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Gutenberg > Homer >

Ilias

Homer: Ilias - Kapitel 14
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleIlias
sendergerd.bouillon
firstpub1793
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Fünfter Gesang

Diomedes, den Athene zur Tapferkeit erregt, wird von Pandaros geschossen. Er erlegt den Pandaros, und verwundet den Äneias, samt der entführenden Aphrodite. Diese flieht auf Ares Wagen zum Olympos. Apollon trägt, von Diomedes verfolgt, den Äneias in seinen Tempel auf Pergamos, woher er, geheilt bald zurückkehrt. Auf Apollons Ermahnung erweckt Ares die Troer, und die Achaier weichen allmählich. Tlepolemos von Sarpedon erlegt. Here und Athene fahren vom Olympos, den Achaiern gegen Ares zu helfen. Diomedes von Athene ermahnt und begleitet, verwundet den Ares. Der Gott kehrt zum Olympos, und die Göttinnen folgen.

Jetzo schmückt' Athene des Tydeus Sohn Diomedes
Hoch mit Kraft und Entschluß, damit vorstrahlend aus allem
Danaervolk er erschien', und herrlichen Ruhm sich gewänne.
Flammen ihm hieß auf Helm und Schilde sie mächtig umher glühn:
5  Ähnlich dem Glanzgestirne der Herbstnacht, welches am meisten
Klar den Himmel durchstrahlt, in Okeanos Fluten gebadet:
Solche Glut hieß jenem sie Haupt umflammen und Schultern,
Stürmt' ihn dann mitten hinein, wo am heftigsten schlug das Getümmel.

Unter den Troern war ein unsträflicher Priester Hephästos',

10  Dares, mächtig und reich, der ins Heer zween Söhne gesendet,
Phegeus und Idäos, geübt in jeglichem Kampfe.
Diese, getrennt vom Haufen, entgegen ihm sprengten sie jetzo,
Beid' auf Rossegeschirr; er strebte zu Fuß von der Erde.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
15  Sendete Phegeus zuerst die weithinschattende Lanze.
Aber es flog dem Tydeiden das Erz links über die Schulter
Hin, und verwundete nicht. Nun schwang auch jener den Wurfspieß,
Tydeus Sohn; und ihm flog nicht umsonst das Geschoß aus der Rechten;
Sondern traf in die Kerbe der Brust, und stürzt' ihn vom Wagen.
20  Aber Idäos entsprang, den zierlichen Sessel verlassend;
Denn ihm zagte das Herz, den ermordeten Bruder zu schützen.
Kaum auch, kaum er selber entrann dem schwarzen Verhängnis;
Doch ihn entrückt' Hephästos, in schirmende Nacht ihn verhüllend,
Daß nicht ganz ihm versänke das Herz des Greises in Jammer.
25  Seitwärts trieb das Gespann der Sohn des erhabenen Tydeus,
Und ihm führten die Freund' es hinab zu den räumigen Schiffen.
Doch wie die mutigen Troer geschaut die Söhne des Dares,
Ihn von dannen entflohn, und ihn entseelt am Geschirre;
Regte sich allen das Herz. Allein Zeus' Tochter Athene
30  Faßt' an der Hand, und redete so zum tobenden Ares:

Ares, o Ares voll Mord, Bluttriefender, Maurenzertrümmrer!
Lassen wir nicht sie allein die Troer hinfort und Achaier
Kämpfen, zu welcherlei Volk Zeus' Vorsicht wende den Siegsruhm;
Doch wir weichen zurück, und meiden den Zorn Kronions?

35 

Jene sprach's, und entführte der Schlacht den tobenden Ares;
Diesen setzte sie drauf am gehügelten Strand des Skamandros.

Argos Söhn' itzt drängten den Feind, und jeglichem Führer
Sank ein Mann. Erst stürzte der Völkerfürst Agamemnon
Hodios aus dem Geschirr, den Halizonengebieter.

40  Als er zuerst umwandte, da flog in den Rücken der Speer ihm
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.

Aber Idomeneus tilgte den Sohn des mäonischen Boros,
Phästos, der her aus Tarne, dem scholligen Lande, gekommen.

45  Dieser strebt' auf den Wagen empor, doch die ragende Lanze
Stieß ihm der speerberühmte Idomeneus rechts in die Schulter;
Und er entsank dem Geschirr, und Graun des Todes umhüllt' ihn;
Aber Idomeneus Freund' entzogen ihm eilig die Rüstung.

Ihn, des Strophios Sohn Skamandrios, kundig des Jagens,

50  Raffte mit spitziger Lanze des Atreus Sohn Menelaos,
Jenen tapferen Jäger. Gelehrt von Artemis selber
Traf er alles Gewild, das der Forst des Gebirges ernähret.
Aber nichts ihm nunmehr half Artemis, froh des Geschosses,
Nichts die gepriesene Kunst, ferntreffende Pfeile zu schnellen;
55  Sondern des Atreus Sohn, der streitbare Held Menelaos,
Als er vor ihm hinbebte, durchstach mit dem Speer ihm den Rücken
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang.
Jener entsank vorwärts, und es rasselten um ihn die Waffen.

Auch Meriones traf den Phereklos, stammend von Tekton,

60  Harmons Sohn, der mit Händen erfindsam allerlei Kunstwerk
Bildete; denn ihn erkor zum Lieblinge Pallas Athene.
Er hatt' auch Alexandros die schwebenden Schiffe gezimmert,
Jene Beginner des Wehs, die Unheil brachten den Troern,
Und ihm selbst; weil nicht er vernahm der Unsterblichen Ausspruch.
65  Diesen traf, da er jetzt im verfolgenden Lauf ihn ereilte,
Rechts hindurch ins Gesäß Meriones, daß ihm die Spitze
Vorn die Blase durchbohrend am Schambein wieder hervordrang.
Heulend sank er aufs Knie, und Todesschatten umfing ihn.

Meges warf den Pedäos dahin, den Sohn des Antenor,

70  Der unehelich war; doch erzog ihn die edle Theano
Gleich den eigenen Kindern, gefällig zu sein dem Gemahle.
Diesem schoß nachrennend der speerberühmte Phyleide
Hinten die spitzige Lanze gerad' in die Höhle des Nackens;
Zwischen den Zähnen hindurch zerschnitt die Zunge das Erz ihm;
75  Und er entsank in den Staub, am kalten Erze noch knirschend.

Doch der Euämonid' Eurypylos traf den Hypsenor,
Ihn Dolopions Sohn, des Erhabenen, der dem Skamandros
War ein Priester geweiht, wie ein Gott im Volke geehret.
Aber Eurypylos nun, der glänzende Sohn des Euämon,

80  Als er vor ihm hinbebte, verfolgt' und schwang in die Schulter
Ihm anstürmend das Schwert, und hieb ihm den nervichten Arm ab:
Blutig entsank ihm der Arm ins Gefild' hin; aber die Augen
Übernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis.

So arbeiteten jen' im Ungestüme der Feldschlacht.

85  Aber des Tydeus Sohn, nicht wüßte man, welcherlei Volks er
Schaltete, ob er mit Troern einherging, ob mit Achaiern.
Denn er durchtobte das Feld, dem geschwollenen Strome vergleichbar,
Voll vom Herbst, der in reißendem Sturz wegflutet die Brücken;
Nicht ihn zu hemmen vermag der Brücken gewaltiges Bollwerk,
90  Auch nicht hemmen die Zäune der grünenden Saatengefilde
Ihn, der sich schleunig ergießt, wann gedrängt Zeus' Schauer herabfällt;
Weit dann versinkt vor jenem der Jünglinge fröhliche Arbeit:
Also vor Tydeus Sohn enttaumelten dichte Geschwader
Troisches Volks, und harreten nicht, wie viel sie auch waren.

95 

Aber sobald ihn schaute der glänzende Sohn des Lykaon,
Wie er durchtobte das Feld, und umher zerstreute die Scharen;
Richtet' auf Tydeus Sohn er sofort sein krummes Geschoß hin,
Schnellte dem Stürmenden zu, und traf ihn rechts an der Schulter
In sein Panzergelenk; ihm flog das herbe Geschoß durch,

100  Grad' in die Schulter hinein, und Blut umströmte den Panzer.
Jauchzend erhub die Stimme der glänzende Sohn des Lykaon:

Angedrängt, ihr Troer voll Kriegsmut, Sporner der Rosse!
Denn nun traf's den besten der Danaer! Nimmer vermut' ich
Wird er es lang' aushalten, das starke Geschoß, so in Wahrheit

105  Mich Zeus' herrschender Sohn zum Streit aus Lykia hertrieb!

Jener riefs aufjauchzend; doch nicht bezwang das Geschoß ihn!
Sondern er wich, und gestellt vor den rossebespanneten Wagen,
Redet' er Sthenelos an, den kapaneïschen Sprößling:

Auf, o trautester Kapaneiad', und steige vom Wagen,

110  Daß du hervor aus der Schulter das herbe Geschoß mir entziehest.

Jener sprach's; doch Sthenelos sprang von dem Wagen zur Erde,
Trat hinan, und entzog den durchdringenden Pfeil aus der Schulter;
Hell durchspritzte das Blut die geflochtenen Ringe des Panzers.
Jetzo betete laut der Rufer im Streit Diomedes:

115 

Höre, des ägiserschütternden Zeus' unbezwungene Tochter!
Wenn du mir je und dem Vater mit sorgsamer Liebe genahet
Im feindseligen Streit; so liebe mich nun, o Athene!
Laß mich treffen den Mann, und den fliegenden Speer ihn erreichen,
Welcher zuvor mich verwundet, und nun frohlockend sich rühmet,

120  Nicht mehr schau' ich lange das Licht der strahlenden Sonne!

Also rief er flehend; ihn hörete Pallas Athene.
Leicht ihm schuf sie die Glieder, die Füß', und die Arme von oben;
Nahe nun trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:

Kehre getrost, Diomedes, zum mutigen Kampf mit den Troern;

125  Denn dir goß ich ins Herz die Kraft und Stärke des Vaters,
Unverzagt, wie sie trug der geschildete reisige Tydeus.
Auch das Dunkel entnahm ich den Augen dir, welches sie deckte;
Daß du wohl erkennest den Gott und den sterblichen Menschen.
Drum so etwa ein Gott herannaht, dich zu versuchen;
130  Hüte dich, seligen Göttern im Kampf entgegen zu wandeln,
Allen sonst: doch käme die Tochter Zeus Aphrodite
Her in den Streit, die magst du mit spitzigem Erze verwunden.

Also sprach und enteilte die Herrscherin Pallas Athene.
Aber es flog Diomedes zurück in das Vordergetümmel.

135  Hatt' er zuvor im Herzen geglüht, mit den Troern zu kämpfen;
Jetzo ergriff ihn dreimal entflammterer Mut, wie den Löwen,
Welchen der Hirt im Felde, die molligen Schafe bewachend,
Streifte, doch nicht erschoß, da über den Zaun er hereinsprang;
Jenem erhebt sich der Zorn, und hinfort kann keiner ihm wehren,
140  Sondern er dringt in die Ställe hinein, die Verlassenen scheuchend;
Und nun liegen gehäuft die Blutenden übereinander;
Aber voll Wut entspringt er dem hochumschränkten Gehege:
Also drang in die Troer voll Wut der Held Diomedes.

Jetzo rafft' er Astynoos hin und den Herrscher Hypeinor:

145  Ihn an der Warze der Brust mit eherner Lanze durchbohrend;
Jenem schwang er ins Schultergelenk des gewaltigen Schwertes
Hieb, daß vom Halse die Schulter sich sonderte, und von dem Rücken.
Diese verließ, und zu Abas enteilet' er, und Polyeidos,
Beid' Eurydamas Söhne, des traumauslegenden Greises.
150  Doch den Scheidenden hatte der Greis nicht Träume gedeutet;
Sondern es raubt' ihr Geschmeide der starke Held Diomedes.
Drauf den Xanthos und Thoon verfolget' er, Söhne des Phänops,
Beide spät ihm geboren; und schwach vom traurigen Alter,
Zeugt' er kein anderes Kind, sein Eigentum zu ererben.
155  Jener entwaffnete nun, ihr süßes Leben vertilgend,
Beid', und ließ den Vater in Gram und finsterer Schwermut
Dort; dieweil nicht lebend sie heim aus dem Treffen ihm kehrten,
Freudig begrüßt, und das Erb' eindringende Fremde sich teilten.

Jetzo zween aus Priamos' Blut, des Dardanionen,

160  Traf er auf einem Geschirr, den Chromios und den Echemon;
Und wie ein Löw' in die Rinder sich stürzt, und den Nacken der starke
Abknirscht, oder der Kuh, die Laubgehölze durchweiden:
Also beide zugleich warf Tydeus Sohn aus dem Wagen
Schrecklich herab mit Gewalt; und hierauf nahm er die Rüstung;
165  Doch das Gespann entführten die Seinigen ihm zu den Schiffen.

Jenen sah Äneias umher verdünnen die Schlachtreihn;
Flugs durcheilt' er den Kampf und den klirrenden Sturm der Geschosse,
Rings nach Pandaros forschend, dem Göttlichen, ob er ihn fände.
Jetzo fand er den starken untadlichen Sohn des Lykaon,

170  Trat nun hinan vor jenen, und redete, also beginnend:

Pandaros, wo dein Bogen, und wo die gefiederten Pfeile,
Und dein Ruhm, den weder allhier ein anderer teilet,
Noch in Lykia einer dir abzugewinnen sich rühmet?
Hebe die Hände zu Zeus, und sende dem Mann ein Geschoß hin,

175  Der da umher so schaltet, und schon viel Böses den Troern
Stiftete, weil er Vieler und Tapferer Kniee gelöset!
Ist er nicht etwa ein Gott, der im Zorn heimsuchet die Troer,
Rächend der Opfer Schuld; denn hart ist die Rache der Götter.

Ihm antwortete drauf der glänzende Sohn des Lykaon:

180  Edler Fürst, Äneias, der erzgepanzerten Troer,
Gleich des Tydeus Sohne, dem Feurigen, acht' ich ihn völlig;
Denn ich erkenne den Schild, und die längliche Kuppel des Helmes,
Auch sein Rossegeschirr; doch vielleicht auch mag er ein Gott sein.
Ist der Mann, den ich sage, der feurige Sohn des Tydeus;
185  Traun nicht ohne Götter ergrimmt' er so, sondern ihm nahe
Steht ein Unsterblicher dort, ein Gewölk um die Schultern sich hüllend,
Der auch das schnelle Geschoß abwendete, welches ihm zuflog.
Denn ihm sandt' ich bereits ein Geschoß, und traf ihm die Schulter
Rechts, daß hinein es drang, das Panzergelenk ihm durchbohrend;
190  Und ich hofft', ihn hinab zu beschleunigen zum Aïdoneus.
Dennoch bezwang ich ihn nicht. Ein Gott muß wahrlich erzürnt sein.
Auch nicht hab' ich die Ross', und ein schnelles Geschirr zu besteigen;
Sondern ich ließ in Lykaons Palast elf zierliche Wagen,
Stark und neu vom Künstler gefügt, mit Teppichen ringsum
195  Überhängt; und bei jeglichem stehn zweispännige Rosse
Müßig, mit nährendem Spelt und gelblicher Gerste gesättigt.
Dringend ermahnete zwar der grauende Krieger Lykaon
Mich den Scheidenden dort in der schöngebaueten Wohnung,
Daß ich erhöht im Sessel des rossebespanneten Wagens
200  Trojas Schar anführte zum Ungestüme der Feldschlacht.
Aber ich hörete nicht, (wie heilsam, hätt' ich gehöret!)
Schonend des edlen Gespanns, daß mir's nicht darbte der Nahrung
Bei umzingeltem Volk, da es reichliches Futter gewohnt war.
Also kam ich zu Fuß gen Ilios, ohne die Rosse,
205  Nur dem Bogen vertrauend; allein nichts sollt' er mir helfen!
Denn schon zween umher der edleren Helden erreicht' ich,
Tydeus Sohn, und des Atreus Sohn; und beiden hervor drang
Helles Blut aus der Wunde: doch reizt' ich beide nur stärker.
Zur unseligen Stund' enthob ich Bogen und Köcher
210  Jenes Tages dem Pflock, da nach Ilios lieblicher Feste
Trojas Schar ich führte, zu Gunst dem erhabenen Hektor.
Werd' ich hinfort heimkehren, und wiedersehn mit den Augen
Vatergefild' und Weib, und die hohe gewölbete Wohnung;
Schleunig haue mir dann das Haupt von der Schulter ein Fremdling,
215  Wo nicht dieses Geschoß in loderndes Feuer ich werfe,
Kurz in den Händen geknickt, daß ein nichtiger Tand mich begleitet!
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