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Idris und Zenide

Christoph Martin Wieland: Idris und Zenide - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Schriften, 1. Abteilung: Werke, Band V (7, 8/2)
authorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherWeidmannsche Verlagsbuchhandlung
addressHildesheim
isbn3-615-00020-X
titleIdris und Zenide
pages13-155
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1767
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Erster Gesang

1.
                            Für welchen Gott, für welchen Göttersohn,
O Muse, stimmest du, in Kalliopens Schleier
Vermummt, die ungelehr'ge Leier
Zum Heldenlied in kriegerischen Ton?
Versuch es nicht! Sie bleibt den Grazien getreuer
Wenn du Rinaldo singst, tönst sie Endymion;
Sie weigert sich, Kastilischen Guitarren
Den Ruhm der Amadis und Cide nachzuschnarren.
 
2.
    Die Welt ist längst der Kurzweil satt,
Den zornigen Achill, die zärtlichen Äneen
Mit andern Nahmen auferstehen
Und lächerlich verkappt in neuer Tracht zu sehen.
Was im Homer das Recht uns zu gefallen hat,
Wird in der Neuern Mund oft schwülstig, öfter platt;
Und doch sich neue Bahnen brechen
Heißt in ein Nest gelehrter Wespen stechen.
 
3.
    Schreckt diese Furcht dich nicht, und fühlt
Dein Busen Muth genug, so wage dich in Welten
Worin die Fantasie als Königin befiehlt,
Wo alle Dinge nur so viel wir wollen gelten.
Dem allgemeinen Ohr, für das der Dichter spielt,
Mißfällt die Wahrheit oft, das Ungereimte selten:
Bedien einmahl die Welt nach ihrer Art,
Und zeige, daß Vernunft sich auch mit Thorheit paart.
 
4.
    Vom dummen Ernst wird zwar dieß Bündniß angeschwärzet:
Doch sey es! Steht dir nur die Laune zu Gebot
Von deinem Hamilton, dem Zärtlichkeit und Spott
Aus schwarzen Augen lacht, halb Faun, halb Liebesgott:
Der Zefyrn gleich um alle Blumen scherzet,
Um alle buhlt, doch nur die schönsten herzet,
Und, daß sein kleines Horn die Nymfen nicht erschreckt,
Es unter Rosen schlau versteckt.
 
5.
    Durch ein verwickeltes Gewinde
Von Feerey und Wundern fortgeführt,
Sey, wer dich liest, besorgt wie er heraus sich finde,
Und nahe stets dem Ziel – indem er es verliert;
Er fühle, daß Natur sogar in Mährchen rührt,
Und daß Geschmack und Witz mit allem sich verbinde.
Er folge sonder Zwang, wohin die Fantasie
Ihn führt, lächl' oft, und gähn', ist's möglich, nie.
 
6.
    Verbirg ihm stets die unwillkommnen Züge
Der strafenden Satir' in schlaue Tändeley:
Man lese dich, man suche nichts dabey
Als wie man angenehm sich um die Zeit betrüge,
Und finde, still beschämt, daß deine Schilderey
Nicht halb so viel als die Erfindung lüge.
Ergetzen ist der Musen erste Pflicht,
Doch spielend geben sie den besten Unterricht.
 
7.
    Es dürfe was du mahlst, die schöne Unschuld lesen,
Trotz alles Furcht, die schüchternen Agnesen
Hans Jakob Rousseau eingejagt.
Die ist gewiß vorher verführt gewesen,
Die dich, getreuer Hirt, der Kuppeley verklagt.Die Rede ist hier von dem berühmten Pastor Fido des Guarini, der von einem gewissen Nicius Erythraeus beschuldigt wird, der Unschuld der Sitten vielleicht nicht sehr zuträglich zu seyn: »Denn man sage, daß die Tugend vieler Jungfrauen und Ehefrauen an den Reitzungen dieses Gedichtes, als an eben so vielen Sirenenfelsen, Schiffbruch gelitten habe.« (S. Dictionaire de P. Bayle, Article Guarini.) Wenn sich dieses wirklich ereignet hätte, so könnte es, däucht uns, schwerlich (ohne große Ungerechtigkeit gegen den guten Guarini) anders, als durch diese zwey Verse erklärt werden.
Die wahre Tugend ist nicht trotzig, nicht verzagt;
Und wagt es, ohne sich zu wenig zuzutrauen,
Den keuschen Idris selbst im Bade anzuschauen.
 
8.
    Gesetzt, sie fühlt bei dem Gemählde schon
Was menschliches: so dient es ihr zur Lehre;
Sie denkt: Wie ging' es erst, wenn ich die Nymfe wäre?
Und läuft, im Falle selbst, nur hurtiger davon.
Was Itifalln betrifft, der spricht nur Spröden Hohn,
Und diese wehren sich mit Recht um ihre Ehre.
Vielleicht daß ihn, von seinem Spott bewegt,
BrigittensNicht der sehr respektablen Heiligen Brigitte, sondern der Miß Bridget (Brigitte) Alworthy, nachmahligen Mistriß Blifil, deren Karakter vermuthlich allen, die dieses Gedicht lesen, aus der History of Tom Jones bekannt ist. Zunft durch Beßrung widerlegt.
 
9.
    Die Tadler, Muse, scheue nicht;
Das Schöne selbst gefällt nicht allen.
Wie? wenn dich auch Pantil, die Wanze, sticht?Anspielung auf Horazens Men' moveat cimex Pantilius. –
Was hälfe dir das Lob der Buden und der Hallen?
O, möchtest du, wenn dir die Menge Lorbern flicht,
Dem ächten Kenner nicht mißfallen,
Der ohne Schalkheit prüft, zum Tadel langsam ist,
Und jede Schwierigkeit, die du besiegt, ermißt!
 
10.
    Den Aristarchen liegt die Pflicht des Tadelns ob:
Sie sitzen zu Gericht, und dürfen nichts verzeihen.
Dem Züchtling zwar dünkt stets die Peitsche grob,
Doch lacht die Welt nur mehr, je mehr die Dunse schreyen.
Verdiene, wenn du kannst, des strengen Richters Lob,
Doch, ohne dich vor seinem Ernst zu scheuen.
Sein Tadel nützt der Kunst, und ging' er auch zu weit,
So schadet ihm, nicht dir, die Unbescheidenheit.
 
11.
    Gefällst du endlich nicht, stimmt Welt und Kenner ein,
Dich deines Diensts zu überheben:
So mag dein Trost in diesem Unfall seyn,
Daß du, bey süßer Müh, mir viele Lust gegeben.
Du machst, o Muse, doch das Glück von meinem Leben,
Und hört dir niemand zu, so singst du mir allein.
Und so beginne nun in ungestörtem Frieden
Das schöne Abenteu'r von Idris und Zeniden.
 
12.
    Es sank aus unbewölkten Lüften,
Nach einem schwülen Tag, der Abend sanft herab;
Die Blumen, denen er das Leben wieder gab,
Durchbalsamten die Flur mit süßen Frühlingsdüften;
Die Weste kühlten sich an Silberbächen ab,
Und luden hier und da die Nymfen in den Grüften
Bey Lunens jüngferlichem Schein
Zum stillen Bad und leichten Tänzen ein.
 
13.
    Um diese Zeit, da Tag und Nacht sich gattet,
Stieg, wie die Kronik sagt, in einem Myrtenwald
Ein junger Ritter ab. Er schien sehr abgemattet:
Doch hätte, wie er war, an Anstand und Gestalt
Don Galaor, Jocondo und Rinald,
Ja selbst Medor den Preis ihm ohne Kampf gestattet.
Er glich in Stahl dem Freund der Göttin von Cythere,
Und ohne Rüstung schien's, als ob er Amor wäre.
 
14.
    Er hatte, seit Aurorens goldne Pforten
Dem Tag sich aufgethan, bis itzt in einem fort
Die Reise fortgesetzt, die ihm gerathen worden.
Sein Pferd, ein edles Thier vom ritterlichen Orden,
Flog Rehen gleich, und doch im schnellsten Flug
Des Ritters Ungeduld nicht schnell genug:
Er ritte noch, wofern ihn Raspinette,
Die keinen Fuß mehr fühlt, nicht abgemahnet hätte.
 
15.
    Herr Ritter, sagte Raspinette,
Die Trägheit, wie ihr wißt, ist sonst mein Fehler nicht,
Ich lauf' im Fall der Noth mit Greifen in die Wette;
Allein ihr spannt bis Senn' und Bogen bricht.
Wir rennen, seit aus ihres Alten Bette
Aurora stieg, bis bald zum Sternenlicht:
Mehr ist zu viel; mir klebt die Zung' am Rachen;
Wir könnten, dächt' ich, hier wohl eine Pause machen.
 
16.
    Seht ihr die Quellen dort, die durch den jungen Hain,
Beblümt an jedem Bord, sich, Kränzen ähnlich, winden?
Bequemer kann kein Platz, selbst in den stillen Gründen
Elysiums, zum Übernachten seyn.
Ich würde frisches Gras an dieser Quelle finden,
Und ihr, Herr Ritter, schlieft bey ihrem Murmeln ein.
Ihr könntet, unterm Duft von jenen Myrtenbäumen,
Recht angenehm von eurem Fräulein träumen.
 
17.
    Der schöne Ritter hört des klugen Pferdes Wort,
Steigt ab, läßt Raspinetten grasen,
Und sucht am blumenvollen Bord
Des fließenden Krystalls, auf sammetweichem Rasen,
Zur Lagerstatt sich einen schönen Ort,
Wo, sanft von Zefyrn aufgeblasen,
Sich volle Rosenbüsch' in wilde Lauben ziehn
Und wie Rubin im Abendschimmer glühn.
 
18.
    Im Mittel dieser Rosenhecken
Ergoß das Wasser sich auf goldbestäubtem Sand
Aus manchem kleinen Arm in ein geraumes Becken,
Mit Marmor ausgelegt, doch nicht von Menschenhand.
Es schien gemacht die Badlust zu erwecken.
Der Ritter hatte kaum die Augen hingewandt,
So fiel ihm ein, sich hier ein wenig abzukühlen,
Und seinen schönen Leib vom Sommerstaub zu spülen.
 
19.
    Er schnallt den Harnisch ab, legt Helm und Lanze nieder,
Und überläßt der lauen Flut
Den frischen Reitz der jugendlichen Glieder.
Ihr unbefleckter Schnee, getuscht mit Rosenblut,
Scheint aus den Spiegelwellen wieder,
So wie der Sonne Bild von glattem Marmor thut,
Ihm hätte kaum (die Wahrheit zu gestehen)
Die alte Vesta selbst kaltblütig zugesehen.
 
20.
    Der keusche Ritter glaubt in diesem stillen Bade
Allein zu seyn und unbelauscht;
Er plätschert wie ein Aal; als plötzlich vom Gestade
Ein raschelndes Getös' ihm in die Ohren rauscht.
Es war – was rathet ihr? – die lieblichste Najade,
An deren Anblick je ein Triton sich berauscht:
Es hatte sie, auf Klee am Ufer hingestrecket,
Aus einem leichten Traum sein Plätschern aufgewecket.
 
21.
    Man kennt aus Gabalis glaubwürdigen Berichten
Die Reitze der Ondinen schon;
Auch Rubens liebte sie um Amfitritens Thron
In großen Gruppen aufzuschichten,
So wohl genährt, so üppig, und (mit Züchten)
So nackt, daß einem Mann davon
Die Augen übergehn. Wir sollten also denken,
Ihr könntet uns die Müh ihn zu kopieren schenken.
 
22.
    Viel Tritons hatten ihr vergeblich nachgetrachtet,
Viel Faunen manche Nacht umsonst für sie durchwacht;
Der schönste ward von ihr nicht schön genug geachtet;
Zevs hätte sich umsonst zum Schwan für sie gemacht.
Doch ungerochen wird Kupido nie verachtet!
Ihr Stündchen kam, da sie's am wenigsten gedacht:
Und freylich dürft' es auch der Sprödesten auf Erden
Gefährlich seyn, so überrascht zu werden.
 
23.
    Sie stutzt, erröthet, will entfliehn,
Und bleibt, indem sich schon die schönen Knöchel heben,
Wie in der Flucht versteint, halb überm Boden schweben:
Ein fremder Zauber scheint auf unsern Paladin
Den abgewandten Blick mit Macht zurück zu ziehn;
Sie muß dem stärkern Gott sich überwunden geben;
Sie steht und saugt mit gierig offnen Blicken
Der Liebe süßes Gift und schmerzendes Entzücken.
 
24.
    Der Augenblick, da uns ein schöner Gegenstand
Die ersten Seufzer lehrt, giebt uns ein neues Wesen;
Er macht die Wunder wahr, die wir in Dichtern lesen,
Flößt Klötzen Seelen ein, nimmt Weisen den Verstand;
Ein Busen sey so kalt wie Alpenschnee gewesen
Und härter als der Diamant,
So zwingt ihn Amors Hauch in Flammen aufzuwallen
Und sehnsuchtsvoll zu steigen und zu fallen.
 
25.
    Ja, Liebe, deine Macht ist groß und wunderbar!
Wer darf im Kampf mit dir zu siegen sich getrauen?
Die Nymfe, die noch kaum so unempfindlich war,
Vor jungen Faunen floh, und ohne Frost und Grauen
Nicht fähig war den Flußgott anzuschauen,
Der, hingestreckt auf Schilf, in seinem Schlaf sogar
Ihr schrecklich schien, – wünscht itzt sich hundert Augen,
Den Reitz, der sie bethört, auf einmahl einzusaugen.
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