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Idris und Zenide

Christoph Martin Wieland: Idris und Zenide - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Schriften, 1. Abteilung: Werke, Band V (7, 8/2)
authorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherWeidmannsche Verlagsbuchhandlung
addressHildesheim
isbn3-615-00020-X
titleIdris und Zenide
pages13-155
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1767
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77.
                        Nie liebte sie, und ach! nachdem ich sie erblickt
Und nicht gerührt, so wird sie niemahls lieben.
So ist es im Gestirn geschrieben;
Nie wird in ihrem Arm ein Sterblicher beglückt.
Ganz Geist, ganz frey von körperlichen Trieben,
Von nichts gequält, von nichts entzückt,
Gleicht sie, in einem Leib den Venus selbst beneidet,
Den Wesen die kein Stoff bekleidet.
 
78.
    Nie hat das stürmische Getümmel
Der Leidenschaft ihr Herz aus seiner Ruh geweckt,
Nie den umwölkten Geist mit ihrem Dunst befleckt.
Wie dem, der vom Olymp, benachbart mit dem Himmel,
Auf eine halbe Welt den freyen Blick erstreckt,
Die Schlacht bey Akzium ein lächerlich Gewimmel
Von Fröschen scheint, die eine warme Nacht
Aus ihrem Teich die Köpfe recken macht:
 
79.
    So wird, indem vor ihr das unbegrenzte Ganze
Verbreitet liegt, der Erdenkinder Stand
Und emsiges Gewühl zu Puppenspiel und Tand;
Der Unterschied verschwind't von Cäsars Lorberkranze
Und einem Blumenkranz, womit ein Hirt beym Tanze
Sich König dünkt, weil ihn sein Mädchen wand;
Gleich achtlos sieht sie uns zu ihren Füßen liegen
Und einen Schmetterling um junge Rosen fliegen.
 
80.
    Wahr ist's, sie unterschied die nahmenlosen Triebe,
Die mir im Traume schon ihr Schatten eingehaucht,
Vom schnöden Brand gemeiner Liebe,
Die von Begierden lebt und im Genuß verraucht:
Ein ewig brennend Feu'r, das keine Gegenliebe,
Das außer ihrem Blick sonst keine Nahrung braucht,
War allzu schön und unterm Mond zu selten,
Es mit Verachtung zu vergelten.
 
81.
    Ach Itifall! Wie manches Mahl,
Wenn sie voll sanfter Huld die Augen auf mich kehrte,
Mit süßer Stimme mir mich stets zu grämen wehrte,
Und durch Ergetzungen mein Herz dem Kummer stahl;
Ach Freund! wie oft, und o wie sehr bethörte
Mein gern betrognes Herz ein falscher Hoffnungsstrahl!
Wie bald ließ wieder mich ihr ruhig Auge lesen,
Was ich für Liebe hielt, sey Freundschaft nur gewesen!
 
82.
    Aus Mitleid irrte sie oft Sommertage lang
Allein mit mir in schattenreichen Hainen,
Und ohne, wenn mein Arm sie wehmuthsvoll umschlang,
Wie keusche Furien, sich in Gefahr zu meinen,
Erlaubte sie mir, sonder Zwang,
Den bangen Trost, an ihrer Brust zu weinen;
Sie sah mich gütig an und seufzte mir zu Lieb',
Daß durch der Sterne Schuld ihr Herz gelassen blieb.
 
83.
    Herr Ritter, fiel ihm hier sein Hörer lachend ein,
Das Stück ist weinerlich; doch duldet, daß ich lache.
Ey, lehrt mich doch, ich bitte, wie man's mache,
So tapfer, so verliebt, und doch so neu zu seyn!
(Denn Winseln, ich gesteh's, war niemahls meine Sache)
Um Amors willen! Herr, wer schwatzt von Qual und Pein
An seiner Göttin Brust? – Sie läßt euch ruhig liegen;
Und ihr beklagt euch noch, sie sey nicht zu besiegen?
 
84.
    Ja, sprecht ihr, sagte sie nicht selbst ihr Herz sey kalt,
Zur Freundschaft nur gemacht, und ungeschickt zum Lieben?
Welch Mädchen spricht nicht so? und doch ist nichts so bald
Als diese Fantasie vertrieben.
O! sie verzeihen viel, zumahl in einem Wald;
Ihr braucht ja nur die Schuld auf ihren Reitz zu schieben.
Durch Feuer, Freund, und nicht durch feige Thränen
Erweichet sich und schmilzt das Marmorherz der Schönen.
 
85.
    Nach einem unbekannten Gut
Kann der beredtste Mund uns wenig Lust erwecken:
Gieb ihr der Liebe Glück zu schmecken,
Und siehe dann wie lang' die Sprödste spröde thut.
Laß Amorn Anfangs sich in Tand und Scherz verstecken,
Entflamme nach und nach das jugendliche Blut,
Und wenn ihr Auge schwimmt, wenn im halb offnen Munde
Die blasse Zunge lechzt, dann schlägt die Schäferstunde.
 
86.
    Vor Zorn und Scham erröthend, fällt
Ihm Idris hier ins Wort: Ich weiß nicht was mich hält,
(Spricht er mit Stolz) dein freches Maul zu lehren,
Daß Götter selbst ihr Bild in dieser Tugend ehren,
Die dein verdorbnes Herz den Dirnen beygesellt,
Die sich mit stumpfen Nägeln wehren.
Wie? ist die Unschuld nichts als Kunst und schlauer Tand,
Weil Itifall – bequeme Nymfen fand?
 
87.
    So trotzt, von feilen Buhlerinnen
In den Geheimnissen von Pafos eingeweiht,
Der Gecken blödes Volk euch, Schönen, ungescheut,
Höhnt euern schönsten Reitz, die keusche Sittsamkeit,
Und prahlt, weil Lais wich, euch alle zu gewinnen.
Unzärtlich, stumpf an innern Sinnen,
Ist ihre Lieb' ein bloßes Fibernspiel,
Und ihre höchste Lust ein kitzelndes Gefühl.
 
88.
    Ich Thor! wie konnt' ich auch so sehr mich übereilen,
Mein Innerstes dem ersten besten Faun,
Der mit in einem Wald begegnet, zu vertrau'n?
Empfindungen mit dem, der ohne Herz ist, theilen,
Heißt Schlösser auf die Wellen bau'n,
Und eines Tauben Milz durch Symfonien heilen. –
Sagt alles, was ihr denkt, erwiedert Itifall,
Und nennt mich rund heraus ein Thier aus Circens Stall.
 
89.
    Ich bin in euerm Sinn ein Majestätenschänder,
Weil mir ein Weib – ein Weib, und keine Göttin scheint;
Vielleicht war eine Zeit, wo ich wie ihr gemeint:
Allein, ich sah seitdem viel Weiber und viel Länder;
Und ohne Prahlerey, mein Freund,
Sie gaben mir zu unzweydeut'ge Pfänder
Von ihrer Fehlbarkeit, um jemahls vor Grimassen
Und großen Wörtern mir den Muth vergehn zu lassen.
 
90.
    Es wäre, deucht mich, unerträglich,
Wenn ich mir schmeichelte, sie könnten mir allein
Nicht widerstehn; man muß bescheiden seyn;
Drum schließ' ich so: Ich bin von Fleisch und Bein
Wie andre auch, was mir, ist jedem möglich;
Nun fand ich keine unbeweglich,
Vom goldnen Throne bis zum Stalle
Nicht Eine; jede wich, und also – weichen alle.
 
91.
    Ich weigre zwar mich nicht, die Gaben,
Womit mich die Natur begünstigt, zu gestehn;
Man schmeichelt mir, ich sey für einen Knaben
Von Fechterart noch ganz erträglich schön:
Doch, glaubet mir, wir alle haben,
Mehr oder weniger, was sie am liebsten sehn.
Die Damen zwar gestehn nicht gerne dieß Gebrechen,
Allein die Kenner sollen sprechen!
 
92.
    Was ich beschwören kann, ist, daß Kupido's Pfeil
Durch eine Marmorbrust wie durch die weichste dringet,
Und daß es uns mit Witz, Geduld und Weil'
Bey strengen Tugenden am sichersten gelinget.
Zwar wird (wie man im Liede singet)
Die Schönste gern dem Tapfersten zu Theil;
Doch pflückt auch oft Medor die Frucht von Rolands Thaten,
Und was dem Riesen fehlt kann seinem Zwerg gerathen.
 
93.
    Ein Neuling nur klagt über Grausamkeit:
Ich wiederhohl' es, Herr, sie lassen sich erbitten.
Die Unschuld? – Gut! die wohnt in Schäferhütten,
Und dort verirrt sie sich aus Unerfahrenheit.
Der andern Tugend lau'rt nur auf gelegne Zeit,
Und streckt die Waffen oft, eh' man sie noch bestritten.
Im sichern Hain, in stiller Grotten Nacht,
Hab' ich Vestalen schon zu was ihr wollt gemacht.
 
94.
    Scheint euch, mein Herr, aus allem was ich sage,
Daß Itifall fürs reitzende Geschlecht,
Wie sehr es ihn entzückt, sehr wenig Ehrfurcht trage;
So denkt ihr wahr, und mir giebt die Erfahrung Recht.
S i e  ist der Talisman, durch den ich alles wage,
Und den kein Stolz, kein Frost, kein Dräu'n noch Bitten schwächt:
Man muß im Siege nur fein nachzugeben wissen;
Ihr Zorn verzehrt sich selbst, und stirbt zuletzt in Küssen.
 
95.
    Doch zum Beweis, daß meine Theorie
Zu meinen Thaten stimmt, will ich euch was gestehen.
Gemeine Siege, Freund, Prinzessinnen und Feen,
Verloren längst den Reitz für meine Fantasie;
Sie kosten mir zu wenig Müh:
Mein Stolz hat sich ein Abenteu'r ersehen,
Wovor dem Tapfersten das Blut im Leib erstarrt,
Und welches zu bestehn mir aufgehoben ward.
 
96.
    Die Dame, die mich reitzt, ist eine schöne Wilde,
So schön, als eine noch ein menschlich Aug' entzückt;
Doch so gefährlich auch, daß niemand sie erblickt,
Der auf der Stelle nicht zum seelberaubten Bilde
Erstarrt und marmorgleich die Gärten und Gefilde
Um ihr bezaubert Schloß bey tausend andern schmückt,
Die auf Gestellen von Rubinen
Der schönen Grausamen zu Siegesmählern dienen.
 
97.
    So furchtbar die Gefahr, so groß ist auch der Lohn.
Denn wem es glückt sie ungestraft zu küssen,
Der träget, nach des Schicksals Schlüssen,
Den Feenthron mit ihrer Hand davon.
Von einem solchen Preis zur Hoffnung hingerissen,
Ließ mancher blöde Königssohn
Sein Leben hier, um sich die Ehre zu verschaffen,
Aus Augen von Achath die Göttin anzugaffen.
 
98.
    Ihr seht das zweifelhafte Glück,
Dem ich mit diesem Schritt getrost entgegen gehe;
Denn Itifalln hält keine Furcht zurück,
Und wenn er eine Welt versteinert vor sich sähe.
Ihr denkt vielleicht, daß ich zu viel mich blähe;
Allein, wer kann dafür? Es ist nun mein Geschick,
Gleich hundert andern solchen Drachen
Von Tugend, auch Zeniden zahm zu machen.
 
99.
    Zeniden? (ruft, aus halbem Schlaf erwacht,
Der Paladin betroffen aus) Zeniden?
Sie selbst, fährt jener fort und lacht.
Es scheint, daß euch mein Muth für mich bekümmert macht?
Ihr seht mich schon versteint; doch gebt euch nur zufrieden!
Die Sterne haben mir der Sprödsten Gunst beschieden:
Ich kenne mich; mir widersteht allein
(So sagt mein Horoskop) ein Bild von Elfenbein.
 
100.
    Zeniden? ruft noch einmahl, mit Geberden
Worin Verwundrung sich mit Stolz und Hohn vermischt,
Der schöne Ritter aus, und rafft sich von der Erden:
Es lebe Itifall, und wer ihn angefrischt,
Durch seinen Fall berühmt zu werden!
Nehmt meinen Dank, daß ihr mir aufgetischt:
Der Tag bricht an; mich rufen andre Sorgen;
Sucht ihr Zeniden! – guten Morgen!
 
101.
    Herr Ritter, wie so schnell? (versetzt
Der Held im Tiegerfell) und wie es scheint, entrüstet?
Hat euer ekles Ohr was ich gesagt verletzt?
Man dächte, daß ihr mehr von meiner Schönen wüßtet
Als mir gelegen ist? – Gut, thut was euch gelüstet,
Spricht Idris, der indeß zu Pferde sich gesetzt:
Laßt euch auf allen Fall die Reise nicht gereuen,
Und grüßet mir Zenidens Papagayen.
 
102.
    Mit diesen Worten spornt er Raspinetten an,
Und eh' noch Itifall Erläutrung fordern kann,
Hat ihn sein Auge schon im Horizont verloren.
Und nun erwacht, so frisch wie neu geboren,
Der junge Tag, und aus den goldnen Thoren
Des Osten fährt mit flammendem Gespann
Der Gott des Lichts, beschwert mit Abenteuern.
Doch, eh' wir weiter gehn, soll hier die Muse feiern.
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