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Johann Heinrich Voß: Idyllen - Kapitel 4
Quellenangabe
titleIdyllen
typepoem
authorJohann Heinrich Voß
firstpub1774 - 1800
created20170516
sendergerd.bouillon
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Die Bleicherin

(1776)

Else
            Gut geschlafen, Sofie? Ja schummele mit dem Gepäck nur
Ohne zu grüßen vorbei! Das tun nicht artige Jungfraun!
Sofie
  Hu! ich erschrak! Du dort wie die Frühlingsschlang an dem Dornbusch
Zischest den Wanderer an!
Else
                                              Komm, Mädchen; der blühende Schlehdorn
Schattet so lieblich gewölbt, und vor uns plätschert der blaue
Glänzende See. Ich pflückte mir Säuerling hier und Rapunzel,
Jung und zart, in den Korb; denn ich sage dir, Kaiser und König
Lobt den Rapunzelsalat, wenn Öl und Essig nur gut ist.
Sofie
  Schön zu ruhn, wo Violen und Schlüsselblumen umherblühn!
Schwesterchen, gib mir den Strauß. Ich muß in dem Garten am Krebsbach
Pflanzen und sän. Hier siehst du die sämtliche Gärtnergerätschaft:
Spaten und Schnur mit der Hark und im Saatkorb Erbsen und Mangold,
Bohnen, Karotten, Salat, holländische Winterkartoffeln
Und was mehr; auch Radieschen, die Erstlingsfrüchte des Gartens,
Weiß und rot. Nun, Else, was duckst du denn?
Else
                                                                              Tusch! sie bemerkt uns!
Unsere Bleicherin sang, die schelmische, wieder von Siegmund.
Bald hätt ich's auswendig gelernt und, gehn wir am Sonntag
Unter die Linden zum Tanz, sie gehöhnt: »Nun, Jüngferchen, weiß ich's!
Nur nicht rot! Dein Liedchen erbaute mich! Soll ich es singen?« –
Aber sie schwieg, da im Erlengebüsch die Nachtigall anfing.
Sofie
  Glaube, sie selbst hat das Liedchen gefertigt! Denk an den Glückwunsch,
Der uns neulich im Dorf durch lustige Reime gekitzelt;
Als ihn der Hochzeitbitter, der Bälgentreter und Vieharzt
Türe vor Tür absangen, den heiligen Königen ähnlich,
Prunkend mit Kron und Zepter, dem goldenen; einer wie Mohr auch,
Dem der papierene Stern anbrannt im hastigen Umdrehn.
Nun, wer hätt es geträumt? Den Glückwunsch reimte die Anna!
Sicher auch jetzo das Lied; drum tut sie im Singen so schämig!
Else
  Komm, wir brauchen Gewalt!
Sofie
                                                    Ich muß in den Garten.
Else
                                                                                          O komm nur!
Sofie
  Else, du läufst wie ein Wiesel! Ich folge dir kaum mit der Ladung!
Else
  Holla, du Braut! Gleich singe das artige Stückchen von Siegmund!
Anna
  Nimmermehr! nicht kenn ich ein artiges Stückchen von Siegmund!
Else
  Nicht? So werd ich die Wangen, die rot glühn, bleichen mit Wasser.
Anna
  Dirne, du Unglücksdirne verderbst mir das seidene Halstuch,
Siegmunds wertes Geschenk! O weh! in den Busen hinabläuft's!
Hu, wie kalt! An dem Rohr, fi! schäme dich! angelt ein Mannsmensch!
Sofie
  Schmunzelnd gönnt er die Strafe dem eigensinnigen Mägdlein.
Singe denn; oder dich soll! Komm, Schwesterchen, brav sie gekitzelt!
Anna
  Mord und Gewalt! Schont, Kinder! Ihr sollt ja hören! Geduld nur!
Laßt mich zuvor aufatmen! Wie unanständig man aussieht!
Sofie
  Schmuck ist alles an Schmucken! auch selbst nachlässiger Anzug.
Laß dein Hütchen nur schief.
Else
                                                  Kühl weht's in dem Schatten der Pappel
Unten am Bach, der so klar von der Mühlenschleuse daherrauscht.
Setze dich dort zum Gesang. In der Burg wohnt drüben ein Echo,
Das, wie ein menschlicher Ton, nachsingt aus verödeten Fenstern.
Anna
  Wasser zuvor mir geholt; denn ihr seht, schon durstet die Leinwand
Unter dem Sonnenstrahl und dem blendenden Frühlingshimmel.
Nimm du die Brause, Sofie; nimm, Else, die Tracht mit den Eimern!
Hurtig zum Bach! Ihr möchtet umsonst wohl hören das Liedlein!
Else
  Jetzo gerauscht auf die Laken, du Trödlerin, daß wir den Handel
Endigen! Bald ja verwelkt in dem Deckelkorbe das Kraut mir.
Sofie
  All um die Wette gesprengt! Dann, Trödlerin, rasch zu der Pappel!
Streng ist heute die Luft; und mancherlei hab ich zu ordnen,
Ehe die Sonn aus der Erde den gestrigen Regen heraussaugt.
Anna
  Ihr nun wählet auf Gras und Butterblumen das Lager
Dort an der Pappel umher; ich setze mich auf den gekrümmten
Weidenstamm. Doch gehorcht, ihr Jüngferchen! Denn der Gesang ist
Nicht vom Riesen und Zwerg und dem Schloß der verwünschten Prinzessin
Oder dem Schäfchen im Walde, womit man Kinder in Schlaf singt.
         

Bleich am warmen Strahl der Sonnen,
Leinwand, die ich selbst gesponnen
    Von dem feinsten Knockenflachs.
Dich besprengen Jungfernhände,
Daß dein Glanz die Augen blende,
    Weiß wie Schnee und Jungfernwachs.

Bald als Laken und als Bühren
Sollst du mir das Brautbett zieren
    Unter Main- und Rosenduft:
Denn Johannis hat mein Treuer
Vorbestimmt zur Hochzeitsfeier,
    Wenn der Kuckuck nicht mehr ruft.

Wer mich freit, ihr lieben Laken?
Siegmund Franke, braun von Backen,
    Und so groß, so stark und brav!
Er, der vorigs Jahr zum dritten
Seinen Kranz herabgeritten
    Und dies Jahr den Vogel traf!

Zwang er nicht vier bärt'ge Werber?
»Nehm Er Handgeld, oder sterb Er!«
    Fluchten sie und zogen gar.
Knaps! in Graus lag Kling an Klinge:
All der Hagel! welche Sprünge
    Tat mein Leutnant und Husar!

Unsers Schulzen zartes Hedchen
Und das staat'sche Kammermädchen
    Tun am Kirmes so bequem,
Knicksen, äugeln, Händedrücken,
Um sein Herzchen zu berücken;
    Doch es heißt: Mamsellchen, hem!

Bin denn ich von schlechterm Blute?
Keiner sagt im ganzen Gute
    Hüfner Hanken Böses nach!
Störche wittern Schimpf und Schande;
Und schon seit dem großen Brande
    Baut ein Storch auf unserm Dach.

Freilich geh ich nie geschnüret,
Noch gepudert und frisieret;
    Dennoch laß ich wohl mich sehn:
Wenn ich weißgekleidet tanze,
Flink und rot, und unterm Kranze
    Mir die braunen Locken wehn.

Da sollt ihr ein Flüstern hören
Durch die Stühl und auf den Chören,
    Wann den Kanzelsprung wir tun:
Siegmund, Sohn vom Müller Franke,
Mit der Jungfer Anna Hanke!
    Wer was will, der spreche nun!

Spielmann, dinge mehr Gesellen,
Daß uns hübsch die Ohren gellen,
    Wenn ihr fiedelt, harft und pfeift!
Fangt nur früh an, euch zu üben:
Jeden Abend von Glock sieben,
    Bis die Frau zu Bette keift!

Schickt euch brav auf Deutsch, Tirolisch,
Englisch, Menuett und Polisch
    Und den lieben Frauentanz!
Wenn um mich die Weiber ringen,
O dann laßt die Fiedel klingen!
    Dann ade, du Jungfernkranz!

Sofie
              Schäme dich nicht, mein Mädchen! Du schauest ja so in das Bächlein,
Als ob die Wellen am Stein du zähletest. Else, woher doch
Hat es die Hexe gelernt? Wer sollt es der Träumerin ansehn!
Else
  Stillere Wasser, Sofie, sind tiefere, heißt es in Wahrheit.
Klar auch blickt sie umher als hellblauäugiges Glückskind.
Unter Sol, dem Planeten, im Maimond kommend, am Sonntag,
Ward sie behender Natur und zu Teufelskünsten geeignet:
Also las in den Sternen Matthias Rohlfs die Bemerkung,
Die mit dem großen Kalender, dem hundertjährigen, einstimmt.
Sofie
  Nun ist alles erklärt, wie allein ihr glückte der Bleiguß!
Nur unförmige Schlacken, und nichtige, fanden wir andern:
Anna goß in den Sand! Da erschien ganz deutlich ein Mühlrad.
Else
  Vorige Neujahrsnacht, da es zwölf schlug, wankte sie rücklings,
Eine Deck um den Kopf, hellweiß wie ein Spuk, aus der Haustür;
Sieh, und blank auf dem Giebel im Mondschein flimmte der Brautkranz.
Sofie
  Künftige Neujahrsnacht, wenn nur nicht säumet der Mühlmann,
Wird ihr blank von dem Giebel die Wieg herglänzen im Mondschein,
Sanft vom Winde bewegt, im Gelull kaum hörbares Klanges.
Else
  Wird denn das Los, Brautjungfer zu sein der verständigen Anna,
Uns zu Johannis beschert? Wir verstehn dir zu schelten den Kuckuck!
Anna
  Weil ihr Gesänge versteht und Schwank mit ehrbarem Antlitz,
Darum sollt ihr geputzt, Brautjüngferchen, neben mir prangen,
Einst auch Gevatter mir stehn, wenn die lullende Wiege nur wahrsagt.
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