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Ilias

Homer: Ilias - Kapitel 43
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleIlias
sendergerd.bouillon
firstpub1793
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Here stand nun schauend, die goldenthronende Göttin,
Hoch vom Gipfel herab des Olympos; und sie erkannte
155  Schnell den Schaltenden dort in der männerehrenden Feldschlacht,
Ihren leiblichen Bruder und Schwager, freudiges Herzens.
Ihn alsdann auf der Höhe des quellenströmenden Ida
Sahe sie sitzen, den Zeus, und zürnt' ihm tief in der Seele.
Jetzo sann sie umher, die hoheitblickende Here,
160  Wie sie täuschte den Sinn des ägiserschütternden Gottes.
Dieser Gedank' erschien der Zweifelnden endlich der beste:
Hinzugehn auf Ida, geschmückt mit lieblichem Schmucke;
Ob er vielleicht begehrte, von Lieb' entbrannt zu umarmen
Ihren Reiz, und sie ihm einschläfernde sanfte Betäubung
165  Gießen möcht' auf die Augen, und seine waltende Seele.
Und sie enteilt' ins Gemach, das ihr Sohn, der kluge Hephästos,
Ihr gebaut, und die künstliche Pfort' an die Pfosten gefüget
Mit verborgenem Schloß, das kein anderer Gott noch geöffnet.
Dort ging jene hinein, und verschloß die glänzenden Flügel.
170  Jetzt entwusch sie zuerst mit Ambrosia jede Befleckung
Ihrem reizenden Wuchs, und salbt' ihn mit lauterem Öle,
Fein und ambrosischer Kraft, von würzigem Dufte durchbalsamt;
Welches auch, kaum nur bewegt im ehernen Hause Kronions,
Erde sogleich und Himmel mit Wohlgerüchen umhauchte:
175  Hiermit salbte sie rings die schöne Gestalt; auch das Haupthaar
Kämmt' und ordnete sie, und ringelte glänzende Locken,
Schön und ambrosiaduftend, herab von der göttlichen Scheitel;
Hüllte sich drauf ins Gewand, das ambrosische, so ihr Athene
Zart und künstlich gewirkt, und reich an Wundergebilde;
180  Dann mit goldenen Spangen verband sie es über dem Busen;
Schlang dann umher den Gürtel, mit hundert Quästen umbordet.
Jetzo fügte sie auch die schönen Gehäng' in die Ohren,
Dreigestirnt, hellspielend; und Anmut leuchtete ringsum.
Auch ein Schleier umhüllte das Haupt der erhobenen Göttin,
185  Lieblich und neu vollendet; er schimmerte, hell wie die Sonne;
Unter die glänzenden Füß' auch band sie sich stattliche Sohlen.
Als sie nunmehr vollkommen den Schmuck der Glieder geordnet,
Eilte sie aus dem Gemach, und rief hervor Aphrodite,
Von den anderen Göttern entfernt, dann freundlich begann sie:

190 

Möchtest du jetzt mir gehorchen, mein Töchterchen, was ich begehre;
Oder vielleicht es versagen, mir darum zürnend im Herzen,
Weil ich selbst die Achaier, und du die Troer beschützest?

Ihr antwortete drauf die Tochter Zeus' Aphrodite:
Here, gefeierte Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos,

195  Rede, was du verlangst; mein Herz gebeut mir Gewährung,
Kann ich es nur gewähren, und ist es selber gewährbar.

Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Gib mir den Zauber der Lieb' und Sehnsucht, welcher dir alle
Herzen der Götter bezähmt, und sterblicher Erdebewohner.

200  Denn ich geh' an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Daß ich den Vater Okeanos schau', und Thetys die Mutter:
Welche beid' im Palaste mich wohl gepflegt und erzogen,
Ihnen von Rheia gebracht, da der waltende Zeus den Kronos
Unter die Erde verstieß und die Flut des verödeten Meeres.
205  Diese geh' ich zu schaun, und den heftigen Zwist zu vergleichen.
Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.
Könnt' ich jenen das Herz durch freundliche Worte bewegen,
Wieder zu nahn dem Lager, gesellt zu Lieb' und Umarmung;
210  Stets dann würd' ich die teure geehrteste Freundin genennet.

Ihr antwortete drauf die hold anlächelnde Kypris:
Nie wär's recht, noch geziemt es, dir jenes Wort zu verweigern;
Denn du ruhst in den Armen des hocherhabnen Kronion.

Sprach's, und löste vom Busen den wunderköstlichen Gürtel,

215  Buntgestickt: dort waren des Zaubers Reize versammelt;
Dort war schmachtende Lieb' und Sehnsucht, dort das Getändel,
Und die schmeichelnde Bitte, die selbst den Weisen betöret.
Den nun reichte sie jener, und redete, also beginnend:

Da, verbirg' in dem Busen den bunt durchschimmerten Gürtel,

220  Wo ich des Zaubers Reize versammelte. Wahrlich du kehrst nicht
Sonder Erfolg von dannen, was dir dein Herz auch begehret.

Sprach's; da lächelte sanft die hoheitblickende Here;
Lächelnd drauf verbarg sie den Zaubergürtel im Busen.
Jene nun ging in den Saal, die Tochter Zeus' Aphrodite.

225  Here voll Ungestüms entschwang sich den Höhn des Olympos,
Trat auf Pieria dann, und Emathiens liebliche Felder,
Stürmete dann zu den schneeigen Höhn gaultummelnder Thraker,
Über die äußersten Gipfel, und nie die Erde berührend;
Schwebete dann vom Athos herab auf die Wogen des Meeres;
230  Lemnos erreichte sie dann, die Stadt des göttlichen Thoas.
Dort nun fand sie den Schlaf, den leiblichen Bruder des Todes,
Faßt' ihm freundlich die Hand, und redete, also beginnend:

Mächtiger Schlaf, der Menschen und ewigen Götter Beherrscher,
Wenn du je mir ein Wort vollendetest, o so gehorch' auch

235  Jetzo mir; ich werde dir Dank es wissen auf immer.
Schnell die leuchtenden Augen Kronions unter den Wimpern
Schläfre mir ein, nachdem uns gesellt hat Lieb' und Umarmung.
Deiner harrt ein Geschenk, ein schöner unalternder Sessel,
Strahlend von Gold: ihn soll mein hinkender Sohn Hephästos
240  Dir bereiten mit Kunst, und ein Schemel sei unter den Füßen;
Daß du behaglich am Mahl die glänzenden Füße dir ausruhst.

Und der erquickende Schlaf antwortete, solches erwidernd:
Here, gefeierte Göttin, erzeugt vorn gewaltigen Kronos,
Jeden anderen leicht der ewigwährenden Götter

245  Schläfert' ich ein, ja selbst des Okeanos wallende Fluten,
Jenes Stroms, der allen Geburt verliehn und Erzeugung.
Nur nicht Zeus Kronion, dem Donnerer, wag' ich zu nahen,
Oder ihn einzuschläfern, wo nicht er selbst es gebietet.
Einst schon witzigten mich, o Königin, deine Befehle,
250  Jenes Tags, da Zeus' hochherziger Sohn Herakles
Heim von Ilios fuhr, die Stadt in Trümmern verlassend.
Denn ich betäubte den Sinn des ägiserschütternden Gottes,
Sanft umhergeschmiegt; du aber ersannst ihm ein Unheil,
Über das Meer aufstürmend die Wut lautbrausender Winde,
255  Und verschlugst ihn darauf in Kos' bevölkertes Eiland,
Weit von den Freunden entfernt. Allein der Erwachende zürnte,
Schleudernd umher die Götter im Saal; mich aber vor allen
Sucht' er, und hätt' austilgend vom Äther ins Meer mich gestürzet;
Nur die Nacht, die Bändigerin der Götter und Menschen
260  Nahm mich Fliehenden auf: da ruhete, wie er auch tobte,
Zeus, und scheute sich, die schnelle Nacht zu betrüben.
Und nun treibst du mich wieder, ein heillos Werk zu beginnen!

Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Schlaf, warum doch solches in deiner Seele gedenkst du?

265  Meinst du vielleicht, die Troer verteidige so der Kronide,
Wie um Herakles vor Zorn, um seinen Sohn, er entbrannt war?
Aber komm; ich will auch der jüngeren Grazien eine
Dir zu umarmen verleihn, daß dir sie Ehegenossin
Heiße, Pasithea selbst, nach welcher du stets dich gesehnet.

270 

Jene sprach's; und der Schlaf antwortete freudiges Herzens:
Nun wohlan, beschwör' es bei Styx' wehdrohenden Wassern,
Rührend mit einer Hand die nahrungsprossende Erde,
Und mit der andern das schimmernde Meer; daß alle sie uns nun
Zeugen sein, die um Kronos versammelten unteren Götter:

275  Ganz gewiß mir verleihn der jüngeren Grazien eine
Willst du, Pasithea selbst, nach welcher ich stets mich gesehnet.

Sprach's; und willig gehorchte die lilienarmige Here,
Schwur, wie jener begehrt, und rief mit Namen die Götter
All' im Tartaros unten, die man Titanen benennet.

280  Aber nachdem sie gelobt, und ausgesprochen den Eidschwur;
Eilten sie, Lemnos Stadt und Imbros beide verlassend,
Eingehüllt in Nebel, mit leicht hinschwebenden Füßen.
Ida erreichten sie nun, den quelligen Nährer des Wildes,
Lekton, wo erst dem Meer sie entschwebeten; dann auf der Feste
285  Wandelten beid'; es erbebten vom Gang die Wipfel des Waldes.
Dort nun weilte der Schlaf, bevor Zeus' Augen ihn sahen,
Hoch auf die Tanne gesetzt, die erhabene, welche des Idas
Höchste nunmehr durch trübes Gedüft zum Äther emporstieg:
Dort saß jener umhüllt von stachelvollem Gezweige,
290  Gleich dem tönenden Vogel, der nachts die Gebirge durchflattert,
Chalkis genannt von Göttern, und Nachtrab' unter den Menschen.

Here mit hurtigem Schritt erstieg des Gargaros Gipfel,
Idas Höh'; und sie sahe der Herrscher im Donnergewölk Zeus.
So wie er sah, so umhüllt' Inbrunst sein waltendes Herz ihm,

295  Jener gleich, da zuerst sich beide gesellt zur Umarmung,
Nahend dem bräutlichen Lager, geheim von den liebenden Eltern.
Und er trat ihr entgegen, und redete, also beginnend:

Here, wohin verlangst du, da hier vom Olympos du herkommst?
Auch nicht hast du die Ross' und ein schnelles Geschirr zu besteigen.

300 

Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Zeus, ich geh' an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Daß ich den Vater Okeanos schau', und Thetys die Mutter,
Welche beid' im Palaste mich wohl gepflegt und erzogen;
Diese geh' ich zu schaun, und den heftigen Zwist zu vergleichen.

305  Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.
Aber die Ross', am untersten Fuß des quelligen Ida
Stehen sie, mich zu tragen durch festes Land und Gewässer.
Deinethalb nun bin ich hieher vom Olympos gekommen,
310  Daß nicht etwa dein Herz mir eiferte, wandert' ich heimlich
Zu des Okeanos Burg, des tiefhinströmenden Herrschers.

Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Here, dorthin magst du nachher auch enden die Reise.
Komm, wir wollen in Lieb' uns vereinigen, sanft gelagert.

315  Denn so sehr hat keine der Göttinnen oder der Weiber
Je mein Herz im Busen mit mächtiger Glut mir bewältigt:
Weder, als ich entflammt von Ixions Ehegenossin
Einst den Peirithoos zeugt', an Rat den Unsterblichen ähnlich;
Noch da ich Danae liebt', Akrisios' reizende Tochter,
320  Welche den Perseus gebar, den herrlichsten Kämpfer der Vorzeit;
Noch auch Phönix' Tochter, des ferngepriesenen Königs,
Welche mir Minos gebar, und den göttlichen Held Rhadamanthys;
Noch da ich Semele liebt', auch nicht Alkmene von Thebe,
Welche mir Mutter ward des hochgesinnten Herakles;
325  Jene gebar die Freude des Menschengeschlechts Dionysos;
Noch da ich einst die erhabne, die schöngelockte Demeter,
Oder die herrliche Leto umarmete, oder dich selber:
Als ich anjetzt dir glühe, durchbebt von süßem Verlangen!
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