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Ignorabimus

Arno Holz: Ignorabimus - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleIgnorabimus
authorArno Holz
year1925
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
addressBerlin
titleIgnorabimus
pages1-3
created20020520
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1913
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Onkel Ludwig: (seinem »jungen Widerpart« nicht gerade liebreich gesinnt) Ich hatte mir nur erlauben wollen . . . den Herrn Professor zuvörderst und submissest darauf aufmerksam zu machen . . . daß nicht er es war, auf dessen Initiative oder Urheberschaft . . . diese ganze phänomenale Untersuchungsreihe . . . die ihn jetzt nachträglich, wie es scheint, mit so gerechtem Stolz erfüllt, zurückzuführen ist . . . sondern mit Verlaub . . . (ihm den Hieb wieder zurückgebend) auf den »Kampfhahn!«

Georg: (der bei dem »gerechten Stolz« nur mit Mühe an sich gehalten; nachdem er sich inzwischen wieder bezwungen; »kühl«) Was bereits vor anderthalb Minuten, wenn du gestattest, nicht bestritten wurde!

Onkel Ludwig: (mit seiner Eloquenz, respektive bereits deren erstem Resultat, höchst zufrieden) Freut mich! . . . Nachdem wir so . . . dank den aufopfrungsvollen Bemühungen (jetzt einen Augenblick zu Marianne gewandt, die geniert-peinlich seinen Redeschwall über sich ergehn läßt) unsres verehrten Dritten . . . ohne dessen überlegne, superiore Kraft wir noch heute ohnmächtig im Dunklen tappten . . . vorsichtig und schrittweise bis zu der vollkommensten Materialisation gelangt waren, die die Geschichte des Spiritualismus bis jetzt aufzuweisen gehabt hat . . . oder doch wenigstens keine vollkommnere . . . hat uns nun Afra . . . dies transzendentale, überirdische Seelenwesen aus jener andern Welt . . . deren Wunder uns ja nicht für ewig verschlossen bleiben werden . . .

Georg: (der diese zuversichtliche Hoffnungsarie Onkel Ludwigs bereits bis zum Überdruß kennt; ungeduldig-abwehrende Geste; nervös-schnalzender Zungenlaut; seinen Gang dabei nicht unterbrechend) Ttt . . . !

Onkel Ludwig: (fast im gleichen Moment aufgefahren; grimmig; wie von einer faustgroßen Tarantel gestochen) Wie?!

Georg: (in der Hoffnung, seinen demosthenischen Erguß dadurch wenigstens etwas abzukürzen) Du meinst »verlassen« . . .

Onkel Ludwig: (in Georgs Tonfall fortfahrend) Verlassen . . . (und, jetzt wieder zu Marianne gewandt, die dieser Bevorzugung krampfhaft standhält, sein kunstvolles Wortgebäude mit der bereits längst vorbereiteten Kuppel krönend) mit dem Bedeuten . . . daß ihr Medium erschöpft sei!

Georg: (schnell; fast überstürzt; allem noch drohend Weiteren damit bereits vorsorglich zuvorkommend) Aber falls wir dies wünschten, könnte sie noch mal wiederkommen, und sie würde uns vorher zu diesem Zweck ein Zeichen geben! Ich finde, so was läßt sich in drei Worten sagen!

Onkel Ludwig: (durch diese so ganz und durchaus gegen seinen Willen erfolgte respektlose »Abkürzung« in seinen heiligsten »Rechten« gekränkt; in seinen Sessel zurückgelehnt; mit seinen Brauen gewitternd) Cher neveu! Wenn ich rede, habe ich das Wort! Und wenn ich das Wort habe, rede ich!

Georg: (gemacht-nachlässig; den Rest seiner Zigarette durch den großen Mittelflügel in den Garten schleudernd) Bitte.

Onkel Ludwig: (in der triumphierenden, sichern Erwartung, seinem Gegner damit den entscheidenden Knacks beizubringen) Also und wo ist jetzt das Zeichen?!

Georg: (ohne ihn dabei anzublicken; sich eine neue Zigarette rausholend) Wenn es dir noch nicht zum Bewußtsein gekommen?

Onkel Ludwig: (nach einem Augenblick des verblüfftesten Stutzens; zu Marianne rüber) Wirst du draus . . . klüger als ich! (Pferdegetrappel).

Marianne: . . . (hilfloses Achselzucken).

Georg: (zu Marianne; stehngeblieben; die Zigarette sich anzündend; seinen Gedankengang erst jetzt aufdeckend) Daß die eklatante Traumwiederholung jener exzeptionellen Halluzination, die damals ein erstes, vorläufiges Ende deiner Mediumschaft angezeigt hatte, jetzt, wo wir doch ganz zweifellos abermals vor einer Art Abschluß stehn . . . noch dazu mir gleichzeitig auf diese auffällige Weise signalisiert . . . ein bloßer »Zufall« gewesen . . . (seinen Gang wieder aufnehmend) ich hätte wirklich gedacht . . . über eine solche primitive Erklärungsmethode wären wir doch alle bereits längst . . . (abbrechend).

Marianne: (die ihm, mit erhobnem Kopf, groß nachgeblickt hatte; nachdem sie ihn voll verstanden) Und wenn du dich mit diesem . . . Deutungsversuch (fernes, helles, lang hingezognes Hupensignal) irrst?

Onkel Ludwig: (ebenso; ihr lebhaft zu Hilfe kommend) Wenn deine hypothetische Annahme, trotz meiner Drei- und Dreizehnzahl, doch bloß . . . »Zufall« war?

Marianne: (die Georg noch immer anblickt) Oder wenn mein Traum . . . vielleicht einen ganz andern Sinn und eine ganz andre Bedeutung gehabt hat? . . . Wenn er dich und mich . . . vor etwas uns Drohendem . . .

Georg: (mit zusammengezognen Brauen; ohne sie anzublicken; mit Mühe sich beherrschend) Dann nehme ich die Folgen . . .

Onkel Ludwig: (ihn unterbrechend; ganz empört und ergrimmt) »Folgen!« (sich beschwerend zu Marianne rüber) Mir altem Praktikus wirft dies jugendliche . . .

Georg: (sich mit der Linken zornig-erbittert ins ergraute Schläfenhaar fassend; kurzer, höhnisch-nasaler Lachlaut) Hä!

Onkel Ludwig: (wie vorhin; von Georg kaum unterbrochen; in seinem Satz weiter) Kaum erst flügge gewordne Semester, bei jeder Gelegenheit, oder hat es doch wenigstens immer getan, »dilettantische«, »unwissenschaftliche«, und wie der präzise Herr Professor behauptet, »alle Augenblick übers Ziel schießende Phantasterei« vor, und jetzt, wo er auf einmal selbst . . .

Georg: (ihm ins Wort; scharf; schneidend; ja, gradezu heftig; dabei wieder stehngeblieben und ihn, eigentlich zum erstenmal, anblickend) Die unsinnige Frage, auf die du eben anspielst, und zu der ich mich vor vierzehn Tagen allerdings habe hinreißen lassen . . .

Onkel Ludwig: (ärgerlich-trotzig) Na also!

Georg: (von ihm kaum unterbrochen; in seinem Satz weiter) Diese törichte und von mir längst bedauerte Frage wird und soll selbstverständlich heute aber auch nicht mehr die geringste Rolle spielen!

Marianne: (Georg groß anstarrend; während Onkel Ludwig sich damit »begnügt«, ihm nur mit einer ungläubigen Miene und Geste zu replizieren) Darauf gibst du mir . . . dein Versprechen?

Georg: (sich wieder in Bewegung setzend; ihrem Blick ausweichend; in der Heftigkeit seiner Ablehnung noch gesteigert) Ich gebe dir auf gar nichts mein Versprechen ! Der strikt-umfassend durchgeführte, zum erstenmal endlich einwandfreie, exakte Nachweis menschlicher, leibhafter Phantombildung, ganz gleich, wie man sich zu dieser Tatsache als solcher dann auch stellen mag, ist für mich der weitaus wichtigste, wertvollste und wesentlichste Bestandteil unsrer gesamten, mühseligen Untersuchungsergebnisse! Und es fällt mir nicht ein, ich denke gar nicht daran, es wäre überhaupt eine Lächerlichkeit und Absurdität sondergleichen, wenn ich mir jetzt kurz vorm Ziel durch irgendeine Verhaltungsmaßregel die Hände binden, oder gar eine bestimmt abgesteckte Marschroute vorschreiben lassen wollte!

Marianne: (die ihm so lange unruhevoll nachgeblickt hat; fast wider ihren Willen; gespannt-angstvoll) Und wenn du mit deinem beendeten Werk . . . dann vor die Öffentlichkeit treten wirst . . . mein Vater?

Onkel Ludwig: (durch diesen Einwurf plötzlich wie von einer meterlangen und vielleicht zum Überfluß auch noch gar vergifteten Stecknadel angepiekst; fragend-mißbilligend zu Marianne) »Vater??!«

Marianne: (zu Georg; ohne Onkel Ludwig zu beachten; zum erstenmal mit leisem Vorwurf) Er hätte es vielleicht immerhin . . . um dich verdient . . .

Georg: (der schon bei dem Wort »Vater« wieder stehngeblieben; mit zusammengezogenen Brauen; durch die Zähne; aggressiv-heftig) »Verdient???«

Marianne: (einlenkend; wenn auch bloß äußerlich, rein formal und nur bis zu einem gewissen Grade; durch seinen Tonfall gegen ihren Vater aufs peinlichste berührt) Also wenn schon nicht deinet- . . . so doch wenigstens meinetwegen!

Onkel Ludwig: (zu Marianne; noch immer ihre Riesenstecknadel im Gedärm; plötzlich ganz ihr Gegner) Ich möchte wissen . . .

Georg: (wieder auf und ab; noch ausfälliger als vorhin) Warum rückst du nicht schließlich gleich . . . auch noch deine liebe Großmutter gegen mich ins Feld?

Marianne: (sich gegen beide jetzt gleichzeitig wehrend) Ihr vergeßt . . .

Onkel Ludwig: (aufgebracht-zornige Geste nach dem Garten hin) Was uns die ganze Gesellschaft da drüben überhaupt angeht?

Marianne: (in ihrer Verteidigung weiter) Es ist mir nicht zu verdenken, ihr dürft mich nicht ausschelten, wenn ich meinen Vater . . . Bei seiner grade jetzt . . . in diesem Jahr . . . so doppelt exponierten, wissenschaftlichen Position und Stellung . . .

Onkel Ludwig: (sich in Positur werfend) Du lieber Gott! (aufgeplusterter als ein Truthahn, prahlerischer – notabene alles dies aus seiner »Seele« – als der Großtürke und selbstherrlicher als der Papst) Was schon unsereinem . . . dies bißchen mittelalterlicher, antiquierter Brimborium und purpurner Dalailamamantel . . .!

Marianne: (noch gesteigerter als vorhin; unwillkürlich mehr und mehr »geschulte Wissenschaftlerin«) Seine ganze, prinzipiell ultrarationalistische . . . extrem antimetaphysische Denkart und Weltauffassung . . . der jederlei transzendentaler Idealismus . . .

Georg: (der so lange nervös an sich gehalten; wieder stehngeblieben; scharf; fast schneidend) Traust du mir zu, bildest du dir ein, hast du die edle Befürchtung, es liegt in meiner Absicht, mich ihm Person gegen Person . . .

Marianne: (sich nochmal für den Abwesenden in die Bresche stellend; eindringlich) Es würde ihn doch aber aufs tiefste . . .

Onkel Ludwig: (tapsig; unbekümmert-zuhauend-grob) Nu wenn schon!

Marianne: (noch immer zu Georg; fast bittend) Grade von uns beiden!

Georg: (Ton wie vorhin; seine Augen in ihren) An diese Unabwendbarkeit, die sich für mich . . . perspektivisch, bereits von allem Anfang ergab . . . denkst du erst jetzt?

Marianne: (ausholend; dann sofort wieder abbrechend und beinahe flehend) Nicht »erst jetzt«, aber . . . (nochmals das melancholische Rotkehlchen von vorhin) Wenn du dir jene Zeit zurückrufst . . .

Georg: (wieder auf und ab; unterdrückt-ungeduldig) Du mußtest dir doch klar sein . . .

Marianne: (noch gesteigerter als vorhin; fast rührend-hilflos) Dein ganzer Lebensmut lag so zerbrochen . . . Arbeit . . . existierte für dich nicht mehr . . . alle meine ehrlich und bestgemeinten, wiederholten Anläufe und Ansätze . . .

Georg: (brüsk; sie mitten in ihrem Satz unterbrechend) Weiß ich! Weiß ich!

Marianne: (in ihrem Satz, zögernd, weiter) Dich durch zunächst . . . und vorläufig mal erst für mich selbst . . . und allein angestellte Versuche in deinem Laboratorium . . .

Georg: (sie wieder unterbrechend; jetzt schon fast feindselig) Du konntest nicht erwarten . . . es war etwas naiv von dir, zu verlangen . . . daß ich durch deine hausmütterlichen Bemühungen bis zu Tränen gerührt . . . in alte, defekte, kaputt gegangne Eierschalen wieder zurückkroch!

Onkel Ludwig: (zu Marianne; mitleidig; für die so zurechtgestupste unwillkürlich, wenn auch auf seine Weise, Partei ergreifend) Nönöh! . . . Nöh, du! . . . Wirklich nich! . . . (bestätigend zu Georg) Dann trat ich dazwischen . . .

Georg: (zu Onkel Ludwig; ohne ihn anzublicken; dann zu Marianne; ebenso) Dann tratst du dazwischen . . . sehr richtig . . . gleich die ersten Experimente . . . so von vornherein bocksbeinig widerwillig ich mich auch mit ihnen befaßte . . . ergaben die verblüffendsten Resultate . . . alles, was mir bis dahin absolut feststehend, unantastbar und durch nichts zu erschüttern gegolten hatte, kam ins Kippen und Wanken . . . ich konnte mich gegen das Neue, das vor mir aufstieg, nicht mehr wehren . . . und damit schien dir . . . mein auf den Grund geratnes Wrack . . .

Marianne: (da er in seiner Erregung kaum noch fähig ist, weiterzusprechen; ihn unterbrechend; aus tiefstem Herzen) Ja! . . . Ich war so froh, als du für irgend etwas, das außer dir lag, überhaupt wieder ein gewisses, geistiges, wachsendes Interesse zeigtest, daß ich mir Gedanken . . . wirkliche, ernstere Gedanken . . . über die uns jetzt plötzlich . . . so erschreckend nahgerückten . . . drohenden . . . notwendig schweren Konsequenzen . . . eigentlich . . . noch nie bis jetzt . . . gemacht habe!

Onkel Ludwig: (mit dem Versuch, in dieser prekären Situation gegen sein eignes Gewissen den ehrlichen Makler und Vermittler zu spielen; von einem zum andern) Ja, was ist da . . .? Was . . . e . . . läßt sich da . . .? (Pferdegetrappel) Könntest du eventualiter . . . und schlimmstenfalls . . . deine beabsichtigte Publikation . . .? (Radfahrer: kurz, heftig).

Georg: (wieder stehngeblieben; zu ihm rüber; höhnisch; die einzelnen Akzente scharf schneidend betont) Du meinst und schlägst mir vor, ich soll mein dickleibiges, fünf oder sieben Pfund schweres Bibelbuch, meinen zehntausend Seiten langen Wälzer, erst dreißig Jahre nach meinem Tode rausgeben? Mit Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist? Nachdem meine Knochen inzwischen längst verschimmelt sind?

Marianne: (durch seinen Ton schmerzlich getroffen) Wenn natürlich selbstverständlich auch nicht das! Aber . . . (sich wieder zusammenraffend) vielleicht wartest du wenigstens ab, bis Vater . . .

Georg: (wieder gereizt-nervös auf und ab; trotzdem jedes Wort äußerst klar und bestimmt) Ich weiß mich deinem Vater . . . dessen in ihrer Art . . . vorkämpferisch-kulturelle Bedeutsamkeit nach außen hin ich schätze . . . so manches mich jetzt . . . auch allerdings von ihm trennt . . . in meinem Innern noch immer erkenntlich . . . daß er vor nun . . . ja wohl nächstens bald acht Jahren . . . rein aus wissenschaftlichem Überzeugungseifer . . . noch bevor ihn mit mir auch nur die geringste persönliche Beziehung verband, meine Berliner Berufung veranlaßt und sie dann, allem sonst üblichen akademischen Firlefanz zum Trotz, auch energisch vertreten und durchgesetzt hat! Aber er kann dafür heute nachträglich unmöglich das Opfer meines Intellekts verlangen! . . . (mit letzter Steigrung) Meine Geduld, aber auch mit allem, ist durch diese letzte, gräßliche, mir einfach aufgezwungene Untätigkeit erschöpft, ich sehe nicht den mindesten Grund ein, meine Qual noch zu verlängern, und ich werde daher die Sitzung (bei diesen Worten stehngeblieben; heftige, energische, allen und jeden Widerstand abschneidende Geste mit der Linken) noch heute mit dir abhalten!

Onkel Ludwig: (vor dieser Entschiedenheit endgültig sein letztes Segel einziehend; paktierend zu Marianne; zwei sich mißtönig durcheinander schlingende Hupensignale) Da bleibt uns doch schließlich . . .

Marianne: (die sich kaum noch aufrecht erhält; beschwörend zu Georg) Tus nicht! Ich bitte dich! Ich bitte dich flehentlich ! Diese letzte, furchtbare . . . nächtliche Vision . . .

Georg: (aus seine eigne Andersauslegnng dieser damit wieder zurückkommend; trotzdem einen kurzen Augenblick fast wankend) Ich habe dir doch bereits . . .

Marianne: (in ihrem selben Satz, noch verstärkt-eindringlicher, weiter) Grade vor diesem Tag . . .

Onkel Ludwig: (mit ihrer Argumentation nichts weniger als einverstanden; halb unwillig) »Vor diesem . . .«

Marianne: (sein letztes Wort unwillkürlich wiederholend; noch immer in ihrem selben Satz; schon fast verzweifelt) Diesem schrecklichen . . . lächerlichen . . . sogenannten »Glücks«tag, den ich mir ganz anders deute . . .

Onkel Ludwig: (sie unterbrechend; wie vorhin) Ja, wenn man alles . . .

Georg: (noch unsichrer; wenn auch mit äußerlich wieder betonter Energie; aus der Absicht, sie daran zu erinnern, daß er für jene damalige Prophezeiung ja jetzt inzwischen bereits zu einer gänzlich andern Ausdeutung gekommen) Ich kann dir . . . nur wiederholen . . .

Marianne: (ansprechend; halb wie hysterisch; fast mit jedem Rhythmen- und Atemstoß sich steigernd; neuer Wolkenschatten) Redet mir vor, was euch beliebt! Wiederholt, was ihr wollt! Jene entsetzliche, unheimliche, grauenerregende Prophezeiung . . . die mich gepeinigt hat und gequält . . . unter der ich gelitten, im stillen, die ganze Zeit . . . (abbrechend und wie irr um sich blickend).

Onkel Ludwig: (von ihrem Ausbruch ganz betroffen) Du sitzt hier vor uns . . . wohlbehalten . . . und gesund . . .

Georg: (in seinem Satz instinktiv weiter; ähnlich wie Onkel Ludwig; nur inzwischen bereits gefaßter) Ein Erdbeben ist für Berlin . . . heute sicher nicht zu erwarten . . .

Onkel Ludwig: (in derselben Linie weiter) Man wüßte also beim besten Willen wirklich nicht . . .

Marianne: (die ihn nicht ausreden läßt; zu Georg rüber; letzte, sich noch fortwährend steigernde, überzeugteste Bestimmtheit) Wie und nach welcher Richtung du dir auch ihre häßlichen, hinterhältigen, dunklen drei Worte jetzt zurechtlegen und ausdeuten magst! Womit ihr mich auch zu beschwichtigen und zu beruhigen versucht! Ihr werdet mich durch nichts davon abbringen! Ich fühls bestimmt! Uns droht ein Unglück!

Georg: (gegen alles wie taub; seinen Gang wieder aufnehmend; fatalistisch) Wenn uns eins droht . . . wir werdens nicht aufhalten! Wie wirs auch anstellten . . . es würde über uns hereinbrechen!

Onkel Ludwig: (der schon während der letzten Replik Mariannes, wie plötzlich von etwas interessiert, in den Garten geblickt hat; sich mit einmal aufrappelnd) Kinder . . . (bereits aufrecht und durch einen heimtückischen Stich in der rechten Seite dabei gleichzeitig wieder an die scheußliche Visitenkarte erinnert, die der Imperator Mors bereits bei ihm abgegeben) der Magnifikus!!

Marianne: (hastig ebenfalls aufgestanden; nach dem Garten hin) Der Vater?

Georg: (unwillkürlich stehngeblieben; ebenso; scharf) Wo?!

Onkel Ludwig: (fast atemlos; Zeigefinger) Dort! Durch die Taxusallee! Schon keine zwanzig Schritt mehr vom Springbrunnen!

Georg: (der den Kommenden jetzt ebenfalls erblickt hat; ganz erbittert-überrascht) Wahrhaftig! . . . (sich wieder in Bewegung setzend; feindselig-schadenfroh) Na!

Onkel Ludwig: (mit den Blumen, die er an sich gerafft hat; schon unterwegs nach der Tür rechts) Zum ersten Mal, seit ich hier bei euch hause! Wenn das nicht eine Explosion gibt!

Georg: (der als einziger seine Fassung vollkommen wiedergewonnen hat; wie verwundert zu Onkel Ludwig) Du gehst weg? Warum bleibst du nicht?

Onkel Ludwig: (erst wieder »Stich«, dann trocken; Ton auf der ersten Silbe) Merci!

Marianne: (von ihrem Platz aus; wie festgebannt; dem Davonstelzenden nach) Du willst uns . . . in diesem Augenblick . . .

Onkel Ludwig: (schon fast an der Tür) Jaja! Laß man! (nochmal »Hans Mors«) Ich weiß schon! (während der Aufgetauchte im Hintergrund bereits sichtbar wird, ab; wieder prallste Sonne).

Prof. Dr. Dufroy-Regnier: (älterer, feingliedriger, sehr sympathisch aussehender Herr mit ausgeprägtem Charakterkopf; nicht viel größer als seine Tochter; die als Dame allerdings nicht klein ist; Haar und Bart weißgrau, der französische Kolonieeinschlag in seinem ganzen Habitus unverkennbar; er macht den Eindruck eines sehr harmonisch veranlagten Menschen, in dem aber durch irgendein schweres Erleben seelisch etwas zerbrochen ist; ohne Hut und Mantel, da er eben aus der Vordervilla nach der Tiergartenstraße zu gekommen; auf der letzten Mittelschwelle ist er stehngeblieben und blickt fragend nach der Tür rüber, durch die Onkel Ludwig eben verschwunden ist) War das nicht . . .

Georg: (der ihm, ebenso wie Marianne, fast bis zur Tür, entgegengegangen war; den Rest seiner Zigarette durch den großen Mittelflügel rechts wieder in den Garten schleudernd; mit verstecktem Hohn, als bereite ihm das beinahe eine gewisse, innere Genugtuung) Dein zärtlicher Stiefbruder, Herr Doktor Brodersen!

Dufroy: (der diese heimliche Feindseligkeit sofort sehr wohl verspürt; bekümmertes Kopfschütteln; noch immer nach der Tür rechts) Traurig! . . . Diese . . . Unversöhnlichkeit?! . . . (jetzt zu Marianne und Georg rüber) Es ist ja schließlich . . . nicht, daß ich darunter zu leiden habe und es so drückend empfände, als . . . (unwillkürlich zögernd).

Georg: (der den Sprechenden so lange nicht aus seinem Blick gelassen; ihm seinen Satz abnehmend und sarkastisch schließend) Eure gute Mutter!

Dufroy: (seinen Ton ignorierend; fragend-überrascht) Du kannst ihr das . . . (Pferdegetrappel) nicht nachfühlen?

Georg: (Achselzucken; zornig-verächtlicher Gaumen- und Nasallaut) Hng! . . . (sich wieder in Bewegung setzend; jetzt nach der Seite rechts) Wenn ich mir besondre Mühe geben wollte?

Dufroy: (zu Marianne gewandt, die durch die Art Georgs ihrem Vater gegenüber nun auch noch in dessen Gegenwart offenbar wieder aufs peinlichste berührt ist) Großmutter . . . die dich nach elf erwartet hatte . . . (noch immer Pferdegetrappel, Auto) schien mir durch dein Ausbleiben so beunruhigt . . .

Marianne: (aufrichtig) Das tut mir aber . . .

Georg: (bissig) Frau Professor wird sich trösten müssen! Den üblichen, rührenden Blumengruß . . . von ihrem verstorbenen Liebling . . .

Marianne: (unter diesen beiden letzten Worten zusammengezuckt; fast erschreckt) Georg!

Georg: (von ihrem Zwischenruf kaum unterbrochen; kurze heftige Kopfbewegung nach der Tür rechts; noch unterstrichener) Hat ihr der eben eilends Davongestürzte . . . (abbrechend und sofort weiter; letzter Hohn und Grimm) Um ihn sich auf seine »stille Stube« zu stellen!

Dufroy: (über die ganze Art und den Ton Georgs wieder hinweg; zu Marianne, der er dabei die Hand reicht, liebevoll-gütig) Du warst auch heute wieder . . . bei unsern drei . . . ?

Marianne: (einem plötzlichen Impulse folgend; über seine Hand gebückt und diese küssend) . . .

Dufroy: (der seine Hand sofort, fast erschrocken, zurückgezogen) Aber Herzl! . . . (ihr übers Haar streichelnd; weich-zärtlich) Du . . . bist und bleibst doch die einzige! (zu seinem Schwiegersohn rüber; etwas verlegen-zurückhaltend; die Rechte leicht um die Linke reibend und umgekehrt) Lieber Georg . . . ich . . . möchte an diesem schweren Erinnerungstag . . .

Georg: (kurz ablehnend; ohne sich in seinem nervösen Hin und Her dadurch aufhalten zu lassen) Danke. Ich danke dir!

Dufroy: (ohne jeden Vorwurf, leichte, bedauernde Geste; Schwalben) Wir haben uns . . . in diesen letzten Jahren . . .

Georg: (ihn ungeduldig unterbrechend, seinen Satz weiter und zu Ende) Leider nicht allzu häufig gesehn! Eine Tatsache, die ich nicht in Abrede stelle.

Dufroy: (jetzt doch etwas befremdet; leis gekränkt) Du sprichst das in einem . . . (sich bezwingend; mild-vorwurfsvoll; wieder Schwalben) Lag es an mir?

Georg: (seinen Blick vermeidend; unterdrückt-gereizt) Zu freundnachbarlichem Verkehr, du mußt das schon einigermaßen begreiflich finden, war ich nicht aufgelegt!

Dufroy: (schonend-abwehrende Geste) Ich habe dich . . . weiß Gott nicht . . .

Georg: (durch diese nachsichtige Milde nun doch in seinem Innern ein ganz klein wenig bedrückt und geniert; wie um nur etwas zu sagen) Hätte ich dich nicht einmal zufällig im Garten getroffen . . . so würden wir uns überhaupt nicht . . .

Dufroy: (inzwischen nähergetreten; im Raum sich umblickend; tief-schmerzlich aufseufzend) Ja . . . früher . . . wars fröhlicher hier! . . .

Georg: (seinen unruhigen Gang nicht unterbrechend; Ton jetzt noch gereizter) Da dein Besuch . . . (nochmal Schwalben; schrillst) doch wohl offenbar . . . nicht bloß eine verspätete und als solche ziemlich überflüssige Kondolenzvisite bedeuten soll . . . möchte ich dich bitten . . .

Dufroy: (ihm mitleidsvoll nachblickend; aus bewegtem Herzen) Mußt du in diesen Zeiten . . .

Georg: (brüsk abweisend; ohne ihn anzublicken; wie jede allzu intim-seelische Annäherung sich damit verbittend) Womit kann ich dienen? Was wünschst du?

Dufroy: (auf seinen Ton nicht reagierend; überlegen-ruhig; jetzt am Tisch etwas den Sessel rückend, in dem vorhin Marianne gesessen) Du erlaubst?

Georg: (korrekt-höflich; seine »Unaufmerksamkeit« gewissermaßen redressierend) Pardon.

Dufroy: (im Sessel Platz nehmend; von seiner Linken, die er vor sich leger in die Rechte legt, scheinbar interessiert die Fingerspitzen bekuckend; ausholend) Du erinnertest mich eben . . . daß du mich einmal (aufblickend; etwas betonter) wie du sagtest, zufällig . . .

Georg: (nervös-ungehalten; seinen Satz, um ihn sofort schnell fortzusetzen, ihm abnehmend) An irgendeinem Vormittag in irgendeinem Juni, nicht weit von eurer kaputten Sandsteinflora, unter der alten Platane getroffen! Jawohl! Gewiß! Und aus jenem Faktum resultiert jetzt?

Dufroy: (der ihn jetzt nicht aus den Augen läßt) Du hattest mir damals . . . auf meine wiederholte Bitte dein Wort gegeben . . . du würdest deine große Arbeit . . .

Georg: (wieder wie vorhin; auch jetzt ohne ihn anzublicken) Über die energetische Einheit der Elemente sobald als möglich, jedenfalls aber vielleicht mal gelegentlich, wieder aufnehmen. Allerdings! Und zwar war das damals auch noch meine Absicht gewesen!

Dufroy: (einen Moment sprachlos; dann, nach einem fragend sich vergewissernden Blick zu Marianne rüber, die wie schuldbewußt dasteht, wieder zu Georg; als könne oder wolle er das, was dieser ihm eben indirekt angedeutet hat, noch nicht glauben) Du . . . hast sie nicht wieder aufgenommen?

Georg: (unterdrückt-heftig) Nein!

Dufroy: (nach einer kleinen Pause; ferne, erregte Stimmen; dazwischen, akkompagnierend, ein Hund; zwar bereits veränderter Tonfall, aber noch mit aller Gewalt an sich haltend) Jene Begegnung, von der du . . . zu einer gewissen Verwundrung und Überraschung von mir . . . anzunehmen scheinst . . . daß sie nur eine zufällige gewesen . . .

Georg: (sofort stutzend stehngeblieben und jetzt zu ihm rüberblickend; scharf) War von dir entriert worden?

Dufroy: (nun doch dadurch etwas getroffen) Wenn du das . . . mit dieser Vokabel, die mich in einem solchen Zusammenhang etwas sonderbar anmutet, belegen willst . . . ?! (wieder einen Moment lang veränderter, sich verinnerlichender Tonfall) Nachdem über dem plötzlichen Verlust . . . unsrer unvergeßlichen Mariette . . . zwölf Monate vergangen waren . . . hatte ich es für meine Pflicht gehalten . . .

Georg: (inzwischen hinter den Sessel rechts getreten, dessen Lehne er gepackt hält, und dem Blick seines Schwiegervaters nicht mehr ausweichend; Marianne ist in der Mitteltür, an deren linken Pfosten gelehnt, stehngeblieben, von wo aus sie der beginnenden Auseinandersetzung zwischen den beiden unterdrückt-angstvoll folgt) Ich höre!

Dufroy: (so schonend-rücksichtsvoll, als ihm das, einer solchen Herausforderung gegenüber überhaupt nur möglich ist) Daß du nach einem so herben Schicksalsschlag . . . tatlos zusammengebrochen warst . . . hatte dir niemand verübeln können! Ich weiß: du hast deinen Fuß seitdem nicht mehr aus diesem Haus und diesem Garten gesetzt! . . . Aber es liegt in der Natur der menschlichen Dinge . . . und es liegt Gott sei Dank in ihr . . . daß auch selbst die wehste Wunde . . .

Georg: (ihm seinen schönen Satz mit verbißnem Hohn abnehmend und von sich aus zu Ende führend) Mit der Zeit und wenn man tüchtig Verbandwatte drauftut, und so weiter und so weiter!

Dufroy: (der sich dadurch noch absolut und keineswegs wieder provozieren läßt) Dieses Gesetz . . . du magst darüber höhnen und spotten . . .

Georg: (sarkastisch) Kennt keine Ausnahme!

Dufroy: (auch hierin und in diesem Punkt, soweit seine Gewissenhaftigkeit ihm das erlaubt, ihm entgegenkommend) Wenigstens keine radikale!

Georg: (kurz; grimmig; Auto entsprechend) M! . . .

Dufroy: (nach einer unwillkürlich kleinen Pause; von neuem) Nach Ablauf eines weiteren Jahrs . . . frug ich dich dann abermals an, und diesmal schriftlich!

Georg: (der sich so ganz genau nicht mehr darauf besinnt) Und ich antwortete dir darauf?

Dufroy: (ihn zitierend) »Habe noch Geduld mit mir! Dränge mich nicht! Ich bin jetzt tätiger denn je!«

Georg: (ungläubig sich vergewissernd) Wörtlich?

Dufroy: (einen Pflock zurücksteckend) Dem . . . Sinne nach!

Georg: (ihn quälend, wie ein Junge an einem Faden einen Maikäfer quält) Und nun kommst du, nicht wahr, und frägst mich heute zum dritten Mal?!

Dufroy: (in der vagen Hoffnung, ihn durch eine, wenn auch nur halbe captatio benevolentiae wieder zur Räson zu bringen; ihm aber dabei doch gleichzeitig seine unbedingte und absolute Mißbilligung sehr deutlich zu verstehn gebend) Ein Mann, wie du . . . hat auf kopfhängerischen Müßiggang . . . und dauernde Indolenz kein Anrecht!

Georg: (den scheinbar ganz Erstaunten und Überraschten spielend) Ich denke, du hast doch . . . eben erst selbst gesagt . . . ich hätte dir bereits schwarz auf weiß . . .

Dufroy: (dies Katz- und Mausspiel jetzt energisch beendend) Und die Früchte deiner Tätigkeit? . . . Die Ergebnisse, zu denen du gelangt bist? . . . Willst du sie mir nicht vorzeigen? . . . Du schweigst??

Georg: (mit sich ringend) . . .

Dufroy: (dessen »Geduld« jetzt zu Ende ist) Ja, du kannst doch nicht hier so dein ganzes Leben . . . (abbrechend und sofort wieder, noch fragend-vorwurfsvoller, von neuem) Möchtest du dann nicht jetzt wenigstens endlich wieder . . . mit deinen Vorlesungen beginnen?

Georg: (jetzt endlich mit sich im reinen; sich unwillkürlich etwas höher reckend; sein Temperament geht mit ihm durch) Was ich vor meinem Auditorium, von meinem geweihten, hochragenden, mir von Staats wegen aufgestellten Katheder, unter dem heiligen Schirm und Schutz eurer » Universitas literaria« jetzt mitzuteilen hätte . . . wäre für eure überlieferte . . . professionelle Schusterweisheit . . .

Dufroy: (der sich vor diesem Ton und Inhalt, bei dem Wort »Schusterweisheit« merkbar zurückgezuckt, von seinem Sessel unwillkürlich erhoben hat; so ehrlich zornig, daß er kaum noch sprechen kann) Zu wem . . .

Georg: (wieder zu sich gekommen; sich mit den Fingerspitzen der Linken leicht über die Stirn streichend) Verzeih! . . . Ich war in der Form . . .

Dufroy: (der sich mit Gewalt bezwungen hat; sich wieder setzend) Und . . . e . . . die Sache? . . . (seine Stimme, durch die jetzt ein gerechter Groll klingt, wieder anschwellend, Tonfall fast inquirierend) Die dich zu dem dir anvertrauten Lehramt . . . wie ich aus deiner maßlosen Invektive unbedingt habe heraushören müssen . . . in eine solche Widerspruchsstellung gedrängt hat . . . daß du dich in deiner Form mir gegenüber . . . derartig hast vergessen und vergreifen können?

Georg: (seinen verräterischen Ausspruch zwar außerordentlich bedauernd, aber sonst und im übrigen nach wie vor nicht gewillt, vor seinem Gegenüber auch nur einen Millimeter breit zurückzuweichen) Ich bitte dich gern . . . noch mal um Entschuldigung . . . meine kühne, schwungvoll improvisierte Rede war ein Temperamentsausbruch . . . aber es ist absolut nicht mein Vorhaben, dir schon jetzt . . . mit dem Beweis, daß ich in dieser langen Zwischenzeit nicht bloß so dagesessen und die Daumen gedreht habe . . . lästig zu fallen!

Dufroy: (in seiner Fehde gegen ihn weiter; auf eine klippe und klare Beantwortung der von ihm gestellten Frage nun unter keinen Umständen und unter gar keiner Bedingung mehr verzichtend; gehalten-eindringlich) Wir standen bisher auf demselben Boden! Wir kämpften Schulter an Schulter! Unser beider Streben, in seinem letzten, besten Sinn, war aus das gleiche Ziel gerichtet! Wäre es nach all dem Gemeinsamen, das uns auf diese Weise verband, nicht doch besser und vorzuziehn, ich erführe das, was dich mir so entfremdet . . . schon jetzt? (wie bereits im voraus schon von der bloßen Möglichkeit dieser Möglichkeit aufs empfindlichste verletzt) Und nicht erst als letzter, nachdem es inzwischen womöglich die Runde bereits durch die ganze wissenschaftliche Presse gemacht hat?

Georg: (ausholend; mit einer heimlich drohenden Verwarnung in seinem Ton) Mein Manuskript . . . ist noch nicht abgeschlossen und fertig! Seine eigentümlich-dokumentarische, konfessionell tagebuchartige, intime Darstellungsform . . . die sich mir aus meinem Fall . . . als die leider einzig mögliche einfach aufzwang . . . ist eine extrem individuelle!

Dufroy: (aggressiv-anerkennend) Das sind wir doch bei dir . . .

Georg: (wie vorhin; nur noch verstärkt) Das Ganze mit seinen zahllosen, bis zum Überdruß immer wieder und wieder variierten, sorgsamst bis in die geringfügigsten scheinbar nur zufälligen und belanglosen Kleinigkeiten, Einzelheiten und Nebenumstände systematisch protokollierten Beobachtungs- und Versuchsreihen . . . wird dich vielleicht überhaupt bloß . . . wie eine überumfängliche, unnötig weitläufige, mit allerhand Persönlichstem durchspickte Materialienaufhäufung anmuten! (fernes, wie fragendes Auto).

Dufroy: (ganz erstaunt-verwundert) Um so angenehm-aufschlußreicher und . . . interessierender!

Georg: (noch eifriger; in erhöhter Bedrängnis) Allein schon die Materie selbst . . . rein an sich und als solche . . . (Dufroy aufhorchend) dürfte dir eine so widerwärtig-antipathische sein . . .

Dufroy: (als hätte er nicht ganz recht gehört; die Augen leicht zusammengekniffen) Ein Wissensgebiet, das mir schon rein an sich und als solches . . .?

Georg: (noch pointierender und deutlicher; in seiner warnenden Abmahnung jetzt ganz offen und unverhüllt) Ja, ich gehe sogar noch weiter! Und bin mir darin ganz sicher! Schon allein die abstrakte Möglichkeit, schon allein die bloße, abstrakte Existenzmöglichkeit der hier in Frage stehenden, von mir behandelten, einschlägigen Wissensmaterie muß dir, und zwar auf Grund dessen, was du für deine bisherige, unter Opfern schwer errungene Weltanschauung hältst, so sonderbar seltsam und verdächtig vorkommen, daß du sie rund und glatt, ohne dich auch nur zu bedenken, von vorne herein leugnen wirst!

Dufroy: (scharf aufmerkend geworden; mit leicht gerunzelter Stirn) Du mutest mir zu . . . du unterstellst mir . . .?

Georg: (ihn fest dabei anblickend; prononciert betont) Eine »Zumutung« und »Unterstellung«, (irgendwo wird irgend etwas allerhäßlichst geklopft) für deren leider typische Berechtigung es in der Geschichte unsrer menschlichen Errungenschaften an betreffenden Vorbildern und Beispielen nur so wimmelt!

Dufroy: (unwillkürlich etwas vorgebeugt, als hätte sein Gegner sich damit das Unerhörteste geleistet, was menschlicher Unverstand sich überhaupt aus der Luft greifen könnte) Ein Naturwissenschaftler, ein moderner, ernsthafter Naturwissenschaftler, der aus irgendeinem Gefühls- oder Empfindungsuntergrund der ersten Voraussetzung aller Forschung . . . unbeschränkte Wahlfreiheit des zu bearbeitenden oder gar noch besser neu zu erschließenden Wissens- oder Erkenntnissegments . . . willkürlich apriorische Grenzen stecken wollte? (wieder das Geklopfe; noch stärker).

Georg: (mit seiner innersten Überzeugtheit nun nicht länger mehr zurückhaltend) Du würdest nicht der letzte sein . . . wie du . . . ich betone das zu meinem Bedauern scharf und nochmal . . . schon nicht der erste gewesen wärst!

Dufroy: (leicht zurückgeprallt) Du stabilierst das mit einer Positivität und Bestimmtheit . . .

Georg: (ironisch-zuvorkommend) Es würde mir ein erlesenster, ausgesuchtester Genuß sein, verlaß dich drauf . . . und es scheint mir fast überflüssig, das hier noch hervorzukehren . . . wenn es sich zu meiner Überraschung ergeben sollte, (mit versteckter, seinen Gegner offenbar ganz besonders peinlich berührender Anspielung) daß sich auch bei dieser Gelegenheit »Theorie« und »Praxis« für dich decken!

Dufroy: (den Kampf damit beenden wollend; mit aller Gewalt sich zur Ruhe zwingend) Darf ich dich nun . . . um deine epochale . . . »Materie« bitten?

Georg: (mit unwillkürlich nochmaligerWarnung) Wenn du darauf . . . bestehst?

Dufroy: (eigensinnig-hartnäckig; nur noch mit Mühe beherrscht) Ich bestehe darauf!

Georg: (nochmals; mit letzter Ansich- und Zurückhaltung) Ich befürchte allerdings . . . du wirst diesmal an meiner »suprakritischen, hyperskrupulösen Präzisionsmethodik«, die dich mir ursprünglich mal so gewann . . . nur wenig Freude erleben!

Dufroy: (der langen Diskussion satt; in seinem heimlichsten Eigenstolz durch all das ihm Entgegengehaltne auf das empfindlichste gekränkt) Nach dieser Richtung . . . glaube ich . . . hast du mich jetzt bereits zur Genüge vorbereitet.

Georg: (mit plötzlichem Entschluß; die Hände von seinem Sessel lassend) Schön! Da du mich fast dazu zwingst . . . (bereits nach seinen Zimmern hin) Ich werde dir also meine einstweilige, vorläufige Unterlage . . .

Marianne: (die von ihrem Platz aus der erregten Debatte mit wechselndem Mienenspiel gefolgt war; mit einer ihr im Moment kaum selbst zum Bewußtsein kommenden Bewegung, als wolle sie Georg noch im letzten Augenblick von seinem Vorhaben abhalten) Ich denke . . . deine Papiere . . . (gurrender Wildtauber) Ich sah da noch gestern alles so verstreut . . .

Georg: (schon nach den ersten Schritten stehngeblieben) Du hast allerdings recht! . . . (zaudernd-zögernd zu Dufroy) Wäre es nicht dasselbe . . .

Dufroy: (autoritative, Einspruch erhebende Geste; fast bereits ungehalten) Nicht erst morgen! Gleich! Wie du es mir eben versprochen! . . . (nun zuerst halb auch noch zu Marianne rüber; gegen alle beide nicht ohne einen gewissen, sich beschwerenden Vorwurf) Es dauert ja schließlich . . . keine Ewigkeit!

Georg: (dem jetzt etwas andres nicht mehr übrigbleibt; an Marianne vorüber, deren Blick er leicht streift, auf die Tür links zu) Also einige Minuten! (ab, während beide ihm nachblicken, nochmal der jetzt wie blödsinnig gewordne Wildtauber).

Dufroy: (nachdem er sich inzwischen wieder einigermaßen beruhigt und gesammelt hat; aus einem in ihm aufgestiegnen, unbestimmten Verdacht zu Marianne rüber) Bist du über diese . . . »einstweilige, vorläufige Unterlage«, mit der er mir jetzt kommen will . . . informiert?

Marianne: (erst jetzt, trotz aller Besorgtheit, mit der sie dem nun unausweichlich Kommenden entgegensieht, von einem innern Alpdruck wie befreit, von ihrem Platz sich loslösend; alle ihre Kraft zusammennehmend) Ich . . . glaube, ja! (langsam näher auf den Tisch zu) Und . . . ich bitte dich deshalb allerherzlichst schon jetzt . . .

Dufroy: (sie erregt unterbrechend; sich in seinem Sessel dabei wieder breit zurücklehnend) Und darüber hast du mir . . . so oft du bei uns drüben warst, auch nicht die leiseste Andeutung gemacht? Hast du mir nie auch nur das geringste Sterbenswörtchen gesagt?

Marianne: (in den Sessel rechts sich jetzt ebenfalls niederlassend; ihre Worte so vorsichtig als nur irgend möglich; schonend-behutsam) Die Dinge . . . mit denen Georg sich in diesen letzten Jahren beschäftigt hat . . . liegen deiner Anschauung so fern, die Ergebnisse, zu denen er gelangt zu sein glaubt, waren zum Teil . . . oft auch noch selbst für mich so befremdlich überraschende . . .

Dufroy: (der sie so lange angeblickt hat; fast bestürzt) Ihr sprecht ja beide . . .

Marianne: (seinen Blick jetzt erwidernd; in nur noch schwer und mühsam verhaltner Erregung) Es wäre für mich das Schrecklichste, wenn nach allem, was uns betroffen . . . (fernes, tiefes Auto) jetzt auch noch zwischen dir und Georg . . .

Dufroy: (mit stärkster Selbstbeherrschung sich bezwingend) Du darfst völlig beruhigt sein! . . . Schon allein . . . um deinetwillen . . . werde ich nichts unversucht lassen, um einen Konflikt . . . (abbrechend und sofort, auf ihre Antwort offenbar lebhaft gespannt, wieder von neuem; das Auto von vorhin näher gekommen) Hast du ihm bei seiner Arbeit . . . etwa ähnlich, wie schon damals, während deiner Genfer Studienzeit und Dozentur . . . wieder irgendwie welche Beihilfe geleistet?

Marianne: (ausweichend; fast wider ihren Willen mit einer kleinen, leisen Sophistik) Bei seiner eigentlichen Arbeit diesmal . . . nein!

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