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Ignorabimus

Arno Holz: Ignorabimus - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleIgnorabimus
authorArno Holz
year1925
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
addressBerlin
titleIgnorabimus
pages1-3
created20020520
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1913
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Onkel Ludwig: (sie wieder brüsk unterbrechend; noch ungenierter) Man heiratet nicht aus Liebe mit siebzehn einen alt gewordnen Geldsack, der außer damals drei Millionen und sieben Zahnlücken . . .

Marianne: (die kaum ihren Ohren traut) Du sprichst . . . von deinem leiblichen . . .

Onkel Ludwig: (mit erhobner Stimme; sie znrechtstupsend) Ich spreche von der Dame, verwitwete Brodersen, emeritierte Tänzerin, die noch keine zehn Monate nach dem Hinscheiden meines Vaters . . .

Marianne: (ironisch, bitter) Dem du ein dankbar Andenken . . .

Onkel Ludwig: (auch dadurch wieder noch keineswegs, auch nur um einen Millimeter, aus seinem Konzept gebracht) Dem ich ein dankbares Andenken . . . du kannst kakeln, was du willst . . . nie verweigern werde . . .

Marianne: (nickend-amüsiert) Wie das Exempel . . .

Onkel Ludwig: (von der absoluten Richtigkeit seiner vorgebrachten Behauptung aufs tiefste überzeugt; fast grob; die letzte »Syllaba« schon mehr im Posaunenton) Wie das Exempel beweist!!

Marianne: (da sie weiß, daß sich gegen diesen Ton bei ihm nicht ankämpfen läßt) M! . . . (sarkastisch) Also du sprichst von der »Dame« . . .

Onkel Ludwig: (erst jetzt seinen ganzen und, wie er glaubt, höchst gerechten Zorn in dies Schlußwort packend; mit von neuem und abermals erhobner Stimme) Von der Dame, die als kaum eben erst fröhlich Hinterbliebne, mit stark dreiunddreißig, deinen um mehr wie sieben Jahre als sie selbst jüngeren Großvater geehelicht hat!

Marianne: (ihn, ganz verwundert, groß anblickend) War das . . . ein Verbrechen?

Onkel Ludwig: (mit Emphase ausholend; in ungeheuerlichster Naivität; argloser und unschuldiger als ein neugebornes Kind) Wenn ich nicht befürchten müßte, dir damit . . . wenn auch noch nicht die Sache selbst, so doch wenigstens schon ihren eigentlichen und Hauptpunkt . . . so gewissermaßen zu verraten, ich würde dir jetzt drauf antworten, das »Verbrechen« hatte bereits vorher gelegen!

Marianne: (in ihrem Sessel fast zurückgeprallt) Onkel!!

Onkel Ludwig: (triumphierend; seine gemachte »Andeutung«, wie er glaubt, zur Genüge und hinlänglich damit »dementierend«) Das heißt . . . ich habe dir aber noch nichts verraten!

Marianne: (durch diese Art seines »Dementis« nichts weniger als beruhigt; ihre Augen garnicht von ihm lassend; stockend) Entweder . . . ich muß dich eben . . . nicht recht verstanden haben, oder . . .

Onkel Ludwig: (seine bereits unter ihm wankende Position durch einen möglichst drohenden Tonfall aufrechtzuerhalten suchend) Wieso?!

Marianne: (ihre entsetzt fragenden Augen auf ihm wie vorhin; noch forschend-eindringlicher) Du sagtest . . . Verbrechen!

Onkel Ludwig: (mit einem letzten, noch gesteigerten Versuch, sich zu »salvieren«) Ich?? . . . Verbrechen?!

Marianne: (die sich dadurch nicht abbringen läßt; äußerst bestimmt) Das kann . . . in diesem Zusammenhang . . .

Onkel Ludwig: (der sich anders nicht mehr zu helfen weiß) Dummheit! Unsinn! Quark! Fabulei! . . . (mit seiner überflüssig verräterischen Schwatzhaftigkeit so unzufrieden, daß er sich am liebsten eine usw.) Hör nicht zu, was dir so n alter . . .

Marianne: (trotzdem sie in der Hauptsache eigentlich schon längst alles weiß) Du hattest mir doch aber . . . schon vorhin . . .

Onkel Ludwig: (in der, wie er mit Schmerz und Zorn fühlt, vergeblichen Absicht, alles damit wieder zuzudecken) Nichts hatt ich dir »vorhin«! Nichts!!

Marianne: (noch eindringlich-inquirierender) Du hattest mir . . . von jener Nacht . . . wo dein Vater . . .

Onkel Ludwig: (ganz hilflos; wie verdattert; in noch gesteigerterem Zorn auf sich selbst) Hab ich dir . . .? Hatt ich dir . . .? Da siehst du . . . wie schon mein Hirn . . .

Marianne: (erschüttert; mit mehr und mehr wachsendem Mitleid mit ihm) Daß dich diese . . . schreckliche Erinnrung noch immer so . . .

Onkel Ludwig: (kaum noch fähig, sie mit ihrer Anteilnahme von sich abzuwehren) Laß! . . . Laß! . . . Es genügt . . . (abbrechend; wieder mit nochmals gesteigertem Ingrimm auf sich selbst) Hätt ich doch mein altes . . . (ratternd und puffend sich in Bewegung setzendes Auto) unbedachtes Plappermaul . . .

Marianne: (schwer ausatmend, mit innerlichem Entschluß, das andeutungsweise durch ihn Gehörte nach Kräften wieder zu vergessen, und so, falls ihr dies möglich sein sollte, damit fertig zu werden) Es ist auch wohl schließlich . . . vielleicht besser . . .

Onkel Ludwig: (ihren begonnenen Satzanfang mit Eifer aufgreifend und ihren Ideen- und Gedankengang, von sich aus, eine Strecke weiter fortführend) Daß ein so junges . . . unschuldges . . . von all dem wüsten, unflätigen Schlamm und Schmutz . . . dieser satanischsten . . . ruchlosesten . . . gottverlassensten Welten noch so rührend unbeflecktes, reines und lautres Geschöpf wie du . . .

Marianne: (schmerzlich; als wolle sie sich damit, heimlich, irgendwie selbst anklagen) »Wie . . .«

Onkel Ludwig: (auf diesen Ton gar nicht achtend; in letzter, verzweifelter Steigrung, mit der flachen Rechten, während seine Augen sich einen Moment lang schließen, wie erschöpft vor die Stirn fassend) Wenn das aber einem so hier . . . ohne daß man etwas dagegen kann . . . im Wachen und im Traum, im Traum und im Wachen . . . nun schon seit fast einem dreiviertel Jahrhundert . . . immer wieder dieselben . . . unreinen, widrigen, sumpfschillrigsten Blüten und Blasen auftreibt . . . daß man sich oft . . . und manchmal . . . selbst wie son . . . Verbrecher . . . (abbrechend; fast wie irr vor sich hin) Die eigne Mutter! . . . Die eigne . . .

Marianne: (ihre durch seinen Anblick in diesem Moment grausige, innerliche Stimmung mit aller Gewalt von sich abschüttelnd) Du sprichst . . . in Rätseln!

Onkel Ludwig: (allmählich wieder zu sich kommend; dann sich »ermannend« und schließlich ganz wieder der Alte) Hat mir dein hochmütiger . . . stolzer . . . auf seine gepriesne, siegende Mannsschönheit mit Recht eingebildeter Herr Großvater . . . als er mir als wohlbestallter Dekan seiner sich »philosophisch« schimpfenden Fakultät meine bahnbrechende Ephebenarbeit mit dem bekannten impertinenten, einem das Blut in die Schläfen treibenden Augurenlächeln wieder ein- und zurückhändigte, auch orakelt! (damit glücklich wieder auf sein, in normalen Anständen bevorzugtestes Thema gekommen) Was dem (heftige, zornige Vogellaute) Zopfgelichter nicht in seinen langweiligen, ledernen, hergebrachten Kram und in sein Handwerk paßt, (entsprechende, energische Geste) wird abgemurkst! . . . So wars schon immer, und so isses noch heut! . . . Wenn die Entwicklung der Menschheit, ganz gleich auf welchem Gebiet, mal wieder um einen tüchtigen Ruck vorwärts gedreht wird, so steht an der Kurbel nicht einer aus jener anmaßlichen, sich überhebenden, hoffärtigen Koterie und Klicke, sondern einer von uns Autseidern! Das hat schon damals dem ollen Sokrates den Giftbecher gekostet und mir . . . fast zwei Dutzend Säkula später, respektive postea . . . die Venia legendi!

Marianne: (die kaum auf ihn hingehört hat; mit ihren Gedanken halb noch immer bei der ihr von ihm gemachten »Andeutung«) Gewiß! Gewiß! Allerdings! Nur . . . ich meine wirklich . . .

Onkel Ludwig: (aufbegehrend-mißtrauisch) Hm?!

Marianne: (einlenkend; in ihrem Satz weiter) Du hättest zum regelrechten Universitätsprofessor . . .

Onkel Ludwig: (mit gespitzten Ohren; scharf) Hä?

Marianne: (wie vorhin; nur noch behutsamer) Schon rein deiner ganzen . . . autonomen Eigenwilligkeit und Eigenart nach . . .

Onkel Ludwig: (beruhigt) Freilich! Freilich!

Marianne: (durch seine Unterbrechung erst jetzt imstande, ihren Satz zu seiner Zufriedenheit zu beenden) Doch wohl schließlich . . . auch kaum gepaßt!

Onkel Ludwig: (der sich inzwischen machtvoll in sein »Sacktuch« geschneuzt hat) Wie n Seeigel zum Nastuch! . . . (das Institut wieder wegpackend) Hast recht! . . . Aber gesteckt soll das der Bagage noch mal werden! »Mein System!« Ich bin noch nicht achtzig. Also erst nicht ganz junger Mann! Mit hundertundzwanzig hab ichs fertig! Doktor Ludwig Adrian Brodersen! Der Name wird noch mal mit goldnen Lettern in die Weltgeschichte geschrieben werden! Wenn andre Leute längst . . . (zusammenzuckend; die rechte Seite macht ihm im Moment offenbar heftigst zu schaffen) Verdammt!

Marianne: (besorgt-teilnehmend) Du hast wieder Schmerzen?

Onkel Ludwig: (die Hand noch immer an der Hüfte) Hol sie der Kuckuck! Seit ich mich an diesem . . . nichtswürdigen, niederträchtigen Möbel von Stock rumkräpeln muß . . .

Marianne: (durch die »Mannhaftigkeit«, mit der er die Zähne zusammenbeißt, sich nicht täuschen lassend; noch gesteigert) Du klagst jetzt öfter!

Onkel Ludwig: (sich wieder zusammenreißend) Eh! Wird schon vorübergehn! Alter, ausgetrockneter Kohlstrunk, wie ich . . .

Marianne: (noch immer lebhaft besorgt um ihn; vorsichtig) Ich weiß, wie du über Ärzte . . .

Onkel Ludwig: (verachtungsvoll-aufgebracht; zugleich fast wie von einer Stecknadel gepiekst) Ärzte!

Marianne: (nicht nachlassend) Trotzdem . . .

Onkel Ludwig: (noch ganz ergrimmt; sie keinen Laut weitersprechen lassend) Schickt doch lieber gleich nach dem Totengräber!

Marianne: (ihren Satz wieder aufnehmend) Trotzdem würde ich an deiner Stelle . . .

Onkel Ludwig: (sie unterbrechend; knurrend) Nu empfiehl . . . und rekommandier mir . . .

Marianne: (seinen Gedankengang bereits erratend; begütigend) Es brauchte ja nicht grade ausgerechnet . . .

Onkel Ludwig: (ihr wieder ins Wort fallend; wütend nickend) Dein Vater zu sein! . . . (höhnisch-mißtrauisch; aber auch hier, wie überhaupt bei allen Stellen, wo er, direkt oder indirekt, scheinbar »unsympathisch« wirkt, mit einem konstant festgehaltnen Unterton, der alles entwaffnet) Meinst, n andrer Arzt, Schlächtermeister und Krebsspezialist tuts auch!

Marianne: (die sich damit in ihrem innersten Befürchten von ihm durchschaut sieht; mit dem Versuch, ihre begangne Unvorsichtigkeit wieder wett zu machen) Wer . . . spricht von . . .

Onkel Ludwig: (ihr alles weitre kurz abschneidend; auch dieses Thema damit »abtuend«) Na also, was redste? . . . (nachknurrend; trüb-melancholisch) Wenn man das so bedenkt . . . (Automobilgetute und Vogelgezwitscher) daß man mal nich mehr sein soll . . . (fern ein Kuckuck) und das geht hier alles so weiter . . .

Marianne: (von seiner plötzlichen Stimmung angesteckt; meditativ-schwermütig vor sich hin; »a« kurz) Ja . . .

Onkel Ludwig: (in seinem Trübsinn weiter) Die Vögel singen . . . die Sonne scheint . . . das schöne, grüne Blätterspiel . . .

Marianne: (sich aufraffend) Du solltest dir solche Gedanken . . .

Onkel Ludwig: (wie vorhin; nur noch gesteigert) Und sich denn da unten sagen müssen . . . (»Kuckuck . . . Kuckuck«).

Marianne: (ebenso gesteigert) Du darfst wirklich . . .

Onkel Ludwig: (auf sie gar nicht achtend) Gelebt. was man so »leben« nennen kann . . . hat man doch eigentlich . . . (abbrechend).

Marianne: (in ihren Kleinmut dadurch wieder zurückgefallen; freudlose Geste) Wer . . .

Onkel Ludwig: (ihren Satz aufnehmend und zu Ende führend) Wer . . . »lebt« überhaupt?

Marianne: (stockend; trostlos) Jedenfalls . . . wir . . .

Onkel Ludwig: (sich mit Gewalt zusammenruckend; wieder »Herr seiner selbst«; von neuem veränderter Tonfall) Bloß einen hab ich gekannt! Der hat gelebt! Und tuts wahrscheinlich auch noch! . . . Von dem Racker hab ich dir schon oft erzählt! Der hat sich um den letzten, grauen, kreuzvermaledeiten Rätselurgrund aller Dinge nie bekümmert! In Rom und Paris, in London und Neuyork, in Konstantinopel und Kalkutta: überall traf ich den Halunken! Totus mundus in femina! Der Welt einzger Sinn ist das Weib!

Marianne: (die sich in der Zwischenzeit wieder gefaßt hat; nur um jetzt etwas zu sagen; leis-verächtlich vor sich hin) Auch . . . eine Philosophie!

Onkel Ludwig: (der auf ihre Bemerkung nur mit halbem Ohr geachtet hat; sich für den von ihm in seiner Rückerinnrung Bewunderten mit immer größerer Verve und Wärme ins Zeug legend) Den hatte unser alter, lieber, kluger Gott Vater in seinen großen, bunten Wundergarten nicht umsonst reingesetzt! Heut n junges, kaum fünfzehnjähriges, kreolisches Milliardärsbaby, morgen dafür schon ne um so ausgewachsnere, klassisch gebaute, englische Lady, wo dann der so lange kaltgestellte Herr Gemahl über beide pflichtschuldigst den mit taubenei-großen Brillanten besetzten Sonnenschirm balanzieren durfte, übermorgen, als Intermezzo, eine, die vor womöglich noch erst acht Tagen, da so hinter Temesvar oder Bukarest rum, auf wildem, ungesatteltem Hengst mit nackten Beinen über die Pußta gejagt war . . . und so die ganze Skala! Und verrückt waren all die verdrehten Frauenzimmer, Weibsbilder und Luders in den verdammten Sakramenter, verrückt . . .

Marianne: (die schon kaum mehr auf ihn hinhört; fast nur noch wie mechanisch) Dein » Homme de fer«, wie du ihn immer nennst. Dein Neo-Don-Juan!

Onkel Ludwig: (bereit, in dieser schönsten seiner Erinnrungen ganz und gar aufzugehn) Der einzge Mensch, den ich in meinem Leben beneidet habe! Weiß der Deubel, wie er das immer gemacht hat! Unsereins . . . (Auto; drei kurze ungehaltne »Buh«laute).

Marianne: (ihn plötzlich unterbrechend) Einen Augenblick! Verzeih! . . . (ihre Züge haben auf einmal einen aufmerksam, gespannten Ausdruck angenommen) Wie sah dieser moderne, internationale Abenteurer, Liebesritter und Frauenheld, der einen so gewaltigen, fabelhaften, fast mythischen Eindruck auf dich gemacht hat, aus?

Onkel Ludwig: (verblüfft) Aus? Wie soll er ausgesehn haben? Mensch, wie jeder andre! Etwas über mittelgroß, schlank, aber dabei doch kraftvoll . . .

Marianne: (fortfahrend) Blühende, leicht gebräunte Gesichtsfarbe . . .

Onkel Ludwig: (im selben Satz weiter) Blond . . .

Marianne: (im gleichen Tonfall) Blond . . .

Onkel Ludwig: (mit der Absicht, seinen Satz jetzt zu schließen) Und der heute allgemein übliche . . .

Marianne: (seinen Satz beendend und sofort weiter) Kurze, modisch amerikanisch geschnittne Schnurrbart ! Unter der linken Schläfe ein kleiner, kaum merkbarer Schmiß . . .

Onkel Ludwig: (ganz fragend-verwundert; als bezweifle er, recht gehört zu haben) Kaum . . . merkbarer Schmiß? . . .

Marianne: (ihre Beschreibung jetzt schließend) Jetziges Alter ungefähr Anfang dreißig und alles in allem, sagen wir Typ eines eleganten, ehemaligen Offiziers aus irgendeinem bevorzugten Reiterregiment! Bonner Husaren, Potsdamer Ulanen (Auto; höchst fröhlicher Natur) oder Berliner Dragoner!

Onkel Ludwig: (vor Erstaunen ganz paff) Hast du am Ende . . . gar heute seinen Doppelgänger gesehn? Genau so!

Marianne: (die innre Erregung, in die sie wieder geraten, vergeblich zu kaschieren versuchend) Ich kam in unserm offnen Zweispänner . . . vor noch nicht einer halben Stunde . . . von Unter den Linden her . . . als ein Automobil . . . das uns aufdringlich gefolgt war . . . dicht am Rolandsbrunnen unmittelbar hinter uns . . . während wir den Platz noch grade hatten passieren können . . . mit einer aus der Bellevuestraße heranrasenden Dampfspritze zusammenstieß! . . . Der Chauffeur . . . wie ich mich umsehe . . . in weitem Bogen bewußtlos auf den Asphalt geschleudert . . . dem einen Pferd der Feuerwehr . . . das schlotternd dastand . . . armbreit die ganze Brust aufgerissen . . . das Blut, kaskadenartig . . . stürzte und plätscherte nur so . . . die Menschen schreiend . . . und die Schutzleute um den Fahrgast herum . . . den sie als Zeugen . . . (zwei sich kreuzende Autos; ziemlich unwillig) wie es schien, festbehielten!

Onkel Ludwig: (der ihrer lebhaften Schilderung mit größtem Interesse und immer stärkerer innerer Anteilnahme gefolgt war) Und dieser . . . Fahrgast . . . du glaubst . . .

Marianne: (sich von neuem steigernd) Da der Kutscher alle Augenblicke . . . wie um die Aufmerksamkeit auf seinen Wagen zu lenken, die Signalhupe gedrückt hatte . . . was er in dieser auffälligen Manier . . . doch sicher nicht . . . aus eignem Antriebe getan . . . und was mich in der Tat veranlaßt hatte . . . mich im ersten Anfang einmal umzudrehn . . . worauf der Fremde . . . als ob er mich kenne, grüßte . . . hatte ich das bestimmte Gefühl . . . (wieder fast mit dem ursprünglichen Ausdruck ihres jähen Erschrecktseins nach der großen, weit offnen Mitteltür blickend) und habe es auch jetzt noch . . .

Onkel Ludwig: (aus der halben Erstarrung, in der er ihr zugehört, dadurch wieder zu sich kommend) Herzchen! Zuckerle! Du redest dir doch nicht etwa ein . . . du nimmst doch nicht gar an . . . daß du von einem dir gänzlich Unbekannten . . . (fernes Auto) was man so nennt . . . verfolgt wurdest?

Marianne: (mit aller Bestimmtheit) Ja!

Onkel Ludwig: (der in seiner alten Ehrbarkeit von Anno dazumal an diese ihm denn doch etwas zu seltsam vorkommende Deutung ihres »Abenteuers« noch immer nicht recht glauben will) Auf offner Straße? Per Automobil? Während du selbst . . .

Marianne: (ihrer Sache absolut sicher; seine umständliche, vorsichtige Vergewisserung ihm bestätigend) Und zwar von einem Mann . . . der wie der eben Beschriebne aussah!

Onkel Ludwig: (von der Tatsächlichkeit ihrer Annahme jetzt endlich überzeugt; über die offenbare Verworfenheit unsrer heutigen reichshauptstädtischen Zustände aufs höchste sittlich entrüstet und empört) Dieses neumodische, sittenlose Berlin heut . . .?!

Marianne: (noch immer bei ihrer Rückerinnerung an den ihr gänzlich Unbekannten; mit wieder neu einsetzender Erregung) Schon in der ganzen Art seines Grußes . . . trotz einer gewissen betonten Korrektheit . . . hatte eine so chevalereske Vertraulichkeit gelegen . . .

Onkel Ludwig: (dem dadurch die ganze Geschichte sich jetzt plötzlich sehr simpel aufzuhellen scheint) Na, denn is das doch sehr einfach! Dann kann der Betreffende dich doch bloß . . .

Marianne: (in seinen unterbrochenen Satz fast wider Willen einfallend und ihn überzeugt zu Ende führend) Für Mariette gehalten haben!

Onkel Ludwig: (dem das Exempel damit restlos gelöst vorkommt) Nu ja also!

Marianne: (letzte Bestimmtheit; immer erregter) Davon bin ich überzeugt! Das kann überhaupt gar nicht anders sein!

Onkel Ludwig: (verwundert-vorwurfsvoll) Und dann regst du dich so darüber auf?

Marianne: (fast wie zu sich selbst; auf Onkel Ludwig kaum noch achtend; irritiert-fragender Tonfall) Ein Bekannter des Hauses . . . ein Freund meines Vaters oder Georgs . . . ein uns irgendwie Nahestehender . . . und der es noch nicht wissen sollte . . . daß Mariette schon seit drei Jahren tot ist . . .?

Onkel Ludwig: (der das alles noch sehr leicht nimmt; sie unterbrechend; »a« kurz) Gott, na!

Marianne: (gequält-grübelnd vor sich hin; die gestreckten Finger der Rechten vor ihrer Stirn; fast als ob diese sie schmerze) Hinter diesem Rätsel . . .

Onkel Ludwig: (dem das nun doch »zu viel« wird; vorwurfsvoll-aufgebracht) Rätsel! . . . Rätsel!! . . . Bei dir und Georg scheint nun wirklich bald alles, was auch im entferntesten mal mit Mariette zusammengehangen hat . . . (sich unmutig unterbrechend und sofort von neuem beginnend) der Mann hat sie eben . . . zu ihren Lebzeiten gekannt . . . war wahrscheinlich hocherfreut . . . als er sie heut in dir wiederzusehn glaubte . . . und so ist es vielleicht bloß zu bedauern . . . (erster, leiser Wolkenschatten) daß da die unglückliche Katastrophe . . .

Marianne: (mit starren Augen, plötzlich, wie somnambul vor sich hin) Ich empfinde und weiß . . . ich verspürs mit einer instinktiven, elementaren, mir ganz zweifelsfreien, innersten Sicherheit und Gewißheit . . . daß dieser Mensch . . . der mit unserm Leben durch irgend etwas Geheimnisvolles schon verknüpft sein muß . . . dessen Gedanken jetzt in diesem Augenblick um uns sind . . . und der jeden Moment . . .

Onkel Ludwig: (der ihrem Blick, den sie bei den letzten Worten wieder nach der offnen Tür gerichtet hatte, unwillkürlich gefolgt war; ihre Atempause benutzend; von ihrer Erregtheit bereits angesteckt) Aber Goldkindchen! Herzblatt!

Marianne: (durch seine Zwischenworte wie aus einem Traum erwacht; veränderter Tonfall; erschöpft schließend) Daß von diesem Menschen . . . für uns alle ein vielleicht schon ganz nahes . . . letztes . . . größtes . . . und schwerstes Unheil heranzieht!

Onkel Ludwig: (einer gewissen, innerlichen, dunklen Angst sich jetzt ebenfalls nicht länger erwehren könnend) Du kannst einen . . . (wieder hellster Sonnenschein) wahrhaftig wirklich . . .

Marianne: (mit dem Versuch sich wieder zusammenzuraffen) Ich hätte bei meiner Rückkehr . . . eigentlich unbedingt auf einige Minuten . . . auch noch zum Vater und der Großmutter mit rangehn müssen . . . war aber so erschöpft, daß ich kaum wußte . . . wie ich mich durch den Garten fand! Und als du mich dann vorhin . . . ohne daß ich dein Kommen gehört . . . plötzlich . . . so unvermutet ansprachst . . . hatte ich für den Bruchteil einer Sekunde fast die schreckhafte Illusion . . .

Onkel Ludwig: (der ihrem Blick, der wieder unruhig nach der großen Mitteltür geflackert war, wieder unwillkürlich gefolgt war; als könne er die Möglichkeit, die Marianne damit andeutet, unter keinen Umständen annehmen oder gar an sie glauben) Durch . . . diese . . . Tür? . . . Du hast geglaubt . . . du hältst es für . . . möglich . . . daß dieser freche . . . Patron . . .

Marianne: (vollkommen erschöpft und wie nach einem Paroxysmus) Durch diese . . . oder durch irgendeine andre!

Onkel Ludwig: (dagegen sich »denn doch« auflehnend; mit aller autoritativen Empörung) Na, das . . . (in diesem Augenblick ertönt von links her sehr laut und unterbricht ihn energisch eine elektrische Klingel).

Marianne: (die zuerst zusammengeschreckt war und dann sofort aufgehorcht hat; halb nach der Tür links zurück) Georg!

Onkel Ludwig: (nachdem auch er sich inzwischen wieder beruhigt hat; nachdenklich das greise Haupt schüttelnd) Seltsam! . . . (nachgrübelnd) Es könnte allerdings sein . . . es wäre ja schließlich . . . vielleicht nicht ganz ausgeschlossen . . . daß jener merkwürdge Mensch . . .

Marianne: (mit ihrer Aufmerksamkeit, seit das Klingelzeichen ertönt ist, immer wieder nach der Tür links; ihn ungeduldig unterbrechend; mit dabei fast schmerzlich zusammengezogenen Brauen) Unsinn! . . . Dein abgeschmackter Seladon und Mariette!

Onkel Ludwig: (der sich so leichten Kaufs von seinem »Merkwürdgen« nicht abbringen läßt) Nein, nein, du!

Marianne: (noch gesteigerter als vorhin) Reden wir nicht mehr darüber!

Onkel Ludwig: (hartnäckig) Ich versichre dir!

Marianne: (wie etwas Unsichtbares von sich abschüttelnd) Es war eine ganz willkürliche, lächerliche Kombination!

Onkel Ludwig: (von seinem »Merkwürdgen« noch immer nicht lassend) Die Beschreibung, die du mir gemacht, paßt auf ihn so akkurat . . .

Marianne: (jedes weitere Wiederdaraufzurückkommen ihm damit abschneidend) Du tust mir einen Gefallen!

Onkel Ludwig: (dem jetzt nicht recht etwas andres »übrig« bleibt; so gern er bei ihrer »ganz willkürlichen und lächerlichen Kombination« auch noch »des längeren verweilt« hätte; »a« lang, »o« kurz; beide betont) Ja, no! . . . (zögernd; Spatzen und Buchfinken) Wenn du meinst . . .?! (definitiv damit abrüstend; sein letztes Resümee ziehend) Wär ja auch . . . noch doller! . . . (sich in seinen Sessel zurücklehnend; epikuräisch-asketisch) Integer vitae scelerisque purus! Reinen Lebens und frei von Schuld! Der einzge Kantus . . . (Pferdegetrappel und Auto) den ich mir wie eine Art Wahr- und Wahlspruch . . .

Marianne: (die plötzlich starr aufgemerkt hat) » Integer . . . (mit einem Blick nach der Meduse) vitae«?

Onkel Ludwig: (der diesen Blick bemerkt hat) Was hast du? . . . Was ist?

Marianne: (in schnell wachsender Erregung; die Linke leicht vor der Stirn; zuletzt, wie entsetzt, wieder nach der Meduse) Das . . . war die Melodie! Jetzt . . . erinnre ich mich! Deutlich . . . Unter ihren getragnen . . . feierlichen Klängen sah ich . . . wie in dieser furchtbaren Nacht . . .

Onkel Ludwig: (besorgt-angstvoll; von ihrer Erregung wieder angesteckt) Sieh nicht hin! Sieh nicht hin . . . Du wirst uns noch nächstens . . .

Marianne: (mit geschloßnen Augen wegblickend) Grauenhaft!

Onkel Ludwig: (der sie mit aller Gewalt ablenken will) Ein Nervensystem . . . mehr als eins . . . hat man doch nu mal nich! . . . Diese Melodie . . . oder ne andre! Du legst der Sache . . .

Marianne: (wie aus einem innersten Schauder) Mariettes Lieblingsmelodie!! . . . Mariettes . . .

Onkel Ludwig: (sie nicht weitersprechen lassend; seine Uhr ziehend; ein vorsündflutliches Gehäuse aus der Urgroßvaterzeit; mit Gewalt auf ein andres Thema; brummig-grollend) Fünf Minuten vor zwölf hat er nu geklingelt! Erst jetzt das Morgenfrühstück! Son Unverstand! . . . Um eins, zwei werden wir ja dann wohl das Vergnügen haben, den Herrn Professor . . . begrüßen zu dürfen!

Marianne: (ganz überrascht-erstaunt) Hast du denn wirklich . . . ganz vergessen, was wir heute . . . (ein melancholisches Rotkehlchen) für einen Tag haben?

Onkel Ludwig: (erst jetzt auf ihr Kostüm aufmerksam; dann wieder auf den Hut und die Blumen blickend; aus tiefstem Innern; fast erschüttert) Kindchen! Du warst . . .

Marianne: (die Stimme etwas leiser) Ich war . . . bei Mariette.

Onkel Ludwig: (wieder auf den Strauß blickend) Und die bunten . . . paar Blumen hier?

Marianne: (die Stimme noch immer etwas gesenkt) Darf ich sie dir schenken?

Onkel Ludwig: (die Hand, die sie nach den Blumen ausgestreckt hat, ihr streichelnd) Deine arme, arme Schwester! . . . (in seinen Sessel wieder zurückgelehnt; vor sich hinnickend) Drei . . . Jahre nu schon! (wieder, fern, ein Auto).

Marianne: (schwer vor sich hin) Drei . . . Jahre! (Auto noch ferner und leiser).

Onkel Ludwig: (leichte, fragende Kopfbewegung nach der Tür ihm gegenüber) Und du . . . mutmaßt, daß wir ihn heute deshalb . . .

Marianne: (sich mit aller Kraft zur äußersten Ruhe zwingend) Es wäre das erste Mal, daß er an diesem Tage . . . aus seinen Zimmern käme.

Georg: (in diesem Augenblick durch die Tür links; schlanke, nervöse Erscheinung; in ihrer ganzen Haltung den ehemaligen Offizier noch verratend; das dunkle Haar an den Schläfen bereits stark ergraut; Schnurrbart noch dunkel, die Augen hellgrau und durchdringend) Guten Morgen!

Marianne: (herzklopfend aufgestanden; ihn groß anstarrend; sie hat unwillkürlich versucht, die Blumen etwas zu verbergen) . . .

Georg: (unruhig, dabei eine Zigarette rauchend, auf und ab; seine Sprechweise ist hastig knapp) Du brauchst die Dinger nicht zu verstecken! . . . Laßt euch nicht stören!

Onkel Ludwig: (die Blumen ergreifend und sie vor sich hinlegend; ruhig) Gib sie mir, Kind. Ich werde sie mir oben auf meine stille Stube stellen.

Marianne: (die sich erst jetzt etwas gefaßt hat; stockend; zu Georg) Hat dir der Diener . . . deinen Tee schon gebracht?

Georg: (durch dessen Ton fast permanent etwas wie Unruhe, federnde Unzufriedenheit oder Gereiztheit klingt) Danke. Ich rauche! . . . Hatte nur so aus Gewohnheit geschellt. Reflexbewegung! Kann ihn wieder wegtragen. (Pferdegetrappel).

Onkel Ludwig: (ablenkend; nach dem Garten hin) Eine Hitze draußen . . .

Georg: (kurz; sachlich) Ja.

Onkel Ludwig: (der dunkel die Verpflichtung fühlt, das Thema, das er aufgegriffen, nicht gleich wieder fallen zu lassen) Und das wollen nu die Eisheilgen sein! Der einzge Raum hier . . . (leichte Atempause einer erneuten, kleinen Seitenbeschwerde wegen) wo mans noch aushalten kann!

Georg: (der sich fast nur im Hintergrund nach dem Garten zu aufhält; stehnbleibend) Liebe Schwägerin . . . setz dich! Du weißt, daß mich solches Rumstehn . . . (abbrechend; seinen Gang immer gereizter, wieder aufnehmend; höhnisch nach den vier Büsten) Aristoteles, Plato, Leibniz und Voltaire! Unsre vier lieben Idioten! (flüchtig zur Decke hoch) »Kampf des Lichts mit der Finsternis!« Die lauter herrlichsten Symbolika! . . . Warum unterhaltet ihr euch nicht weiter? . . . Ich brauche bloß aufzutauchen, und alles wird stumm! –

Onkel Ludwig: (während Marianne sich still gesetzt hat; nachdem er mit ihr einen Blick gewechselt) Wir haben uns hier von nichts unterhalten! (fernes Auto; Spatzen).

Georg: (bissig-sarkastisch ; mit heimlicher, kaum noch unterdrückter Eifersucht auf die von ihm schon längst gehaßte und im Stillen von ihm beneidete, freundschaftliche Vertraulichkeit zwischen den zweien) Nein, nein! Ihr seid mal heute ausnahmsweise ohne euern üblichen Schwatz geblieben! . . . Ihr unterhaltet euch ja hier nie von was! . . . Ihr habt hier die ganze Zeit, (dabei schnell, aber doch sehr auffällig, als wolle er etwas Bestimmtes damit andeuten, nach der Meduse blickend) alle beide wie versteint dagesessen!

Marianne: (die seinem Blick gefolgt war; ganz überrascht-befremdet) Warum blickst du . . .

Onkel Ludwig: (ebenfalls zu Georg; ähnlich wie sie) Du tust ja . . .

Georg: (zu Marianne; ihn gar nicht mehr beachtend; wieder stehngeblieben) Hast du diese Nacht . . . es muß ungefähr gegen zwei gewesen sein . . . hast du da einen Traum gehabt? Irgendeine Vision? Oder Erscheinung?  . . . (da Marianne ganz perplex ihn nur mit großen Augen anstarrt) Und zwar, genauer präzisiert, dieselbe . . .

Marianne: (die ihn noch immer, wie ganz entgeistert, anstarrt; ihn unterbrechend; während Onkel Ludwig, nicht minder erstaunt, »Nase, Mund und Ohren«, aufsperrt) Woher . . . weißt du das?!

Georg: (Stellung wie vorhin; den ersten Satz, fast wie sich gegen dessen Inhalt wehrend, zornig durch die Zähne; das übrige zerfetzt-abgehackt) Mediumität . . . oder, wie du dies nennen willst, steckt an! . . . Ich war um die Zeit noch wach . . . kramte zwischen alten Briefschaften und Papieren rum . . . als ich plötzlich . . . mir unerklärbar . . . (nach den rechten Worten ringend) ich kanns nicht anders ausdrücken . . . aber ich fühlte deutlich und wußte: du tratst in diesen Raum . . . ich sah . . . wie du nach der Meduse blicktest . . . deine Züge verzerrten sich . . . auf der Orgel nebenan spielte das Integer vitae . . . du wanktest . . . ich stand wie gelähmt . . . ich konnte nicht zuspringen . . . und in dem gleichen Moment . . . schoß es mir durch den Kopf: dich durchzuckt jetzt dieselbe Halluzination . . . die du hier schon einmal . . . und als Kind gehabt!

Onkel Ludwig: (zu Marianne, die in ihrem inneren Aufruhr von Georg kein Auge läßt; rausplatzend) Aber doch auch ganz haargenau, wie dus mir eben . . .

Marianne: (ohne Onkel Ludwig beachtet zu haben; zu Georg; noch immer innerlich ganz aufgewühlt) Du hast, soviel ich weiß . . . bisher auch nur Ähnliches noch niemals . . .

Georg: (noch immer in der gleichen Stellung; ebenfalls wieder zu Marianne) Um so befremdlicher! (kurz, knapp, sachlich) Du warst damals dreizehn, man fand dich ohnmächtig, mit einer klaffenden Kopfwunde auf dem rechten Scheitel, von der dir, unter deinem Haar, noch heute die kleine Narbe blieb . . .

Marianne: (die nicht recht begreift, warum er ihr dieses alles in diesem Augenblick nieder ins Gedächtnis ruft) Ja, warum . . .

Georg: (von ihrer Zwischenfrage kaum unterbrochen; mit erhöhtem Nachdruck in seinem selben Satz weiter) Das einzige Merkmal, an dessen Fehlen ich dann später dein Phantom, wenigstens in seinem frühsten Erscheinungsstadium, von dir zu unterscheiden vermochte, der Vorfall hatte sich am hellichten Tage abgespielt, und das erste sich einstellende Resultat war dann ein wochenlanges, schwerstes Nervenfieber gewesen!

Marianne: (die noch immer nicht versteht, worauf er damit hinaus will) Ich habe dir alles . . . bereits . . .

Georg: (noch im selben Tonfall) Ich rekapituliere nur! Ich möchte mich im Moment nur nochmal vergewissern, ob das, was ich in deiner Vorgeschichte über diesen Komplex niedergeschrieben habe, nicht bloß en bloc stimmt . . . was ich für selbstverständlich halte . . . sondern auch bis in gewisse, letzte, charakteristische Einzelheiten! Entsinnst du dich noch des Monats und des Datums?

Onkel Ludwig: (da Marianne, nachdenkend, nicht sofort auf diese Frage antwortet; erst zu Georg rüber, dann zu Marianne) Täuscht mich nicht meine »Magie der Zahlen« . . . dann muß es an einem Dreizehnten gewesen sein!

Marianne: (aus ihrem Nachdenken zu Georg aufblickend) Es war an einem Maitag . . . (nach dem Garten hin, aus dem in diesem Augenblick eine Amsel pfeift) wie heute! . . . Es . . . (jetzt zu Onkel Ludwig; langsam) war an einem Dreizehnten!

Onkel Ludwig: (zu Georg triumphierend) Siehst du?

Georg: (der sich solange nicht von der Stelle bewegt hatte; zu Marianne) Davon hast du mir nie . . .

Marianne: (da er seinen Satz, durch ihre Eröffnung überrumpelt, nicht zu Ende gesprochen hat; noch immer langsam, als kehre ihr erst jetzt wieder das Gedächtnis daran zurück) Es war . . . drei Tage nach meinem . . . (dunkles, fernes Auto) und Mariettes gemeinsamen Geburtstag gewesen!

Onkel Ludwig: (wieder zu Georg; in seinem Triumph noch gesteigert) Hab ichs dir nicht gesagt?

Marianne: (vor sich hin; leise) Ich hatte es . . . vergessen.

Georg: (wie mit einem Entschluß ringend; wieder dabei, einmal, auf und ab) Gut. Um so besser!

Onkel Ludwig: (diesmal erst zu Marianne, dann wieder zu Georg rüber) Also vor heute genau dreizehn Jahren! Wenn mir das nicht mein ganzes Pythagoraskapitel bestätigt!

Georg: (wieder gar nicht auf ihn achtend; von neuem stehngeblieben; zu Marianne; jedes Wort wie dozierend und bestimmt) Du hattest bis dahin in diesem alten Hause, und zwar nur in diesem alten Hause, etwa schon von deinem fünften Lebensjahr ab, lediglich Halluzinationen rein friedfertiger Natur gehabt. Um nicht zu sagen, geradezu angenehmer!

Marianne: (die betreffenden Erinnerungsbilder jetzt wie aus ihrem Gedächtnis holend) Eine alte Dame in einer verschoßnen Goldhaube, die meine Puppen streichelte . . . ein Herr mit Puderzopf und besticktem Frack, der immer bloß um die Abenddämmrung kam . . .

Georg: (durch diese Details schon wieder ein ganz klein wenig ungeduldig; dabei fast wie aus einer leisen Skepsis) M!

Marianne: (in ihrem selben Satz, immer »weltferner«, weiter) Ein mir etwa gleichaltriger, blondgelockter, kleiner Junge, der verträumt auf einer Glasharmonika spielte, deren Töne ich nie hörte . . .

Georg: (mit zusammengezognen Brauen; fast wie in nachträglicher »Eifersucht«; ihre Aufzählung abschneidend) Kurz und gut, jene mehr oder minder nebulose Gestaltenreihe, die wir aufgezeichnet haben! Du hattest diese seltsamen Schattenwesen mit der Zeit immer lieber gewonnen, und da du dunkel befürchtetest, man könne dich eventuell von ihnen trennen, hattest du zu niemand etwas davon gesagt!

Marianne: (bestimmt) Zu niemand!

Georg: (trotzdem sich doch noch vergewissernd) Auch zu deiner . . . (unwillkürlich etwas zögernd) Schwester nicht!

Marianne: Auch zu . . . (den Namen, den er nicht ausgesprochen, nur schwer über die Lippen bringend) Mariette nicht!

Georg: (in seiner Ausführung weiter; jetzt auf den für ihn wichtigsten Hauptpunkt kommend) Und nachdem dann jene Nervenkrisis überstanden war, hatten diese Erscheinungen, die den exzeptionellen Grad deiner Medialität jedem Wissenden schon damals verraten hätten, radikal aufgehört!

Marianne: (die ihn solange, fast mit verhaltnem Atem, scheu fragend angeblickt; schwer stockend) Bis . . . auf jenen einen Fall . . . vor drei Jahren in Genf . . . wo mir Mariette . . .

Georg: (ihrem Blick nicht ausweichend; ihren Satz, fast hart, vollendend) In ihrer Todesnacht erschien!

Onkel Ludwig: (mit gewichtigster Bestätigung) Fast Schlag zwölf . . . (ziemlich nahes Auto; dumpfer, kurzer Laut) mit den deutlichen Worten . . .

Marianne: (in seine Atempause; aus innerstem Grauen; die Worte jener Nacht, noch wie sie ihr im Ohr klingen, den Kopf etwas zurück, die Augen geschlossen, unwillkürlich, langsam, wiederholend) »Noch drei . . . Jahre!«

Onkel Ludwig: (überzeugt-eifrig) Ein dir damals . . . nach meiner hier später sofortigen Deutung . . . in allerangenehmste, erfreulichste Aussicht gestelltes, ganz besondres Glücksdatum . . .

Marianne: (zu Onkel Ludwig; mit einem gequält-flackernden Blick nach Georg rüber, der für dieses angebliche »Glücks«datum früher im geheimen genau die gleiche, allerschwerste Deutung, wie sie selber, gehabt hatte) Du weißt . . .

Onkel Ludwig: (über ihren kaum noch begonnenen Einspruchsversuch bereits wieder weiter und hinweg) Dessen Eintritt wir heute . . .

Georg: (der ihm jetzt mit einer leichten, abwehrenden Geste ins Wort fällt; zu Marianne rüber) Auch ich möchte mich jetzt . . . wenigstens bis zu einem gewissen Grade . . . einer solchen, eher antipessimistischen Auffassung und Auslegung nicht mehr verschließen!

Onkel Ludwig: (durch diesen unverhofften Beistand noch ermutigter) Das für uns alle eigentliche, große Haupt- und Zentralfaktum . . .

Georg: (wieder ähnlich wie vorhin; nur noch bestimmter) Durch dessen Mitteilung du mich veranlagest, diesem gesamten, einschlägigen Komplex überhaupt näherzutreten, das aber hier und im Moment für mich nichts mehr zur Sache tut! (sich von ihr abwendend und seinen Gang wieder aufnehmend).

Onkel Ludwig: (verdutzt ihm nach) »Nichts mehr . . .«?

Georg: (resümierend-geschäftsmäßig; wie um jeden etwa dagegen möglichen Widerstand von vornherein und diskussionslos abzuschneiden) Wir werden also unsre letzte Sitzung, auf die wir nun schon seit vierzehn Tagen warten, heute abend . . .

Marianne: (ihn unterbrechend; wie von einem tödlichen Schreck betroffen; die linke Hand am pochenden Herzen und ihn ganz entsetzt anblickend) Heute . . .?

Georg: (seine letzten Worte nachdrücklich nochmals wiederaufnehmend und seinen Satz, scheinbar ganz gleichgültig, schließend) Heute abend abhalten! Ja!

Onkel Ludwig: (als hätte er nicht recht gehört; zu Georg rüber; empört) Und die versprochne Botschaft? Die Auffordrung dazu? Der deutliche Wink aus jenen andren Sphären, der uns so bestimmt vorher . . .

Georg: (scharf; den Schluß seiner Frage garnicht abwartend) Das fragst du?

Onkel Ludwig: (durch diesen Ton ganz perplex; von einem zum andern blickend) Ja, war ich denn nu eigentlich . . . an jenem Abend mit dabei . . . oder nich?

Georg: (trocken) Mir scheint, ja! Wie vom ersten Anfang an, doch wohl bei allen unsern Sitzungen!

Onkel Ludwig: (durch diese Art, die ihm bei einem Manne wie ihm und noch dazu in einem solchen Augenblick denn doch nicht am Platz zu sein scheint, immer pikierter) Darf ich dann . . . wenn der Herr Professor gestatten . . . jetzt vielleicht auch mal . . . »rekapitulieren«?

Georg: (achselzuckend) Wenn dir das irgendwie eine Genugtuung oder Beruhigung gewährt . . .

Onkel Ludwig: (ausholend) Ich möchte nur Euer Hochwohlgeboren . . .

Marianne: (unter ihrem Disput wie unter einem körperlichen Schmerz leidend) Warum streitet ihr?

Georg: (prononciert-gleichgültig; die Schuld auf Onkel Ludwig wälzend) Der Kampfhahn Onkel Ludwig!

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