen die Bretter des Stalles, aus dem man ihr behagliches Grunzen hörte, und die Außenseite des Kofens zeigte deutliche Besenstriche.

»Die Schweine und die Zäune!« – sagte mein Begleiter, »da merkt man am besten, wie es in einer Wirtschaft steht.« – Ich warf einen Blick auf die Felder, sie waren vortrefflich angebaut, alles gedieh auf das üppigste; auch hier konnte man beobachten, daß der Oekonom seiner Sache völlig gewachsen war und so weit es anging die Errungenschaften neuerer Forschung dem urväterlichen Schlendrian vorzog. Der Alte hatte mit Recht auf die Zäune hingewiesen, 29 sie waren mit der größtmöglichen Ersparung von Holz und dennoch fest und sicher gezimmert. Unsere Bauern denken sich: »Den Wald läßt ja unser Herrgott wachsen, was soll ich mich darum kümmern?« Als sei morgen der jüngste Tag, schwenden sie Holz; was der Sturm wirft, lassen sie verfaulen; dafür schlagen sie die schönsten jungen Bäume zu Zaunstecken und reißen den Nachwuchs aus, um mehr Weide zu gewinnen. Freilich trifft sie oft die furchtbarste Strafe in Gestalt von Lawinen und Murbrüchen; anstatt jedoch die Schuld zu bekennen und in Zukunft klüger zu verfahren, bürdet man alles dem lieben Gott auf, als ob er die Thorheit der Menschen zu verantworten hätte. Auf dem ganzen Weg hatte ich den guten Stand des Holzes bewundert: nun erfuhr ich, daß Hochmair den Bauern ein Beispiel gegeben, bis sich endlich die ganze Gemeinde, durch den handgreiflichen Vorteil belehrt, entschloß, die Bäume besser zu hegen und nicht mehr leichtsinnig zu schädigen. Auch für die Kultur der Felder leistete er manches, indem 30 er zuerst mit unbekannten Pflanzen, die der landwirtschaftliche Verein empfahl, Versuche machte und, wenn sie sich bewährten und gut angewöhnten, den Nachbarn Samen und Schößlinge verteilte. Daß er, um das Geld im Thale zu behalten, eine eigene Versicherung stiftete, erwähnen wir nebenbei. Brennt ein Haus ab, so wirkt die ganze Gemeinde beim Neubau mit; weil die Gebäude sehr zerstreut stehen, so verzehrt die Flamme nie viel auf einmal und es hat daher jeder nur einen geringen Ersatz zu leisten, sei es, daß er Handarbeit thut, Holz liefert, Sand fährt, oder einen kleinen Geldbeitrag zahlt.

Ich war nach diesen Mitteilungen begierig, den Herrn des Hauses kennen zu lernen. Er stand auf dem mit runden Kieseln gepflasterten Vorplatz, vom Scheitel bis zur Sohle ein tüchtiger und richtiger Tirolerbauer, das gelungene Original des gelungenen Sohnes, der uns im Walde begegnet. Die hohe Gestalt des Greises war kaum von den Jahren gebeugt, die Strohfarbe von Bart und Haar verdeckte 31 das Grau, aus dem Gesichte, das tausend kleine Fältchen wie das Gekritzel eines Geschwindschreibers durchzogen, glänzte ein lebhaftes blaues Auge, die Mienen zeigten die heitere Gelassenheit eines würdigen Alters. Die Tracht unterschied sich weder durch Stoff noch Schnitt von der des Thales, da war kein Schnürchen mehr, als es der gemeinste Bauer trägt und doch machte der Mann einen fast vornehmen Eindruck. Er ließ uns ruhig an sich kommen; bereits zauste der Sturm den Gipfel des mächtigen Ahornes vor der Thüre, einzelne Tropfen schlugen nieder, als wir vor ihn auf das viereckige Pflaster traten.

Hois reichte ihm die Hand: »Laß uns eine Weil' unterstehen.«

Nach kurzem Gruße führte er uns in die Stube. Auch hier war nichts Auffälliges, nur erschien das Gerät durch die Ordnung, mit der es an den Wänden verteilt war, veredelt. »Ihr kommt von Sprugg,« wendete er sich an mich, »da kennt Ihr vielleicht den Hartl aus unserem Thal. Er war lang ein Thunitgut, 32 der im Gymnasium viel lederne Hosen zerriß und doch nie fertig wurde; da ist ihm nach dem Tode seiner Eltern das Geld ausgegangen, und er hat, wo er gerade zu essen kriegte, lang im Thal herumdörchert. Das gefiel der Gemeinde schlecht, der Rat stellte ihm Spitz und Knopf zusammen und ließ ihm die Wahl, entweder von uns beköstigt zu Innsbruck Prüfung zu machen oder den Kommißkittel anzulegen, wenn er nicht in das Arbeitshaus wolle. Hartl hat lang geheult; – alle sagen, er habe viel Talent und eine gute Feder, soll man aber mit so einem Schlingel lang spaßen? Kennt Ihr ihn?«

»Sehr wohl«, erwiderte ich, »er ist ja mein Schüler.«

»Und wie führt er sich auf?«

Ich zuckte die Achseln.

»Wem nicht zu raten ist, ist auch nicht zu helfen! Wartet einen Augenblick, ich muß doch meine Alte holen, den Hois bringt man gar zu wenig vor den Schuß.« Rasch ging er zur Thür hinaus, wir hörten seinen schweren Schritt auf der Stiege.

33 »Nu, wie gefällt er Euch?« fragte Hois.

»Wär' schon recht, wenn es mehr solche Bauern gäbe, sind aber dünn gesät.«

»Dafür ist er aber auch vom Himmel gefallen.«

»Vom Himmel?«

»Habt Ihr nie davon gehört? Man singt hie und da noch das Liedl, welches darüber gemacht wurde, freilich sind es Spottverseln, aber das schadet dem Jagg nichts, wir haben ihn doch alle gern. Er ist vom Himmel gefallen, ich werd' es Euch erzählen, wenn wir weiter gehen. Laßt aber nichts merken; es wär' ihm unlieb, wüßt' ein Stadtherr die närrische Geschichte und thät' sie am End' gar ins Tagblatt drucken.«

Meine Frage wurde durch das Eintreten Jagg's abgeschnitten, hinter ihm trippelte eine Alte, mild und gutmütig fast wie das Mütterlein, das Rembrandt so fleißig gemalt. Sie machte ihrem Mann keine Unehre und durfte sich immerhin an seiner Seite sehen lassen, beide waren mit einander grau geworden, 34 das Alter hatte sie verändert, ihnen aber nichts genommen. Jede Lebensstufe hat ihren Reiz, er tritt aber nicht bei jedem hervor: der eine wird im Laus der Zeiten faul, der andere gerät in Essiggährung – diese zwei waren aber zur Reife gelangt, die einen friedlichen Abschluß bildet, aber kein unwillkommenes Ende. Beide zeigten eine gewisse Ähnlichkeit der Züge, die mehr geistig als körperlich ebenso sehr auf Verwandtschaft der Seelen als des Stammes schließen ließ, denn in diesen abgelegenen Thälern ist fast alles versippt. Auch sie ging in der Tracht des Thales, jedes Fältchen des reinen Gewandes war fast so regelmäßig gezogen, wie eines oder das andere um ihre lächelnden Lippen, nur eine große silberne Kette mit einer goldenen Schaumünze um den Hals zeichnete sie aus, – noch ein Erbstück vom Schatzhüter, wie Hois behauptete.

»Ist Euch mein Bub nicht begegnet?« fragte sie rasch mit einem forschenden Blick auf mich. »Er kommt wohl ins Wetter, wenn er sich nicht vorwärts tummelte.«

35 »Der sagt längst schon im Widum Katechismus auf,« platzte Hans heraus, »er müßt' sich nur verspätet haben von wegen vieler Bußeln, was auch hie und da schon auf dem Weg zum Pfarrer geschehen sein soll.«

»Du bist und bleibst doch immer der alte Esel,« fuhr die Bäuerin dazwischen. »Hast mehr als vierzig Jahre auf dem Buckel und könntest schon einmal gescheit werden.«

»Wart du!« rief der Zurechtgewiesene. »Aber was soll ich mit dir zanken, ich weiß was klügeres.« Damit wandte er sich zum Tisch.

Hochmair hatte aus dem grünen mit großen Zuglöchern versehenen Wandschrank eine dickbäuchige Flasche und eine zinnerne Schüssel, auf der sich ein Berg von Nudeln türmte, geholt und bereits eine Reihe kleiner Stengelgläschen angefüllt. »Müßt es nicht verschmähen,« sagte er zu mir, indem er mir ein Glas reichte. »Das ist Faulbeereler, meine Dirnen haben die Träubchen abgelesen und ich sie zweimal destilliert; so einen Branntwein kriegt Ihr in keinem Wirtshaus. Die Nudeln hat meine Alte 36 gebacken, man hat sie deswegen von je gerühmt und mir ist sie durch ihre unvergleichliche Kunst von Jahr zu Jahr lieber geworden. Gelt Alte! Bring' dir's!« Sie nahm schmunzelnd das Glas aus seiner Hand und nippte davon.

Draußen patschte der Regen; wir sprachen von dem und jenem, bald aber gerieten wir in das Gebiet der Landwirtschaft, und da war es dem Alten eben recht, einen Botaniker vor sich zu haben. Der Leser verlangt wohl nicht zu hören, wie Düngerhaufen zweckmäßig anzulegen seien, und welche Frucht sich für diesen oder jenen Boden am besten eigne: ich konnte mich hier, wie auf jedem andern Gebiete, an dem vielerfahrenen Sinn meines Wirtes freuen, der sogar ein und das andere Buch, das nicht in Tirol gedruckt war, vom Ofensims herunterlangte und mein Urteil darüber hören wollte. Oft trafen wir in unsern Ansichten zusammen, bisweilen nicht: dann begründete er seine abweichende Meinung so klar und bündig, daß man sah, wie ernst er über das Gelesene nachgedacht und ich von ihm so viel lernte, als 37 er von mir. Wenigstens waren die Gesichtspunkte, von denen er die Dinge ansah, stets neu. Unsere Verhandlung drehte sich nicht um die hohe Politik, zu der in großen Städten jeder Gevatter Pfannenflicker seinen Senf giebt; Jagg meinte: Von Oesterreich höre man so wenig Gutes, daß man lieber nicht nachfragen solle; jene möchten die Suppe ausessen, die sie eingebrockt, – wir sprachen von Land und Leuten in Tirol, von dessen nächster Vergangenheit und Zukunft. Allmählich hatte der Regen aufgehört, unvermutet erhellte ein Sonnenstrahl die Stube und goß seinen Glanz über die Stirn des Alten, ich erhob mich zum Abschied und versprach noch auf der Thürschwelle, ihm Sämereien zu schicken.

»Das wär' freilich sehr recht,« erwiderte er, mir freundlich die Hand schüttelnd, »aber nur nicht zuviel auf einmal, man übersieht sonst Wachsen und Gedeihen nicht, und mißrät eines, wird auch das andere verworfen. Zwar jetzt zieht bald mein Bub' auf: hab' kein Geld gespart, ihn was lernen zu lassen, und so kommt 38 alles in gute Hände. Vorwärts will auch ich, jedoch mit Bedacht. Für niemand taugt das Neue schlechter als für den Bauern, wenn es eben nur neu ist! So lebt denn wohl!«

Hois und ich traten aus der Thüre – wie hatte sich alles verändert! Der Staub war gelegt, dafür aber rieselten von allen Seiten Bäche zwischen den Gangsteinen des Pfades, der Ahorn schimmerte in goldigem Grün, an jedem Blatte funkelten Tropfen, über die Matten zitterten wechselnde Lichter, bisweilen leuchtete, von der Sonne erhellt, ein Grasfleck zwischen den Föhren, während sich vom Schnee des Gebirges durchsichtige Nebel losrissen und im klaren Blau verschwammen.

»Nicht wahr, so eine neugewaschene Landschaft ist doch schön?« bemerkte Hois, »aber kehrt Euch um, draußen im Thal thut es noch wüst.«

Eine graue Wand lag vor den Bergen des Unterlandes, quer spannte sich ein prachtvoller Himmelsring, so heißt hier der Regenbogen, der mit den niederrauschenden Wässern immer 39 weiter zurückwich, bis endlich das Sonnenwendjoch klar aus der Flut tauchte und nur mehr über den Höhen gegen Norden ein dünner Schleier schwamm.

Hois erzählte mir auf dem Wege zum Wirtshaus den Sturz vom Himmel, meine Einladung auf ein Glas Wein lehnte er ab; er wolle einmal mit Dampf nach Innsbruck fahren, mich aufsuchen, und mit mir ins Museum gehen, sich all die Bilder und ausgeschoppten Vögel auslegen zu lassen.

Entschuldig' es der Leser, der vielleicht auf die Geschichte Jagg's schon längst gespannt ist, wenn ich Hois hier in das Wort falle. Führe ich ihn selbstredend ein, so wird darüber die Suppe kalt, welche mir die Kellnerin, weil ich heute der einzige Gast im Wirtshause bin, unerwartet schnell vorsetzte. Zudem lieferte die dicke Wirtin, die es für ihre Pflicht ansah, mich zu unterhalten und hie und da mit dem Wedel die Fliegen zu verscheuchen, wobei sie mir stets einige in die Schüssel jagte, noch manchen Zug, der die Umrisse, welche Hois 40 nur flüchtig entwarf, zu einem runden Bilde ergänzte.

* * *

Bei den Bauern hat die Verwandtschaft noch etwas zu bedeuten; die Leute sind auf einander angewiesen, man kümmert sich daher nicht bloß um Vater und Großvater, sondern auch um Vettern und Basen bis zu einem Grade homöopathischer Verdünnung, den zu bestimmen selbst einem geübten Rechner bisweilen schwierig werden dürfte. So fangen auch wir nicht mit der Henne, sondern dem Ei an, aus dem sie gekrochen.

Einiges wurde bereits über den ehrsamen Stamm der Hochmair mitgeteilt: vor drei oder vier Generationen spaltete er sich jedoch in zwei Zweige. Im Unterinnthale herrscht nämlich das Recht der Erstgeburt auch jetzt noch, ohne daß es der nivellierenden Büreaukratie gelungen wäre, dieses durch Gesetze, welche schwächer sind, als die Sitte, zu beseitigen. Der älteste Sohn übernimmt das Gut, die jüngern bleiben entweder als Knechte bei ihm, oder sie weichen: 41 in letzterem Falle dürfen sie, wenn sie arbeitsunfähig geworden, in das Haus zurückkehren und finden unter jeder Voraussetzung eine warme Herberge.

Die Hochmair hatten sich bis zu jener dunkeln Zeit, von der wir zu sprechen begannen, stets wie das fürstliche Haus des Laertes durch einen Sohn fortgepflanzt; damals hinterließ aber der Besitzer zwei Buben, welche bereits zu seinen Lebzeiten unter einander oft uneins waren. Stolz lag schon im Blute, wie sollte es daher der Jüngere, der den Aelteren an Kraft und Gewandtheit weit überragte, ertragen, jenem zu dienen? Nach einem kurzen Wortwechsel beschloß er zu weichen, um so lieber, da er das Herz der einzigen Erbin eines Gütchens errungen hatte. Freilich war dieses so klein, daß ein Bursche, der auf der einen Seite des zugehörigen Feldes einen Burzelbaum schlug. auf der andern darüber hinauskugelte: Konrad zog aber Hafergrütze auf dem eigenen Herd den Fleischtöpfen am Ofen des Bruders vor; zudem trat er nun als gleichberechtigt neben 42 diesen, anstatt hinter ihm zu stehen. Die Liebe zur Braut war freilich nicht so groß, wie der Stolz des Freiers, was thut aber das? – Die Bauernregel lautet: Besser die Lieb' kommt in der Ehe, als sie geht mit der Ehe.

Wir machen nun einen großen Sprung bis in die Tage unseres wackern Jagg, unbekümmert um die wechselnden Schicksale beider Linien, die, wenn sie sich auch, wie es der Brauch heischte, gegenseitig zu ihren Festen einluden, dennoch in einer gewissen Spannung verharrten.

Er war der zweite Sohn der jüngern Linie. Von dem ersten wissen wir nichts weiter, als daß er sein Bruder war, und das ererbte Gütchen, das mitten inne zwischen der Kirche und Hochmairs Hof liegt, fleißig bewirtschaftete. Die ältere Linie kam infolge des schrecklichen Brudermordes, den Hois oben erwähnte, dem Erlöschen nahe. Dem letzten Besitzer war in der traurigen Einsamkeit des Alters nur ein Töchterlein geblieben. Wenn er nach dem Gebetläuten vor der Thüre die Sense dengelte, ließ er oft den Hammer sinken und überschaute mit 43 einem trüben Blick die herrlichen Kornfelder und Mähder. »Wer wird hier Herr sein nach mir!« dachte er im stillen. »Viele hundert Jahre sind meine Väter auf dieser Scholle gesessen, drüben auf dem Friedhof modern sie, ein eisernes Kreuz neben dem andern verkündet mit goldener Inschrift ihr Lob, – hat man mir die letzte Schaufel nachgeworfen, wie dann? Zieht ein Wanderer vorüber und fragt, wem gehört der stattliche Hof, so wird es nicht mehr heißen: einem Hochmair. – Ja ja, es vergeht alles, nicht bloß der Mensch, sondern auch die Geschlechter.« Mit keinem Laut gedachte er der verstorbenen Söhne, die goldenen Knäufe ihrer Totenkreuze schimmerten im Abendrot über die Friedhofsmauer, herb schloß sich sein Mund und ohne daß er es achtete, rollte eine Thräne auf den Boden.

Wieder faßte er den Hammer und dengelte. Plötzlich erhob er das Auge, blickte hinüber auf das Gütchen seines Vetters, lang sann er nach, dann schüttelte er den Kopf: »Nein, nein! ich kann dem Moidele nicht die Heimat rauben, das 44 hat sie nicht verdient! Mag Gott walten, wie er will.«

Es waren die Regungen jenes Bauernstolzes, der, in seiner Art viel berechtigter als der Hochmut eines armen Adels, dessen Anspruch auf einem Blatt Papier beruht, mit echt aristokratischem Sinne verwandt ist; diese Regungen hatte der Alte in sich durchzukämpfen, ja sogar der Gedanke, den Hof an die jüngere Linie zu übertragen, durchzuckte ihn flüchtig. Daß Moidele als alte Jungfrau sterbe, durfte er nicht fürchten: Reichtum lockt Werber, und wär' sie auch das ärmste Mäuslein gewesen, im Unterinnthale hätt' es immer einen Buben gegeben, sie zu freien und heimzuführen. Noch hatte es übrigens Zeit, sie war ja erst dreizehn Jahre alt, aber freilich so hübsch wie die Mutter Gottes im Glaskasten vor dem linken Seitenaltar, welche am Mariahimmelfahrtstage in feierlicher Prozession von den Jungfrauen herumgetragen und mit ihren Flachslocken, den roten Wängelchen und Lippen als bäuerliches Ideal der Schönheit verehrt wird. »Walt' es 45 Gott!« murmelte er noch einmal und legte die Sense nieder, um in die Stube zu gehen.

Da raschelte es am Zaun, ein halbgewachsener Bube lugte herüber; er hatte nichts am Leib als ein grobes Hemd und kurze Lederhöschen, die nackten Schienbeine waren zerkratzt, auch das Gesicht von verharschtem Blute fleckig. »Bist du's, Jagg?« sagte der Alte ernst.

»Ja, ich hab eins!« rief der Junge, und zeigte ein rotes Schnupftuch über den Zaun, worin etwas zappelte. »Ich hab' eins, wo ist denn das Moidele?«

»Was hast du denn?« fragte der Bauer.

»Hat dir's Moidele nicht erzählt? Ich hab' ihr ein junges Eichkatzel versprochen und auch richtig da drüben ein Nest ausgespürt. Heut' bin ich hinaufgestiegen, die stachligen Taxen haben mich aber zerkratzt, bis ich es ausheben konnte. Auch ein Rotkröpfel will ich dem Moidele bringen, das Schlagel ist in der Holerstauden schon aufgerichtet.«

»Moidele betet jetzt drinnen den Rosenkranz 46 und legt sich dann schlafen: gieb her, ich behalt' es ihr derweil auf.«

Dem Jungen schien das nicht recht, er reichte aber doch seine Beute gutwillig über den Zaun, und wendete sich zum Gehen.

Der Alte trat schweigend auf die Schwelle, plötzlich jedoch kehrte er sich um, über sein vertrocknetes Gesicht spielte ein freundliches, fast freudiges Lächeln und er rief: »He Vetter, warum bist denn zu Ostern nicht gekommen, wie all die andern Firmlinge, und hast dir das Eierbrot geholt?«

»Ich hab' schon wollen,« entgegnete der Bube, »der Vater hat aber gemeint, ich solle warten, bis du es sagen ließest, sonst käm' es gar so bettelhaft heraus.«

»Brauch ist Brauch!« murrte der Alte, »das hätt' auch dein Vater wissen können. Indes lassen wir das. Er kann thun wie er will, ich red' jetzt mit dir. Wir treiben übermorgen zur Alm, hilf mit. Kannst schon morgen abends kommen, daß du nichts versäumst, oder gar mittags zum Essen, man 47 muß allerlei vorrichten. Nachher müssen wir heuen, verding' dich nicht weiter, ich brauch' dich und auch den Sommer hinaus bis zum Herbst giebt es mancherlei. Hast gehört?«

»Ja gewiß.«

»So schlaf gesund!« – Der Bursche verschwand pfeifend in der Dämmerung.

Da ist ja das Geheimnis zum vorhinein verraten, brummt der Leser unwillig und schiebt das Blatt weg: die zwei kriegen sich ohne weiteres! – Freilich kriegen sie sich und damit wäre das Rätsel gelöst, wie bei jedem großen und kleinen Roman mehr oder minder schlau am Schlusse; mög' es mir niemand übel nehmen, daß ich mit der Thür ins Haus gefallen bin. Sie kriegen sich, sie haben sich schon längst, wenn wir uns an Faulbeereler und Nudeln erinnern: der alte Jagg war einst der junge Jagg und sein Weib ging bis zum zwanzigsten Jahre als holdes Jungfräulein zur Kirche, – sie haben sich schon! Aber wie sie sich kriegten und das Schicksal dabei den Kuppelpelz verdiente, ist nicht uninteressant. Darum Geduld.

48 Jagg arbeitete nach Kräften bei seinem Vetter, der in dieser Beziehung keinen Spaß verstand und ihn oft heimlich beobachtete. Eine solche Teilnahme widmete er sonst keinem Dienstboten. So sehr er aber mit Jagg zufrieden war, er ließ es mit keinem Wörtlein merken, sondern behandelte ihn eher barsch. Der machte sich aber mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend wenig daraus, war doch sein Bäschen das Moidele um so freundlicher, insbesondere, wenn er ihr am Samstag ein ganzes Tuch voll Jochblumen brachte. Da saß sie dann Sonntags, prüfte und wählte sorgfältig die herrlichen Blüten, damit eine neben die andere zurecht käme und band sie zum Strauße. Das war eine Pracht! Speik, Edelweiß, Jochrauten, Steinbrech, Brunelle, Alpenrose und wie alle die seltenen Blüten heißen, kunstvoll vereinigt zu sehen. Auch der toten Brüder und der Mutter vergaß sie nicht, vor allen andern erhielt diese ihr Kränzchen, das um die Inschrift geschlungen wurde. »Schau schau,« sagte mancher Kirchengänger, »wie das nett ist, siehst 49 die Blümeln alle Tag auf dem Berg und gehst achtlos dran vorbei, und wenn sie so bei einander sind, meinst, es gäbe nichts Schöneres.«

Nach einigen Wochen fehlten aber am Montag früh stets die Kränzchen. Moidele klagte es Jagg, der nahm entschlossen einen Ochsenziemer, ging Sonntag abends in der Dämmerung auf den Friedhof und versteckte sich hinter einem breiten Leichensteine. Freilich klopfte sein Herz, als es dunkler und dunkler wurde und durch die Finsternis nur mehr die weißen Schädel aus der Totenkammer hergrinsten; er war sich aber der guten Absicht bewußt, besprengte die Stirn mit Weihwasser und betete ein Vaterunser. Endlich hörte er Tritte, ein Bursch' schwang sich über die Mauer, löste sorgfältig die Kränze ab und wollte sich wieder davon machen. In demselben Augenblicke jedoch als er, den Rand der Mauer ergreifend, die Füße nachzog und die Kniee oben anstemmte, hieb ihm Jagg mit dem Ochsenziemer einen so derben Streich über den Hintern, daß er mit lautem Geheul jenseits hinunterstürzte. Jagg wollte ihn noch 50 verfolgen, er war jedoch, von der Dunkelheit begünstigt, verschwunden. Tags darauf erzählten die alten Weiblein, daß auf dem Friedhof eine arme Seele ganz entsetzlich geschrieen habe, und beteten wohlmeinend einen Rosenkranz. Jagg hatte aber die arme Seele erkannt und den festen Vorsatz gefaßt, sie noch einmal recht tüchtig bei den Ohren zu nehmen.

Es war Eduard, der Sohn des Zangerlbauern, den man für so reich hielt als den Hochmair. Sein hochgelegenes Gut hätte unter tüchtiger Bewirtschaftung immerhin einen schönen Gewinn abgeworfen, so zog er es aber vor, ohne Rücksicht auf die Zukunft jedes Jahr so viel als möglich herabzuschinden; der Wald mußte die Kosten für den Acker zahlen, dieser wurde für das Vieh erschöpft, Rinder und Schafe hatten nur als Gegenstände der Spekulation einen Wert. Schien Hochmair nicht abgeneigt, jeden für einen Proletarier zu halten, der nicht auf dem festen Grunde eigenen Bodens stand, so hegte Zangerl wenig Neigung für die Bauerschaft: vor seinen Augen adelten Banknoten 51 und Staatspapiere. Er war daher Wochen und Monate abwesend, trieb mit allem Möglichen Handel oder Schacher, wobei er die Gesetze nur insofern berücksichtigte, als sie ihm nützten, im Falle des Gegenteils aber sie zu umschleichen suchte. Einen offenen Bruch wagte er nirgends, denn er brauchte bei seinen Geschäften den Namen eines ehrlichen Mannes und den konnte ihm niemand bestreiten, so lang er nicht zu Rattenberg im Turm des Landgerichtes gewohnt. In der Einrichtung des Hauses zeigte sich jene lächerliche Hoffart, welche einige bunte Fetzen und Goldleisten für nobel hält, und Achtung für ein geschliffenes Glas oder eine Seidenborte aus der Stadt fordert. Nebenbei schaute aber überall die ursprüngliche Roheit durch.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, so auch Eduard. »Der muß etwas anderes werden!« rief Zangerl stark angetrunken im Wirtshause und schlug dabei auf den Tisch, daß die Gläser tanzten, »etwas anderes als ihr Bauernlümmel! Er kennt jetzt schon den Kurszettel comme il faut, sagt' der Franzos, drum 52 hab' ich ihn zur Studie nach Sprugg gethan, kosten mag's, was es will. Das könnt ihr nicht, ihr Krautfresser und Nudeldrucker!« Da stand ein kleines Bäuerlein, dem dieser Tabak zu stark wurde, auf, faßte den Prahler am Kragen und warf ihn zur Thür hinaus. Als er über die Schwelle in den Kot taumelte, rief ihm einer spottend nach: »Ist das Agio gefallen?«

Eduard geriet ganz vorzüglich. Mit Mühe gelangte er in die dritte Klasse des Gymnasium; dort fing er bereits an, Cigarren zu rauchen und nach Mädeln zu schielen, denn für einen »feschen« Burschen, der mit Thalern klappere, sei auch ein Stadtfräulein nicht zu gut. Als ihn der Präfekt zu einem Fasttag verurteilte, hängte er, diesem zum Spott, Würstchen und Bretzen mit einem Seidenband an die Thüre. Er wurde mit Trommeln und Pfeifen ausgejagt. »Zu gut ist er gewesen für diese Innsbrucker Esel!« sagte sein Vater und führte ihn von jetzt an auf alle Märkte mit, um ihn in das Geschäft einzuweihen. Der Bub' lernte 53 mit dem Geld bald säuberlich umgehen; nahm er zwar nichts ein, so gab er doch viel aus, insbesondere zu Wien, wo er weidlich über die Kleinstädter und Elendbauern in Tirol spöttelte. Deswegen hatte aber doch niemand im Thal vor ihm einen Respekt und nur einige Urlauber, die beim Militär das Lumpen gelernt, hielten zu dem Gelbschnabel, der für sie im Wirtshaus die Zeche zahlen mußte.

Das ist auch schon anderswo dagewesen, – kehren wir zu Jagg zurück.

Der Herbst war mittlerweile angerückt, die Taglöhner wurden entlassen, weil man sie nach der Ernte nicht mehr nötig hatte, und auch unser Junge wurde zum Alten in die Kammer gerufen. Er zeigte auf den Tisch, wo einige blanke Thaler neben einem saubern neuen Kleide lagen und sagte in seiner kurzen trockenen Weise: »Das Gewand nimmst mit, dein Geldl leg' ich dir sicher an; mußt früh sparen lernen, damit spat was hast. Sonn- und Feiertag kommst auch im Winter zum Essen, in der Früh schaust alle Tag' nach, hie und da giebt's schon was 54 zu thun. Laß' dir die Schuh' gut nageln, beim ersten Schnee mußt du mit dem Schlitten um Holz. So jetzt kannst gehen.«

Mit einem kurzen und herzlichen Geltsgott! trollte Jagg zur Thüre hinaus. Am Küchenherde stand Moidele, eine Pfanne in der Hand; er huschte hinein und erzählte ihr voll Freude, daß ihn der Vetter weit über Gebühr gehalten. Das Mädchen erwiderte: »Mein Vater giebt keinem mehr als ihm gehört, übrigens bin auch ich deine Schuldnerin für all die schönen Blumen, die du mir vom Joch gebracht. Hast dabei Haut und Kleider zerrissen; da nimm das Leibel, ich hab's zu Rattenberg für dich gekauft und mit roter Seide ein Band von Alpenrosen um die Knopflöcher eingenäht.«

»Bist du gut, Basele!« rief Jagg freudestrahlend. »Ich will's gewiß nur an Festtagen anlegen und stets in Ehren tragen. Schlaf' gesund, und wenn ich dir eine Freud' machen kann, werd' ich's redlich thun.« Er ging überglücklich nach Hause.

So verflossen noch einige Jahre; Jagg 55 arbeitete fleißig und Moidele wurde immer schöner, aber keines hätte an Liebe gedacht, bei Leibe nicht! gern haben durften sie sich ja doch von Herzen, denn sie waren Vetter und Basele. Der Leser mag sich gedulden, vorläufig können wir ihm keine herzbrechende Episode erzählen, Moidele war nicht wie die Stadtfräulein im Institut erzogen, Jagg las keine Romane, wohl aber jodelte er, daß die Felsen wiederhallten, – die Mädeln gehörten nach seiner Meinung nur für ältere Buben und bis dahin hatte er nichts verredt.

Doch halt, eine Geschichte trug sich doch zu, die eines Wortes wert scheint. Sie betrifft das Eichkätzchen, welches Jagg Moidele verehrt hatte. Es war mit einer Drahtkette, die am Ring über einen Stab lief, auf dem Geländer des Söllers angehängt; im Winkel stand ein zierliches Häuschen mit Stroh, wo es schlafen und bei schlechtem Wetter unterducken konnte. Jagg hatte an Feierabenden alles verfertigt und vom Joch einen Sack Zirbelnüsse gebracht, welche das zahme Tierchen aus 56 der Hand Moideles holte und dann aufknusperte.

Sie stand eben wieder auf dem Söller und hatte mit dem Eichkätzchen, das ihr auf die Schulter gesprungen war, zärtliche Zwiesprache gehalten, da flog ein Stein daher, zerschmetterte ihm den Kopf, daß es hinabglitt und noch einigemale krampfhaft zuckend an der Kette vom Söller niederhing. Das Mädchen sprang leichenblaß zurück; plötzlich erschallte hinter dem Ahorn heiseres Lachen und Eduard wurde sichtbar, elegant mit einem herrischen Röcklein angethan, im Aug' eine Lorgnette, ein Röhrlein zwischen den Fingern drehend.

Der Bursch' grinste widerlich zu ihr hinauf: »Wie kannst du mit dem Luder spaßen, die Busseln wären bei mir besser angewendet. Der Bettelbub' konnte dir freilich nichts besseres geben, er vermochte es nicht, ich bring' dir aber von Wien Goldfischeln und zwei Vögelen aus Afrika, die immer schnäbeln. Am Stubenthor kriegt man sie das Stück um einen Louisdor.« – Das Mädchen fand vor Schmerz und Zorn 57 keine Sprache, um diese Frechheit zu beantworten. Da sprang Jagg aus dem Hof, wo er Tannenäste zu Streu hackte und die Rede gehört hatte: im Nu überschaute er den Zusammenhang der Dinge und stürzte wütend auf Eduard: »Du Schelm, bin ich dir einmal an die Thür gekommen, daß du mich Bettelbuben heißest?« – Eduard trat verächtlich einen Schritt zurück und maß ihn höhnisch von oben bis unten. »Wer erlaubt denn dir, du schofler Bauernknecht, den Sohn Zangerls zu duzen?«

Jaggs Brust arbeitete wie ein Blasbalg, keuchend stieß er ein langgedehntes Duuu hervor, sprang gleich einem Tiger mit zornfunkelndem Auge auf seinen Gegner los und schüttelte ihn wie ein Strohbündel beim Halse. Es war aber bei dieser Scene noch ein Zeuge gegenwärtig, den niemand vermutet hatte. Der alte Hochmair erschien an der Thüre.

»Jagg, zieh dich!« rief er, gebieterisch den Zeigefinger hebend, und Jagg ließ augenblicklich los. Nun aber wandte er sich, die Brauen finster zusammenziehend, gegen Eduard: »Jagg 58 ist mein Vetter und kein Bettler, merk' dir das, du Lausbub', und wenn ich dich noch einmal hundert Schritt weit bei meinem Hof ertappe, so laß' ich dich von der Stalldirn beim Ohrwaschel wie einen Schuhu an das Stadelthor nageln.«

Eduard fand es für geraten, abzufahren; als er sich aber in Sicherheit glaubte, kehrte er sich um, lachte noch einmal höhnisch, setzte den Daumen an die Nase, spreitete die Finger und plärrte die Zunge gegen den Alten: eine verächtliche Geberde, die niemand mißdeuten konnte. Hochmair ging darüber erbost rasch gegen das Gitter, kehrte aber eben so schnell um. »Es ist nicht der Mühe wert, daß ich meine Hände an diesem Kerl besudle!« murmelte er vor sich hin und wendete sich zu Moidele, die das tote Eichhorn auf die Brüstung gelegt hatte und laut schluchzte. »Sei ruhig, Kind,« sagte er gütig, »ich bestelle von den neuen Stutzhühnern, die sollen dir Freude machen.«

Das Mädchen erwiderte: »Die sind aber nicht mein Eichkatzl, das hab ich so lieb gehabt.«

59 »Wein' nicht, Moidele,« tröstete Jagg, »ich hol' dir ein noch schöneres, da droben hab' ich ein Nest ausgespürt, es sitzen schwarze Junge mit weißen Brustflecken drein, die bring' ich dir.«

Welcher Schmerz dauert in diesen glücklichen Jahren länger als eine, höchstens zwei Stunden? So vergaß auch das Mädchen bald seinen Kummer und war heiter wie zuvor.


So entschwanden die Tage, begleitet vom einförmigen Wechsel der Jahreszeiten und den Arbeiten, welche diese forderten. Wieder war es Herbst geworden, wieder wurden die Tagwerker abgelohnt und auch Jagg in die Kammer gerufen. »Du bist jetzt achtzehn Jahr vorbei,« begann der Alte, »und jeder Bauernarbeit völlig gewachsen; verstehst sie auch, so weit man sie bei uns lernen kann, gründlich und würde dich jeder gern als Knecht dingen. Damit ist aber nicht geholfen, du mußt weiter trachten. In der bisherigen Weise wird es auch bei uns in Tirol nicht ewig gehen, ein rechter Mensch soll die Welt sehen und fremdes Brot gegessen haben. 60 Bei mir warst du eigentlich doch nur in deines Vetters Hause und bist höchstens bis Rattenberg und auf die Alm kommen. Also hör' meinen Beschluß und daß du dich nicht lang besinnst: deinem Vater ist's auch recht. Dem Aichinger zu Hall hab' ich seit Jahren Holz für den Schiffbau geliefert und kenne ihn daher gut. Mir zu Gefallen nimmt er dich in die Lehr', den Winter hindurch hilfst du beim Zimmern der Flöße und Plätten, nachmittags gehst in die Schreibstube, wo sie raiten und Briefe abfassen, das schadet dir auch nichts und weil du in der Schul' immer der Erste gewesen bist, so wirst du auch hier alles geschickt angreifen. Das weitere hörst du vom Aichinger. Im Frühjahr fährst du als Ruderknecht mit nach Ungarn; auf dem Rückweg, den du mit den andern zu Fuß machst, giebst du gut acht auf die Felder, erkundigst dich bei den Bauern, die dich auf dem Heu übernachten lassen, genau um alles, was den Ackerbau betrifft, und schaust die Werkzeuge gut an. Ist's dir nicht recht? Was machst denn für ein langes 61 Gesicht? Ah ja, du fürchtest wegen dem Zahlen. Das ist mit dem Aichinger schon in Ordnung; ich lege drauf, was du nicht mit der Handarbeit verdienen kannst, sei wohlgemut!« Jagg machte aber noch immer ein langes Gesicht. Als ihm der Alte den Plan entwickelte, fiel es ihm plötzlich centnerschwer auf das Herz, daß er von Moidele scheiden müsse, und die Liebe, die bisher ihm unbewußt seine Brust erfüllt hatte, flammte mächtig auf. Er blieb stumm, eine Thräne stieg in sein Auge.

»Nu«, knurrte der Vetter, »ist's dir nicht recht?«

»Ja freilich«, stotterte er, »ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll; von der Heimat geht aber jeder ungern fort.«

»Von der Heimat?« fragte jener.

Jagg wurde feuerrot, Hochmair schaute ihn mit einem durchdringenden Blicke an, vor dem er scheu die Augen senkte. Dem Alten war alles klar. Nach einer Pause fuhr er fort: »Moidele hat dir, derweil du auf der Alm warst, dein Gewandl sauber und reinlich 62 zusammengerichtet, daß du dich vor niemand zu schämen brauchst, es liegt bereits beim Boten. Morgen kommst du noch zu einem guten Frühstück, dann machst du dich auf die Sohlen nach Hall. Jetzt geh' zu deinem Vater, er soll dich, eh' du über die Schwelle des Hauses trittst, ordentlich segnen.«

Jagg griff nach der Klinke, verfehlte sie jedoch, so daß ihm der Alte die Thür aufmachen mußte, er taumelte über den Hausgang und gelangte vor die Thüre: wie, wußte er schwerlich; da stand Moidele ganz traurig, die Stirn gesenkt. Er blieb stehen; als er ihr in das Auge blickte, das voll Thränen hing, streckte er die Hand aus und wagte die Frage: »Thust mich nicht ganz vergessen, wenn ich fort bin?« – Sie reichte ihm schweigend die Hand. Da erscholl die Stimme des Alten aus der Kammer: »Moidele!« Das Mädchen fuhr auf, noch einen Blick und sie eilte in das Haus.

Das Frühstück war recht trübselig. Jagg, der sonst eben so tapfer in die Pfanne hieb, als er die Axt schwang, spürte keinen Hunger, 63 obwohl Moidele die Rahmsuppe gekocht hatte: diese hielt mit Mühe die Thränen zurück und die nassen Flecke im Schurz waren auch nicht vom Brunnenwasser; der Vetter redete fast nichts. Es schlug neun, Jagg stand auf. Der Alte faßte ihn bei der Hand: »Was du zu wissen brauchst, hab' ich dir gesagt – so jetzt behüt' dich Gott. Brav bist immer gewesen, hast nicht gespielt und getrunken, hab' auch in der Fremde Gott den Herrn vor Augen und bring' keinen Schandfleck auf die Hochmair.« Er griff in den Weihbrunnentopf, besprengte noch die Stirn des Scheidenden und machte ein Kreuz darüber: »So jetzt behüt' dich Gott!« Jagg ergriff den Stock, Moidele nestelte ihm noch einen Strauß auf den Hut und reichte ihm den Ranzen. Keines vermochte ein Wort zu reden, ja nicht einmal den Blick zu heben, – so schieden sie.

Ein Jahr darauf, etwa zu Michaeli, suchte der Vater Moidele im Garten, er zog einen Brief heraus: »Da schreibt mir der Aichinger, unser Jagg sei brav, recht brav; zu 64 Allerheiligen geht die Kramer Urschel auf den Haller Markt, willst ihm nicht einen Hosentrager oder so etwas schicken?« Moidele nickte. Ihre Seele war voll Jubel, denn ein Jahr – und sie hatte bis jetzt nichts von Jagg gehört. Zu fragen hatte sie nicht den Mut.

Nach dem Haller Markt brachte ihr die Kramer Urschel einen Brief, sie entfaltete ihn mit klopfendem Herzen und las:

Liebes Basele!

Zuerst grüß Gott. Den Hosentrager hab' ich erhalten, was du daraus merken kannst, daß ich dir schreibe, denn sonst hätt' ich mir ja gar nicht getraut. Der Hosentrager hat mich gefreut, daß ich es gar nicht sagen kann, aber noch mehr, weil du so fleißig an mich denkst, was ich auch alle Tag' und Stunden thue. Es ist mir seitdem gut gegangen, schon zweimal bin ich in Wien gewesen. Da haben sie mir auch den Kaiser gezeigt. Ich hab' nämlich gefragt, wo denn der Franzl zu sehen sei und bin dann mit einem Kameraden auf die Bastei gestiegen und hab' lang lang gewartet. Endlich 65 ist ein kleines Mandl daher kommen, mein Kamerad hat mich mit dem Ellenbogen gestoßen und ins Ohr geraunt: »der ist's.« Ich hab aber gemeint, er halt' mich für Narren, denn so hab' ich mir den Kaiser nicht vorgestellt. Er hatte ein schwarzes Röckl an und ein altes Hütl auf, grad wie unser Aktuar; hintennach ist aber ein langer Kerl gelaufen in einem grauen Kittel mit goldenen Borten. Den hab' ich angepackt: »Ist's wahr, ist das der Kaiser?« Und der hat es gehört und sich umgekehrt und lachend gefragt: »Was willst Tiroler?« – Dann hab' ich gesagt: »Schau, ich möcht' gern den Kaiser Franzl sehen, und da lügen sie mich nun an und disputieren mir auf, du seist es. Im Gemeindehaus hängt allerdings ein Porträt, das dir ein bißchen gleichsieht, dort hast du aber rote Wangln und ein anderes Gewand.«

Da lachte das Männlein, daß es sich schüttelte und sagte: »Ja ich bin der Kaiser.« »Nu, wenn du es selber sagst,« erwiderte ich, »wird es wohl wahr sein; lügen thust doch nicht, dazu bist du zu alt.«

66 Da fuhr er in den Sack, klaubte einen Dukaten heraus, druckte ihn mir in die Hand und sagte: »Da ist mein Porträt drauf; nimm den zum Andenken und wann du nach Tirol kommst, so erzähl' deinen Landsleuten, daß es dem Franzl gut gehe und er sie grüßen lasse.« Sag das dem Vetter, er soll's, damit es die Leut' alle erfahren, am Sonntag von der Kanzel verkünden lassen. Den Dukaten möcht ich dir gern verehren, du könntest ein Löchl durchschlagen und ihn am Hals tragen, bis ich wiederkomme.

Richtig! die Hauptsach' hätt' ich bald vergessen. Sag' dem Vetter, ich hätt' die ungarischen Schweine kennen gelernt. Das seien böse Vieher, ganz anders als die unsern, kurz, gestockt und krauswollig wie die Schaf. Wenn er die Zucht probieren will, so treib' ich ihm das nächste Mal ein tüchtiges Stuck herauf.

In der Stephanskirche bin ich auch gewesen, da könnt' man alle Häuser von Allbach hineinstellen und wär' noch Platz für die ganze Gemeinde. In Wien gehen die Leute übrigens 67 nicht so fleißig Kirchen wie bei uns, sie essen auch am Freitag Fleisch in den Wirtshäusern und niemand verbietet ihnen das. Ich bin aber ein guter Tiroler blieben. Auch den Eduard hab' ich gesehen. Er hat ein Weibsbild am Arm geführt von lauter Seide und Sammt und ihre Wangen sind rot angeschmiert gewesen wie Ostereier.

Ich wollt' ihn als Landsmann anreden, denn nachtragen hab' ich ihm seit der österlichen Beicht' nichts; er hat aber gethan, als ob er mich nicht kenne und mir den Rücken zugewendet. »Lauf zu«, hab ich mir gedacht und bin weiter gegangen.

Auch Lutherische, die es in Tirol nicht giebt, hab' ich kennen gelernt; war recht neugierig darauf, aber sie schauen aus wie andere Leut', und die lutherischen Bauern in Österreich sind mit mir fein und freundlich gewesen, wenn ich um eine Nachtherberge ersuchte, wie die andern. Unser Herr segnet ihre Aecker wie die katholischen, er wird wohl wissen, wozu sie da sind und das übrige geht mich nichts an.

68 Jetzt bin ich wieder zu Hall. Der Aichinger hat mich zum Franziskaner geführt, der die Buben, die Pfarrer werden wollen, im Latein unterrichtet und da muß ich Geographie studieren. Dein Vater hat es so angeordnet, dafür helf' ich den Paterlen beim Aufputzen der Altäre und im Garten. Ich hab' schon angefangen; du hast keinen Begriff davon, wie groß die Welt ist und wie viel Königreiche und Kaisertümer in der Welt sind. Aber Tirol giebt es halt doch nur eins, solche Almrosen und – das trau' ich mir nicht zu sagen, obwohl du mein herzallerliebstes Basele bist. Der Guardian hat mich neulich gefragt, ob ich nicht Laienbruder werden möcht'? Da müßt' ich eine Kutte anlegen und dürft' dein Leibel nicht mehr haben. Es ist noch ganz wie neu, ich mußte mir aber auf dem Rücken ein Stück einflicken lassen, denn es ist mir nach und nach zu eng geworden.

So, jetzt weißt du alles, laß mir hie und da durch den Boten sagen, wie es dir geht; wenn ich einen Allbacher sehe, möcht' ich ihm um den Hals fallen.

69 Jetzt behüt' dich Gott und grüß' den Vetter.

Dein aufrichtiger Jakob.

Moidele mag nun über diesen Brief nach Belieben nachsinnen, sie hat dazu drei Jahre Zeit, denn bis dahin trug sich gar nichts zu, was auf ihr und Jagg's Schicksal Einfluß gehabt hätte. Letzterer tummelte sich wacker in der Welt um, und lernte durch eigene Anschauung mehr, als mancher Prediger auf der Kanzel wußte. Da bekam er am Vorabend des Kirchtages einen Brief durch die Hallerpost.

Lieber Jakob.

Ich fang' an alt zu werden, ist mir auch mein Lebtag so viel über die Leber gekrochen, daß sich niemand wundern darf, wenn es mir in die Knochen fuhr und diese mürb werden. Mit meinen Geschäften thut es sich nimmer recht, ich komme nicht mehr nach, wie es sein soll und das Moidele kann auch nicht allem vorstehen, weil sie ein Mädel ist und die Sach' einen Mann braucht. Ich hab' nun auf dich ein treues Vertrauen, du weißt und kennst das Anwesen, bist auch kein junger Lapp, der nichts 70 erfahren hat. Komm also und werd' Oberknecht. Ich hab' schon für dich vorgesorgt: wenn ich sterben sollt', kriegst du einen redlichen Teil und darfst es ruhig annehmen, denn das Moidele, dem eigentlich alles gehören soll, hat gern zugestimmt. Wohnen kannst bei deinem Vater, das Haus ist ja nur einen Sprung von uns, Kost und Lohn kriegst von mir. Ueberleg dir's und dann thu, was du für recht hältst.

Dein Vetter Hochmair.

Ob Jagg kommen wird? – –

Sehen wir uns indes nach Eduard um. Er bummelte den ganzen Sommer im Thal herum, denn der Vater konnte ihn nicht mehr ausschicken, weil ihm nach der Heimkehr anstatt Geldbriefen immer nur Schuldverschreibungen nachfolgten.

»Du mußt dir um eine schauen, die Geld, viel Geld hat,« sprach Zangerl eines Abends zum Söhnlein. »Meinen Seckel hast du fast gelüftet, und in der Bauerschaft bringst du es nur dann vorwärts, wenn du dein eigener Knecht sein willst.«

71 »Hab auch schon daran gedacht,« lautete die Antwort, »die Sache aber verschoben: im Grund genommen komm' ich immer früh genug, ich brauch' nur die Hand auszustrecken und auf jedem Finger tanzt ein Mädel.«

»Mach' dich an Hochmairs Moidele!«

»Ans Moidele? Geld wär' da, aber – doch was, es wär' eine Schand': allen Mädeln im Thal hab' ich schon die Cour geschnitten, nur ihr nicht; am End' muß es sich die Bauerntrampel zur Ehre rechnen, wenn ich Ernst mache.« Er schwieg eine Weile, wie es schien mit dem Feldzugsplan beschäftigt, dann sprang er auf und suchte den Kalender.

»Was willst?« forschte der Alte.

»Ist morgen nicht Patronatsfest?«

»Das hätt' ich dir gleich sagen können.«

»Beim Wirt Tanz, ich bin dabei. – Burgl!« herrschte er zur Thür hinaus, »laß morgen nach dem Essen das Feuer nicht auslöschen und leg' das Brenneisen ein, damit ich mich frisieren kann, und du, Sepp, – es galt dem Knechte – halt die kleine Leiter bereit, ich brauche 72 sie bei Nacht.« Vater und Sohn saßen noch eine Weile stumm in der Stube, dann ging dieser, ohne sich um jenen zu kümmern oder ihm auch nur eine gute Nacht zu bieten, in seine Kammer.

Am Festtag nach dem Hochamt pflanzte sich Eduard vor die Kirchenthür; die Lorgnette eingeklemmt, geputzt wie ein Ladenschwengel und des Sieges gewiß, wartete er auf Moidele. Sie trat an der Seite ihres Vaters aus der Thür, ohne daß beide den Gecken eines Blickes gewürdigt hätten. Dieser Anfang war wenig verheißend, er strampfte mit dem Fuß und näherte sich schnell entschlossen dem Mädchen. »Du kommst doch heute zum Tanz; ich habe die Ehre, dich für den Abend zu engagieren.«

Moidele blickte betroffen den Vater an, dieser antwortete kurz: »Ob wir kommen oder nicht, ist einerlei; mit dir tanzt meine Tochter keinen Schritt.«

Lautes Kichern erscholl, die Bauernburschen hatten sich im Kreise versammelt und äußerten ihre Freude über die Niederlage des Burschen, 73 den keiner leiden mochte. Anstatt sich beschämt zurückzuziehen, stellte er sich vor Hochmair, der dem Gitter zuschreiten wollte und sagte mit herausfordernder Miene: »Mit dir will ich nicht tanzen, sondern mit Moidele, und die hat doch selbst einen Mund, so daß du dich für sie nicht bemühen mußt.«

Hochmair richtete sich stolz auf, drängte ihn bei Seite und sprach mit gemessener Würde: »Bursch, wir sind auf dem Friedhof; entweihe die Gräber nicht durch deine Frechheit.« –

»Wahr ist's!« riefen einige Bauern, »und wenn du nicht gehst, machen wir dir Füße.«

Eduard eilte wütend ins Wirtshaus, wo er schon vormittags zu trinken begann, um für den Tanz die rechte Stimmung zu erlangen.

Nach der Vesper versammelten sich die Gäste im Anger des Wirts. Unter der Linde waren für jene, welche nicht tanzen wollten, Tische gestellt, der Tanzplatz befand sich im ersten Stocke eines einschichtigen Hauses. Treppe und Thüre waren mit Tannengewinden geschmückt, um die sich rote, blaue und gelbe 74 Papierstreifen flochten. Aus dem Hintergrunde lockten bereits einzelne Geigenstriche und Klarinettöne.

Da trat Hochmair mit Moidele in den Garten; die Nachbarn äußerten ihre Freude über sein Erscheinen, ohne ein Wort beizufügen, warum er sich so selten sehen lasse: jeder wußte ohnedem, daß er seit dem Tode von Weib und Söhnen nur hie und da der Tochter zulieb, der übrigens auch nicht viel darum zu sein schien, die Gesellschaft besuche. Die Nachbarn rückten zusammen und räumten dem hochgeschätzten Paar den besten Platz. Kaum hatten sie sich niedergesetzt und nach dem Brauch von einigen angebotenen Gläsern genippt, als sie Eduard erblickte. Die Kellnerin mußte ihm einen blanken Zinnteller reichen, darauf stellte er ein Glas Terlaner Schaumwein und trat keck vor Moidele, ohne den Alten auch nur anzuschauen. »Laß dir's schmecken, Diendl, das ist Schampaninger und mit dem wartet nur auf, wer ihn zu zahlen vermag.«

Nun erhob sich Hochmair langsam und gab dem Kerl eine solche Maulschelle, daß er wie 75 vom Blitz getroffen der Länge nach ins Gras stürzte und das Glas samt dem Teller weitab flog. Die ganze Gesellschaft sprang im wilden Aufruhr von den Stühlen, ein Tisch fiel um und vergrößerte den Lärm. »Kellnerin, den Schaden zahl' ich!« rief Hochmair in das Getöse und verließ mit Moidele den Platz. Eduard raffte sich auf, die Bursche packten ihn und schleuderten ihn lüftlings über den Zaun; er kehrte zur Thür des Wirtshauses, ein Bauer stieß ihn zurück, so daß er fluchend entfloh. Zwei Urlauber, welche jedoch keine Lust verspürt hatten, für ihn sich die Haut zerbläuen zu lassen, folgten ihm und wuschen ihm beim nächsten Brunnen das Blut vom Gesicht. Dabei ernüchtert rief er: »Ihr habt's gesehen, das Mädel ist rot geworden, als ich ihr das Glas bot; sie hat mich heimlich doch gern, wär' nur der verdammte Alte nicht! Heute Abend geh ich fensterln, da treff' ich sie allein. Ich nachgeben? Da kennt ihr den jungen Zangerl schlecht.«


76 Die Sonne neigte schon tief nach Westen, als Jagg die Straße verließ und den steilen Pfad gegen Allbach einschlug. Manches Mädchen guckte ihm nach, er war aber auch ein bildsauberer Bursch' geworden. Flog er als Nestvöglein mit glatten Wangen aus, so umhüllte jetzt Kinn und Lippen ein starker blonder Bart, den noch kein Schermesser berührt hatte. Das Auge hatte einen ernsten forschenden Ausdruck: er war eben ein Mensch, der auf alles achtete, wenn er auch nicht über alles sprach. Die Hitze war noch groß, er hatte daher die graue Lodenjoppe über die Schulter geworfen, und das buntseidene Leibchen aufgeknöpft; wenn der Wind einen Flügel zurückwehte, so sah man darunter das reinliche Hemd, und einen breiten roten Hosenträger mit allerlei Seidenstickereien. Gemsen und Jäger tummelten durcheinander, in der Mitte prangte rechts der heilige Name Jesu, links Maria, beiderseits darunter ein Schiff von Rossen gezogen, wie sie auf dem Inn und der Haller Lend verkehren: Moideles Meisterstück.

77 Jagg war offenbar in erregter Stimmung; da und dort pflückte er ein Blümchen, einen Baumzweig und warf ihn achtlos wieder weg; auch stehen blieb er manchmal, wenn sich ihm eine kleine Veränderung aufdrängte, die Feld und Wald in seiner Abwesenheit erlitten. So überraschte ihn die Nacht und er hatte wohl noch eine gute Stunde in die Heimat. Bezüglich des Weges machte er sich keine Sorge, er hätte ihn auch mit verbundenen Augen gehen können, so bekannt war er ihm; allein bei Hochmair durfte er so spät doch nicht mehr einkehren, und beschloß daher lieber gleich das väterliche Haus aufzusuchen. Nun hatte er auch keine Eile mehr und mäßigte den Schritt. Aus der dunkeln Tiefe rauschte der Bach, oben funkelte Stern an Stern, bis sie erblaßten und der volle Mond sein Recht behauptete. Von den Schneehörnern, die geisterhaft herabschimmerten, stieg sein Licht in die Tiefe und strahlte plötzlich hell durch die Zweige der Eschen, die den Rand des Pfades einsäumten und mit leisem Geräusch Blatt um Blatt fallen 78 ließen. Jagg trank in vollen Zügen die freie Luft. Einige Jahre früher hätte er noch lustig hinausgejodelt in die Nacht, heute fühlte er beim Anblick der lang vermißten Heimat eine bange Freude, der er keinen Ausdruck zu geben vermochte.

Hochmairs Haus lag im friedlichen Glanze des Mondes vor ihm, seiner Brust entrang sich ein tiefer Seufzer, er blieb stehen, um sich zu sammeln. Dort, ja dort war Moideles Fenster, leuchtend wie blankes Silber . . . da hörte er plötzlich Geflüster und Tritte, eine schwarze Gestalt schien zum Söller empor zu klettern, . . . er riß einen Zaunpfahl aus und sprang vorwärts, . . . ein greller Pfiff und alles war verschwunden. Er trat vor das Haus, nirgends regte sich eine Seele, er griff an die Stirn, ob ihn ein Traum geneckt . . . noch einen Schritt zum Söller, da lehnte die Leiter, was sollte er denken? Ein Aufruhr von Leidenschaft wogte durch seine Brust . . . Was thun? . . . Lauern? . . . Würde der späte Besucher, welcher so unvermutet gestört worden, wiederkehren? . . . Schwerlich! . . . 79 Man könnte ihm den Weg verlegen, selbst wenn er es wagte . . . Jagg nahm die Leiter über die Schulter und trug sie fort nach Hause; dort warf er sie vor die Thür des Stadels und kroch in das Heu. Der Morgen traf ihn noch wach. Blaß und verstört raffte er sich auf, um geradeswegs Hochmair aufzusuchen. Er hatte sich die Sache nach allen Seiten überlegt und fand schließlich, daß er kein Recht zu klagen besitze. Wenn sich Moidele einen Liebhaber erkor, durfte er, der Knecht, dem sie in keiner Weise verbunden war, dagegen Einsprache erheben, weil er eitle Hoffnungen, thörichte Wünsche gehegt? Was ging ihn dann die Leiter am Söller an; war es doch in Allbach sowie durch das ganze Unterland der Brauch, beim Mädel zu fensterln. Und dennoch fühlte er unsäglichen Schmerz, wenn er an Moidele dachte, wütende Eifersucht auf einen Nebenbuhler, den er nicht kannte, den er nicht packen durfte. Sollte er nun dennoch beim Hochmair Dienst nehmen? – Ja! einmal war er dem Alten zu Dank verpflichtet, gerade sein 80 Wegbleiben hätte auf ihn den Verdacht gelenkt, als ob er es jetzt neben Moidele, da für ihn keine Aussicht mehr vorhanden, nicht mehr aushalte, oder gar mocke.

»Pfui Teufel,« rief er, »ich will zeigen, daß mir nichts daran liegt, ich will . . . . hätt' ich doch nur auf meiner Wanderung ein einziges Mädel gesehen, das sich Moidele auch nur von fern vergleichen dürfte! Ich will schweigen, niemand soll etwas merken.«

Aus diesen Gedanken weckte ihn, da er gerade den Stadel verließ, der Zuruf des Dorfbaders. »Nu, da liegt ja auch Zangerls Leiter; ich kenne sie ganz gut; du hast dir eine saubere Brühe eingebrockt: dank' Gott, wenn du nicht ins Zuchthaus kommst.« –

Jagg starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. –

»Das Beil, mit dem du Eduard über den Kopf gehauen, wird wohl im Heu versteckt sein. Jagg, du kannst von Glück reden, daß es stumpf und schartig war, und der Kerl einen Schädel von Buchenholz auf den Schultern trägt, – 81 sonst« – er strich mit dem Finger quer über den Hals und machte die Pantomime des Hängens. –

»Ja was ist denn um Gottes willen?« stöhnte Jagg voll Angst.

»Stell' dich nur unschuldig; wenn ich dir aber gut raten soll, so beicht' dem Landrichter offen, dann kommst du schneller aus dem Zuchthaus. Der alte Zangerl ist gestern noch nach Rattenberg, um die gerichtliche Beschau zu holen. In höchstens zwei Stunden wird das Verhör aufgenommen und protokolliert. Ein Kranker erwartet mich; geh' nur und schau, wie du dich herausputzest.« –

Jagg stand noch lang, als jener schon fort war, in dumpfer Verwirrung, ohne sich zu rühren. »Bin ich denn auf eine Irrwurz treten,« rief er endlich aus, »daß die ganze Welt um mich verkehrt ist?«


Hören wir den Schluß eines Gespräches in Moidele's Kammer zwischen dieser und dem alten Hochmair. »Ich sag' dir,« sprach er, 82 »wie ein Räuber hat er ihn überfallen und ihm mit dem Schiffbeil auf den Kopf geschlagen.«

»Aber ist es denn auch bewiesen? Ihr kennt Eduard und Jagg, verdient dieser nicht mehr Vertrauen, als jener?«

»Es sind drei Zeugen für die Sache, das genügt!«

Das Mädchen ließ kleinlaut den Kopf auf den Arm sinken, nach einer Weile richtete sie sich aber auf und sagte mit lebhaft gehobener Stimme: »Der Zorn hat ihn hingerissen, als er sah, daß Eduard einbrechen wollte – wie stünd' es mit meinem guten Ruf, hätt' er nicht zugeschlagen?«

»Für deinen Ruf und den unseres Hauses,« erwiderte Hochmair stolz, »werd' ich sorgen, und habe stets dafür gesorgt, da braucht sich niemand einzumischen. Das beste ist, man schaut ihn, wenn er sich nach überstandenem Zuchthaus doch noch ins Thal wagen sollte, gar nicht mehr an, – hörst du?«

Das Mädchen schwieg erblassend, der Vater 83 ergriff rasch den Hut und verließ stumm die Stube.

Jagg ging langsam vorwärts; ganz in sich vertieft, blickte er weder rechts noch links. Aus der Thüre des Gemeindehauses rief ihm der Schullehrer – er hörte nicht. Da schüttelte ihn jener beim Arm: »Du kommst gerade recht, ich hätt' dich sonst suchen müssen, geh' nur in die Stube.« Ohne ein Wort zu entgegnen, klopfte er an, und öffnete die Thüre, ehe man herein gerufen hatte. Hochmair stand zwischen zwei Gemeinderäten, helle Freude leuchtete auf dem Antlitz des armen Burschen, als er einen Freund entdeckt zu haben glaubte, und mit ausgestrecktem Arm lief er auf diesen zu. Der Alte machte eine abwehrende Geberde: »Ich hab' dich rufen lassen, um dir in Gegenwart zweier unverfänglicher Zeugen zu verkünden, daß es zwischen uns aus ist, – aus für immer. Du hast mir, du hast dem ganzen Thale, du hast allen Schande gebracht, in Zukunft gehen wir ohne Grüß Gott und Behüt Gott 84 aneinander vorbei. Da hast du deine ersparten Gröscheln,« – er legte einen Lederbeutel auf den Tisch – »nun sind wir fertig.«

Jagg erschrak so, daß er sich an der Stuhllehne halten mußte. Die drei Männer wandten sich zum Gehen.

»Ich bin unschuldig!« rief ihnen Jagg nach.

Der Alte kehrte sich noch einmal um: »Unschuldig? auch noch lügen!«

»Lügen, ich lügen!« rief Jagg sich hoch aufrichtend, »lügen! Das sagst du mir und kennst mein Herz von Jugend auf wie mein Beichtvater. O mein Gott!« Er knickte zusammen und barg das Gesicht zwischen den Händen, schwere Tropfen rollten durch die rauhen Finger.

Die Männer entfernten sich, ohne ihn anzusehen.


Gehen wir zu Zangerl. Eduard lag mit verbundenem Kopf bleich und erschöpft, ihm zur Seite der Alte, da klopfte es an die Thüre. »Du weißt, was du sagen sollst!« flüsterte er 85 dem Sohn rasch in das Ohr und öffnete mit einem tiefen Bückling dem Landrichter, den der Chirurg und der vierschrötige Gerichtsdiener begleiteten, die Thüre. Dieser stellte den Tisch vor Eduard, der – so erzählte der Bader nachher – ein scheinheiliges Gesicht schnitt, wie der Fuchs im Kindbett, legte die Akten darauf und setzte sich, um das Diktierte aufzuzeichnen. Der Landrichter überschaute unter seiner Brille hervor, die er wie so mancher eher zu tragen schien, den Blick zu maskieren, rasch das Zimmer, er schüttelte leise den Kopf, als ob er seine eigenen Gedanken dabei hätte. »Sie haben die Wunde untersucht?« wendete er sich an den Chirurgen, »kann man ohne die Gesundheit oder das Leben des Klägers zu gefährden, ein Verhör aufnehmen?«

»Nach meiner Ansicht unbedenklich!«

»Darf man sich auf seine Aussagen verlassen? Hat ihn nicht die Gehirnerschütterung . . .« er brach ab und sah den Arzt forschend an.

»Er redet ganz klar und vernünftig.«

Nun wendete sich der Richter an Eduard 86 und forderte ihn auf, im Namen Gottes die Wahrheit frei und unverhohlen mitzuteilen.

»Ihr wißt,« begann dieser, »daß ich mit Jagg schon lang in Feindschaft lebte.«

»Ein erschwerender Umstand,« unterbrach ihn der Richter. Um die Lippen des Alten spielte schadenfrohes Grinsen.

»Gestern nachts,« lispelte Eduard, »um 9 Uhr ging ich nun zu Hochmairs Moidele fensterln. Hätt' ich gewußt, daß ich eine Viertelstunde nachher vielleicht vor dem Richterstuhl des Ewigen hätte stehen können, wahrlich, ich wär' zu Hause geblieben.« Dabei faltete er andächtig die Hände und schielte auf das Crucifix an der Wand.

Der Landrichter, unwillig über die Heuchelei, schnitt fernere Ergießungen dieser Art, wie sie Eduard noch beabsichtigte, ab mit einem barschen: »Weiter!«

»Eh' ich jedoch hinaufstieg, eh' ich mich versündigen konnte, vernahm ich Geräusch; wir, – die zwei Urlauber und ich, welche dieses bestätigen werden« –

87 »Sind schon verhört.«

»Erkannten Jagg im hellen Mondschein, wie er ein Beil schwingend bergauf rannte. Unglück zu verhüten, riet ich zu rascher Flucht. Zu meinem Schmerz ließen sie die Leiter angelehnt, die sie mir herbeizutragen geholfen hatten.«

»Ein Beil? Das wissen die Urlauber nicht so genau anzugeben als Ihr.«

»Ich habe es deutlich funkeln gesehen. Jagg, der mich erkannt haben mußte, stürzte mir wütend nach und holte mich bald ein.«

»Wo?«

»Bei der Lache am Kreuz, etwa dreihundert Schritt vor dem Brückchen über die Mur, hinter dem unser Haus steht.«

»Weiter!«

»Verreck, Hund! schrie er mich an und schwang das Beil, trotzdem, daß ich jämmerlich um Barmherzigkeit bat. Er traf mich so, daß ich ohnmächtig niederstürzte und eine Zeit lang von Sinnen war. Als ich mich etwas erholte, verband ich mit dem Schnupftuch den Kopf, kroch 88 in unser Haus, der Vater machte mir auf und trug mich jammernd in das Bett.«

»Ja,« rief der Alte, »bei diesem Anblick hätt' mir das Herz brechen mögen. Ich holte gleich den Bader, der es bestätigen wird, und eilte dann zu Euer Gnaden.«

»Wer hat Euch aber das Gesicht so zerkratzt?« fragte der Landrichter.

Eduard sah verlegen den Vater an, erwiderte jedoch bald: »Werd' mir es wohl beim Fall an den spitzen Steinen des Weges geschunden haben.«

Dem Landrichter entging nichts, er schwieg jedoch scheinbar zerstreut.

Eduard faltete wieder die Hände: »Eine Bitte hätt' ich noch aus christlicher Nächstenliebe. Wenn man den Jagg nicht in das Zuchthaus sperrte, sondern nur auf ein paar Jahre zum Militärdienst abgäbe!« –

Der Richter würdigte ihn keiner Antwort und sagte zum Gerichtsdiener: »Die Untersuchung ist schwierig genug; es kann sich nicht bloß um ein einfaches Vergehen, sondern um 89 ein Verbrechen handeln. Jagg muß« – er ließ dabei einen Seitenblick auf Eduard gleiten – »jedenfalls verhaftet und nach Rattenberg geliefert werden; fahnden Sie daher auf ihn. Bis er zur Haft gebracht ist, setzen wir mit den Verhören aus.«

Eduard lächelte, der Landrichter schien es nicht bemerkt zu haben, sondern stand auf und verabschiedete sich mit einer leichten Handbewegung. Der Vater ging an das Fenster und sah ihm nach, plötzlich wendete er sich zum Sohn: »Da kommt ja der Hochmair, vielleicht gar zu uns, jetzt heißt es aufpassen.« Und es war so. Hochmair erkundigte sich bei der Dienstmagd, ob der Kranke Besuch annehme, schon trat ihm aber Zangerl entgegen: »Das ist schön, daß Ihr endlich auch einmal Eurem Nachbar die Ehre gebt.« –

»Führt mich zu Eduard.«

Man sah dem alten Hochmair den inneren Widerwillen an, mit dem er sich dem Kranken näherte. »Wollt Ihr nicht Platz nehmen, Nachbar?« sagte Zangerl und schob geschäftig einen 90 Stuhl hin, »sonst tragt Ihr uns ja, wie das alte Sprüchlein vermeldet, den Schlaf fort.«

»Ein gutes Gewissen,« erwiderte Hochmair kurz, »ist stets ein gutes Ruhekissen. Ich bin da, um Euch zu sagen, wie leid es mir thut, daß ein Hochmair solchen Unfug verübt und Euch zu schwerem Schaden gebracht hat. Das darf auf unserer Familie nicht liegen bleiben; es geht mich zwar eigentlich nichts an, aber ich bezahle die Kur, die versäumte Arbeit und was der Gemeindeausschuß an Schmerzensgeld festsetzt.«

»O das können wir ja anders ausgleichen!« sprach Zangerl rasch.

»Was macht Moidele?« fragte Eduard. »Hat sie sich vom Schrecken erholt?«

Auf dem Gesicht Hochmairs lohte Zornglut, er preßte den Hut in der Faust und wandte sich zu Zangerl: »Habt Ihr verstanden, warum ich da war?«

»Ja,« erwiderte dieser, »Geld haben wir selbst, doch Euer Besuch erfreut uns alle. Nehmt es meinem Buben nicht übel, wenn er 91 dumme Streiche gemacht hat, er wird schon gescheiter.«

»Geb' es Gott! Doch das ist Eure Sache, Ihr habt ihn erzogen und müßt die Früchte ernten. Lebt wohl!«

Er verließ das Zimmer. Abends erzählte Zangerl im Wirtshaus, wie beweglich Hochmair seinen Sohn um Verzeihung gebeten; dabei blinzelte er mit den Augen und schnalzte mit der Zunge: »Es wird noch ganz anders werden!«


Aber Jagg, der arme Jagg – giebt es denn für ihn gar keinen Trost? Lang sann er hin und her, doch es fiel ihm nichts Kluges ein. Sein Blick streifte die Kirche, das Thor stand weit offen, er ging hinein und kniete ganz hinten nieder, um sich bei der Mutter Gottes, an die er auch aus der Ferne stets sein Gebet gerichtet, Rates zu erholen. Die Stille wurde nur hie und da durch ein altes Weibchen unterbrochen, das den Kreuzweg murmelte und einige Tropfen Weihwasser sprengend, wieder hinaustrippelte. Da hörte er auf dem Platz reden: 92 »Wenn sie ihn nur nicht hängen.« Er stürzte fort. »Fort, soweit mich die Füße tragen!« dachte er und stand – vor Hochmairs Haus. »O Moidele,« seufzte er, und wie von Geißelhieben getroffen kehrte er um und schlug den Seitenweg ein, der zur Alm führte. Ehe ihn das Gebüsch aufnahm, schaute er noch einmal zurück und drückte den Hut tief in die Stirn. Bald wurde er müde, Angst und schnelle Bewegung lähmten ihn, er setzte sich vor der gesperrten Almhütte auf einen Stein und beschloß zu erwarten, was da kommen würde. Da stieg der Senner Wastl vom Dorf herauf, Tritt für Tritt, wie es bei diesen Leuten Brauch ist. Als er Jagg erblickte, nahm er die Pfeife aus dem Mund und schrie schon von weitem: »Schau, daß du weiter kommst; der Scherg sucht dich überall, um dich einzustecken!«

Jagg sprang auf und starrte verzweifelnd ins Blaue: »Ist denn kein Gott, der mir hilft? ich bin unschuldig.«

Der Senner empfand Mitleiden. »Weißt was?« sagte er, »jetzt iß Nocken bei mir, und 93 nachher wird's schon werden. Wenn du ein so gutes Gewissen hast, wie du redest, so ist es wohl das beste, du stellst dich selbst in Rattenberg, den Kopf werden sie dir nicht abreißen.«

Jagg versank in stummes Brüten, unterdessen kochte der Senner und trug die dampfende Schüssel vor die Thüre auf die Bank.

»Iß, Jagg,« rief er freundlich und klopfte ihm auf die Schulter, »hast dir's überlegt?« –

»Hart ist's, aber besser so, als ich ziehe in Ketten ein, gehetzt vom Hund des Schergen.«

»Iß, du brauchst Kraft.«

Jagg griff zu, er hatte ja seit vierundzwanzig Stunden keinen Bissen genossen.

Nachdem er sich gesättigt, faßte er den Senner bei der Hand: »Vergelt dir's Gott, du hast mich nicht fortgestoßen und meinst doch vielleicht auch im stillen, ich sei – – schuldig.«

Dem guten Wastl flossen dicke Zähren in den Bart: »Na, Jagg, du bist sonst alleweil ehrlich gewesen, da muß der Teufel sein Spiel haben. Schau, der Herrgott hilft dir gewiß, es wär' ja eine Schand' für ihn, wenn er dich 94 stecken ließe. Soll ich dir das Moidele noch einmal grüßen?«

»Das trau' ich mir nicht, aber sag' ihr, ich lasse sie um ein frommes Vaterunser bitten.« Er riß sich los und eilte ins Thal.

Der Landrichter war sichtlich erstaunt, als er sich ihm vorstellte und auf das bestimmteste bat, die Untersuchung schnell einzuleiten, damit er nicht mit einem Schandfleck auf der Welt herumlaufen müsse. Die Art und Weise, wie er die Querfragen des geübten Kriminalisten beantwortete, flößte diesem allsogleich eine günstige Meinung ein.

»Vorläufig,« so endete er das Gespräch, »kann ich dir freilich nicht helfen, es lastet ein schwerer Verdacht auf dir und da muß ich dich, wie jeden Angeklagten, ins Gefängnis schicken, aber sei überzeugt, daß ich dir, sobald deine Unschuld, wie ich hoffe, klar wird, selbst das Thor öffne.«

Jagg fühlte sich ermutigt und ging ruhig mit dem Gerichtsdiener, der ihn nach dem Beispiel des Richters mit Achtung behandelte und ihn in eine leere Zelle führte, um ihn nicht mit 95 den Spitzbuben gewöhnlichen Schlages zusammenzusperren. Er betete, nachdem der schwere Riegel vor die Thüre geschoben war, noch inbrünstig sein Abendgebet und legte sich dann auf das Stroh, wo er bald einschlief. Er lächelte im Schlummer, die Wände des Gefängnisses zerflossen, von heller Morgenröte beschienen leuchteten die Berge seiner Heimat, Hochmair trat freundlich grüßend aus dem Hause und führte ihm Moidele entgegen. –

Träume! –

Die Untersuchung zog sich einige Wochen hinaus, es mußten Verhöre eingeleitet werden, welche den Prozeß nur mehr verwickelten, eine Gegenüberstellung von Jagg und Eduard ergab sich als unbedingt notwendig. Da letzterer geheilt war und wieder ausgehen konnte, sollte sie in einigen Tagen erfolgen.

Schon aus den Andeutungen des Landrichters konnte Jagg entnehmen, daß er vielleicht auch Moidele gegenüberstehen müsse, um sein Verhältnis zu ihr und die Vorgänge jener Nacht ins Klare zu setzen.

96 Jagg erblaßte zuerst, dann färbte Feuerröte sein Gesicht, das bereits die Spuren der Kerkerluft trug. Ein Sturm unklarer Gefühle erschütterte seine Brust. Endlich fand er Worte:

»Herr Landrichter,« begann er stotternd, »wenn es möglich, erspart das dem Mädchen. Es ist zwischen uns nichts Unrechtes, weiß Gott! Nehmt mir darüber den Eid bei allen Höllenstrafen ab, fragt den Pater Magnus, er kann Euch mit meiner Erlaubnis die letzte Beicht' bis zur Absolution erzählen – da ist nichts Unrechtes zwischen uns. Das arme Moidele! Wenn sie ein Lotter nur anlachte, wurde sie verlegen und nun wollt Ihr noch dazu forschen . . . .«

»Sei ruhig!« begütigte der Landrichter, »noch kann man es verschieben; verhört muß sie werden, allerdings, eine Gegenüberstellung ist jedoch nur dann nötig, wenn sich eure Aussagen widersprechen.«

Jaggs Züge überflog ein Strahl der Freude. »Sie wird die Wahrheit sagen,« rief er aus, 97 »gewiß, Herr Landrichter, und dann widersprechen wir uns nicht.«

»Ich hätte gemeint, es wäre dir lieb, das Mädel wieder einmal zu sehen.«

»Nein, nein!« unterbrach ihn Jagg rasch mit abwehrender Geberde, »jetzt nicht. Ich weiß zwar, daß sie, so wahr die Sonne scheint, an meine Unschuld glaubt, vor's Aug' will ich ihr aber erst treten, wenn ich völlig freigesprochen bin. Braucht das noch lang?«

»Ich werde die Angelegenheit thunlichst beschleunigen,« sprach der Landrichter, »vertraue der Gerechtigkeit.«

Jagg wurde ins Gefängnis zurückgeführt.

Dort quälten ihn allerlei Bedenken, sein Verhältnis zu Moidele war so schwankend und Eduard – – unwillig trat er ans Gitter, der Abendstern strahlte mild und ruhig auf ihn herab wie das Auge der Vorsehung, alle Zweifel zerflossen, er bat dem Mädchen im tiefsten Herzen ab, daß er es mit einem solchen Burschen in Verbindung zu bringen gewagt, es war als flüsterte ihm eine innere Stimme zu: Alles wird noch gut.

98 So verging die Woche.

Da erfolgte plötzlich eine unerwartete Wendung seines Schicksals. Am Vorabend des für die Gegenüberstellung mit Eduard angesetzten Tages klopfte es an der Thüre des Richters, der in voller Behaglichkeit den Kaffee zu einem Pfeiflein schlürfte. Unwillig über die Störung rief er »Herein!« –

Es war Hois, der ihn überraschte. »Nichts für ungut, Herr Landrichter, die Gerechtigkeit gegen einen schuldlosen Menschen geht über den Kaffee. Ihr kennt mich; hab' Euch oft schon Holz geliefert und wir beide waren stets miteinander zufrieden; daß ich ein Schulkamerad von Jagg bin, wißt Ihr vielleicht auch, seinetwegen habe ich Euch, weil die Kanzlei schon gesperrt ist, hier aufgestöbert. Das ist eine schreckliche Geschichte! Vorgestern hab' ich sie zu Hall auf dem Markt von einem Allbacher gehört, ganz genau und umständlich mußte er mir alles erzählen, früher ließ ich ihn nicht los. Drauf bin ich schnell zum Aichinger, der war auch ganz verwundert, daß ein so braver und 99 ruhiger Bursch sich auf solche Art sollte vergangen haben. Als ich das Schiffbeil erwähnte, lief er in Jaggs Kammer, brachte es zurück und legte es vor mich mit den Worten: ›Da ist's, da hat Eduard gelogen.‹ Ich nahm das Beil mit, hier übergeb' ich es Euch. Jagg ist aber unschuldig; ich kann's Euch beweisen, wenn Ihr mich anders für ehrlich haltet. Wie sie den Eduard am Kirchtag beim Wirt hinausgefußelt haben, ist er vom Brunnen in ein Schnapshäusel und hat sich dort angesoffen, wie eine Kanone. Das weiß der Branntweinbrenner. Von dort ist er fort und hat das Spektakel beim Hochmair aufgeführt. Den Jagg haben er und seine Gehilfen freilich richtig erkannt, sind auch deswegen, weil sie trotz dem Rausch Schläge fürchteten, eiligst davongelaufen. Was der Jagg gethan hat, kann er Euch selbst berichten, hat es wahrscheinlich schon gebeichtet; was der Eduard gethan hat, weiß ich. Mein Häusel liegt, wie Ihr wißt, ober dem von Zangerl. Ich war durch einen Brief nach Hall geladen, dort mit dem Amt wegen 100 Triftholz abzurechnen; um jedoch zeitlich einzutreffen, entschloß ich mich, noch bei Nacht bis Straß zu gehen. Auf dem Wege traf ich Eduard, der Mond schien so hell, daß ich ihn erkannte, wie jetzt Euch; – da mir jedoch um ein Gespräch mit dem Lumpen nichts war, stellte ich mich in den Schatten des Ahornbaumes unweit der Mur. Er schwargelte vorbei, hie und da einen lauten Fluch ausstoßend, wenn ihm ein Stein nicht auswich. Nun merkt auf. Ich hab' ihn gesehen, etwa hundert Schritt von der Mur, über die ein zwar breiter Steg, aber ohne Geländer führt. Wo er sich die Schramme geholt hat? Auch das kann ich sagen. Er ist über den Steg in die Mur gepurzelt, an eine Felsenkante gestoßen, das Gesicht hat ihm die Schlehenstaude, welche dort unter anderen Büschen steht, zerkratzt. Das ist mir gleich eingefallen und ich bin, um noch andere Zeugnisse zu erlangen, spornstreichs in das Allbach gerannt, dort hab' ich den Schullehrer und Pfarrer mitgenommen. – Ich meinte nämlich, Eduard muß beim Fall das Gewand zerrissen haben 101 und dann hängt gewiß an den Dornen noch ein Fetzen. Da ist noch mehr, – sein Rock. Kotig und vom Regen zerwaschen hing er zwischen den Zweigen. Ganz Allbach kann nun darauf schwören, daß er diesen Rock am Kirchtag funkelneu trug; hier bestätigen der Pfarrer und der Schullehrer schriftlich, wo und wie sie ihn mit mir entdeckt. Die Urlauber sagen, er sei in Hemdärmeln über die Leiter gestiegen, und beim Davonrennen habe er den Rock über die Achsel geworfen. So und nicht anders taumelte er an mir vorbei. Ich bin schnell bergab gegangen, allerdings kam es mir vor, als schreie jemand hinter mir, wahrscheinlich that er's aus Schmerz beim Fall in die Mur; ich hab' darauf nicht länger acht geben und könnt es just nicht beschwören. Das gehört aber nicht her; so viel ist gewiß, Jagg ist unschuldig und Ihr müßt ihn als rechtliche Obrigkeit noch heute auf freien Fuß stellen, noch heut', diesen Augenblick!« –

Der Landrichter, der ihm ruhig zugehört, schob die Brille auf die Stirn, musterte Beil 102 und Rock, las das mitgebrachte Zeugnis, klingelte dem Gerichtsdiener und befahl ihm, Jagg zu holen.

»Du bist frei!« Der Landrichter konnte ihm keinen besseren Gruß bieten.

»Frei?« fragte Jagg zweifelnd.

»Ja frei!« schrie Hois jauchzend, »jetzt laufen wir ins Allbach« –

»Eins versprecht ihr mir an Eidesstatt;« unterbrach sie der Richter, »daß ihr Eduard, wenn ihr ihn zufällig trefft, von dem Vorgefallenen kein Wörtlein sagt. Der Gerichtsdiener holt ihn noch heut', oder noch besser, ihr bleibt bei mir, bis dieser fertig ist.« – Er schellte zweimal mit der Glocke und befahl der Magd: »Bring Wein und Brot!« Dann schenkte er drei Gläser ein, erhob das seine und sprach zu Jagg: »Ich habe einen ähnlichen Ausgang der Untersuchung stets erwartet; Gott sei Dank, es geschah früher als ich hoffte, du sollst leben!« Sie stießen an.

»Und ich laß das Moidele leben und den Jagg daneben!« rief Hois. Jagg errötete.

103 »Einverstanden!« sagte lächelnd der Richter, »obwohl nichts davon in den Akten steht.«

Der Gerichtsdiener erschien mit dem schwarzzottigen Fanghunde; nachdem er vom Richter Auftrag empfangen, verabschiedeten sie sich, Jagg mit herzlichem Danke.

Seit der Zeit, daß Jagg einlag, hatte sich der Charakter der Landschaft wesentlich umgestimmt. Ueber Nacht war nach einem heftigen Wetter auf die Berge Schnee gefallen, der durch die schweren, nur stellenweise vom Ostwind zerrissenen Wolken herablugte und den Beginn des Herbstes verkündete. Jagg gedachte mit Wehmut der schönen verlorenen Stunden, insbesondere als mehrere Herden, die von den Hochalpen bereits abgezogen waren, an ihm vorüberschritten. Sein lustiger Genosse Hois jauchzte ein paarmal hell auf; ein Senner, der etliche Ziegen vom Berg herab trieb, antwortete in die Wette. Da Jagg immer schwieg, und der Gerichtsdiener, überhaupt ein einsilbiger Gesell, jedem Burschen unter den Hut guckte, ob er nicht Eduard sei, verstummte auch er endlich und so gingen sie 104 hinter oder, wenn es die Breite des Weges erlaubte, neben einander, ohne sich viel durch gegenseitige Ansprache zu behelligen. Als der Pfad wieder ebener zu verlaufen begann und die Anstrengung des Atmens geringer wurde, näherte sich Hois dem Jagg und fragte ihn: »Hast du schon einen Vorsatz für heut' abends gemacht?«

»Eigentlich weiß ich noch nicht, was ich beginnen soll.«

»Hör' meinen Rat und thu' nachher, wie du willst. Moidele ist aus Verdruß an der ganzen Geschichte auf das Niederleger gezogen. Die Haut hat mir recht erbarmt, wenn sie mit blassen Wangen in die Frühmesse huschte und an den Zäunen hin ängstlich jedem Menschen auswich. Das half freilich nichts gegen die Leute, wie sie dir aus Bosheit oder Neugier ins Herz bohren: eine oder die andere Klatsch schlich in ihre Kammer und sagte unter dem Schein des Bedauerns das Schlechteste über dich, bis endlich der alte Hochmair mit dem Geschmeiß über die Stiege fuhr. Der hat mit 105 niemand über die Sache geredt, wie's so seine Art, wenn ihn etwas recht tief getroffen. Das arme Moidele! Ihre Mutter ist tot, bei der sie sich hätt' ausweinen mögen, aber wart' nur – – – wisch' dir die Augen mit dem Aermel, – – – was wollte ich eigentlich sagen? – – Ja vom Niederleger hab' ich gegackelt; das ist heut vermutlich eingeschneit, Moidele triffst du aber dennoch, sie stieg schwerlich herab: bis Michaelis haben wir noch zwei Wochen, der Schnee zerrinnt beim ersten Sonnenstrahl und dann kann das Vieh wieder weiden. Ich meine, du wagst heut noch den kurzen Weg und suchst sie auf. Indes kehr' ich beim Hochmair ein und trage ihm die ganze Sache vor, dann mag er sich bis morgen besinnen und sein Unrecht ausgleichen.«

»Ich hätt' in diesem Fall wohl auch nicht anders gehandelt als er.«

»Schwerlich, obwohl du jung bist. Warum ist er stets oben aus? Er muß die Unbill gut machen.«

»Ueberlassen wir das ihm, hintennach trifft 106 er auch hier das Rechte. Er hat sonst an mir gethan wie ein Vater, soll ich ihn jetzt verklagen? Soll ich Moidele einen Verdruß machen?«

»Ich hab' schon anfangs gesagt: Thu' wie du willst! Wir sind hier am Scheidewege.«

»Hois, danken thu' ich dir dann, wenn du mich brauchst!« sagte Jagg stehen bleibend mit tiefer Rührung.

»Hättest an mir auch nicht schlechter gehandelt,« erwiderte Hois. »So jetzt behüt' Gott bis morgen.«

Er schritt mit dem Gerichtsdiener vorwärts, bald hatten sie Hochmairs Haus erreicht. »Und läg' er zu tiefst im Bette, heut' müßt er noch heraus!« sagte Hois und klopfte. Das Fenster des Ganges erhellte sich, Hochmair schob den Riegel zurück und leuchtete in das Dunkel hinaus. »Gut, daß du noch angelegt bist,« rief Hois, »wir haben wichtiges zu verhandeln. Behüt' Gott, Gerichtsdiener! schau, daß du den Lumpen kriegst!«

Die Thüre fiel hinter beiden Bauern ins 107 Schloß. Hois erzählte nun dem staunenden Alten, was wir bereits weitläufig wissen. »Ja, so ists!« rief er, als jener noch immer stumm dasaß, horchend vorgebeugt, um ja kein Wort zu verlieren.

Endlich stand Hochmair auf und ging, ohne ein Wort zu sagen, auf den Hausgang. »Es schneit nicht!« rief er in die Stube zurück, »begleit' mich, Hois, ich steige zum Niederleger. Mit dem Schlaf ist es heut' doch nichts mehr, ich will Jagg, dem ich so wüst begegnet, heut' noch sehen, ich bin sein Vetter und er muß mir's verzeihen.« Ohne auf eine Erwiderung zu warten, ergriff er den Stock.

Hois kannte ihn zu gut, um Einsprache zu erheben. »Nimm doch wenigstens Kienspähne mit, daß wir in der Dunkelheit nicht an alle Bäume rennen!« war die einzige Bemerkung, die er sich erlaubte.

Hochmair brachte ein Bündel aus der Küche, bald flammte eine mächtige Fackel und erhellte ihren Pfad. Sie mochten noch ungefähr eine Viertelstunde von der Alpe entfernt sein, als 108 Eduard den Bergpfad herabrannte, stets Kreuze schlagend und schreiend: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn.« Er hielt einen Augenblick vor beiden still und rief: »Kehrt um, kehrt schleunig um, der Teufel hat das Moidele geholt.« Ohne einer Frage stand zu halten, eilte er fort.

Der Alte beschleunigte den Schritt, so viel es seine Beine vermochten, – wie sollte er sich diesen Auftritt reimen?

»Das böse Gewissen jagt ihn!« meinte Hois. »Nur zu, wenn auch nicht dem Teufel in den Rachen, läuft er doch dem Schergen ins Garn!«


Gehen wir voraus und sehen, was auf der Alm geschieht; der Alte wird, wie die guten Väter im Lustspiel, schon zu rechter Zeit eintreffen, wenn man ihn braucht. Jagg, ein tüchtiger Bergsteiger, hatte die Hütte bald erreicht; er horchte, ehe er nach der Klinke griff, erst an der Thür, wer etwa drinnen sei. Verschiedene Stimmen redeten durcheinander, er mochte nicht eintreten, und stieg daher auf das 109 Dach, das, wie bei Almhütten nicht selten, an einer Seite fast zum Boden niederhing, um durch die Luke, welche die Stelle des Rauchfanges einnahm, alles zu beobachten. Es war ein Heimgarten versammelt; im Freien konnte man nicht aushalten, so hatten sich Senner und Dirnen aus den umliegenden Almen um ein Feuer gelagert, das von Zeit zu Zeit aufflackernd die rußige Hütte mit einem rötlichen Schein erfüllte. Moidele saß seitab, sie nahm am Gespräch nur teil, wenn sich jemand unmittelbar an sie wendete.

Die Thür ächzte in den rostigen Angeln, Eduard steckte lauernd den Kopf herein. »Sehr schön,« sprach er, »daß ich euch alle hier antreffe!« und ging von ein paar Knechten gefolgt zur Feuergrube. Da ihm niemand Platz machte, verbeugte er sich vor Moidele: »Ist es erlaubt, an der Gesellschaft teil zu nehmen?«

Sie erwiderte scheinbar gleichgültig: »Du kommst mit andern, vom Heimgarten ist niemand ausgeschlossen, der gern gesehen zu sein glaubt.«

Ein Knecht schob eine Bank vor, Eduard 110 setzte sich so, daß er Moidele im Auge hatte, diese that jedoch, als wolle sie etwas holen, und änderte den Platz. Bald war das Gespräch wieder in vollem Gange. Nachdem das Vieh vom Schafe bis zum Stier abgewandelt und der Almnutzen, den heuer jeder Bauer in Aussicht habe, mit vollster Genauigkeit gewogen war – nämlich auf den Zungen – kam man allmählich auf den in solchen Kreisen beliebtesten Gegenstand: die Gespenstergeschichten. Eduard witzelte hie und da: man sah es jedoch dem rohen, nur gefirnißten Burschen an, daß ihm nicht ganz wohl war, wenn irgend etwas gar zu Gruseliges mitgeteilt wurde.

Wastl war fort, die Kühe zu melken, jetzt kehrte er zurück und nahm seinen Platz hinter dem großen Molkenkessel ein. »Einen Alberer hab' ich gesehen, grad' – jetzt!« begann er. »Wie ein brennender Besen ist er durch die Luft gefahren dem Grateleck zu.«

»Das ist der rechte Platz,« fügte ein anderer bei, »heut' Donnerstag, da haben die Hexen einen Tanz.«

111 »Da hätt' er uns einladen können!« bemerkte Eduard spöttisch.

»Wo der Alberer seinen Spuk treibt, ist der Teufel auch nicht weit!« unterbrach ihn Wastl unwillig. »Schau nur, daß er dich nicht einmal beim Frack kriegt. Wärst eigentlich gut oder schlecht genug dafür. Uebrigens ist das ein Zeichen, daß wir bald abtreiben müssen, sonst schaut er uns, wie's oft schon geschehen, beim Dach herein.«

»Beim Dach?« spöttelte Eduard, und hob unwillkürlich den Blick gegen die Luke. »Jesus, Maria und Joseph!« schrie er, »da ist er ja!« und sprang erschreckt auf. Durch die Dachluke starrte ein bärtiges Antlitz in der ungewissen Beleuchtung des Feuers mit funkelnden Augen herab. Alles rannte entsetzt durcheinander. Jagg wollte sich zurückziehen, glitschte aus und plumpste in einer Wolke von Schindeln und Schnee herab, daß die Flamme prasselnd aufschlug. Die Anwesenden sprangen voll Entsetzen zur Thür hinaus, daß einer über den andern in den Kot kugelte, nur Moidele, das den 112 Unglücklichen erkannt hatte, blieb stehen. Er richtete sich auf, das Mädchen maß ihn von oben bis unten mit einem zornigen, vorwurfsvollen Blick.

Er hielt ihn ruhig aus: »Moidele,« sagte er langsam, »ich bin freigesprochen.« –

Sie begann heftig zu zittern.

»Moidele!« rief er aus tiefster Brust; er blickte sie innig an und breitete unwillkürlich die Arme uns. Sie sank an sein Herz.

Vor der offenen Thüre stand aber Hochmair schon eine Weile in der Dunkelheit, unbeachtet vom überglücklichen Paare, das alles ringsum vergessen hatte. Endlich trat er ein: »Jagg, ich hab' dich tief gekränkt, verzeih' mir's; du weißt selbst, oft meint man's recht und trifft's schlecht. Uebrigens hast du das Moidele schon genug ins Gered' gebracht, ich hab' nichts dagegen, wenn ihr noch vor Kathrein heiratet.«

An der Thür drängte sich indessen Kopf an Kopf, die Gesellschaft hatte sich vom ersten Schrecken erholt und wollte nun sehen, was denn der Teufel eigentlich mit Moidele, die 113 stets ein braves. frommes Diendl gewesen, zu verhandeln habe. Wie erstaunten sie, als sie Hochmair und Moidele noch dazu mit einem Bräutigam, der aus den Wolken gefallen war, im freundlichsten Gespräche bemerkten.

Hochmair wendete sich gegen die Thüre: »Seid alle zur Hochzeit geladen, aber kommt fein gewiß.«

* * *

Mittagsessen und Erzählung sind zu Ende, der Leser weiß nun, wie sich Jagg und Moidele kriegten, er erlaubt mir gewiß gern, das Stündchen, wo die Sonne am stärksten glüht, im Anger auf dem weichen Klee zu verduseln.

Gegen drei Uhr stand ich auf, es galt einen Entschluß für die Fortsetzung der Reise zu fassen. Ich überschaute von einem Vorsprung die Gegend, das Hochgebirg' war noch unwegsam, und es blieb daher nichts anderes übrig, als den Rückweg in das Innthal anzutreten. Als ich wieder auf die Bank vor der Thür zurückkehrte, näherte sich ein Mann, dessen Tracht mir sogleich auffiel: eine Musterkarte abgelegter Kleider aus 114 verschiedenen Epochen. Auf dem Kopfe trug er einen ruppigen Seidenhut, zerknittert und verbogen, daß ihn ein Darsteller des Lumpazivagabundus hätte beneiden mögen. Die Locken waren an den magern Schläfen aufgedreht, um den Hals schlang sich ein schottisches, gewürfeltes Tuch, an dem herabhängende Fetzen die Fransen vorstellten. Der Oberleib steckte in einem kurzschößigen, schwarzen Frack voll Schmalzflecken, die Löcher am Ellbogen mit Stücken braunen Lodens zugepletzt. Die breit geschnittene Weste, in welcher ein welkes Vorhemdchen schlotterte, konnte als Farbenrebus gelten oder auch als kolorierte Karte von Deutschland, wie sie mit ihren Flecken einen armen Schulbuben in Verzweiflung bringt; von den Unaussprechlichen wollen auch wir schweigen. In einem Korb trug er Holzstäbe und Drahtschlingen. Es war der Mausfänger der Gemeinde.

»Kommt Ihr von außen?« fragte er, höflich den Hut abnehmend.

»Ja!«

115 »Wie steht denn der Kurs?«

»Etwa 127!«

»Teufel, da wär' was zu machen!« murmelte er und ging ohne ein Wort zu verlieren, jedoch mit dem Hut höflich grüßend, in einen Anger, wo er die Fallen stellte.

Die Wirtin brachte den Kaffee.

»Warum will denn der Mensch den Kurs wissen?« fragte ich sie. »Er sieht gar nicht einem Banquier gleich.«

»Oh!« erwiderte sie lachend, »hat er Euch auch belästigt? Das ist der Zangerl Eduard, von dem Ihr gehört habt. Er mußte damals wegen Verleumdung lang sitzen; als er auskam, trieb er's ärger als zuvor. Nachdem sein Vater bald darauf gestorben war, verputzte er das Gut bis auf den letzten Grasbüschel, und führte sich so schlecht auf, daß ihn das Gericht endlich zum Militär ablieferte. Der Unterjäger klopfte das Tuch so lange mit dem Haslinger, bis endlich etwas daraus wurde. Nachdem er ausgedient hatte, kehrte er in das Thal zurück, aber was beißen? Es mochte ihn, obgleich er jetzt 116 gern arbeiten wollte, niemand dingen, da erbarmte sich der Jagg seiner, und setzte es durch, daß er zum Mausfänger bestellt wurde. Nebenbei flicht er Vogelhäuschen, führt Fremde, oder trägt Jochblumen auf den Bahnhof; er hat schon zu leben und jetzt kann ihm eigentlich niemand was Unrechtes nachsagen. Kommt man zufällig – Vorwürfe macht ihm niemand – auf die alte Zeit zu reden, so lacht er, und bringt das Sprüchlein:

All's verthan vor deinem End',
Ist das beste Testament.

Uebrigens hat er den Unform, jeden, der vom Thal hereinkommt, um den Kurs zu fragen – es ist eben noch alte Gewohnheit, wenn es ihm auch nichts nützt.«

»Wer ist denn aber eigentlich der Hois?«

»Unser Bote, den im Unterland ein und aus jeder Mensch kennt.«

»Und der Nothelfer aller Verliebten!« setzte die Kellnerin bei, welche sich indes zu uns gesellt hatte.

117 »Ja, wenn sie brav sind, merk' dir's, Diendl!« sagte die Wirtin mit einem Seitenblick.

»Aber wie ist er denn zu dieser Anstellung gekommen?« forscht vielleicht eine neugierige Leserin.

Durch Blut und Thränen! Das kann ich aber heute nicht mehr mitteilen, weil es zu lang wäre, nur will ich jenen, die ihn vielleicht als Nothelfer aufsuchen möchten, sein Häuschen zeigen. Es steht dort am grünen Rain, aus braunem Holz gezimmert. Alles ist so licht, hell und reinlich darin, als hätte hier nie das Elend gewohnt – und doch!! –

Die Sonne hatte sich, während wir plauderten, tiefer geneigt, ich dankte der Wirtin und bezahlte der Kellnerin die kleine Zeche. Bergab ging es schnell, ich erreichte den Fahrweg bei Reit, als die letzten Strahlen der Sonne auf den Wellen des Inns spiegelten. Ich untersuchte noch eilig einige Gräben, die ähnlich den Dollinen Istriens in den Wiesen eingesunken waren. Eine derselben erfüllte bereits ein kleiner See. Es waren 118 Gipsschlotten. Das Wasser hatte das Gestein aufgelöst und fortgeschwemmt, da brach denn die Wölbung zusammen und bildete die Höhlungen.

Die Dämmerung sank in das Thal, während hoch auf dem Sonnenwendjoche die Heidenjungfrau, welche dort den Thron hat, ihre rosigen Wolkenschleier wob.

Ueber die Brücke auf das linke Innufer. Schon zieht der Bahnwächter das Signal auf. Durch die Nacht braust das dämonische Dampfroß mit den zwei Feueraugen heran.

Auf Wiedersehen im Achenthal!

 


 








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