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Ignorabimus

Arno Holz: Ignorabimus - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleIgnorabimus
authorArno Holz
year1925
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
addressBerlin
titleIgnorabimus
pages1-3
created20020520
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1913
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Georg: (losbrechend; mit jedem Satzteil sich steigernd) Ich muß mir über das Marterndste, das mich noch quält, über dies Unbekannte, das mich nicht losläßt, und über das ich einfach nicht hinwegkomme . . . was an jenem siebzehnten Märzabend . . .

Marianne: (ihn unterbrechend; ganz entsetzt-empört) Du willst . . . an dies abscheuliche Phantom . . .

Georg: (über ihre Worte hinweg; noch in seinem selben Satz; mit erhobner Stimme ihn schließend und dann, nach kurzer Atempause, sofort mit größter Bestimmtheit weiter) Ich muß mir unbedingt . . . darüber Klarheit verschaffen! . . . Ja! . . . Die Antwort auf meine Frage, so spontan und unüberlegt . . . ich sie vor vierzehn Tagen damals auch gestellt hatte . . . wurde mir für diese Schlußsitzung zugesichert, ich sehe also nicht ein . . .

Marianne: (wieder wie vorhin; nur diesmal fast strafend-vorwurfsvoll) Wie kannst du als ernster . . . Wissenschafter und Experimentator . . .

Georg: (seiner kaum noch mächtig) Setze dafür armer, gepeinigter, schon beinah halb verzweifelter Mensch, und . . .

Marianne: (von seiner Qual erschüttert; unter ihr elend fast wie er selbst; aus tiefstem, innerstem Mitleid mit ihm) Ich bitte dich! Ich bitte dich nochmal und flehentlich! Du wirst Geschehnes nicht ungeschehn machen können! Laß das Vergangne ruhn!! (Auto) Du wirst jetzt . . . (Tränen, die ihr bei diesen Worten heimlich aufsteigen wollen, mit aller Gewalt niederkämpfend und zurückhaltend) von hier fortgehn . . . alles . . . was hinter dir liegt . . . allmählich vergessen . . . (bereits etwas leichter; die zornig abwehrende Geste, die er bei ihren letzten Worten gemacht hat, nicht beachtend) und dir irgendwo . . . sei's in deiner süddeutschen Heimat . . .

Georg: (schnell, heftig, verbissen) Das gute Land Franken sieht mich nicht wieder!

Marianne: (mühsam; noch in ihrem selben Satz weiter; fast jedes Wort wie ein fallender Tropfen Herzblut) Oder sonst . . . ganz . . . weit . . . weg von uns . . .

Georg: (wieder stehngeblieben; sie voll anblickend; einen Moment helle Sonne) Marianne!!

Marianne: (seinen Blick erwidernd) Ja?

Georg: (von neuem; mit arbeitender Brust; schwer ausholend) Vielleicht . . . läge doch noch für uns . . . etwas . . . wie eine letzte Hoffnung vor! (auf eine stumme, mutlos-verzweifelte Geste von ihr; sich schnell steigernd) Die Motive, die ich mir für Mariettes Untat zusammengegrübelt habe, reichen nicht aus! . . . Eine junge Frau von noch kaum Dreiundzwanzig! Reich! Angesehn! Bewundert! Beneidet! Mutter von blühendsten Kindern, und dann . . . (die Lider einen Moment geschlossen; wie schaudernd vor sich hin; mit aller Kraft sich zusammenraffend) Selbst, wenn ich für einen Augenblick . . . (jäh abbrechend und sofort wieder weiter) Das geht nicht in meinen Kopf! Das will nicht in meinen Verstand! Vielleicht . . . (letzte, verzweifeltste, angstvollste Frage; jeder Akzent aus wehstem, qualzerrissenstem Herzen; zum Schluß fast wie wieder aufatmend) ist ihr Tod doch . . . kein freiwillig selbstgewählter . . . gewesen!

Marianne: (mit finster zusammengezognen Brauen; ihre Augen in seinen; Sonne wieder erloschen) Das, hoffst du . . . wirst du zu hören bekommen, wenn du jetzt . . . (einen kurzen Moment lang von einem Grauen überlaufen, fast wie von einem Zittern) diese »Afra« . . .

Georg: (in seinem tiefsten Unterbewußtsein, ohne sich darüber im Augenblick klar zu sein, von ihrem Ton gepackt; mit aller Kraft sich zur Wehr setzend; »gläubig-innig«; einen halben Atemzug lang fast »weich«) Man hofft . . . man hört nicht auf zu hoffen . . . was man mit allen Fasern . . .

Marianne: (die ihn kaum »wiedererkennt«; ganz erschüttert-perplex) Und auf eine solche Antwort . . . wenn du sie erhalten würdest . . .

Georg: (einfallend; noch gesteigerter als vorhin; mit auseinandergebreiteten Armen) Würde ich mich verlassen! . . . Inbrünstiger, als ein Christ auf sein Evangelium!

Marianne: (die das mit ihrem »Verstand« nicht »begreift«; kopfschüttelnd) Dieser neue . . . plötzliche Glaube von dir . . . an eine andre . . . höher organisierte, uns geheimnisvoll übergeordnete Welt, zu der unsre . . .

Georg: (der sich wieder in Bewegung gesetzt hat; veränderter Tonfall; die letzten Worte ätzend bitter) Ein Glaube, den du nicht teilst . . . und der dir als Nicht-Mann . . . natürlich auch vollkommen gleichgültig ist!

Marianne: (durch die heimliche fast Verachtung, die aus seinen Worten klingt, aufs schmerzlichste in ihrem Innern getroffen) Ich weiß es nicht! Ich weiß . . . nur . . .

Georg: (einen Moment stehngeblieben und wieder nach ihr zurück) Du weißt . . . »nur« . . . ?

Marianne: (in ihrem Satz, wie gequält, weiter) Daß mich dieses Wesen . . . das uns bereits von allem Anfang an . . . unsichtbar umgab . . .

Georg: (sich gegen diese doch aber auch durch nichts beweisbare, plötzliche Behauptung von ihr mit aller Energie auflehnend; wieder ungeduldig auf und ab) Wie . . . kannst du . . .

Marianne: (wie vorhin; nur noch gesteigert) Das dann vor einem Jahr plötzlich . . . mir ganz unerklärlich und unfaßbar . . . als ich, zum erstenmal bewußtlos . . . in diesen seltsam tiefen Schlaf verfallen war . . . wie aus Fleisch und Blut vor euch stand . . .

Georg: (sie wieder ungeduldig unterbrechend) Du irrst! Es hatte geraume Zeit . . .

Marianne: (nochmals; wie vorhin) Und das, entgegen aller bisher üblichen Erfahrung auf diesem Gebiet, grade mir sich nie zeigt . . .

Georg: (ähnlich wie vorhin) Dieses Gebiet ist ein so variables, unsre Erfahrung eine so fluktuierende . . .

Marianne: (als hätte er seine richtigstellende Einwendung gar nicht erhoben und vorgebracht; noch immer in ihrem selben Satz weiter) Ich weiß nur . . . daß mich jetzt . . . schon der bloße Gedanke an diese furchtbare Erscheinung . . .

Georg: (nochmal und von neuem ihre sich beschwerende Anklage rektifizierend) Sie ist nicht furchtbar. Sie ist ein Wesen . . .

Marianne: (erst jetzt ihren langen Satz abbrechend; aus ihrer nur scheinbaren Zustimmung klingt es plötzlich fast wie Eifersucht) Von »bestrickendstem Liebreiz«! So faszinierend-bezaubernd, daß sogar Onkel Ludwig . . .

Georg: (unwillig; alles eventuell noch Übrige und Weitre nach dieser Richtung sich damit gewissermaßen energisch verbittend) Ich bin für diesen alten Narren, diesen philosophasternden Don Quixote mit seiner lächerlichen, knieenden Verehrung für diese neue Dulzinea aus irgendeinem imaginären, skurrilen, transmundanen Toboso nicht verantwortlich! Dies »Wesen«, diese »Erscheinung«, oder wie du sie betiteln und benennen willst, war für mich dieses ganze Jahr ein rein wissenschaftliches Objekt, ein Substrat für meine Untersuchungen, wie jedes andre, und ich muß es ablehnen . . .

Marianne: (die diesen »Ton« von ihm, unter dem sie fast physisch leidet, nicht länger mehr aushält) Wie du mich . . . folterst! Wie du mich . . . quälst!

Georg: (plötzlich mit einem jähen Ruck wieder auf sein eigentliches Haupt- und Zentralthema zurück, das er, durch ihre Unterbrechung abgelenkt, bereits einen Augenblick fallen gelassen hatte, die Hände »ohnmächtig« vor sich hin, als ob er etwas Unsichtbares packen wolle) Wüßte ich nicht . . . wüßte ich nicht haarscharf . . . daß Mariettes Verstand . . . trotz all ihrer weiblichen Unlogik . . . und einzelner . . . mir oft gradezu unfaßbar gewesner Unglaublichkeiten . . . die allerdings . . . in letzter Zeit . . . immer heftiger und häufiger durchgebrochen waren . . . doch . . . und zwar, soweit mir kontrollierbar, bis zum Schluß . . . der denkbar intakteste geblieben war . . . ich hätte nur diese eine Erklärung!

Marianne: (nach einer letzten Selbstüberwindung; so schwer es ihr auch fällt) Vielleicht . . . war es so!

Georg: (der sich sofort wieder nach ihr zurückgedreht hatte; nachdem er sie einen Moment lang durchdringend angeblickt hat; mit letzter Bestimmtheit) Das . . . glaubst du selbst nicht!

Marianne: (die seinem Blick standhält) Mariette . . . war stets unberechenbar! Und wenn ich natürlich auch nicht . . . direkt sagen kann . . .

Georg: (als wolle er noch immer im Grunde ihrer Seele lesen; die ersten Worte langsam, dann etwas schneller, lebhaft und steigend nachdrücklich betont) Mir kommt fast vor . . . als ob du mich damit plötzlich . . . von einem Nachdenken abhalten wolltest . . . über einen psychischen Rätselkomplex . . . den ich mir unter allen Umständen erst gelöst haben müßte . . . bevor ich . . . (abbrechend; verächtlich-heftige Geste und Kopfbewegung nach der Tür links; von draußen her Radfahrerklingel) Hast du mit diesem . . . Herrn da vorhin . . . der sich auf so sonderbare Weise . . . wie's scheint, überall mit seinem Hut rumschleppt . . . und dem der Abschied von dir so schwer fiel . . . (auf eine unwillig-abwehrende Bewegung Mariannes; im Ton noch verstärkt und gradezu drohend schließend) so schwer fiel, auch nur eine Minute allein gesprochen?

Marianne: (unter dem tödlichen Schreck, daß ihr Geheimnis, dessen letzte Spur sie vor ihm schon so gut wie verwischt zu haben glaubte, nun vielleicht doch noch durch irgendeine neue, unglückliche Fragestellung von ihm aus Licht kommen könnte; alle ihre Kräfte in sich zusammenraffend; von ihrem Hockerchen unwillkürlich aufgestanden) Es ist von dir im höchsten Grade unrecht . . .

Georg: (höhnisch-grimmig; ihren Satz persiflierend fortsetzend und schließend) »Mich danach überhaupt auch nur zu fragen!« (ihr erbittert den Rücken drehend und wieder auf und ab) Dann weiß ich genug!!

Marianne: (ihm ganz entsetzt nachstarrend) Ja, um Gottes Willen was?!

Georg: (in heftigster, kaum noch gezügelter Erregung; ohne zu ahnen, wie eigentlich fast haarscharf genau er den von ihm mit so verzweifelter Leidenschaft gesuchten, wirklichen Tatsachenverhalt damit bereits präzisiert und trifft) Daß du jetzt . . . oder vielleicht meinetwegen auch schon seit langem . . . nach jenem Abend rüber irgendeinen Fühlfaden oder Anhalt hast, und daß dies dein einzger Grund ist . . . mir diese Sitzung . . . so hartnäckig zu verweigern! In der Furcht . . .

Marianne: (ihn unterbrechend; in ihre Worte unwillkürlich so viel Suggestivkraft legend, daß sie im Moment fast selbst dran glaubt) Dein ganzes . . . Kombinationsgespinst ist von einer Phantastik . . . !

Georg: (verächtlich; die Achseln zuckend) Da du einen andern Grund . . . einen wirklichen Grund . . . absolut außerstande bist . . . mir anzugeben . . . ?

Marianne: (mit letzter Ausflucht; sich kaum noch aufrecht haltend; unruhig durch den Raum und dabei auch nach dem jetzt wieder matt blaugrau auftauchenden Blätterschattenspiel in den Fenstern blickend) Ich weiß nicht, ob es draußen . . . an dieser drückenden Schwüle liegt, oder . . . ist es bloß . . . meine Erschöpftheit . . . aber ich habe das Gefühl . . . grade heute . . . würde die Sitzung . . . uns mißlingen!

Georg: (noch gesteigerter als vorhin) Wenn der ausschlaggebende Teil es auf ein solches Mißlingen von vornherein abgesehn hat und anlegt . . . sind wir übrigen natürlich . . .

Marianne: (mit deren Kraft es jetzt fast zu Ende ist; ihr bereits so gut wie gewonnenes Spiel durch eine einzige, ungeschickte Wendung beinahe wieder auf- und preisgebend) Ich kann dir nur wiederholen! Wenn du durchaus drauf bestehst . . .

Georg: (brüsk, knapp, kalt; mit »allem fertig«) Danke! Verzichte! Die Sache ist für mich erledigt! . . . (schnell nach seiner Uhr blickend) Ich reise jetzt schon mit dem Zug sofort . . . und werde in dies zukünftge Stift von Onkel Ludwig . . . (abbrechend und sofort wieder weiter; noch permanent sich steigernd) Es ist alles Unsinn . . . Ob man arbeitet, oder die Hände in den Schoß legt . . . ob man sich mit dem Krimskrams beschäftigt oder nicht . . . ob man sich an dies oder das hängt . . . es is alles Unsinn!

Marianne: (um die das ganze »chinesische Zimmer« sich fast schon dreht; sich nochmal zusammenraffend) Ist das . . . nach diesen drei Jahren deine ganze Philosophie?

Georg: (der sie noch immer nicht anblickt; ausbrechend; letzte, verbissenste Wut und Leidenschaft) Ja! . . . Und ich werde alles . . . was ich über das Zeug niedergeschrieben habe . . . sofort, nachdem du es mir, wie verabredet, zurückgestellt haben wirst . . . verbrennen!

Dufroy: (durch die kleine Tür rechts; man merkt ihm an, daß er aufs äußerste aufgebracht, erregt und verstimmt ist, so sehr er sich auch bemüht, seinen Zustand vor sich und den andern zu verbergen; die beiden erblickend) Endlich! (die Tür hinter sich schließend) Also hier sind die Herrschaften! Man findet euch ja nicht im ganzen Haus?!

Georg: (über sein Auftauchen noch ganz starr) Du kannst mein Manuskript . . . doch unmöglich schon gelesen haben?

Dufroy: (ihm darauf gar keine Antwort erteilend; zu Marianne, die sich mit aller Kraft beherrscht) Ich bitte dich, heut noch zur Großmutter zu gehn! Sie wird dir das Nötige mitteilen.

Georg: (während Marianne, als einzige Antwort, nur einen Blick nach ihm wirft; die Hände leger in den Seiten, das linke Bein etwas vor; das zweite »a« kurz und betont) Aha! . . . Nummer Eins . . . der zu vollstreckenden Exekution!

Dufroy: (in dem schmalen Längsraum vor den beiden Fenstern, die Hände ergrimmt umeinanderdrehend, auf und ab) Die Dispositionen, die ich jetzt zu treffen wünsche, sind meine Sache!

Marianne: (zu Georg rüber; leicht zögernd; bereit, den Raum, durch die Tür rechts, schon auf der Stelle zu verlassen) Wenn es dir also . . . recht ist . . .

Georg: (durch den scharfen Ton Dufroys, wie mit einem Ruck, seltsam ruhig und gefaßt) Liebe Marianne . . . (Geste, die sie wieder sich zu setzen bewegt) tu mir den Gefallen und . . . (abbrechend und auf das kleine Tischchen links zu) Noch bist du mein Gast! . . . (auf dem Hockerchen dort Platz nehmend; ein Bein übers andre) Darf ich, bester Schwiegervater, fragen, was dich so erbittert?

Dufroy: (noch immer in seinem Längsteil, die Hände jetzt hinterm Rücken, den Kopf ins Genick, den Blick starr vor sich in die Luft, auf und ab; durch seine Stimme ferne Tubahörner) Ich habe dir dein Manuskript . . . du hörst, daß ich mich über dies Elaborat noch sehr respektvoll und höflich ausdrücke . . . ich habe dir also dein »Manuskript« . . . in deine Bibliothek gelegt!

Georg: (über diesen Ton, wenigstens im ersten Moment, doch etwas perplex; dann sofort fast »liebenswürdig«) Sehr nett von dir.

Dufroy: (Kopf und Stimme womöglich noch erhobner) Ja! Und ich ersuche dich dringend . . . mich mit solchen, oder auch nur ähnlichen Allotriis . . .

Marianne: (durch diese Form seines Ausbruchs, auf die sie bei seiner sonstigen Urbanität denn doch nicht gefaßt gewesen war, ganz überrascht und erschreckt; fast flehend-vorwurfsvoll) Vater!

Georg: (zu ihr rüber; kühl-gelassen; aber dabei doch schon mit einem leisen Unterton bereits aufsteigenden, wenn auch noch zurückgedämmten Grolls) Wie ich es dir prophezeit habe!

Dufroy: (noch immer vor seinen Fenstern, in denen die Sonne wieder völlig erloschen; jetzt ebenfalls zu ihr rüber) Mich so über dich zu täuschen! . . . Das ist nun das Resultat, nachdem ich mir zehn Jahre lang, bei meiner sonstigen Arbeit und Tätigkeit, die große Mühe aufgehalst hatte, deine Erziehung selbst und persönlich zu leiten! Mariette war oberflächlich und leichtfertig! Aber sie war doch wenigstens aufrichtig! . . . (plötzlich stehnbleibend und zu ihr direkt) Wie konntest du mir schon in früher Jugend Dinge verbergen, die du, wenn auch schon nicht deinem Vater, so doch mindestens zu mir als dem Arzt hättest sagen müssen?!

Marianne: (durch seine ganze, auch ihr gegenüber auf einmal so veränderte Art aufs schmerzlichste betroffen; es kostet ihr ordentlich Mühe, sich vor ihm zu verteidigen) Selbst . . . wenn ich das damals gewollt hätte, es wäre mir nicht . . .

Dufroy: (sie noch immer ganz aufgebracht und erbittert unterbrechend) Man hätte dann doch zeitig Vorkehrungen treffen können!

Georg: (mit erheblich zusammengezognen Brauen; im Ton aber noch mit aller Macht an sich haltend) Du solltest jetzt deine Vorwürfe weniger auf Marianne abladen . . . als . . . (plötzlich, sehr bestimmt; mit der flachen Rechten sich vor die Brust schlagend; von neuem spärliche Sonne) Hier sitzt der Sündge!

Dufroy: (der ihn kaum der Ehre gewürdigt, einen kurzen Moment nach ihm rüberzublicken; wieder auf und ab; ihn ignorierend und nach wie vor scheinbar lediglich zu Marianne) Ich habe nichts gegen meinen älteren Stiefbruder! Das weißt du am besten! Ich begrüßte es mit Freuden, als er zu euch wieder in dieses Haus einzog! Ich hatte gehofft . . . (abbrechend und sofort wieder weiter) Aber daß er mir, statt dessen, jetzt auch noch diese, gelinde gesagt, allgemeine Übergeschnapptheit zum schließlichen Danaergeschenk gemacht hat . . .

Georg: (die Rückenfläche seiner Linken, die er gespreizt vor sich hinhält, wie auf einmal lebhaft interessiert, betrachtend) Du drückst dich zwar sehr gewählt . . .

Dufroy: (von neuem; noch wütender) Schon damals, vor einem halben Jahrhundert, jenes blamable, lächerliche »Gelöste Welträtsel«, das bereits meinem Vater den (stark betont) schwersten Stand bereitet hatte, und (noch unterstrichner) nun diese aber auch ganz und gar völlig hirnverlassne, alberne, »apokalyptische Theosophastik«, (nun endlich auch wieder zu Georg rüber) über die du dich zwischen deinen Zeilen . . . und zwar sehr deutlich . . . selbst belustigst!

Georg: (verkappt-ironisch; trocken) Es freut mich . . . aus deinem Munde . . . diese autoritäre Anerkennung zu hören!

Dufroy: (als hätte Georg nichts erwidert; trotzdem ihm »quittierend«; erst jetzt seine aufgebrachte Beschwerde schließend) Von solch einem alten, unverbesserlichen Wirrkopf und Phantasten sich ins Schlepptau nehmen zu lassen!

Georg: (sehr ruhig) Dein Studium meines . . . »Elaborats« . . .

Dufroy: (»giftig«) Deines neuen Credo quia absurdum est!

Georg: (seinen »Geusen«-Hohn akzeptierend) Meines »neuen . . . Credo quia absurdum est!« . . . scheint mir, trotz deines eben von dir geäußerten, mir schmeichelhaften Zitats . . . doch ein etwas oberflächliches gewesen zu sein.

Dufroy: (einen Moment unwillkürlich stehngeblieben; empört zu ihm rüber) In diesem einleitenden Anfangsabschnitt . . . (schon wieder bei seiner Promenade) Da irrst du! Grade die ersten dreißig, vierzig Seiten habe ich in meiner üblichen Langmut . . .

Georg: (ihn unterbrechend) Hättest du auch nur die paar nächsten Seiten in deiner selben »üblichen Langmut« noch mit dazugenommen, so würdest du vielleicht die Entdeckung gemacht haben . . .

Dufroy: (ungeduldig; seinen Satz ihm abnehmend und durch den Schluß, den er diesem selber gibt, ihm beweisend, daß er mit seinen »Insinuationen« ihm gegenüber zehntausend Kilometer vorbeigetroffen) Daß es sogar ganz im Gegenteil deine ursprünglich löbliche Absicht gewesen war, die abstrusen Theoreme Onkel Ludwigs in ihrer ganzen Unsinnigkeit restlos zu widerlegen! Weiß ich! Dazu genügten mir deine ersten vier oder fünf Sätze! Was dich aber dann doch nicht behindert hat . . .

Georg: (jetzt, als Revanche dafür, mit ihm ähnlich verfahrend; das heißt also seinen Satz ihm ebenfalls abnehmend und ihm durch seinen eignen Schluß nachweisend, wie durchaus er mit seinem Vorgehn damals das methodologisch einzig Mögliche und Richtige getan) Das, was hinter diesen »Theoremen« stand, nämlich eine ganze, große, ungeheure Tatsachenwelt, deren Vorhandensein von eurer heute herrschenden, offiziellen Wissenschaft prinzipiell negiert und geleugnet wird, als vorhanden anzuerkennen, nachdem ich mich von ihrem Vorhandensein überzeugt hatte! Wenn du das »von einem alten, unverbesserlichen Wirrkopf und Phantasten sich ins Schlepptau nehmen lassen« nennst . . .

Dufroy: (halb ein ganz klein wenig jetzt einlenkend, halb nicht ohne einen gewissen Stolz mit seiner »Erudition« prunkend; prallste Sonne; die Blätterschatten ab und zu leis bewegt) Es ist mir ja bekannt, daß man bereits vor einigen Dezennien . . .

Georg: (markiert-verblüfft; zu Marianne rüber; ironisch) Erst vor »einigen Dezennien«?

Dufroy: (unwillkürlich wieder stehngeblieben) Ich schrieb damals grade meine »Merkmale niedrer Menschenrassen, Prolegomna zu einer prähistorischen Anthropologie«, und konnte mich daher um den Hokuspokus nicht viel bekümmern! (fragend-ungehalten von einem zum andern rüber) Aber so weit ich darüber informiert bin, ist das Zeug doch seitdem widerlegt worden!

Georg: (nach einem schnellen Blick zu Marianne rüber; schärfst, fast grob) Von wem?!

Dufroy: (nervös-unwirsch) Ja, wie soll ich dir das sagen? Das ist nicht von mir zu verlangen! Das schlägt nicht in mein Fach! Ich weiß es nicht!

Georg: (»trocken«; mit scheinbar anteilnehmendstem Bedauern) Schade!

Dufroy: (als wäre nun alles bereits damit erledigt) Daß du aber damit wieder von neuem anfängst, und nun noch gar hier mitten in Berlin . . .

Georg: (»unschuldig«; »naiv«; anscheinend ganz »Balduin Bählamm«) Ja, denke dir nur.

Dufroy: (aus seinem Raum vor dem Fenster, er stand zuletzt rechts, jetzt näher kommend und sich in den großen Armstuhl niederlassend, in dem vorhin Onkel Ludwig gesessen; jetzt bereits, trotzdem alles noch in ihm kocht, wie er glaubt, so »ruhig« geworden, daß ihm eine »sachliche Diskussion« keine »Überwindung« mehr kostet) Willst du mir mal verraten, ob du mir zumutest . . . daß ich deine Münchhausiaden überhaupt ernst nehme?

Georg: (während Marianne dasitzt und ihre schmerzhaft geschlossen Augen mit der Rechten deckt; noch »ruhiger« als er) Ich bitte darum!

Dufroy: (aus seiner inneren Brusttasche einen bekritzelten Block ziehend) Auf Seite einundfünfzig . . . ich habe mir, meiner Gewohnheit gemäß, während dieser interessanten Lektüre einige kleinere, stenographische Notizen gemacht . . . nur ganz flüchtig, Dutzende von Seiten oft überspringend, Haupt- oder Nebensächlichkeiten, wie es sich mir eben grade ergab, denn sonst wäre ich in acht Tagen nicht damit fertig geworden . . . auf Seite einundfünfzig behauptest du, du hättest euer sogenanntes »Medium«, also in diesem Falle (entsprechende Geste) meine arme, bedauernswerte Tochter Marianne, auf eine »automatische Wage« placiert, und zwar auf die mir sehr bekannte in deinem Gartenlaboratorium, wo ihr eure sonderbaren Konventikel, (wobei ein entsprechender »Blick« auch wieder auf das arme Opferlamm rechts fällt) ohne daß ich etwas davon zu wissen bekam, mit einer schon mehr »religiös« zu nennenden Inbrunst abhieltet, und diese Wage, die eine Stunde vorher, unter der gleichen Last, noch das genaue Gewicht von fünfundsechzig Komma sieben Kilogramm registriert hatte, zeigte plötzlich eine Differenz von . . . (rücksichtsvollst-höflich) entschuldge . . . zehn Kilogramm an!

Georg: (während Marianne jetzt, die Rechte ums Kinn, beide gespannt-lebhaft beobachtet; entgegenkommend-liebenswürdig; fast freundlich) Ich »entschuldge«.

Dufroy: (in seiner Würde »gekränkt«; kaum merklich zurückgezuckt) Ist das deine einzge Antwort?

Georg: (gelassen) Da du mir doch wohl zutrauen wirst, daß ich die Skala eines so primitiven Instruments fehlerfrei ablesen kann, wüßte ich nicht, was ich dir für eine noch andre Antwort drauf erteilen sollte.

Dufroy: (mit bereits heimlich siegreichem Triumph) Und wie erklärst du dir das?

Georg: (gleichmütig) Ich persönlich durch eine Kraft, deren physikalische Voraussetzung mir die Körperlichkeit des Mediums zu sein scheint, und die, unter bestimmten Bedingungen, sich mit der uns bereits vertrauteren Schwerkraft, deren eigentliches Wesen uns, nebenbei bemerkt, genau so unbekannt ist, entweder verbindet, oder aber ihr entgegenwirkt.

Dufroy: (erregt-abwehrende Geste) Worte!

Georg: (»lapidar«) Wie alle unsre sogenannt »wissenschaftlichen« Erklärungen!

Dufroy: (ganz empört) Du wirst doch nicht behaupten wollen . . .

Georg: (ihn unterbrechend und jeden Disput über diesen Punkt mit größter Entschiedenheit ablehnend) Wie alle! . . . Im übrigen muß ich dich darauf aufmerksam machen, daß ich mich in meiner Darstellung begnügt habe, lediglich die Phänomene als solche festzustellen, ohne daß es mir vorläufig eingefallen wäre, auch nur die winzigste Spekulation, Hypothese, oder Theorie daran zu knüpfen!

Dufroy: (immer wieder nur zu Georg; Marianne, nach der er nur noch ab und zu einen schnellen, halben Blick wirft, scheinbar nicht mehr beachtend) Diese »Phänomene« sind dafür aber auch danach!

Georg: (unterstrichen zustimmend) Allerdings!

Dufroy: (aufbrausend) Du hättest dich . . . (unwillkürlich stockend, da er fühlt, daß er mit dem, was es ihn in diesem Augenblick zu sagen drängt, bei Georg eine vielleicht doch noch allzu wehe Stelle berühren könnte).

Georg: (dem annähernd Entsprechendes bereits schwant) M?

Dufroy: (durch diesen fragend-anreizenden Zwischenlaut sich wieder hinreißen lassend und in seinem Satz erregt weiter) Trotz deines . . . schon seit jeher . . . immer höchst eigenmächtigen Autodidaktentums . . .

Georg: (ihn ironisch unterbrechend) Für das du früher . . .

Dufroy: (patzig) Ich spreche nicht von früher . . . sondern von jetzt!

Georg: (damit, wie es scheint, ganz einverstanden) Also von jetzt!

Dufroy: (verstimmt) Du hättest dich . . . wie gesagt, trotzdem . . . (erst jetzt mit seinem eigentlichen, von ihm so umständlich verklausulierten Vorwurf rausrückend; Auto) noch vor drei Jahren nie . . .

Georg: (schnell, scharf; Kopfbewegung nach seinem Block) Bitte dein Register! . . .

Dufroy: (nachdem er diese »Reprimande« erst mit Mühe in sich hat runterschlucken müssen) Mein »Register!« . . . (in dieses, einen kurzen Moment, wieder hineinblickend) Auf Seite vierundfünfzig legt Marianne sich glühende Kohlen in die Hand, und obgleich diesen Kohlen durch einen kleinen Spitzblasebalg atmosphärische Luft noch extra zugeführt wird . . . bleibt der Handteller unverbrannt!

Marianne: (unwillkürlich eifrig nickend) Ja!

Dufroy: (noch verstärkt; als hätte sie seine indirekte Frage überhaupt erst gar nicht bestätigt) Kurz danach brennen sich diese selben Kohlen . . . durch eine Schicht von fünfundzwanzig Bogen Fließpapier durch!

Georg: (der Marianne nicht anblickt; zu seinem entrüsteten und durch alle diese angeblichen »Tatsachen« wie persönlich verletzten Schwiegervater rüber; anscheinend ganz unbefangen) Findest du das so wunderbar?

Dufroy: (auf seinen Ton nicht reagierend) Bereits auf der nächsten Seite . . .

Georg: (sein Spiel weitertreibend; leicht mokant) Also fünfundfünfzig . . .

Dufroy: (in seinem Eifer diese kleine Anremplung kaum merkend) Jawohl, fünfundfünfzig . . . bereits auf dieser nächsten Seite . . . (unwillkürlich die betreffende, illustrierende Bewegung) schüttelt ihr ein Glas Wasser um . . . und das Wasser . . . in Gestalt einer blitzenden Kugelform . . . bleibt in der Luft hängen!

Marianne: (während Georg einfach bloß nickt; stark bekräftigend) Gewiß!

Dufroy: (der wieder seinen Block eingesehn) Es kommt noch schöner! . . . (fast bei jeder neuen Nummer wieder in seine Aufzeichnungen blickend) Auf Seite siebenundfünfzig spaziert ein goldnes Zwanzigmarkstück, deutsche Reichswährung, unbeschädigt, quer durch eine drei, drei Viertel Zentimeter starke Eisenplatte, Seite zweiundsechzig verschwindet vor den Augen sämtlicher gespannt Zuschauenden ein eigens zu diesem Zweck isoliert auf den Schmelzofen gestelltes Reagenzgläschen spurlos, um erst nach fünf Minuten aus seinem Nichts sichtbar wiederzuerscheinen, eine Zwischenzeit, die ein Destillierkolben unbotmäßig mißbraucht, um eigenmächtig seinen Standort zu verändern. Während der ganzen Dauer eurer Experimente, auf beliebig niedergelegten Blättern, mit Hilfe von unsichtbaren Materialien, bildet sich »direkte Schrift«, zum Teil in euch völlig unbekannten Idiomen und Alphabeten, und auf Seite neunundneunzig sprießt aus einem ganz gewöhnlichen Kartoffelknollen, zu deutsch Solanum tuberosum, im Zeitraum von fünfundvierzig Minuten, ein hohes, stechapfelartiges Etwas empor, mit weißen, fußlang hängenden Blütentrichtern, das sich nach genauer botanischer Untersuchung als ein natürliches Exemplar Datura fastuosa entpuppt, deren narkotischer Blütenstaub in der malayischen Giftpraxis eine bekannte, misteriöse Rolle spielt, und die ich zum ersten- und letztenmal vor gut dreißig Jahren auf Java selbst gesehn, wo diese Art, meines Wissens, so ziemlich allein heimisch ist! . . . Bist du dir darüber klar, was diese Dinge, diese . . . Ungeheuerlichkeiten, wenn sie auf Wahrheit beruhten, bedeuten würden?

Georg: (der unterdessen mit Marianne, die in steigender Unruhe beide beobachtet, verschiedne »Blicke« getauscht hat; dem Blick seines Schwiegervaters, dessen Augen unter zornig zusammengezognen Brauen jetzt heftig auf ihn gerichtet sind, ruhig begegnend) Vollkommen. Und sie beruhen auf Wahrheit!

Dufroy: (einen Moment fast seine Fassung verlierend; jäh; nur noch halb Sonne) Das willst du mir aufbinden?! . . . (nach einer kurzen Pause, während welcher alle drei untereinander entsprechende Blicke gewechselt; zwar bereits etwas minder heftig, aber doch noch immer sehr stark und energisch; allgemein; den Blick auf keinen mehr gerichtet) Sie beruhen nicht auf Wahrheit! Sie können nicht auf Wahrheit beruhn! Sie stießen sonst unsre Naturgesetze um!

Georg: (nach dem kleinen, stummen Zwischenfall jetzt womöglich noch ruhiger als vorhin) Oder sie erweiterten sie! . . . Du hast diese Phänomene zwar nie studiert . . . du hast dich nie um sie bekümmert . . . (imitierendes, leicht wegwerfendes Achselzucken) aber sie existieren nicht!

Dufroy: (die Augen wieder erbittert auf ihn gerichtet; noch elementarer als vorhin; mit der geballten Rechten wütend auf die Armlehne seines Sessels schlagend; fast außer sich) Sie können nicht existieren!!

Marianne: (mit dem Versuch, zwischen beiden zu vermitteln; gehend zu Georg rüber) Georg!

Georg: (nachdem er sich wieder bezwungen hat; zu Marianne) Aber ganz gewiß! . . . Du hast recht! . . . (wieder zu seinem Schwiegervater; als wäre dessen nenerlicher und noch stärkerer Ausbruch gar nicht erfolgt) Und die rund achthundertfünfzig übrigen Seiten meiner Arbeit? Über die du mir noch gar nichts gesagt hast? Deinen Notizblock in Ehren, aber sein bisheriger Widerlegungswert . . .

Dufroy: (mit aller Mühe an sich haltend) Wenn ich mich nicht in diesem Augenblick . . . mit aller Energie daran zu erinnern versuchte . . . daß hinter dir eine ernsthafte Vergangenheit als makelloser, ehrlicher Forscher liegt . . . den ich noch dazu selbst . . . (abbrechend; den Block wieder in seine Tasche praktizierend) kurz und gut, ich würde überhaupt . . . auch nicht ein einziges Wort mehr an dich verlieren!

Georg: (auch diesem dritten Ausbruch gegenüber wieder »unglaublich vernünftig«) Das primärste Prinzip aller Wissenschaftlichkeit, die erste Voraussetzung aller Forschung . . . du gestattest, daß ich auf dein eignes Glaubensbekenntnis zurückkomme . . . (die Stimme unwillkürlich etwas erhoben) lautet: Über nichts aburteilen, bevor man es nicht untersucht hat!

Dufroy: (als hätte man von ihm verlangt, daß er den »Mond viereckig« machen solle) Ich . . . mich zu solchen Experimenten hergeben?

Georg: (vollkommen ruhig; leichte, legere Geste mit der lässig auseinandergespreizten Rechten) Wenn du wünschst, daß uns dein Urteil auch nur von geringstem Wert sein soll . . . ?

Dufroy: (der allmählich merkt, daß er gegen diese unerschütterliche Sicherheit Georgs nichts ausrichten kann; sich jetzt endlich auch an Marianne wendend; in seinem Grimm aber noch keineswegs besänftigt; ja sogar eher »ganz im Gegenteil«) Du wirst die unerhörten Lächerlichkeiten, die ich euch eben vorgehalten habe, doch nicht etwa bestätigen wollen?

Marianne: (bei aller schuldigen Achtung und Ehrfurcht vor dem Vater, die sie auch jetzt nicht verlassen haben, doch sehr bestimmt) Ich habe alle diese Dinge, die dir so unglaublich erscheinen . . . genau so wie Georg . . . und Onkel Ludwig gesehn!

Dufroy: (jetzt, bei dieser Erwähnung auch noch Onkel Ludwigs, fast in etwas wie eine Belustigung ausbrechend) Onkel Ludwig ist allerdings . . . 'n klassischer Zeuge!

Georg: (noch immer total selbstbeherrscht) Es steht dir jederzeit frei, sein Zeugnis, je nachdem du dazu in die Lage geraten solltest, entweder zu bewahrheiten . . . oder . . . es zu rektifizieren!

Dufroy: (der über diese so »erneut« an ihn gestellte »Zumutung« mit nur schlecht verhehltem Unwillen »hinweggehört« hat; »allgemein«) Ich würde nichts sagen . . . wenn es sich bloß . . . um diese relativ einfacheren Phänomene handelte! Mit automatisch sich willkürlich verändernden Gewichtsnotifizierungen, mit Phiolen, die auf eigne Faust ihre Regale und Gestelle verlassen, und meinetwegen sogar auch noch mit magischen Kartoffelknollen, aus denen im Handumdrehn alle Zaubergärten der Armida springen, könnte man sich ja allenfalls . . . und zur Not . . . vorübergehend kompromittieren! (von einem zum andern; sich steigernd; die Vorhänge in den Fenstern wieder sonnenlos) Aber diese sogenannte »Materialisation«? Diese nun aber auch total völlige Übergeschnapptheit?? Dieses vorgeblich »zweite Wesen«, (jetzt nur noch zu Marianne, und zwar, wie er glaubt, gegen diese seinen »letzten Trumpf« ausspielend) das sich nun schon seit über einem Jahr, allwöchentlich zwei- oder dreimal, aus dir als Substanz, etwa wie ein Schmetterling aus der Puppe, oder die Puppe sich aus der Raupe entwickeln soll? . . . (da Marianne, die hierauf nichts zu erwidern weiß, nur mit den Achseln zuckt; noch immer sich steigernd; wieder von einem zum andern) Ein leibhaftes Etwas, das Fleisch und Blut besitzt, dessen Pulsschläge gemessen wurden, das sich dreht und bewegt und Rede und Antwort steht . . . auf dieses . . . Märchen . . . (matte Halbsonne) auf diese . . . eigentlich schon beinah mehr als bloß Münchhausiade, soll ich mich auch noch einlassen??

Georg: (auch durch diese »starken Worte« wieder noch absolut nicht aus seiner Gelassenheit gebracht; ihm nur amüsiert-ironisch seinen rechten kleinen Finger hinhaltend) Nachdem du dem Versucher . . .

Dufroy: (ihn indigniert unterbrechend; erst jetzt seine entrüstete Diatribe schließend) Da ist mir das alte, drollige Homunkulusmännchen von unserm ehmalgen, selgen Kollegen Doktor Faust . . .

Georg: (der ihn nicht ausreden läßt) Deine Reminiszenz ist zwar falsch . . . (abbrechend und seiner Richtigstellung plötzlich eine sehr deutliche, haarscharf geschliffne »Spitze« gebend) Der betreffende, »ehmalge Kollege« von dir nannte sich zufällig Herr Professor Wagner!

Dufroy: (der in seiner naiven, auch sogar jetzt noch ganz und gar gutgläubigen Selbstüberzeugtheit diese »Spitze« nicht einmal merkt) Na ja also oder Wagner!

Georg: (durch diese beschämende »Ahnungslosigkeit« beinahe »entwaffnet«) Da es aber nun den Anschein hat, daß du mit deinem Notizblock jetzt glücklich fertig und zu Ende bist . . .

Dufroy: (fast »starr«) »Zu Ende«? . . . (Notizblock) Seite dreihundertfünfundsiebzig! . . . Eure . . . (wieder aufblickend) wenigstens ihrem vorgeblichen Namen nach . . . (Auto) etwas fragwürdige . . . famose Heilige aus der antiken Legende! (letzter, triumphierender Bluffer) Verbrannt unter Diokletian dreihundertvier!

Georg: (scheinbar »ersterbendste Hochachtung«) Ein Wissen und eine »Bildung!«

Dufroy: (von seiner »Akribie« durchdrungen) Ja! Ich habe in meinem alten Brockhaus . . .

Georg: (mit einem erneuten »Blick« zu Marianne rüber) Ah, sieh da!

Dufroy: (der diese Unterbrechung gar nicht beachtet hat) Ich habe mir die Mühe gemacht und extra nach dieser Donna nachgeschlagen!

Georg: (kaustisch-trocken) Na, da wirst du ja auf schöne Sachen gestoßen sein!

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