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Il Pantegan

Victor Hadwiger: Il Pantegan - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorVictor Hadwiger
titleIl Pantegan
publisherRütten & Loening
seriesDie Schwarzen Bücher
isbn3-352-00439-0
printrunEinmalige Auflage
editorMathias Heydenbluth
year1992
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110206
projectid1a5597a7
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Wo Pantegan mit einem düsteren Schicksal zusammen weitab von jedem Ehrgeiz wohnt, unter den Händlern und Huren in einem Winkel der alten Stadt, hat der Mord eine Gasse geschminkt. Scheinbar verdrießlich grinst Pantegan ein schmutziges Gegenüber an, fahle Wände mit verhangenen Fenstern. Geht ein Mensch vorüber, ein betrübter Hausgenosse oder ein neugieriges Weib, läßt er seinen Leib weit über die Fensterbrüstung hinübergleiten und nickt freundschaftlich. Er trägt das Amulett der Ehre, ein silbernes Kreuz auf der Brust. Etwas Davongejagtes ist wohl in seinem Gesicht, aber das Bewußtsein vergangener Macht hält ihn gerade, wenn er in diesen Gedanken auf und ab geht. Oft betont er, ein braver Beamter stürbe nicht ohne das Kreuz, und es fänden sich die Augen der Vorübergehenden nicht so leicht hinauf zu ihm, hätte er das Kreuz nicht. Viele wissen von ihm, manche kennen ihn; er ist zu vielseitig, denken sie, und deshalb können sie ihn nicht ganz lieben. Aber er sündigt doch für sie und sich, immer noch im Zeichen dieses Kreuzes, und das macht sie gläubig.

Spät erst kommt der Tag, schiebt die Nebel zurück und legt breites, blasses Licht in die Spalten zwischen ihnen. Flüchtige Lichtschauer schüttet er aus über das blanke Blech vor den Fenstern und das verwahrloste Pflaster. Plötzlich steht alles da, was der Nebel verwahrt hatte, wie aus dem Kehricht der Gasse heben sich die Gestalten und drängen zur Mordecke.

Pantegan horcht in die Geräusche des Gesindels hinunter. Weiber und Handelsleute kommen. Manche erkennt Pantegan an ihren Stimmen, die sich breit machen wie das Gekrächze der Dohlen. Ihre Gesichter sind vom Wissen und von den Geheimnissen verdorben. Pantegans Gedächtnis zählt und ordnet sie, und es ist ihm lieh, daß sie sich mit seinem Namen quälen, wenn ihre Augen zu ihm hinauf kommen. Man spricht von Kränzen, von der Ehrsamkeit und dem ehrlichen Begräbnis. Pantegan horcht sehr eifrig. Einer unter ihnen gedenkt der Kirchhofsratten, und ein verlorenes Weib kichert ihm Beifall. Sie kennt den Toten, sie zieht ihm mit ihren Worten das Kleid ab, und man sieht, daß er arg beleibt und von unzureichender Kraft war. Einen Augenblick nimmt das Weib Pantegan in ihre Fesseln, klebrig sitzt ihr Blick über seinen Augenbrauen. Dann wird sie fortgejagt. Aber auch die Witwen kommen und einige Gerettete, denen Pantegan einst zu ihrem Kaufwert verholfen hatte. Es kommt Lucie, die Mutter junger Diebe. Ihre furchtsame Tugend fiel durch Pantegan an einen Vogelhändler. Vor den Hecken junger Kanarier dankte sie nun der Güte des Vermittlers; – es kommt Beatrice, die um den Blumenhandel bemüht ist, ihr halbgelöster Haarknoten erinnert an die Stunden späten Erwachens. Der lapisfarbene Morgenrock ist kokett dem übrigen angepaßt, rotem Haupthaar und einem Paar williger blauer Augen. Auch diese blauen Augen kommen hinauf und suchen fast schüchtern den dunkeln Scheitel des Dalmatiners. Die Lippen Pantegans kräuseln sich über einer ruhigen Kinnfalte. Und die Augen der Beatrice denken an sehr viele Brautnächte, an die Tage unfruchtbarer Erschöpfung und an die Winde, die vom Meere her wehen, die wie ein beglückendes Fieber alle Sinne befallen. Pantegans Lächeln ist jetzt nicht mehr verwirrt wie angesichts der andern. Es sieht sogar nachdenklich aus, genießend fast. Nur seine Blicke sind noch immer vorsichtig bedeckt mit den dichten Wimpern.

Immer mehr drängt sich das Licht zwischen Menschen und Sachen, und stemmt sich mit allen Strahlen gegen die verschlossene Türe, wie eines Handgriffs gewärtig, der sie von innen aufstoßen soll. Dann ist der schwarze buschige Kopf Pantegans hinter dem Batist schmutziger Gardinen verschwunden. Der Takt geregelter Schritte, wie einer Trommel folgend, klappert über das verwahrloste Pflaster der Gasse. Vor der Haustüre streiten die Geräusche und Wortgewirre dreier Sprachen. Die Grünröcke treten im Bogen an, ihre Uniformen glänzen in der Sonne wie eine Reihe dunkler Malachitperlen. Von oben her hört man das Klirren der Gardinenringe zwischen dem zurückgedrängten Gemurmel der Neugierde und den halblauten Kommandos. Nur selten wagt sich noch ein Kopf zwischen die Vorhänge der Gassenfenster, und ein flüchtiger Hohn klatscht von oben auf die Helme der Grünen, wie eine verächtliche Speichelabsonderung.

Die schweigenden Gardinen des Gegenübers bewegen sich unter dem Hauch tiefer Atemzüge. Die Nacht scheint zurückgekehrt. Kaum daß ein Hund die Ruhe des schlafenden Tages stört. Herrenlos melancholisch wie nach einer längst verlorenen Fährte spürend, senkt er seine Schnauze in die Rinne, oder er heult in die Sonne hinein wie in einen müßigen Stern. Es ist Sonntag um die Zeit der Akazien.

 

Die Fliegen sitzen auf einem Stück Muskel, das die Hunde verschleppt haben. Die Sonne röstet es mit der Inbrunst einer aufmerksamen Köchin und macht es für die Fliegen pikant. Man kann in dieser augenblicklichen Schweigsamkeit eines verschüchterten Nachmittags überall tief hineinhorchen, auch dort, wo die Gasse ganz dunkel ist. Würde man Menschen begegnen in ihr, man könnte den Takt ihres Herzschlages beobachten, man könnte vielleicht die Wisser und Nichtwisser unterscheiden. Nur der schmutzige Fluß, der jenseits der Häusermauern faul und übelriechend vorbeikriecht und die Stadt belästigt, scheint jetzt laut geworden zu sein, und gesprächige Wellen klatschen an die weißen Quadern der Kais. Der hungrige Pudel bellt in die Sonne hinauf und sucht dann die schmalen Schatten zwischen verlassenen Türbänken. Ein eifriger Öbstler ordnet seine kümmerliche Ware und scheucht das Insekt von seinem Besitztum. Ab und zu klatscht ein verdorbener Apfel auf die großen Kieselkoppen. Das indiskrete Lächeln des Öbstlers geht an die Fensterreihen entlang, als stände jeder Gardine der Verräter bereit. Gedankenlos klappt der Stiefel der Polizei vorüber, auf und ab, zurück und wieder her, ein Rundgang wie ein Wirbel im schmutzigen Fluß.

»Ach Gott, Herr Polizei, ich bin ein herumirrender Hund, die ganze Welt ist so elend, Herr Polizei, wir sind alle zusammen so elend.«

Und wieder klatscht ein Apfel auf den Damm, wie von Tells Geschoß getroffen.

Aber der Geröckte hat kein Auge für den mittagsblöden Schwätzer. Die ärarische Sohle schiebt den Apfel gleichgültig ins Rinnsal. Nur an der Ecke bleibt er stehen und forscht. Als ihm kein Laut begegnet, gähnt er und erleichtert seinen Leib. Befriedigt ordnet er die Pantalons des Gesetzes, wie im Gefühle einer Amtshandlung.

Keiner hat ihn gesehen in seiner Schwäche, denn der Öbstler ist wieder in seine Höhle geschlüpft, und in der Gasse war ja sonst nichts lebendig neben diesem verdächtigen Sklaven der Ceres.

Die Blicke des Polizeidieners klettern an den vom Mittagslicht geschärften Kanten der Giebel hinauf zum Himmel. Die strengen Muskeln seiner gerechten Physiognomie lockern wie unter der Einwirkung eines Nießpulvers. Es war ein verwirrender Guß, aber doch hatte der Himmelsblick der Gerechtigkeit genug lange gewährt, um das Schwanken einer charakteristischen Gardine zu erkennen. Dort, wo Pantegan wohnt, bewegt sich wieder die Kulisse des Schicksals.

Pantegans Hände zitterten. Es waren große, hagere Hände, die so zitternd auf die Nacht warteten, Finger, die einen tankenden Frauenleib umkrallen konnten, wie ein gefangenes Kerbtier, häßliche harte Finger, die sich kühl auf eine nackte Brust legten und aller Liebe mit dem Frost gebieten konnten. Diese Finger hatten alles getan, was Pantegan war. Sie hatten ihm das Netz geflochten, in welchem er die Stunden der Laune fing wie Menschen, die sich ihm geben sollten. Lieben konnten sie nicht, aber doch immer helfen. Mit der Großmut mancher Entwegten half Pantegan. Den Allerniedrigsten und Elendesten suchte er sich in der Gosse, richtete ihn auf und beschenkte ihn mit neuen Lebensbedingungen. Er hatte einen Stab von Jüngern und Magdalenen, die er neue Tänze tanken und fremde Weine trinken ließ. Seit er so allein war und jenseits des Schicksals, nur mit seinem silbernen Kreuz allein, mußten sie ihn täglich anbeten, jeder in seiner Art, wie er es verstand. Frauen mit lauten Augen liebte er nicht und strich sie aus der Liste seiner Verliebten, wenn sie zu laut beteten.

Die Merkmale seiner Rasse hatte Pantegan in sich verwischt. Er haßte mit kühlem Gesicht und sündigte mit roten Backen. Blasse Sünder verachtete er. Am Tage jeder großen Tat des Hasses wanderte er durch die Schenken und gab von dem Seinen so lange, bis ein großer Rausch alles in eine begeisterte Wirrnis zusammenwarf. Dann stand er aufrecht unter ihnen und. genoß die Ohnmacht der Festgänger wie eine Kraft, die von ihm ausging. In solchen Stunden war ihm ein betrunkenes Weib herrlich genug zum Liebesspiel. Er zerrte sie, warf sie nieder und spie sie an, und wenn er sie wieder aufhob, wurde sie seine Geliebte. Die andern lallten dann und schrieen ihm zu, er sollte sie noch einmal niederwerfen und töten. Er aber lachte verworren und ging mit ihr in sein Haus.

Welcher Art seine Liebe war, wußte niemand, denn, die er so richtete und liebte, waren sehr schweigsam. Erst später wuchsen ihnen Erinnerungen an solche Hochzeiten, so der Lucie und der Beatrice, die er einst heimgebracht und in einer Auferstehung gelähmt. Er gab es ihnen vielleicht im Tanze und durch die Verachtung, mit der er sie Zunächst niederdrückte. Man nannte diese Nachträusche »Ball der Biegsamen«.

»Pantegan der Dalmatiner ist ein übler Moralist«, pflegte »der schwache Rat«, ein gestrandeter Jurist, den seine Konkubine in das unbewegliche Laster verlockt hatte, zu kritisieren. Auch er hatte ein Kreuz, aber Pantegan ging gerade an diesem gern vorüber. Sein Haß schien ihm verwirrt und schwach. »Diese Sorte ist halbbetrunken«, sagte er, »und ein Krug voll Schnaps spült ihr das Herz in den Magen hinunter. Es ist mir kein Schuft gescheit genug, der so an den Schuften klebt. Wir können ein Faß Elixiere über seinen Kopf gießen, und er wird doch nur nach Schnaps stinken.«

Pantegan ist kein Dalmatiner mehr, er denkt und zittert, er brutalisiert und rettet. Er wird einen Staat seiner Person begründen über den Entbehrungen und Enttäuschungen seiner Jugend. Gott hat ihn nicht mehr, er ist längst allein.

 

Julia begann sich zu langweilen, Julia, die immer langsamer und boshafter wurde. Sie hielt sich Tiere, die sie sehr in Anspruch nahmen, eine Art dreifarbiger Ratten, Lemminge und Hunde. Ein Molch entzückte sie, der sein langgestrecktes Dasein wie eine Lust immer bereit hielt, ein seltsam beweglicher Molch.

In den Hinterräumen der Wohnung führte sie die Küche Pantegans. Auch sie hatte Erinnerungen, wie eine Gerettete. Aber weder daß sie einen Dieb geboren hatte, noch daß sie tanzen konnte. Ihr Schicksal war eine Küche, und das Getier, das sie fast verwegen liebte, denn Pantegans lange knorrige Finger begehrten unablässig nach ihr. Eigentlich war sie noch jung, wie die Lemminge und die Sommerfliegen.

»Julia, Du bist entsetzlich blaß, wenn Du in der Küche auf und ab gehst.«

»Herr Pantegan, es strengt mich an«, antwortete sie ihm, als er so zu ihr kam, um irgend etwas anzuordnen oder auch nur, um sie wieder zu sehen. »Ich bin in der Hitze wie ein Stück Eis, Herr Pantegan, das für sein Leben besorgt ist.« Und die Lemminge krochen zu ihr hin und drückten sich an ihre nackten Füße. Dann ging Pantegan wieder zurück zu seinem Fenster. – – –

»Man muß dieses Stückwesen in die Suppe werfen und es schnell hinunter schlürfen«, fluchte sein Herz. Aber doch wollte er noch einmal umkehren, um noch etwas über Julias Schweigsamkeit zu bemerken. Im halben Wege zuckte er zurück. »Sie läßt sich nicht aufrichten – aber schließlich sind wir ja beide sehr schweigsam und immer nebeneinander«, seufzte er und rührte die Batistlappen an. Unten lag noch ein Stück verbannter Sonne. Auch die Schritte hallten noch über die Kieskoppen. Dann ging Julia, um Gemüse und Obst zu holen, und er folgte ihr unwillkürlich einige Stufen hinunter. Sie ging fast ausdruckslos wie eine Bürgersfrau, kaum daß ein einziger Schritt die andere Gattung verriet. Sie dachte: »Warum schleichst du mir nach? Die Seele würde dich doch hassen, wenn ich auch zutraulich scheinen könnte. Mit jedem Kuß würdest du angespieen sein, aber ich küsse dich nicht. Es ist niedrig, dich jetzt anzuspeien. Erst wenn sie alle Häuser niederreißen, und der Platz breit offen liegt bis an das Ufer hin, damit sie dich alle sehen können, dann werde ich dich küssen, du...«

Pantegan ging wieder zurück und nahm das Interieur sorgsam in Acht mit jenen Blicken, die ihm einst das Kreuz gebracht hatten. Neben ihrem Bett fand er einen Packen Zettel. Es waren Briefe aus dem Leben von früher, Niederschriften wehmütiger Verse und ein paar frischgeschriebener Blätter.

Es war eine Naht in ihrem Brautkleid, die mich immer gestört hat. Sie war zu fein, zu raffiniert für dieses ehedem niedrige Ich. »Du hast mit dem Schneider getändelt, der meinen Auftrag hatte. Aber wenn mein Unglück alle Harlekine zu Schanden geschlagen hat, werde ich sehr glücklich sein.« Er setzte sich wie ein Müder auf Julias Bett, aber seine Augen folgten dem Licht zwischen die Blätter, und auch die Hände waren noch nicht ruhiger geworden. – Sie hat ihre Seele unter den Röcken versteckt, oder sie hat gar keine Seele. Entweder werde ich sie sehr elend machen, oder sie wird mich im Bett ersticken.

Spät erst kam Julia wieder, als die Sonne sank und sich das Gesindel schon in die Straßen wagte.

»Wo bist Du gewesen?« fragte Pantegan ruhig. »Leute wie Du sind, glaube ich, Schwätzer.«

Julias Gesicht glühte, und der Mund war fast leuchtend vom Widerspiel der Gespräche.

Pantegan starrte ihr ins Gesicht: »Ich habe alle Deine Zettel gefunden, und ich sage Dir, daß Du überhaupt keine Zettel mehr schreiben darfst und Unsinn aufkritzeln. Diese da habe ich ins Feuer geworfen. So, jetzt kannst Du schlafen gehen, und merk Dirs.«

Julias Wimpern fielen über die Augen und verdeckten allen Haß. Dann ging sie zurück in ihren Raum. Das Dunkel kam rasch über die Stadt. Fast lebte die Gasse schon.

»Du mußt mir gar keine Geständnisse machen«, rief er ihr nach, »ich hab den Unsinn ins Feuer geworfen. Das ist ganz genug für mich, daß der Unsinn brennt.«

Julia schwieg weiter, ihr Gesicht blieb ohne Ausdruck. Der Gewohnheit gemäß machte sie sich mit ihren Tieren zu schaffen.

Pantegan nahm unbemerkt die Zettel, steckte sie zu sich und ging.

Seine Hände waren schon ruhiger geworden, aber die Augen sprühten böse Lichter in die Dämmerung.

»Ich geh zum Ball, und Du wirst jetzt schlafen«, murmelte er und schlich lautlos die schmale Treppe abwärts.

Der dumpfe Geruch des Stiegenhauses schlug Julia ins Gesicht.

Zärtlich beugte sie sich zu ihren Tieren, die ihr bis ins Vorhaus nachtrippelten. Ein Ekel schüttelte ihren schmalen Körper. Es war ihr, als sei sie durch eine schmale Kloake gekommen, die unten in Nacht mündete, und oben in den Bau eines verhaßten, schmutzigen Nagers.

Weißen beweglichen Lichtflecken ähnlich guckte die glänzende Zeichnung in den Fellen der Tiere neben ihrem leuchtenden Gesicht zwischen den Schatten der alten Möbelstücke. Ein verdorbenes Rot erwachte oben in einem Fenster des Hofraums und warf seinen trüben Abglanz über die braune Bettdecke. Erschrocken krochen die Tiere in ihr Versteck.– – –

Das heisere Wiehern der Weiber hinter den bunten Scheiben löste den schwülen Schlag des Sommertages ab. – Die Wachen wechseln. Vor der starren Pflicht eines Postens zerstreut sich der letzte Schwarm der Neugierigen und Schwätzer.

Vor dem Haus des Gemordeten brennt eine schmutzige Lampe und man kann ein Schild entziffern mit halbverwischten Buchstaben: Ferdinand Hausotter, Lebzelterei.

Das Lachen der Huren und Kuppler hat die Schleusen der Nacht aufgerissen. Die erste Woge des Lasters rinnt über die Kiesel der Gasse. Ein lahmer Genießer hinkt hinter einer Gruppe Halbwüchsiger von einer Betteldirne gelockt, und überall steht der geschminkte Tod im Waffenrock neben den Türen und flüstert. Und die Nacht wird mit jeder Stunde festlicher.

 

Die Mäntel der Weiber flattern im Nachtwind um die halbnackte Wollust. Auf den gepuderten Schultern kleben schon die Blicke der begierigsten Tänzer, und die ersten Späße züngeln zwischen dem knisternden Taft. Der Nachtwind ist kühl, aber der gemeine Eifer der Witzbolde wärmt die Nacken. Es ist Leidenschaft der Farben und Formen bei Allen, vom roten Licht in eine Einheit gedrängt staut sie sich allmählich zur Glut. Überall ist Erwartung, in jeder Falte, in den Taftkaskaden, in den Gesichtern, selbst in Großmutters verknitterten Rosen. Großmutters Rosen aus Mousseline scheinen wieder aufblühen zu wollen, und im roten Licht erinnern sie sich der Jugend und des Brautstandes. Wenn sich die Türe endlich weit öffnet, werden sie vielleicht ganz groß und leuchtend sein wie Pantegans Augen im Dunkeln.

Ein lautes Weib pocht mit den mageren Fäusten an die Eisentüren des Saales. Lichter sind schon drinnen, man merkt sie durch die Spalten der Vorhänge und ruft ihnen zu, wie berühmten Geigen und Klarinetten. Es sind ganz kranke, schwächliche Gasflämmchen, die in der Zugluft um ihr blasses Dasein bitten, aber in den verwirrten Augen der drängenden Weiber werden sie große, kämpfende Sonnen; in ihrer Unbedecktheit sind sie wie Frauenleiber, die aufschreien und aufzucken, um dann wieder auszuruhen im Gehorsam langgedehnter Stunden, breit und treu. Ein verwahrloster, häßlicher Knabe in einem klebrigen Hängekittel und schmutzigem Spitzenhöschen klettert über die zerfetzten Polster der Wandbänke und schraubt bedächtig und pflichtbewußt an den Gashähnen. Von außen folgen ihm die Blicke der Dirnen und Buben, und jede Station des Rundganges wird durch wieherndes Gelächter festgestellt. Das sind Zeichen der Erwartung wie vor einem Zirkuszelt, das einen versteckten Riß in der Leinwand hat. Die charakteristische Zungengebärde des Lampenwärters kann nichts bedeuten gegen so viel angestaute Fröhlichkeit und Übermut.

Auch der magere Körperteil im Schlitz der Mädchenhose, der wie ein Wort tiefsten Hasses in der Richtung des Gelächters hingeschleudert wird, kann nur eine Flut reichgespeicherter Begeisterung flott machen.

Unruhiges Licht tänzelt jetzt über das Parkett. Der Mädchenknabe im Schlitzhöschen päppelt ärgerlich greinend dem Ausgang zu wie durch hüpfende Wellen einer plötzlich überschwemmten Sandebene. Kaum daß er die Allzufrühen bemerken kann, den Pantegan mit irgend so einer von denen.

»Prsteck!« glitscht es über das Parkett, »komm her, Prsteck, ich schenk Dir ein neues Hösel.«

Prsteck stellt sein Wehklagen ein, bleibt stehen und glotzt.

»Vatterl!« Die Ansprache hat den warmen kindlichen Ton, aber das Gesicht ist faltig und der Farbe scheint an manchen Stellen ein Pinsel nachgeholfen zu haben. »Spielst auch mit am Theater? Bist ein armer Prsteck! Da hast Dein Hösel.«

Pantegan reicht dem Kind einen in rotes Seidenpapier gewickelten Gegenstand und freut sich, daß es lacht. Rasch haben die verhungerten Finger des Prsteck sich durch die seidenen Papierfetzen hindurchgearbeitet. Über den kleinen Händen und dem verwüsteten Gesicht flattert und bläht sich ein Stück Batist mit zarten Entredeux. »Aber Du machst auch nix in das Hösel hinein, Prsteck«, lacht Pantegan.

Der Prsteck fühlt und genießt den Segen eines Geschenkes, und in dem Maße, wie er beglückt ist, hustet er und zappelt.

Pantegans Pupillen vermischen ihren Glanz mit dem Schein der Leuchtflammen; seine bronzenen Finger liegen an den Halsadern seiner Begleiterin. Sie erscheinen in diesem starren Augenblick fast edel, wie gegossen liegen sie da.

»In dem Prsteck steckt ein schweinisches Elend. Ich muß ihm auch eine lebendige Ziege kaufen, und er muß, wie man so sagt, mit Grazie verkommen, der Prsteck. Er wird sich die Ziege dressieren und mit ihr auf dem Variete seine Scherze machen. Ja, mit dem Prsteck hab ich was Großes vor.«

Das Weib lacht grausam und drückt sich noch tiefer in seine Umarmung hinein.

»Warum darfst Du immer zuerst hier sein und eine mitnehmen. Draußen steht doch Varieté und Tanzvergnügen um zehn Uhr.«

»Weil sie mich nicht hinauswerfen wollen, und weil ich hier überall dabeisein muß, eh's anfängt.«

»Du, warum Du denn gerade?«

»Weil ich, wenn mir irgendeiner gefällt, ihm ein Spitzenhösel schenken tu.«

»Ist denn der Prsteck wirklich vom Ferry?«

»Ich weiß es nicht, es ist eben der Prsteck.«

Das Weib kichert, Pantegan stippt nervös die Asche von seinem Stummel.

»Deiner, ihm seiner, oder gar keinem seiner, – es ist ganz egal.«

Er macht sich wieder an seiner Zigarre zu schaffen, nachdenklich die Zünder hervorholend. »Schließlich müssen wir alle sterben.« Dann springt die Eisentüre auf und das Gassenvolk strömt ein. Alles schreit und gröhlt, aber keiner kann mit seiner Stimme irgend etwas besonderes betonen. Pantegan und seine Lisbeth werden in eine Ecke geschwemmt. Das Weib kläfft und faucht wie eine fette Bulldoghündin, aber ihre Wut geht im Gemenge unter. Nur Pantegans Zurufe behaupten sich im Wirbel der Stimmen. Dann reißt man den Vorhang zur Seite, und ein Mensch im Frack erscheint. Unter den Stößen schlenkert ein Spitzenhöschen.

»Sie haben ihn schon wieder bestohlen«, lacht Pantegan aufgeregt. »Wo ist der Prsteck? Jetzt muß ich ihm unbedingt die Ziege kaufen. Weh euch, ihr, wenn ihr ihm dann auch die Ziege stibitzt, ihr... Prsteck! Komm her, mein Prsteck!«

Aber durch das Gewirr der Glieder und Worte kann sein Ruf nicht vordringen. Hinter dem Glasbrett im Schankraum hört man gedämpft das Winseln des Prsteck, in dem sich körperliche und seelische Schmerzen kläglich ausdrücken. Pantegan hebt sich auf den Zehenspitzen. So überragt er das Gesindel mit den Schultern, aber er sieht nicht, was er finden will, und flucht über ihre Köpfe hinweg. Dann reißt er irgendein Weib aus der Menge und tanzt polternd mit ihr zwischen den Bankreihen. Keiner wagt ihn zu halten, und die Blechmusik geizt nicht mit einem wilden Stück. Mit seinen starken Beinen wirbelt er die Menschen und Stühle rechts und links durcheinander, daß die Weiber aufschreien und die Männer blaß werden. Wie im Wahnwitz heulen die Instrumente ihm zu.

Der Hosenräuber oben am Podium sucht in seiner kümmerlichen Seele nach einem Witz, um sein Debüt zu retten. Aber er findet weder ein Scherzwort, noch einen Fröhlichen, der es anhören will. Alle sind sie dem Pantegan ausgeliefert, der tanzt und streut ihre Gedanken zu seinen Füßen hin, zerbröckelt ihre Seelen und tritt auf sie. Einen Augenblick ist es, als sollten die Lampen auslöschen von dem Wind des wehenden Weiberrockes. Pantegan krallt sich in das Fleisch der Tänzerin ein, mißhandelt sie, beißt sie in die nackten Schultern. »Da, alte Hure!« Und er wirft sie im Ekel in eine Ecke, wie ein abgetragenes Kleid, um das jetzt die Juden schachern dürfen.

Keiner darf sich wehren auf diesem Ball der Biegsamen. Der Saal raucht und erschreckte Augen bitten um Pardon. Die Peitsche seines Hohngelächters jagt sie durcheinander, und sie ducken sich vor seinen Blicken, die wie Fußtritte sind. Die Klarinetten winseln verlegen und die Trompeten werden müde.

 

Es war, als wollte sich Pantegan den Tod ertanzen, sich und denen, die mit ihm waren, den gehorsamen Teufeln der Gasse. Zwischen zerschellten Stühlen zerrte er sie hervor in sein Gelächter hinein und schleifte ihre Seelen durch den Saal. Es war ein Bacchanal der Wut, und alle, die nicht zu tanzen wagten, zitterten.

Die Dienstboten schlichen sich an die Lampen heran und die erschreckten Stimmen im Hintergrund retteten sich in die Lüge der Verzweiflung, die in solchen Stunden ihr bitteres Letztes war. »Polizei! Polizei!« kreischte es in den Ecken. Draußen schlug man an die Fenster und schrie, drinnen drängte man den Ausgängen zu.

Auch der Prsteck war an die Lampen herangeschlichen. Seine geübten Finger hatten schon zwei Flammen bewältigt. Aber Pantegan raste weiter in einer unentwegten Lust. Nur wie im Traum hörte er durch das Gewirr der Worte den Namen des Lieblings.

Immer finsterer wurde es im Saal, und nur ein magerer Schein lungerte noch um das Podium der Artisten. Im Hintergrunde stauten sich Menschen und Stimmen. An den Türen, die man rasch aufgerissen hatte, bewegten sich die Silhouetten vieler Köpfe, gesäumt von den roten und grünen Reflexen der Gasse.

Aber da schrie Pantegan noch einmal nach Musik. Doch es antwortete niemand, und so warf er denn das Weib, das er gerade führte, auf irgendeine der Bänke hin.

»Da bleib liegen!« – – – und er stemmte seine beiden Fäuste gegen die Türpfosten. »Wer will hinaus?« – – – – Aber sie verließen ihn, die Biegsamen, rechts und links von seiner Kraft entwichen sie durch alle Schlupfwinkel, wie aufgescheuchte Nachttiere.

»Sein Hösel geb ich ihm wieder, ich will das Hösel wieder haben!« Er brüllte in einen leeren, finsteren Saal hinein. Und als ob ihn die Stille einschüchterte, hielt er plötzlich inne. Nur drei oder vier halbtote Leiber regten sich da irgendwo und wimmerten.

Dann erloschen die letzten Lampen und auch aus dem Raum des Schankburschen, wo noch einen Augenblick vorher die Gläser geklirrt und das Spülwasser geplätschert hatte, kam kein Zeichen des Lebens und der Pflicht mehr. Alles schien besiegelt und niedergeworfen zu sein und dazuliegen, wie Leichen auf dem Schlachtfeld, verstümmelte Möbel, Glasscherben, vergessene Kittel, alte, ruppige Kotillons, halbzerpflückte und zertretene Buketts. Und zwischen dem gefallenen Kram wühlten die Schritte des Siegers. Überall genossen sie Leichen von Menschen und Blumen. Und zwischen den verachteten Trümmern wälzten sich die Betrunkenen und die Weiber, die seine Lust niedergetanzt hatte.

– – – – – – – – – – – – – – –

»Bist Du da, Ernesto?« – – Und es kam eine gurgelnde Stimme aus dem Dunkel zwischen den Tischen rechts empor. »Bist Du's, Ernesto?« – – – Die Stimme richtete sich auf, ein Tisch fiel um – – und eine Gestalt mit verwischten Umrissen erschien.

»Ich bin ganz betrunken, Cesare, ich fürchte mich, ich muß sterben!«

Pantegan schlug die Türe zu, stemmte den Rücken gegen die Eisenflügel und streckte die Hände vor. »Komm her, Ernesto,« sagte er mit leiser, farbloser Stimme. Aber in der Stille war die Stimme doch verständlich wie ein Vogelruf in der Morgendämmerung.

»Ich halte Dich schon fest, und wir trinken einen Guß Mokka. Guten Tag, Ernesto!« – – – Und er spürte tastende Finger an seinen vorgestreckten Armen. »Jetzt komm, und wir zahlen da hinten. Ich hab' Dich ja schon, da hab' ich Dich ja schon. Ich muß Dich ja auch haben.«

Vorsichtig schlich er mit dem Genossen in den Schatten der Hinterwand, denn der Türspalt klaffte wieder und verräterische Gassenlichter tanzten über das Parkett.

»Das ist brav, daß Du dageblieben bist, Ernesto, und zugesehen hast, wie ich getanzt habe. Ich hab schön getanzt, Alles hob ich zertanzt« – er lachte leise, und doch war sein Lachen sehr deutlich, deutlicher noch wie seine Rede. »Ernesto, komm schnell, ich habe noch sieben Minuten, dann sind sie da. Schnell, Mokka und zahlen – und den Lumpen fangen. Kannst du noch springen? Spring doch!«

Der Angesprochene führte eine hüpfende Bewegung aus, wie zur Probe seiner Kunstfertigkeit. »Hör doch mal, Ernesto, findest Du wirklich, daß ich sehr gut getanzt hab? Aber hör noch einmal, Ernesto, sie wissen Alles. Kannst Du noch eine Faust machen? Mach eine Faust, Ernesto!« Pantegan lachte wieder heiser und bezeichnend, während der Trunkene mit den Fäusten um sich schlug.

»Gut, mein Hündchen, sehr gut, such, mein Hündchen, such! Aber jetzt komm, sonst wird der Mokka kalt, und sie haben uns fest, wenn wir ihn nicht fangen, den Marderkerl!« Pantegan stockte, und beide horchten auf. Kleine Schritte trappelten über das Podium. »Er ist da, aber wir haben keine Zeit, Ernesto, wir müssen ihm die Ziege später einmal kaufen.« Und dann nach einer Pause, wie sich erinnernd, rief er leise: »Prsteck!«

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