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Ille mihi - Erster Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Erster Band - Kapitel 15
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titleIlle mihi ? Erster Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
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Ein paar Wochen später, nach dem Mittagessen, als sich Theophil bereits zum Rauchen in sein Zimmer begeben hatte, und Frau von Zehren gerade die Likörflaschen in das mit geschnitzten Jagdemblemen gezierte Büfett aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts einschloß, trat die Mamsell ins Eßzimmer. Sie hatte den erregten Ausdruck ungebildeter Leute, die sich stets freuen, als erste eine grausige Nachricht bringen zu können. Mit flüsternder Stimme meldete sie: »Die Försterin liegt seit heute früh in den Wehen – es soll schlimm stehen, und der Förster ist ja seit gestern für den Herrn verreist.«

»Ist denn die Rückschwart nicht bei ihr?« fragte Frau von Zehren.

»,Ja, jetzt ist sie da,« antwortete die Mamsell, »aber sie war ja heute nacht bei der Köppen Sophie und hat erst spät hingekonnt.«

»Na, da wollen wir mal nachschauen,« sagte Frau von Zehren und wandte sich dann zu Ilse: »Du kannst mich begleiten.«

Ilse waren bei den Worten der Mamsell die Kniee plötzlich ganz weich geworden, als könnten sie sie nicht mehr tragen, und sie hatte unwillkürlich nach einer Stuhllehne gegriffen; aber sie raffte sich zusammen, schalt sich feige und folgte der Schwiegermutter, die bereits im Flur stand und sich den dort hängenden braunen Gartenhut mit den karrierten Bindebändern aufsetzte. Dabei überkam Ilse jedoch wieder das seltsame Gefühl, in einen schwarzen Strudel hinabgezogen zu werden, das sie während der letzten Wochen schon mehrmals empfunden hatte. Frau von Zehren bemerkte ihre plötzliche Blässe und sagte: »Ja, so sind nun heutzutage die jungen Menschen: Sie verlangen immer mehr, aber sie vermögen immer weniger. Jetzt kann eine Frau schon nicht mehr mit ansehen, wie ein Kind geboren wird! Na,« schloß sie verächtlich, »bleib bei deinem Klavier, dazu taugst du wohl besser.«

»Nein, nein, Mama,« antwortete Ilse, die den Schwindelanfall nunmehr überwunden hatte, »ich komme sehr gerne mit – die arme Anne Dore tut mir ja so schrecklich leid.« Beim Verlassen des Hauses blieb sie einen Augenblick vor der Tür stehen, um die sich Schlingrosen rankten. In großen Dolden blühten sie, blutrot und üppig sprießend, wie verkörperter Lebenswille. Ilse brach einen der Zweige ab, der die Blumenfülle kaum zu tragen vermochte.

»Was willst du damit?« fragte Frau von Zehren.

»Ich werde Anne Dore die Blumen mitbringen, vielleicht machen sie ihr Freude,« antwortete Ilse und entfernte sorgsam die Dornen, so daß sie nicht gewahret, wie Frau von Zehren, stumm zum Himmel aufschauend, die Achseln zuckte.

Dann gingen sie den kurzen Weg zum Forsthaus durch die gemähten Wiesen. In großen Haufen lag das duftende Heu, um auf den bereitstehenden Erntewagen eingefahren zu werden. All die Zittergräser, Gänseblumen, blauen Glocken und rosa Federnelkchen, der rote Klee, die Schafgarben, Butterblumen und Vergißmeinnicht, von denen noch vor wenig Tagen ein jedes sein aufrechtes, blühendes Sonderdasein geführt hatte, waren hingesunken und unkenntlich geworden in den graugrünen Ballen, die die Mägde auf die Wagen türmten; aber schon begannen unter den lockenden Sonnenstrahlen neue Halme und Knöspchen aus den Wurzeln hervorzutreiben, und auch auf diesem armen Boden blieb die ewige Lebenskraft Siegerin.

Weiße Schmetterlinge spielten paarweise in der warmen Luft, Bienen summten geschäftig um die Linden längs des Weges, vor einem Knechthäuschen kauerte ein blondes barfüßiges Kind und hielt ernst und wichtig einer Familie gelber flaumiger Entchen einen Napf vor, während eine im Sonnenschein lang ausgestreckte Katze ihre Jungen säugte. Die Natur mit ihrem Sorgen für die Kommenden erschien als eine milde freundliche Macht, und Ilse, von der im Freien die Angst um Anne Dore und das eigene Mißbehagen gewichen waren, sagte sich, daß es schön sei für das kleine Kind Anne Dores, an diesem sonnigen, glückverheißenden Tage der wonnigen Welt geboren zu werden. –

Das Försterhaus war ein altes trutzig dreinblickendes Gebäude mit dicken Mauern und schmalen vergitterten Fenstern. In fernen unruhigen und selbstherrlichen Zeiten hatten es die Herren von Zehren als Gefängnis benutzt. Ein freier Platz daneben hieß noch die Galgenstätte. Gleich dahinter begann der dünne Kiefernwald. –

Es war kalt und finster in der unteren Diele und seltsam still, wie tot, nach all dem schwirrenden, summenden und schnatternden Leben draußen. Eine schmale steile Holztreppe führte zum ersten Stock. Wie nun die beiden Frauen, aus dem Lichte kommend, sich in der Dunkelheit emportasteten, tönte von droben ein Wimmern, das Ilse noch nie vernommen. Sie schaute erschreckt zur Schwiegermutter. Aber Frau von Zehren stieg unbekümmert weiter, als gehöre dieser klagende Laut zu der rechtmäßigen Ordnung der Dinge, an der nichts je zu ändern, und Ilse folgte ihr auf der steilen Treppe, die in alten Zeiten Gefangene stöhnend gegangen waren, und die zum geheimsten Verließ zu führen schien, wo eines schauerlichen Kultes Opfer gepeinigt werden. – Oben war ein schmaler Flur. Eine Tür öffnete sich von innen, die lange hagere Gestalt der Rückschwart wurde darin silhouettenhaft sichtbar, und das leise Wimmern tönte lauter.

»Wie steht's?« fragte Frau von Zehren. Die Rückschwart murmelte etwas, das Ilse nicht vernahm; nur die letzten Worte verstand sie: Es war zu Dr. Liebetrau geschickt worden. – Frau von Zehren nahm den braunen Hut mit den karrierten Bändern ab, legte ihn auf den Tisch im schmalen Flur und schritt dann resolut in das Zimmer, dessen Tür die Rückschwart offen hielt. Ilse trat nach ihr ein. Der Zweig roter Rosen aber war ihr wie von selbst aus der Hand geglitten und auf den Boden des finsteren Flures gesunken. –

Das Zimmer war beinahe so dunkel wie der Gang davor; kaum, daß sich ein Sonnenschimmer durch das schmale vergitterte Fenster an der Dicke der Mauern entlang und bis auf das Bett schlängeln konnte, wo Anne Dore bleich und verstört lag. – Geschäftig bemühten sich Frau von Zehren und die Rückschwart um die Kranke, und ihre Bewegungen glichen sich in ihrer selbstverständlichen Sachlichkeit und einer gewissen ländlichen Derbheit, die selbst der offenbare Wunsch wohlzutun nicht zu verfeinern vermochte. –

Ilse war in der dunkelsten Ecke stehen geblieben und starrte lautlos auf Anne Dores Mund, der sich bisweilen vor Schmerz verzerrte, auf die weiße Stirn, an der das Haar in feuchten Strähnen klebte. – Oh! die Natur war doch keine freundlich milde Macht! wie Ilse vorhin draußen gedacht, nein, sie war noch heute ganz so grausam und unverständlich, wie die Menschen, die in vergangenen Jahrhunderten dieses selbe Zimmer als Folterkammer benutzten. Und plötzlich fragte sich Ilse, ob Papa, wenn er dieses hier hätte sehen können, wohl noch sagen würde: Es ist ja nicht schlimm, es ist nicht so schlimm!

Einmal, als Frau von Zehren und die Rückschwart in die Küche gegangen waren, schlich sich Ilse zaghaft zu Anne Dore heran und streichelte leise die nassen Hände, die sich in die Decke gekrampft hatten.

Es war ihr, als sei ein grauenhaftes Etwas da im Zimmer, das sie nicht sehen, sondern dessen Nähe sie nur fühlen konnte, das aber Anne Dores weit aufgerissene Augen deutlich erblickten. – Die kleine Ilse fürchtete sich so sehr, daß sie dachte, es müsse eigentlich weniger schlimm sein, zu sterben, wie solche Furcht zu empfinden, aber über all diese Furcht hinaus ging doch noch das Mitleid, das ihr wie ein physischer Schmerz am Herzen riß. Sie wollte so gern dem armen wimmernden Wesen helfen, das sich da vor ihr in Schmerzen wand, den Abgrund überbrücken, der stets den einen Menschen vom andern trennt, und einen jeden in Einsamkeit erhält; sie wollte Anne Dore ganz, ganz nahe kommen, so nahe, bis daß diese fühle, es gibt nur ein Leben und ein Leiden, und das tragen wir alle zusammen. –

Die Zeit schlich. Endlos schienen sich die Minuten und Viertelstunden zu dehnen. – Frau von Zehren schaute auf die Uhr, blickte zum Fenster hinaus und murmelte: »Er müßte schon da sein.« – In all ihrer Unerfahrenheit fühlte Ilse doch, daß es mit Anne Dore in jeder dieser schleichenden Viertelstunden schlimmer wurde, daß das grauenhafte Etwas näher und näher rückte. – Und dies fern zu halten, es zu überwinden, dies arme stöhnende Leben zu retten – das war doch das Einzige, worauf es ankam, ein Ziel, jeden Opfers wert, etwas, für das es leicht sein müßte, sich selbst hinzugeben. Ilse vergaß alles andere darüber, vergaß, wie schwach sie sich selbst fühlte, wie nur die Aufregung sie noch aufrecht hielt. – Sie sah das Achselzucken der Rückschwart, die nichts mehr vermochte, – da faltete sie in ihrem dunkeln Winkel die Hände und betete stumm: Nimm mich statt ihrer, lieber Gott, laß mich für sie sterben! –

Aber endlich kam Dr. Liebetrau. Und mit ihm trat auch Zuversicht ins dunkle Zimmer. – Ilse fühlte, da ist einer, der kämpfen wird. – Er bemerkte sie gar nicht, wie sie da im Schatten kauerte und gebannt vor sich hinstarrte. – Er achtete nur auf Anne Dore, und selbst Frau von Zehren war ihm in diesem Augenblick nichts anderes wie die Rückschwart, die er zu allerhand Handreichungen kurz und bündig hin und her beorderte. – was eigentlich geschah, wollte Ilse gar nicht sehen, sie fühlte, daß es furchtbar sein mußte; sie lauschte nur auf die kleinen freundlichen, seltsam weichen Worte, mit denen Dr. Liebetrau Anne Dore ermutigte. –

Und dann trat Frau von Zehren zu Ilse und sagte ihr, sie solle in der Küche nach dem heißen Wasser sehen und es hereinbringen. – Schwankend ging sie hinaus; sie fühlte plötzlich wieder den Schwindel, das Hinabsinken in einen finsteren Strudel. Sie klammerte sich beim Gehen an die Möbel. Niemand bemerkte es. Die drei waren über das Bett gebeugt. ein seltsam süßlicher Geruch zog durchs Zimmer. Ilse wurde ganz weh davon. –

Mühsam hob Ilse den schweren Kessel vom Herde, goß das heiße Wasser in eine Kanne, füllte den Kessel von neuem, stellte ihn zurück aufs Feuer. – Dazwischen fuhr sie sich mit der Hand über Rücken und Schenkel. Sie hatte plötzlich unerträgliche, ziehende Schmerzen. Sie mußte sich auf den Küchenstuhl setzen. – sie wußte nicht, wie lange sie so gesessen. –

»Ilse, Ilse,« rief da Frau von Zehren an der Tür, »bring doch endlich das Wasser.«

Sie nahm die schwere Kanne und schwankte herein. Es rauschte und summte ihr in den Ohren, und dazwischen hörte sie die Stimme der Rückschwart: »Stramme Bengels für Zwillinge!« Anne Dores Stöhnen hatte aufgehört, dagegen füllten andere Töne das Zimmer, kleine rührende Schreie unbefragt in die Welt gefetzter Wesen, die sich instinktiv vor dem Leben fürchteten.

Frau von Zehren und die Rückschwart hielten jede ein kleines, feuchtes, rotes Etwas in den Armen.

»Gieß das Wasser in die Wanne,« sagte Frau von Zehren.

Nun wurde Dr. Liebetrau Ilse gewahr, »Was, Sie sind hier?« fragte er erstaunt.

»Ich war ja die ganze Zeit hier,« antwortete sie. »Aber nicht wahr,« fragte sie flehend, »nun ist es doch vorbei?« Es klang wie beginnendes Schluchzen in ihrer stimme.

»Jawohl,« antwortete Liebetrau behaglich, »nun ist es für diesmal vorbei, und mit Zwillingen ist es ja auch wohl gerade genug – na, es steht ja alles gut.«

»Oh, es war schrecklich, schrecklich!« seufzte Ilse, und das Schluchzen wurde deutlicher. –

»Nur ruhig, nur ruhig,« beschwichtigte Liebetrau. Aber seine Worte halfen nichts mehr, Tränen liefen an ihren Wangen herab, und ein konvulsivisches Schluchzen schüttelte sie.

»Aber Ilse,« sagte Frau von Zehren ungeduldig von der Badewanne aus, über die sie und die Rückschwart sich wie böse Feengevatterinnen beugten. »So nimm dich doch ein bißchen zusammen.«

Dr. Liebetrau aber umschloß die erschöpft daliegende Anne Dore und die weinende Ilse mit dem gleichen Blick nachsichtigen Mitleids und sagte leise: »Ja, solche Stunden fordern eigentlich zu große Dinge von solch armen kleinen Menschenstäubchen – 's ist ungerecht.« Dann wandte er sich an Ilse: »Nun gehen sie aber wirklich nach Hause – Sie hätten gar nicht herkommen sollen.« – »Sag Theophil, daß ich noch hier bleibe,« rief ihr Frau von Zehren nach.

Nun stand Ilse draußen im Korridor. Er war finsterer noch als vorher bei ihrer Ankunft, sie streckte die Hand nach dem Treppengeländer aus. Im selben Augenblick aber schoß ihr der ziehende Schmerz viel stärker noch als vorher durch Rücken und Schenkel. Es war, als würden ihr die Kniee ganz weich. Kalte Tropfen traten ihr auf die Stirn; sie blickte in einen finsteren Strudel, der sie unerbittlich in sich hineinzog. Sie wollte sich halten, tappte mit der Hand in der Luft, aber sie fand keine Stütze. Und sie fühlte nun, wie sie hinabstürzte in eine dunkle endlose Leere. – Sie hörte einen gellenden Schrei. Hatte sie den ausgestoßen? – Und dann empfand sie einen stechenden Schmerz im Rücken. Jetzt bin ich tot, dachte sie. – Dann dachte sie nicht mehr. Aber sie hörte noch, Stimmen, rauschend und summend, ganz weit fort. – Nun hörte sie nicht mehr. – Sie war gar nicht mehr da. – Aber etwas war noch irgendwo, das hörte. Was hörte? – Nun war auch das nicht mehr da.«

Nichts war. –

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