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Idris und Zenide

Christoph Martin Wieland: Idris und Zenide - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Schriften, 1. Abteilung: Werke, Band V (7, 8/2)
authorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherWeidmannsche Verlagsbuchhandlung
addressHildesheim
isbn3-615-00020-X
titleIdris und Zenide
pages13-155
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1767
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Dritter Gesang

1.
                    Da, wo der Kaukasus sein fabelhaftes Haupt
Den Sternen zeigt, da liegt, von steilen Felsenwällen
Vermau'rt, ein stilles Thal, voll leicht bekränzter Quellen,
Vom Herbste stets begabt, vom Frühling stets belaubt;
Dem dichterischen gleich, wo einst der Gott der Höllen
Der blonden Ceres Kind, das Blumen las, geraubt;
Lau wie der Hain wo sich Dionens Tauben gatten,
Und dämmernd wie das Land der Schatten.
 
2.
    Hier ruht, umgrenzt von Gärten und von Hainen,
Auf Pfeilern von Smaragd des Gnomenkönigs Sitz,
Statt Marmor und Porfyr erbaut aus Edelsteinen;
Gemacht, den lächerlichen Blitz
Der Erdengötter auszuscheinen,
Die stolze Armuth, die vom Witz
Des Reichthums Miene borgt, die sich in Flittern blähet,
Den Lehm zu Marmor macht, und Holz zu Gold erhöhet.
 
3.
    Hier war es, wo ich mir bewußt zu seyn begann;
Hier wuchs ich, ohne zu erfahren
Wer mir das Leben gab, vom Säuglingsalter an
Von menschlicher Gestalt gesondert, unter Schaaren
Grotesker Gnomen auf, und war mit achtzehn Jahren
Vor allen Höflingen des Königs Kormoran,
Der Damen Urtheil nach, geziert mit allen Gaben,
Die ein Verjährungsrecht an ihre Gnade haben.
 
4.
    Bey Gnomen ein Adon zu seyn,
Bewies für meinen Reitz sehr wenig;
Man sagt, ein Schielender ist unter Blinden König,
Und niemahls traf dieß Sprichwort besser ein.
Indessen machte doch, zu meiner größten Pein,
Der kleine Vorzug mir mehr Herzen unterthänig,
Als je ein junger Herr, der aufs Erobern zog,
Mit einem Blick erlegt zu haben log.
 
5.
    Man kennt die Reitzungen, womit Gnomiden prangen;
Zum mindsten waren sie, mein junges Herz zu fangen,
Sich einen Überfluß von Lieblichkeit bewußt:
Hier trotzten mir zwey kupferfarbne Wangen,
Hier ein gespaltnes Kinn, dort eine breite Brust.
Für einen Dritten war ihr Wettstreit eine Lust;
Doch mich, den unverletzt so viele Pfeile trafen,
Mich hinderten ganz andre Träum' am Schlafen.
 
6.
    Wer bin ich? fragt' ich mich – Kein Gnom! dieß sagen mir
Der Brunnen flüssigs Glas, des Schlosses Spiegelwände;
Mein Herz bekräftigt es; es sagt mir's die Begier
Nach Wesen meiner Art, für die ich das empfände
Was diesen sich versagt. Wie find' ich mich denn hier?
Was brachte mich in dieser Zwergen Hände?
So fragt' ich stets mich selbst, und sann vergebens nach,
Bis meine Ungeduld zuletzt das Schweigen brach.
 
7.
    Ich fiel dem Könige zu Füßen,
Und bat ihn, mir ein Räthsel aufzuschließen,
Das mir die Ruhe stahl. Er nannte mich nicht klug:
Wie? rief er, ist dir's nicht genug
Von Kormoran den Liebling dich zu wissen?
O hätte, da ich dich noch auf den Armen trug,
Da du durch Lächeln mir die ersten Triebe zolltest,
Hätt' ich gedacht, daß du mich einst so fragen solltest?
 
8.
    Doch, was der König sprach und that
War ohne Kraft mich wieder einzuwiegen.
Nichts, was ich sonst geliebt, nichts gab mir mehr Vergnügen;
Gleichgültig sah ich itzt den ganzen Gnomenstaat
(Mein Erbtheil, sagten sie) zu meinen Füßen liegen.
Ich zog mein Herz allein zu Rath,
Und glaubte viel zu gern den Schlüssen, die es machte,
Als daß ich den Beweis ihm abzufordern dachte.
 
9.
    Nein, sagt' ich einst zu einem Spielgesellen
Dem ich gewogner war, beredet mich nur nicht,
Daß hinter jenem Berg, der in die Wolken sticht,
Nichts sey als Luft und uferlose Wellen;
Sagt mir's so oft ihr wollt, ich nenn' es ein Gedicht:
Vergebens zwing' ich mich, mir selber vorzustellen,
Ich sei ein Gnom und euers Königs Sohn;
O sagt mir wer ich bin, und nehmt dafür den Thron!
 
10.
    Der junge Gnom, der nie von Menschen was gehört,
Verlachte mich mit meinen Träumereyen:
Er stritt mit mir; doch blieb ich unbekehrt;
Die Stimme der Natur läßt sich nicht überschreien.
Ist's, dacht' ich, auch ein Traum, der schmeichelnd mich bethört,
Dem Hoffnung und Begier der Wahrheit Farbe leihen,
Es sey! Ich lieb' ihn doch! Ein Wahn, der mich beglückt,
Ist eine Wahrheit werth, die mich zu Boden drückt.
 
11.
    Wenn unser Herz erwacht, dann scheint was uns umgiebet
In die Empfindungen, wovon wir glühn, versenkt;
In des Verliebten Auge liebet
Luft, Wasser, Baum und Kraut: der Ungeliebte denkt
Daß sich des Himmels Stirn um seinetwillen trübet,
Und daß Aurora weint, wenn sie die Blumen tränkt;
Wie dem, der glücklich ist, die ganze Schöpfung lächelt,
Seufzt jenem Zefyr selbst, der Florens Busen fächelt.
 
12.
    So ging es mir! Ich suchte meinen Stand,
Und alles, was empfand und nicht empfand,
Schien mir in das, was mich betraf, verschlungen,
Von Sympathie mit meinem Gram durchdrungen,
Und besser als ich selbst mit mir bekannt.
Mein sehnend Herz gab selbst den Bäumen Ohr und Zungen;
Ich fragte sie, und dem getäuschten Ohr
Kam ihr Gelispel oft wie eine Antwort vor.
 
13.
    Ich weiß nicht, was für eine Sache
Von Wichtigkeit den Gnomen Arbeit gab:
Ich schweifte täglich ohne Wache
Im Hain umher, ich stieg ins Thal hinab,
Und eh' ich wiederkam, lief oft die Sonne ab;
Doch fragte niemand was ich mache.
Durch diese Freyheit wurde bald
Der grauenvollste Wald mein liebster Aufenthalt.
 
14.
    Die Ruhe der Natur, das allgemeine Schweigen,
Das hier aus dicht verflochtnen Zweigen
Allein die Waldmusik der Vögel unterbrach,
Schien die wollüstige Melankolie zu säugen,
Worin mein Geist so gern sich mit sich selbst besprach;
Der äußre Sinn entschlief, das Herz allein blieb wach,
Geschäftig, seine Wünsch' in seltsame Gestalten
Von Zärtlichkeit und Wonne zu entfalten.
 
15.
    Ein kleiner Zufall lehrte mich
Um diese Zeit, mein Herz noch besser kennen.
Der junge Gnom, mein Freund (das heißt, den ich
Genöthigt war aus Mangel so zu nennen)
Fing an, für ein Geschöpf, das einem Äffchen glich,
(Doch nur in meinem Aug') in voller Gluth zu brennen;
Denn in der Gnomenwelt gestand ihr selbst der Neid
Den Preis der Liebenswürdigkeit.
 
16.
    Wir stritten oft, wenn er mit aller Schwärmerey
Der Leidenschaft mir schwor, daß ihre Adlersnase
Der Thron des Liebesgottes sey,
Und daß kein Frühlingswind aus rundern Backen blase;
Mir schien es, wenn ich ihn so reden hört', er rase;
Ihm schien mein Urtheil Raserey;
Wir sahen uns nie ohne uns zu zanken;
Doch mir erweckte dieß besondere Gedanken.
 
17.
    Wie, dacht' ich, müßt' ein Mädchen seyn,
Mir Aug' und Herz zugleich zu rühren?
Kann diesen Gnom die Häßlichkeit verführen?
Und ist ein Mißgeschöpf ihm eine Venus? – Nein!
Ihn überwältigt bloß ein Trieb der allen Thieren
Gemein ist: jegliches nimmt seines gleichen ein:
Der Pfau gefällt dem Pfau, die ungestalte Eule
Find't ihren Gatten schön, glaubt daß er lieblich heule.
 
18.
    Bin ich's allein, für den kein Wesen meiner Art,
Kein Gegenstand der unstillbaren Triebe,
Die ich in mir empfind', erschaffen ward?
In Luft und Flut seh' ich den Geist der Liebe,
Der alles, was sich fühlet, paart:
Vergaß mich die Natur, nur mich allein? wo bliebe
Ihr mütterlicher Sinn? Nein, nein! Mein Herz sagt nein!
Es ahnet mir, mein Wunsch muß wirklich seyn.
 
19.
    Itzt bracht' ich oft vom frühen Morgen
Bis in die Nacht mit eitelm Suchen zu:
Wohin, rief ich, wohin, Natur, hast du
Die Göttliche vor mir verborgen?
So stahlen meines Herzens Sorgen
Bey Tag mir alle Zeit, bey Nacht mir alle Ruh:
Wohin ich meine Augen wandte,
Sah ich in wachem Traum die holde Unbekannte.
 
20.
    Einst, da ich mich von ungefähr
(Es hatte kaum zu tagen angefangen)
Im tiefsten Hain verlor, da kam ein großer Bär
Aus dem Gestrüpp'Ob das Wort Gestrüpp nur in Oberdeutschland gebräuchlich sey, (wie in Adelungs Wörterbuch versichert wird) soll von Rechts wegen keinen Dichter kümmern, sondern ob es mit Gesträuch völlig gleichbedeutend sey, oder nicht vielmehr (wie beynahe alle Synonyme) eine besondere Bedeutung habe, welche eine Beschaffenheit bezeichnet, die nicht allen Gesträuchen zukommt. Nun gilt von diesem Worte das letztere; denn Gestrüppe bedeutet ein struppiges, d. i. verwachsenes, verwirrtes und verwildertes Gesträuch; es ist also ein Wort, dessen die Dichtersprache nicht ohne Nachtheil entbehren kann. Eben dieß ist von allen brauchbaren Wörtern des Oberdeutschen und Niedersächsischen Dialekts zu sagen, für welche der Meißnische kein gleichbedeutendes hat. auf mich gerade zugegangen.
Ihm zu entfliehen war so schwer,
Als wehrlos, wie ich war, die Oberhand erlangen:
Allein, der grimmigste vom ganzen Bärenstamm,
Dem Ansehn nach, war frommer als ein Lamm.
 
21.
    Sein Brummen gleich dem Murren einer Katze
Der man den Rücken streicht; er blieb von meinem Platze
Drey Schritte stehn, und lächelte mich an
So gut ein Bär nur immer lächeln kann;
Es schien, er winke mir mich ihm getrost zu nahn,
Zu sehen was er mir in seiner rauhen Tatze
Entgegen hielt. Ich weiß nicht was mich zog;
Genug, daß mein Instinkt auch hier mich nicht betrog.
 
22.
    Ich nahte mich, ich sah, und schauderndes Entzücken,
Indem ich stand und schaute, fuhr
Schnell durch mich hin – ich sah – welche eine Kreatur!
So lieblich, (zwar vielleicht in meinen Augen nur)
Daß, mich vollkommen zu beglücken,
Mir sonst nichts nöthig schien als stets sie anzublicken.
O Götter! rief ich aus, sie ist's, die ich gesucht,
Sie ist's! – Hier hemmte mich des Bären schnelle Flucht.
 
23.
    Er lief, als ob er sich vor zwanzig Jägern rette,
Und ich, ganz außer mir, ich lief ihm nach, als hätte
Der Liebesgott mir Flügel angesetzt:
So flieht ein Reh, aus seinem grünen Bette
Von Cynthiens Gespielen aufgehetzt.
Der Räuber schien durch meinen Schmerz ergetzt,
Hielt, wenn ich hinter ihm mit kürzern Schritten keichte,
Oft lange still, und lief so bald ich ihn erreichte.
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