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Ignorabimus

Arno Holz: Ignorabimus - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
booktitleIgnorabimus
authorArno Holz
year1925
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
addressBerlin
titleIgnorabimus
pages1-3
created20020520
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1913
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Georg: (durch ihr Ausweichen gereizt; in seinem Teil des Raums wieder unstet auf und ab; nach einer kleinen Pause, schroff-abgehackt, mit plötzlich durchbrechendem Entschluß) Ich werde seine Rückkunft . . . morgen vormittag gar nicht erst abwarten!

Marianne: (ganz bestürzt-überrascht) Du willst . . . weg?

Georg: (mühsam; sich diese »Konfession« wie abringend) Das einzge . . . was mich in diesem Hause . . . jetzt nur noch hält . . . ist unsre Sitzung! . . .

Marianne: (nach einer erneuten kleinen Pause; fernes Auto; stockend) Hast du . . . diese Idee . . .

Georg: (schnell; scharf; den von ihr unausgesprochen Schluß ihrer Frage als Antwort) Schon seit langem!

Marianne: (nachdem sie, kurz, abermals gestutzt hat; als befürchte sie bereits mit Bestimmtheit die betreffende Bestätigung) Und du würdest . . . dann am Ende gar noch heute . . . ?

Georg: (hart; noch immer ohne sie dabei anzublicken; mit einer geheimen Wut auf sich selbst) Soll ich mich etwa mit deinem Vater, nachdem ich eben die Riesendummheit besessen, ihm mein Manuskript . . .

Marianne: (die sich inzwischen wieder gefaßt hat) Eine mündliche Aussprache . . .

Georg: (sie unterbrechend; wie um mit aller Gewalt sich schon jetzt darauf festzunageln) Ich würde mich . . . zu irgendeiner Debatte über diese Dinge . . . unter keinen Umständen . . .

Marianne: (mit dem geheimen Bestreben, ihn, falls das noch angängig, von seinem gefaßten Entschluß abzubringen; in ihrem Satz fort und zu Ende) Eine solche . . . auch für mich und mein Empfinden gänzlich überflüssige Diskussion . . . brauchte ja gar nicht Platz zu greifen!

Georg: (einen Augenblick stehngeblieben und zu ihr rüber) Wo wir mit ihm . . . (kurze, unwillige Kopfbewegung nach dem Garten hin) beinahe unter dem gleichen Dache wohnen?

Marianne: (Geste; unterdrückt-ungeduldig; Tonfall fast erstaunt) Ihr habt euch so gut . . . wie die ganzen Jahre nicht gesehn . . . es würde sich also einrichten lassen . . .

Georg: (sich hastig wieder in Bewegung setzend) Und selbst wenn, wenn, wenn! Hast du geglaubt, mutest du mir zu, ich könnte nach eröffnetem Kampf, wo ich mir doch ganz genau sagen muß, daß an der Spitze meiner erbittertsten Widersacher hier in Berlin . . . niemand anders . . . als eben grade dein Vater stehn wird . . .

Marianne: (die ihn nicht ausreden läßt; noch entschiedner als vorhin) Weder sein Amt . . . noch seine sonstige . . . wissenschaftliche Stellungnahme und Tätigkeit . . . verpflichtet ihn, gegen dich öffentlich . . .

Georg: (»alles ablehnend«; erst ruckweis und stockend, dann ausbrechend und zuletzt in konzentriertester zugleich Qual und Energie) Ich kann . . . und will mein Leben . . . aus dem sich jetzt . . . vielleicht doch noch wieder . . . etwas schaffen und gestalten läßt . . . nicht, wie ein gefangnes Tier, in diesem entseuchen Käfig verbringen ! (entsprechender »Blick«) Zwischen diesen Wänden, wo mich alles . . . aber auch alles . . . an Stunden und Dinge erinnert . . . auf die immer wieder zurückgestoßen zu werden, ich einfach nicht mehr ertragen kann!

Marianne: (die ihm stumm nachgeblickt hat; sich ihre Worte jetzt fast wie aus dem »Herzen« reißend) Wenn du allerdings . . . das Gefühl hast . . . daß deines Bleibens hier nicht mehr ist . . . geh!

Georg: (einen Augenblick wieder stehngeblieben; nach ihr zurückgedreht; in seinem Innern, einen Moment, fast schon wieder wie wankend; maskiert höhnisch) Und du? . . . Wirst dir eine weiße Schürze umbinden und in irgendeinem Laboratorium als Assistentin hospitieren? . . . Oder warten, bis Onkel Ludwig dich in sein phantastisches Millionenkloster als lebenslängliche Äbtissin einsetzt?

Marianne: (die ihn nicht anblickt; letzte, mit aller Gewalt zurückgehaltne Bitterkeit und Trauer) Um mich brauchst du dich nicht . . . zu bekümmern! . . .

Georg: (der seinen Gang wieder fortgesetzt hat; nach einer kleinen Pause; veränderter Tonfall) Du hättest Onkel Ludwig . . .nachdem er die noblen, wiederholten Anerbietungen deines Vaters so brüsk abgelehnt hatte . . . zumal ihr euch damals noch gar nicht bekannt wart . . . nicht auf offner Straße ansprechen . . .und zu uns ins Haus fordern sollen!

Marianne: (über diese plötzliche, nachträgliche Ungerechtigkeit fast empört) Nachdem er jeden Tag . . . um dieselbe Stunde . . . (leichte Kopfbewegung nach dem Zuschauerraum) sich uns hier gegenüber aufgestellt . . . und sehnsüchtig nach seinem alten Giebelfenster geguckt hatte . . . (vergnügter Zaunkönig) hinter dem mal sein Jungensparadies gelegen? . . . Da hätte ich ja ein Herz aus Stein haben müssen!

Georg: (als hätte sie ihre Replik überhaupt gar nicht gesprochen; in der von ihm nun einmal gefaßten »Sündenbock«-idee zäh weiter) Nur ihm . . . verdanken wir jetzt diese Trennung . . . (auf eine unwillkürlich Einspruch erhebende Geste von ihr; womöglich noch verbissen-erbitterter) jawohl, diese Trennung, an die keiner von uns . . . weder du, noch ich . . . trotz allem und allem, je gedacht haben würde . . . wenn nicht seine alberne, herausfordernde, kopfverdrehende Transzendentalistik . . . (Radfahrer; Auto).

Marianne: (ihn unterbrechend; »stark«) Es ist besser . . . unsre Trennung . . . erfolgt schon jetzt . . . und in dieser Weise . . .

Georg: (in ihrem Satz weiter; sich dadurch mit einmal ganz auf ihre Seite stellend) Als daß sie durch das . . . was hinter uns liegt . . .

Marianne: (ihren Satz schließend) Vielleicht . . . (letzte, mühsam verhaltne Kraft) sowieso erfolgen müßte!

Georg: (mit unwillkürlich erhobner Stimme; zornig, grollend, grimmig; zum Schluß fast knirschend vor sich hin) »Noch drei Jahre!« Dieser Zeitraum war uns gesteckt, und heute abend . . . elf Uhr neunundfünfzig, (kurzer Kopfruck nach der Tür links) ich hatte für alle Fälle bereits nachgesehn, fährt mein Zug . . . fast pünktlich mit dem Glockenschlag, ist diese Frist um!

Marianne: (die ganz erstaunt aufgehorcht hat) So . . . hast du dir jene Prophezeiung . . .

Georg: (noch präzisierend-unterstrichner) So . . .wenn auch erst in diesen letzten zwei Wochen . . . habe ich sie mir ausgedeutet . . . und so . . . (letzte, grimmigste Steigrung) jawohl . . . geht sie jetzt in Erfüllung!

Marianne: (durch diese vehemente Sicherheit und Bestimmtheit in ihrer furchtbaren eignen Ausdeutung einen Augenblick fast schwankend) Es ist . . . möglich . . . daß du . . . (dumpfes, wie klagendes Auto; Wolkenschatten).

Georg: (plötzlich wieder stehngeblieben; im Vordergrund links; »alles« in sich »sammelnd«; mit steigender, wachsender Erregung, daß jeder Nerv nur so an ihm vibriert und jedes Wort fast in allen Nuancen und Tinten schwimmt, zu ihr rüber) Ich habe dir nie drüber . . . ein Wort gesagt! . . . Aber als du . . . an jenem Abend damals . . . dem verlassensten . . . den ich in meinem Leben . . . bis heute »gefeiert« . . . nah schon . . . dicht nah schon jenem gewissen Punkt . . . in den mehr oder minder . . . minder oder mehr . . . jeder mal starrt . . . Posten für Posten . . . gegeneinander ausspielend, abwägend und aufrechnend . . . laufendes Girokonto bei unserm »lieben Vater im Himmel«, ausgestellte, noch nicht eingelöste Wechsel bei seinem alten, eingefleischten Widerpart, »Wert in mir selbst« . . . als du damals . . . hier eintratst . . . die Lichter um die beiden Bahren brannten . . . aus dem Garten . . . (abbrechend und von seiner Erinnerung einen Augenblick überwältigt; dann sich sofort wieder aufraffend und von neuem, noch gesteigerter, nach der Tür rechts) du kamst durch jene Tür! . . . Und obgleich ichs ja gewußt! . . . die ganzen langen Jahre über gewußt!! . . . aber als du so dastandst . . . unbeweglich . . . und mich ansahst . . . mich . . . durchschauderte nur ein Empfinden . . . nur ein Gefühl . . . die wieder lebendig gewordne Tote! . . . Und diesen Eindruck . . . diesen furchtbaren Eindruck . . . (seine Stimme versagt ihm, nur mit dem Aufgebot seiner letzten Kraft ist er imstande, seinen Satz zu schließen) bin ich seitdem . . . nie wieder losgeworden! . . .

Marianne: (nach einer kleinen Pause; verschleierter Tonfall; leis stockend; das letzte Wort fast klagend-vorwurfsvoll; wieder Sonne) Ich denke . . . du hast Mariette . . . geliebt!

Georg: (in seinem Gang jetzt wieder weiter; noch immer in elementarster, innerer Erregung, wenn auch, soweit als möglich, diese nach außen bereits etwas gedämpft) Ja! . . . Aber unter ihrer jähen, heftigen Leidenschaftlichkeit . . . unter ihren unberechenbaren, maßlosen Gemütsausbrüchen . . . unter ihrem alles um sich erstickenden, zerstörenden und verwüstenden Temperament . . . habe ich oft . . . auf das qualvollste gelitten! . . .

Marianne: (die ihm nicht sofort geantwortet hat; sich wie erschöpft in ihren Sessel setzend; sie stützt den Kopf in die Linke und starrt, nachdenklich nickend, vor sich hin) Ihr wart . . . beide . . . nicht glücklich.

Georg: (verhalten-leidenschaftlich) Zwei Schwestern . . . zwei Zwillingsschwestern . . . die sich so glichen . . . daß die eine das leibhafte, absolut vollkommne, in nichts unterscheidbare, sinnverwirrende Spiegelbild der andern war . . . und diese fundamentale . . . gradezu kaum glaubliche, widerspruchsvolle Divergenz der Charaktere! (höhnisch tutendes Auto).

Marianne: (ähnlich wie vorhin) Und doch hatten sich Schwestern . . . bis das Leben sie dann . . . zum erstenmal, trennte . . . (eine kleine Grasmücke schwätzt, piepst und zwitschert) nie inniger liebgehabt . . . und nie . . . besser verstanden!

Georg: (fast wider Willen und wie halb zu sich selbst) Es war ein seltsamstes, sonderbarstes Verhängnis, daß deine Großmutter von euch beiden grade dich damals zu ihrer Reisebegleiterin hatte auswählen müssen, wo ihr doch sonst . . . eigentlich grade Mariette . . . (abbrechend und sofort wieder weiter) Oder wars, weil du als die Ältere . . . soweit davon überhaupt bei euch die Rede sein konnte . . .

Marianne: (in melancholisch-schmerzlicher Rückerinnrung, mit einem leisen Einschlag von leichtem, nachträglichem Selbstspott) Wir waren junge, dumme Dinger und hatten uns, ohne es zu ahnen und zu wissen, unsre Lebenslose . . . durch zwei Zündhölzer bestimmt! Hätte ich, statt des linken, das rechte gezogen . . .

Georg: (einen Moment stehngeblieben; den Kopf mit geschloßnen Augen etwas zurück, beide Hände quer über die Schläfen weg vor der Stirn) Wenn man sich das alles so . . . Zurückdenkt . . . ! (Amsel).

Marianne: (von seinem Empfinden angesteckt; durch das allmähliche Wiederauftauchen ihrer Erinnrungsbilder immer belebter) Wir hatten uns bis dahin . . . auch in Baden-Baden . . . in Großmutters üblichem Sommerdomizil . . . immer nur beide zusammen gezeigt! Wir wollten in unserm kindischen Übermut doch mal »sehn«, wie das Abenteuer »auslaufen« würde, sobald wir uns . . . (Pferdegetrappel) und richtig! Kaum war ich fort . . . so war Mariettes Unglück . . . bereits geschehn!

Georg: (jetzt auch durch den andern Teil des Raums; stärkst und temperamentvollst einsetzend) Ich lebe den Tag . . . noch wie heute! Ich hatte bei deinem Vater, der mich aus meiner stillen, Heidelberger Verborgenheit . . . zu einer ersten, vertraulichen Vorbesprechung, in liebenswürdigster Weise zu sich nach Berlin gebeten hatte . . . eben meine Antrittsvisite gemacht, ihr Ergebnis war, wie es schien, ein ihn aufs höchste zufriedenstellendes gewesen . . . er hatte mich . . . nicht ohne einen gewissen, verzeihlichen, geheimen Stolz auf dies (Geste; beide Arme unwillkürlich ausgebreitet; Stimme wärmster Klang) unvergleichbare Besitztum, dies köstliche, wie vom Himmel gefallne, versprengte Stückchen Dorado, (Handbewegung nach dem Hintergrund; »Amsel, Drossel, Fink und Star«) noch in diesen alten, prachtvollen Garten geführt . . . (noch verstärkt) wir waren durch die lange, dunkle Laubenbogenallee, über die kleine Sphinxbrücke weg, in angeregt heiterstem Gespräch, grade bis zu dem großen, offnen Taxusrondell um den Springbrunnen gelangt . . . (die »Vogelschau noch lauter; einen Moment unwillkürlich stehngeblieben) als deine Schwester . . . blühend und herrlich . . . ein wunderbarstes Geschöpf Gottes . . . aus diesem verwunschnen Haus trat! . . . (schon längst wieder weiter) Aus dem beabsichtigten Besuch von einer halben Stunde wurden zwei Wochen, mein überraschtes Entzücken über dies ganze, halb verschollne, unvermutete Buenretiro und Tuskulum hier, das ich in meiner hellen Freude an jedem Raum, an jeder neuen Einzelheit einfältig und unvorsichtig genug war vor beiden zu äußern, hatte deinen Vater sofort veranlaßt, mich in seiner urbanen, gastlichen Art, gegen die es kein Sträuben gab, in diese stille, verlaßne, mitten im brandenden Treiben und Trubel der Großstadt wie weltentrückte Philosopheneinsiedelei zu laden, in der damals keine Katze mehr hauste; Tage, Stunden, Augenblicke, in die es jetzt für mich grausam wäre, mich zurückzuerinnern, folgten . . . und als ich mich dann schließlich . . . aus diesem Märchen wieder losriß . . . in dem kaum ein Schatten das Glück zweier Menschen, deren letzte Interessen so wesensungleich verschiedne waren, getrübt hatte . . . wußte ich: Du bist gefangen und gefesselt! Du bist gebunden und verstrickt! Dir hilft jetzt keine Flucht mehr! Ob du willst oder nicht . . . ob du deinen Lehrstuhl erhältst oder ob deine Bewerbung um ihn eine vergebliche sein wird; du kehrst wieder! . . . Und ich kehrte wieder! Schon nach fünf Tagen!

Marianne: (in jene »ferne Zeit« ganz versunken) Ich habe dir nie . . . Mariettes Briefe gezeigt! . . . (Auto) Aber schon aus dem zweiten und dritten wurde mir klar! . . . Sie war damals sofort . . . genau so dir verfallen gewesen . . . wie du ihr verfallen gewesen warst! . . . Und als du dann plötzlich . . . vielleicht . . . oder vielmehr wahrscheinlich . . . um das, was dir damals als deine »Freiheit« und »Selbstbestimmung« vorschwebte, noch im letzten Augenblick zu retten . . .

Georg: (sie unterbrechend; mit ihren betreffenden Ausdrücken nicht ganz einverstanden) »Freiheit« und »Selbstbestimmung«, ich . . . weiß nicht! Mir kommt vor, als ob ich schon damals . . . in meinem tiefsten Innern . . .

Marianne: (durch die Unsicherheit seiner Parenthese in der Fortsetzung ihrer Schildrung nicht beeinträchtigt; womöglich noch lebhafter) Jedenfalls, als du dann . . . ohne auch nur den geringsten Abschied zu nehmen . . . von ihr gegangen warst . . . die Verzweiflung! . . . Wir kamen . . . so schnell es uns überhaupt möglich war, zurück . . . und noch am Abend desselben Tages . . .

Georg: (herb, schnell; ihren betreffenden Erinnrungsabschnitt damit schließend) War dann auch dein . . . und mein Unglück . . . besiegelt!

Marianne: (die Linke wieder vor der Stirn; ihn wie fragend dabei anblickend) Mir ist es noch immer . . . unerklärlich, wie du an jenem Abend . . . (sanft lockender Hänfling).

Georg: (den Rest nicht erst abwartend; in seinem Selbstbericht, sich schnell wieder steigernd, weiter) Ich war auf nur vierundzwanzig Stunden, bereits sehr spät am Nachmittag, wieder auf dem Anhalter Bahnhof eingetroffen, durfte selbstverständlich nicht daran denken, vor dem nächsten Morgen früh bei deinem Vater vorzusprechen, hatte trotzdem, da ich es in meinem Hotel nicht aushielt und das ganze übrige Berlin mir natürlich mehr als gleichgültig war, sofort den Weg nach diesem Viertel eingeschlagen und irrte nun . . . das Bild . . . Mariettes im Herzen . . . im letzten, roten Abendschein . . . ruhelos hier herum, wie in irgendeiner . . . Hoffnung oder Erwartung . . . ich wußte es selber nicht! . . . Da sehe ich euer großes Gartentor, das nach dem Kanal zu sonst geschlossen war, zufällig weit auf . . . fühle das wie einen Schicksalswink . . . trete ein . . . (wieder stehngeblieben und ihr gegenüber; langsam, fast jede Silbe betont) und stehe mit einemmal . . . ohne mir dessen bewußt zu werden . . . vor dir . . . statt . . . vor Mariette! . . . (Radfahrer).

Marianne: (mit mühsam verhaltner Erregung ;von ihm abgewandt; die Augen geschlossen) Du hättest . . . die du für Mariette hieltst . . . nicht gleich in deine Arme schließen sollen! . . .

Georg: (nach einer kurzen Pause; mit arbeitender Brust; noch stockend-wuchtiger; als hätte er seine Frage schon seit Jahr und Tag an sie stellen wollen) Warum hast du mir . . . über meinen unglückseligen Irrtum . . . nicht sofort damals die Augen geöffnet?

Marianne: (aufgestanden; unwillkürlich einen Schritt zurück; aus ihrer Liebe, so wenig sie diese vor ihm verbergen kann, lodert es eine Sekunde lang fast wie Haß; draußen plötzlich völlige Ruhe) Und du? . . . Wenn ich diese Fassungskraft . . . unter deinem Ungestüm . . . besessen hätte? . . . Du . . . und Mariette? . . . Mariette, deren Briefe schon damals . . . von bereits beginnender versteckter Eifersucht auf mich, ich möchte fast sagen . . . förmlich getropft hatten? . . . Die mich flehentlich gebeten, doch ja nicht eine Sekunde früher aufzutauchen, als bis alles zwischen euch beiden glücklich im reinen und bis in die letzten, üblichen Formalitäten erledigt war? . . . Die weder dir noch mir, einen solchen »Zufall«, wenn wir sie darüber aufgeklärt hätten, jemals »verziehen« haben würde? (Auto).

Georg: (der ihren Blicken so lange standgehalten; aufs heftigste mit sich unzufrieden; wieder auf und ab) Eine solche »Aufklärung« wäre nicht nötig gewesen! Es hätte genügt, wenn du mir wenigstens nachträglich . . .

Marianne: (ihn unterbrechend; »scharf«) Unter welcher Form?! . . . Da wir uns doch . . . nach jenem Abend . . .?

Georg: (ungehalten-mißvergnügt; in seinem Tempo noch beschleunigter) Sieben Zeilen hätten mehr als auskömmlich hingereicht, um mich vor einer gefährlichen, unbewußten, arglosen Ausplauderei und Redseligkeit zu behüten, von der du doch unbedingt hättest sagen müssen, daß ich ihr über kurz oder lang . . .

Marianne: (abweisend; aufrecht; über seine »Zumutung« geradezu entrüstet) Mit einem solchen Geheimnis . . . zwischen dir und mir . . . hätte ich es je wieder wagen sollen, meiner Schwester unter die Augen zu treten?

Georg: (schnell; höhnisch; fast als freue es ihn, ihr zu allem Bisherigen nun auch noch das zu versetzen) Blieb es eins weniger, wenn dus allein trugst?

Marianne: (mit aller Gewalt an sich haltend; »stolz«; aus ihrem Tonfall klingt es fast wie »Verachtung«) Ich möchte dir auf diese Frage . . . (da er auf diese »Nuance« hin unwillkürlich stehngeblieben ist und nun, wie fragend, zu ihr rüberblickt; unterstrichen-langsam; den Kopf von ihm abwendend und nach dem Garten zu) keine Antwort erteilen . . .

Georg: (nachdem er sich sofort wieder in Bewegung gesetzt; erneut kleine Pause; ferne Stimmen, Pferdegetrappel; abermals veränderter Tonfall; »sachlich«) Mariette hatte mir erzählt . . . daß ihr als Kinder . . . auf einen Einfall eurer Großmutter . . . damit man euch überhaupt voneinander unterscheiden konnte . . . daß du um den Hals ein himmelblaues Bändchen hättest tragen müssen . . . sie aber ein rosa! Als ihr dann konfirmiert wurdet und eure erste Tanzstunde besuchtet . . . wurden diese Bändchen durch zwei Goldkettchen ersetzt. Beide ganz gleichartig, nur daß du deins ums rechte Handgelenk trugst, Mariette ihrs aber ums linke!

Marianne: (die ihn »verstanden«; fast triumphierend) Und da ich also . . . wie du mir jetzt bestätigst . . . an jenem bedauerlichen Abend durchaus nur mit Recht angenommen hatte, dir würde dies Unterscheidungsmerkmal zwischen uns . . . das einzge, sehr wohl bekannt sein . . . habe ich das Kettchen von meinem rechten Arm, noch bevor es an mir zum Verräter werden konnte, heimlich fallen lassen . . . und du hast es mir . . . kniend zugehakt um den linken!

Georg: (wie um alle »Schuld« von sich »abzuwälzen«; ihre Blicke vermeidend) Hätte ich . . . geahnt, daß du nicht Mariette warst . . .

Marianne: (fest) Was du mir auch vorwirfst . . .

Georg: (unwirsch) »Vorwirfst.«

Marianne: (in ihrer Verteidigung, von seinem Zwischenruf kaum unterbrochen, weiter) Mein Gewissen ist rein! Die Eingebung, unter der ich in jener Sekunde . . . fast automatisch blitzschnell gehandelt hatte . . .

Georg: (durch die Zähne) »Fast« . . .

Marianne: (wie vorhin; nur noch gesteigert) War eine halb willenlos unbewußte gewesen . . . und ich sage mir noch heute . . .

Georg: (mit dessen »Fassung« es jetzt aus ist; ihr wieder gegenüber; wenn auch fast durch die halbe Bühne von ihr getrennt) War es auch »halb willenlos unbewußt« von dir gewesen, daß du deine so »fast automatisch blitzschnell« übernommene Rolle, vielleicht gut eine dreiviertel Stunde lang mit dem Aufwand und Aufgebot der denkbar ingeniös-raffiniertesten Geschicklichkeit und Verstellungskraft weiter und zu Ende spieltest? Daß du mich, schmeichlerisch-zärtlichst, um nicht zu sagen geradezu verführerischst, mit allen Mitteln listigster Beredsamkeit, daran hindertest, sofort und auf der Stelle, wie mir dies damals als das einzig Natürliche und Selbstverständliche erschien, vor deinen Vater zu treten, und daß du mir beim Abschied, zum Schluß, ich verstand dich damals nicht, das bindende Wort, das feste Gelöbnis, das heiligste Versprechen abnahmst, zu niemand von unsrer Begegnung . . .

Marianne: (seinen zornsprühenden Blicken standhaltend; nicht wankend und nicht weichend) »Willenlos unbewußt«, oder meinetwegen auch das genaue Gegenteil . . . hätte ich damals . . .

Georg: (sie unterbrechend; mit seiner nachträglichen »Liquidation« noch nicht fertig) Deine Berechnung . . . deine mehr als gescheit-kluge Voraussicht . . . daß ich bereits an jenem nächsten Tage . . . in fast permanenter Gegenwart entweder deines Vaters oder deiner Großmutter . . .

Marianne: (mit verstecktem Triumph; sich »sanft«-höhnisch rächend) Oder aller beider . . .

Georg: (mit dadurch nur um so verdoppeltem Ingrimm in seiner Abrechnung weiter) Oder aller beider . . . daß ich dann also aber auch ganz unmöglich . . . und zwar auf Grund meines dir gegebenen Worts und Versprechens . . . deine damals »in allen Himmeln schwebende« Schwester . . . durch irgendeine, und sei es nur die geringste Andeutung, die an den voraufgegangenen Abend rührte . . . jäh auf diesen fragwürdigen, zweifelhaften, an seinen beiden Polen flach und platt gedrückten »Sonnensatelliten« wieder runter- und zurückreißen würde . . .

Marianne: (wie vorhin; seinen etwas länglich geratnen Zornausbruch schließend) War eine »rabiat richtige« gewesen!

Georg: (der sich jetzt kaum noch in der Gewalt hat; in ohnmächtigstem Grimm; stärkst) Ich . . . wollte . . .

Marianne: (aufrecht; seinem Blick nicht ausweichend) Hätte ich damals anders gehandelt . . . ich hätte Mariette . . . unglücklich gemacht . . .

Georg: (heftig; jäh) Du hast sie unglücklich gemacht!

Marianne: (schwer; das letzte Wort will ihr kaum noch über die Lippen) Bin ich jetzt . . . »glücklich«? . . .

Georg: (von neuem auf und ab; plötzlich; unvermittelt; beißendster, fast »giftiger« Sarkasmus) Ich vergegenwärtige mir das reizend rührende, liebliche Familienidyll nächsten Morgen um euern Frühstückstisch! (fernes, helles Hundegekläff) Die perplexe Miene deines Vaters, als er meinen Brief aufbrach, die einen Moment absolute Sprachlosigkeit Mariettchens . . .

Marianne: (die ganz erstaunt zu ihm aufgeblickt hat) Hat dir . . .?

Georg: (kaum von ihr unterbrochen im selben Ton noch gesteigert weiter) Die natürlich den Braten, das heißt also den Zweck meines so offiziell und respektvoll bereits für zwei Stunden später gemeldeten Besuchs gleich roch, die strengen, melancholisch schwarzen Jettaugen ihrer Frau Großmama und deine wahrscheinlich sehr geschickt gespielte Überraschtheit, als wüßtest du von dem auf diese Weise so plötzlich und unvermutet angenehm wiederaufgetauchten Freier . . .

Marianne: (ihn unterbrechend; sich unwillkürlich gegen ihn auflehnend) Ich . . . konnte doch nicht . . . erzählen . . .

Georg: (Hohn, Grimm, Schmerz, Selbsthaß, Verzweiflung) Nein! . . . Leider nicht! . . . Allerdings nicht! (Autogeratter).

Marianne: (»überlegen«) Dann ist es mir . . . aufrichtig . . . (langgedehntes Hupensignal).

Georg: (hart, scharf, schroff; in dem von ihm angeschlagnen Thema fortfahrend) Ich begreife und schätze vollkommen die Noblesse, aus der heraus du dich den Aufgeregten gegenüber erbotst, dich zugunsten deiner damals von dir über alles geliebten Schwester für diesen einen Tag aus der Bildfläche eures Familienensembles vor mir auszulöschen! Ich verstehe und würdige genau und ebenso den überhasteten, vorsorglichen Feuereifer, mit dem eure Großmutter . . .

Marianne: (schnell; abwehrend) »Großmutter!«

Georg: (durch ihren unwilligen Zwischenruf kaum unterbrochen, in seinem Satz und in seiner Rage sofort weiter) Deinen durch nichts fundierten Vorschlag, kaum daß du ihn ausgesprochen hattest, auch bereits sofort prompt akzeptierte! Aber es will mir nicht in den Kopf, ich kapiere es absolut nicht, es ist mir völlig unverständlich, wie dein Vater . . .

Marianne: (ganz erstaunt-überrascht) »Wie . . .?«

Georg: (wie vorhin; nur noch verstärkt) Wie dein Vater, dessen gesundes, natürliches Empfinden, dessen gerechtes Gefühl sich doch zunächst unwillkürlich und mit aller Energie gegen eine solche Familien- und Unterschlagungspolitik . . . (auf eine betreffende, unwillige Geste von ihr; noch gesteigert) jawohl! Familien- und Unterschlagungspolitik, ich finde zu meinem Bedauern keinen andern Ausdruck, gesträubt hatte . . .

Marianne: (ihn unterbrechend; fast verblüfft) Ist es . . .

Georg: (ihr sofort replizierend; Stimmfall unverlangsamt) Das und nichts anders ist es, jawohl, was mich von deinem Vater seit jenem ersten Abend, wo du hier eintratst . . .

Marianne: (noch ganz »paff«) Also . . . darum . . . deshalb . . .

Georg: (der sie nicht ausreden läßt; was sie inzwischen erraten ihr bestätigend; noch immer im gleichen Tempo) Einzig und allein das und nichts andres ist es, was mich seitdem von ihm getrennt hat! Jawohl! (Radfahrer).

Marianne: (protestierend) Nicht durch Mariette oder Großmutter . . .

Georg: (heftig; und noch immer sich steigernd) Ob durch Großmutter, Mariette oder dich . . . durch keinerlei weibliche Überredungskünste hätte sich dein Vater . . .

Marianne: (jetzt ganz für diesen eintretend) Du tust meinem Vater . . . (sich unterbrechend) Selbst angenommen, einen Augenblick angenommen, ich wäre auf jene Idee . . . für die mich die Schuld . . . und die Verantwortung ganz ausschließlich und allein trifft, nie verfallen . . . wie kannst du glauben . . .

Georg: (der sie auch jetzt und diesmal wieder nicht ausreden läßt; in dem ihm peinlich-unbehaglichen Gefühl, mit allem, was er sagt und vorbringt, fortwährend und immer wieder wie gegen eine unsichtbare Mauer zu rennen) Auch ich . . . bin beim besten Willen nicht imstande . . . dir jetzt zu sagen und anzugeben, wie sich dann dadurch . . . vielleicht alles, und zwar von Grund auf . . . (jetzt auf einen Moment im Vordergrund rechts; abbrechend und wieder auf sein ursprüngliches Thema zurück; Marianne sich in den Sessel links setzend) Jedenfalls . . . als dann aber später Mariette . . . und zwar noch dazu in unsrer Hochzeitsnacht . . . jene Szene im Garten . . . an die ich sie in meiner vollständigen Ahnungslosigkeit ganz selbstverständlich glaubte erinnern zu dürfen . . . nun doch und endlich erfuhr . . . von dem Augenblick . . . (ferne Autos) war der Friede zwischen uns aus!

Marianne: (stockend-ungeduldig; mit der Linken zuerst noch an den Rosen ihres Huts nestelnd, den sie bereits vorhin wieder auf den Tisch gelegt) Mariette hätte so gerecht . . . und so verständig sein sollen . . . (sich unterbrechend und sofort wieder von neuem) Statt mir noch nachträglich dafür zu danken . . . statt anzuerkennen . . . daß ich euch nie wieder in den Weg gekommen war . . . daß ich mich im Gegenteil damals sofort von ihr mehr als hundert Meilen weit weg nach Genf aufgemacht hatte, ohne ihren zukünftigen »Mann« auch nur ein einziges Mal noch gesehn zu haben, ja, daß ich mich nicht einmal, wie doch allgemein erwartet, hatte zur Hochzeit blicken lassen . . . statt mir für alles dies . . . erkenntlich zu sein, überhäufte sie mich mit Vorwürfen, schrieb mir, als ob ich das größte Verbrechen an ihr begangen, und antwortete mir nicht mehr, als ich ihr in ruhigster und vernünftigster Weise . . .

Georg: (die trotz ihrer äußeren, nur scheinbaren Gefaßtheit doch wieder innerlich erregter Gewordne, während sie jetzt einen Augenblick zaudernd innehält, unterbrechend; noch immer auf und ab; jetzt mehr rechts) Ruhe und Vernunft, sooft . . . und dann, allerdings, über alle Maßen . . . (schmetternder Stieglitz) sie auch beglückend und lieb sein konnte, waren bei ihr leider nie . . . (abbrechend und sofort wieder weiter) Deswegen schrieb ich dir ja auch damals gleich . . . und suchte ihren entsetzlichen Absagebrief . . . (Radfahrer; einen Moment an ihrem Tisch vorbei und in kurzer, noch nachträglich in ihm aufsteigender Wut und Empörung mit seinen Fingerknöcheln auf ihn draufschlagend) dessen Konzept sie mir . . . extra auf meinen Schreibtisch gelegt hatte . . . bei dir . . . soweit dies ging . . . abzuschwächen und . . . zu entschuldgen!

Marianne: (ihm nachblickend; seine und ihre Schuld mit leisem, unbarmherzigem Hohn aufdeckend) Was du nie hättest tun sollen! . . . Denn daraus entwickelte sich . . . allmählich . . . ein regelrechter, schriftlicher Gedankenaustausch . . . der vor Mariette . . . notwendig hatte geheim bleiben müssen!

Georg: (mit dem halben Versuch, sich vor ihr zu verteidigen) Da du, entgegen dem ursprünglichen Wunsch deines Vaters . . . dich hier in Berlin seinem Spezialfach zu widmen . . . in Genf . . . sofort umgeschlagen warst . . . und statt Medizin Chemie studiertest . . . hatten sich gewisse . . . interessierende . . . Anhalte ganz von selbst ergeben!

Marianne: (mit schmerzlich-bittrer, ihn in diesem Augenblick ebenso wie sich selbst anklagender Ironie) Und zwar um so mehr, als du dahinterkamst, daß meine Arbeiten, je eifriger ich fortschritt, in ihrem letzten Grunde eigentlich bloß noch deinen Untersuchungen dienten!

Georg: (nervös-unbehaglich; sich immer mehr verwickelnd) Ich hätte auch sonst kaum gewußt, wie wir eine derartige Korrespondenz, die sich ohne einen solchen Berührungspunkt doch naturgemäß nie so gesteigert hätte, über einen Zeitraum . . . von ganzen fünf Jahren hätten ausdehnen können! (Pferdegetrappel).

Marianne: (auf seine Antwort, aber mit dem Bestreben, ihm dies möglichst nicht zu zeigen, schon im voraus lebhaft gespannt) Bist du bei Mariette . . . und sei dies auch nur ein einziges Mal gewesen . . . auf eine ähnliche Anteilnahme an deinem damaligen »Haupt- und Lebenswerk«, wie du es nanntest, gestoßen?

Georg: (fast unwillig) Mariette! . . . Wie konnte ich von einem Wesen, das in allem, was es anstellte, immer noch dreiviertel Kind geblieben war, von einem Weib . . . das nichts als Weib war . . . (sich unterbrechend und sich sofort selbst verbessernd) ich meine das natürlich im besten, allerprächtigsten Sinne . . . von einem solchen Geschöpf, dem jede ernstliche Anstrengung, außer etwa allenfalls in ihrem bißchen Musik, fast wie die überflüssigste, närrischste Zeitvergeudung schien . . . von Mariette . . . ich kann mir das nicht einmal vorstellen . . . von Mariette hätte ich das auch gar nicht verlangt!

Marianne: (durch diese Antwort, trotz ihrer erkünstelten Sicherheit vor sich selbst, wie von einer geheimen Angst befreit) Sie war dir also die ganzen Jahre . . . das gewesen . . . (unwillkürlich dabei aufatmend) was ich angenommen hatte! . . . (fröhliche, zärtliche Meisen und Finken) Die berückendste, entzückendste Frau, die anbetungswürdigste Mutter eurer zwei Kinder, der farbenbunteste Paradiesvogel . . . von ihren gelegentlichen, zeitweiligen, kleinen Raubtierkrallen, die du mir vorhin andeutetest, schweige ich . . . aber . . . kein Kamerad! . . .

Georg: (zuerst, da dies Geständnis ihm nicht leicht fällt, fast widerwillig, dann, plötzlich, mit aller elementarsten Kraft und Energie dickst unterstrichen) Nein ! . . . »Kein Kamerad !« . . . Und diese Unterbilanz . . . hat genügt . . . um ihr Leben zu zerstören . . . und meins! (nahes Auto; drohend).

Marianne: (nach einer kleinen Pause; tiefer vollklingender Tonfall) Du wirst es dir wieder aufbauen!

Georg: (jetzt zu ihr getreten; die linke, geballte Faust neben sich auf der Tischplatte; Marianne fest dabei anblickend; letzte Eindringlichkeit) Marianne! . . . Ich frage dich! . . . Hast du bis zum heutigen Tage geglaubt . . . (Wolkenschatten; dunkel) daß der Tod deiner Schwester ein . . . »zufällig-natürlicher« war? . . . (da sie, statt ihm darauf etwas zu erwidern, nur schweigt und zu Boden blickt; fast fiebernd) Ich frage! . . .

Marianne: (ausweichend; mühsam) Ich kann dir darauf . . . nichts antworten! (dasselbe Auto; nochmal).

Georg: (nachdem er sich inzwischen wieder gesammelt; ausholend) Du hast meinen letzten Brief an dich . . . den ich kaum erst begonnen hatte . . . nie erhalten! Ich saß grade und schrieb an ihm . . . als Mariette . . . leise hinter mir eintrat! . . . Ich schob das Papier . . . unter ein aufgeschlagnes Buch . . . und verschloß dann beides! . . . Mariette . . . die mich dann, etwas auffallend . . . in ein längeres Gespräch verwickelte . . . bis ich mich schließlich . . . um nicht mein Kolleg zu versäumen . . . genötigt sah, zugleich mit ihr das Zimmer zu verlassen . . . mußte die Aufschrift bereits gelesen haben! . . . Als ich spät am Nachmittag . . . schon fast mit einer gewissen Vorahnung . . . wieder nach Hause kam . . . fand ich sie vor meinem erbrochnen Schreibtisch . . . und alles . . . was ich von dir erhalten . . . zwischen meinen Büchern . . . auf Stühlen, über den halben Teppich . . . wirr verstreut! . . . (starker Straßenlärm; Radfahrer, Pferdegetrappel, Auto; in seiner Darstellung und in seinem Bericht, so sehr und mit aller Kraft er auch noch an sich hält, immer erregter) Die Schildrung der Szene, die nun folgte . . . erläßt du mir wohl, bitte! . . . Ich hatte mit deiner Schwester . . . ja schon . . . die verschiedensten kleinen Kontroversen gehabt! Aber in diesem Falle . . . (abbrechend und sofort wieder weiter) Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß ein Mensch . . . sich in eine solche . . . Sinnlosigkeit . . . rasen könnte! . . . Zum erstenmal . . . vielleicht verzeihlicherweise . . . verlor auch ich die Geduld! . . . Nie . . . hatte ich bis dahin . . . (Zorn, Ingrimm, fast Verachtung; stark antithetisch) daß sie nur das Weib . . . und ich der Mann war . . . nie hatte ich sie das fühlen lassen! . . . Alles hatte ich ertragen! . . . Alles!! . . . Aber da . . . (letzte, kaum noch verhaltne, fast furchtbare Leidenschaft; seine Stimme hat einen beinahe fremden Klang) lernte sie mich kennen!!! . . . (nachdem er, mit Mühe, wieder Herr über sich geworden) Das Resultat . . . war . . . daß sie sich oben . . . einschloß! . . . Als ich später . . . zirka viertel zehn . . . noch mal klopfte . . . war das Zimmer leer . . . und sie . . . im ganzen Haus . . . nirgends zu finden! . . . Ich wartete bis elf . . . zwölf . . . ließ, da sie den Hausschlüssel, wie ich feststellte, nicht mitgenommen hatte, die kleine Gartentür auf . . . und muß dann . . . etwa so gegen eins . . . in meinem Schreibstuhl . . . vor Übermüdung . . . denn ich hatte die Tage . . . sehr schwer gearbeitet . . . eingeschlafen sein! . . . Als ich aufwachte . . . merkte ich . . . daß sie wieder in ihrem Zimmer war! . . . Die Uhr . . . zeigte viertel zwei! . . . (wieder stärkst betont; fast wie von Marianne, die sich in ihrem Sessel kaum noch aufrecht hält, Rechenschaft fordernd; hohes, helles Auto) Wo . . . war sie so lange gewesen? . . . Bei ihrer Großmutter drüben . . . bestimmt nicht! . . . Denn die hatte zufällig . . . noch am selben Abend . . . vergeblich nach ihr rübergeschickt! . . . In der Familie meines einzigen Freundes . . . Major von Usedom . . . meines alten Regimentskameraden . . . einige Häuser hier weiter . . . war sie auch nicht! . . . Vorsichtige . . . sonst noch angestellte Umfragen . . . blieben genau so resultatlos! . . . Mariette . . . wie du vielleicht weißt . . . oder auch nicht weißt . . . hatte die drollige Eigenart . . . sich in einer besonderen Riesenvitrine . . . (kurze, leicht unmutige Kopfbewegung rechts nach der Decke hoch) die dir ja oben aufgefallen sein wird . . . pro Saison . . . wie so eine Art Rennstallbesitzerin . . . immer sieben Hüte zu halten! Nie einen mehr, nie einen weniger! . . . Die ganze Garnitur . . . wie ich mich zu meiner Überraschung überzeugte . . . war an jenem Abend vollzählig! Sie konnte sich also nur irgendwie einen Schleier oder ein Tuch umgetan haben! In diesem Aufzug . . . muß sie davongestürzt sein! Mir vollends und ganz und gar rätselhaft! . . . Um sich nicht mit einem Dreihundertmarkhut . . . was ihr vielleicht doch zu grotesk vorgekommen war . . . (ähnlich wie vorhin; nur nach dem Zuschauerraum) noch keine fünfzig Schritt weit von hier, in den Kanal zu stürzen? . . . Eine Absicht oder ein Vornehmen, das sie dann . . . aus irgendwelchen Gründen . . . wieder aufgesteckt haben muß? . . . Ich weiß es nicht! . . . Das mir noch genau erinnerliche Datum . . . (Marianne aufhorchend) war der siebzehnte März gewesen! . . . Nach acht Wochen . . . wir hatten in der Zwischenzeit . . . nicht ein Wort mehr miteinander gewechselt . . . (auf ein ganz erschrecktes, unwillkürliches Stutzen von ihr; noch verstärkt) Nicht ein Wort mehr . . . Wir sahen uns nur noch bei den Mahlzeiten! . . . Jeder hatte am andern vorübergelebt . . . als ob der andere für ihn Luft wäre! Nach acht Wochen . . . ohne jeden weiteren . . . wenigstens mir bekannten Anlaß ereignete sich dann die Katastrophe! . . . (auf sein »Fazit« los) Gewiß! Man kann einen Gashahn . . . den man vorher aufgedreht hat . . . aus einem unglücklichen Versehn wieder aufdrehn! . . . (plötzlich scharf unterstreichend) Man kann dies aber auch absichtlich tun! . . . (noch stärker) Deine Schwester . . . die in allem, was sie tat . . . im Guten, wie im Schlimmen . . . sofort immer über alle Grenzen sprang . . . die kein Maß und kein Ziel kannte . . . die in ihrer Leidenschaft . . . (abbrechend und sofort mit noch erhobnerer Stimme wieder weiter) deine Schwester hat ihren Tod gewollt . . . und ihre beiden Kinder . . . (ganz fern ein kläglich heulender Hund) weil sie sie dir nicht gönnte . . .

Marianne: (bei seinen letzten Worten tiefatmend aufgestanden und neben ihren Sessel rechts nach der Seite des Zuschauerraums getreten; fast verstört; erst jetzt Georg wieder ganz anblickend) Wie konnte Mariette . . . vermuten oder wissen . . .

Georg: (sie unterbrechend; wieder auf und ab; ihren Satz fort- und zu Ende führend) Daß du nach ihrem Tode . . . hier einziehn würdest? Das war nach allem Voraufgegangnen für sie so selbstverständlich und sicher, daß sie dich schon als ihre Nachfolgerin sah!

Marianne: (mit aller Gewalt sich dagegen wehrend) Hätte dein Sohn . . .

Georg: (zustimmend; in ihrem Satz weiter) Der arme Bengel, an dem du so hingst, nicht deiner Pflege bedurft . . . ich weiß!

Marianne: (jetzt erst ihren Satz schließend) Ich wäre auch bei meinem Vater und der Großmutter drüben . . . noch keine vierundzwanzig Stunden geblieben!

Georg: (wieder stehngeblieben; hinter dem Sessel rechts, dessen Lehne er wieder gepackt hält; stark, eindringlich, den Sinn seiner Worte ihr wie suggerierend) Mariette ist nicht durch unsre Schuld . . . sondern aus einem Irrtum über uns in den Tod gegangen! Sie hat im letzten Grunde weder dich . . . noch mich gekannt!

Marianne: (unsicher; wegblickend) Mich?

Georg: (wie vorhin; nur noch gesteigert) Auch . . . dich nicht!! . . . (nach einer kurzen, unwillkürlichen Pause; letzte, für ihn schmerzvollste Steigerung) An jenem Abend . . . an jenem infamen siebzehnten Märzabend vor drei Jahren . . . muß etwas gespielt haben . . . was ich nicht weiß!! . . . Und was ich auch nie . . . unter keinen Umständen . . . (Auto; drei kurze, jähe Laute).

Marianne: (jetzt ebenfalls hinter ihrem Sessel; dort fast wie gegen ihn verschanzt) Dann geh! . . . Geh . . . ehe es nicht schon vielleicht . . . (abbrechend; ihre Augen, wiederholt, angstvoll, irren nach der großoffnen Mitteltür) Jede Minute, die du hier bleibst . . . jede Sekunde, die du zögerst . . .

Georg: (ganz erstaunt-starr) Du tust . . . als ob durch diese Tür . . .

Marianne: (ihn .unterbrechend; drängend, beinahe flehend) Geh!

Georg: (der sie nicht aus den Augen läßt; stockend; mißtrauisch; in seinem selben Satz weiter) Oder als ob du . . . irgendwie wüßtest . . . was an jenem Abend . . .

Marianne: (fast verzweifelt) Ich weiß nur . . . daß hier deines Bleibens . . .

Georg: (der kaum seinen Ohren traut) Du . . . treibst mich ja . . .

Marianne: (mit aller Energie sich zusammenraffend) Es war . . . deine eigene . . . Überzeugung vorhin . . .

Georg: (seine Worte nochmal und noch stärker und gesteigerter) Du treibst mich ja . . . förmlich von dir!

Marianne: (ebenso) Es war deine eigne Überzeugung . . . daß eine solche Trennung zwischen uns . . . genau für heute . . .

Georg: (veränderter, zögernd-warnender Tonfall) Wenn ich meinen Fuß . . . erst aus diesem Hause gesetzt haben werde . . .

Marianne: (in seinen Satz schnell einfallend) Werden wir uns in diesem Leben . . .

Georg: (erst jetzt ihn schließend; fast drohend) Wahrscheinlich . . . nie wiedersehn!

Marianne: (mit aller Gewalt aufrecht; seinen Blick erwidernd) Ich . . . hoffe es!

Georg: (langsam; bitter) Ist das . . . dein einzges . . . Abschiedswort an mich?

Marianne: (seinem Blick ausweichend) Ich habe dir ein andres . . . nicht zu geben!

Georg: (mit seinem Blick den ganzen Raum überfliegend; unwillkürlich sich verschleiernder Stimmfall) Dann werde ich also . . . (unterstrichen) da du dieses wünschst . . . (besonders betont) ohne unsre Sitzung . . . erst abzuwarten . . . (sich zusammenruckend; als wolle er bereits gehn; fernes Auto) sofort und . . .

Marianne: (mit dem Aufgebot ihrer letzten, sie fast bereits verlassenden Kraft) Tus!

Onkel Ludwig: (ganz aufgeregt noch im Garten, aus dem er eben auftaucht; schon von weitem winkend) Schorsl! . . . Mariannl! . . . (beide blicken nach ihm hin; er steigt, ganz Feuer und Temperament, an seinem Stock die drei niedrigen, breiten Stufen empor; Sonne) Kinder (kurzer, schmerzhafter Knacks rechts) isses wahr? . . . Ich (wieder »Knacks!«) humple eben um die alte Muschellaube, und wen seh ich da sitzen . . . bis über seine Haarspitzen in unsre Akten vertieft? . . . (jetzt bereits zu einem Drittel in der Mitte des Raums; ausbrechend; »selig«) Den (nochmal »Knacks«) Magnifikus! . . . (ganz entzückt) Wird das jetzt n Polterabend geben! . . . (da die beiden andern ihm nicht antworten; stutzend; »Vogel Bülow«) Nanu? . . . Was macht ihr denn für Gesichter? . . . Wie seht ihr denn aus? . . . (von einem zum andern blickend; erst zuckt Georg die Achseln, dann Marianne. Onkel Ludwig bis an den Tisch nähertretend; beide stehn hinter ihren Sesseln und vermeiden es, sich anzublicken. Nochmal »Vogel Bülow«. Onkel Ludwig: andrer Tonfall; von einem zum andern) Was ist . . . hier geschehn?! . . . Was ist hier . . . vorgegangen?! . . .

Georg: (nach einer kurzen Pause; wie vollkommen ruhig) Nichts . . .

Marianne: (nach einer ebenfalls kurzen Pause; ebenso) Nichts . . .

Onkel Ludwig: (wieder von einem zum andern blickend; langsamer, schwerer Tonfall) Das . . . (ganz fernes Auto) glaube ich nicht!

(Vorhang)

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