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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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In der Marineschule. – Unterschlagung mit Hühnerjagd. – Wieder zur See.

Von den über hundert Schulkameraden waren viele gleich mir auf See gewesen. Stillschweigende Voraussetzung war, daß ich nur so lange bleiben sollte, bis ich auf ein Schiff berufen würde.

Ein einziger Vorfall, der mit dieser Anstalt zusammenhängt, lebt frisch in meinem Gedächtnis. Kapitän Morris hatte mir ein Schreiben an Vater zur Besorgung anvertraut. Auf dem Wege zur Post begleitete mich ein Mitschüler, ein ungefähr sechzehnjähriger Strick, der zwei Jahre gefahren war. Er verlangte den Brief zu sehen, betastete ihn, spürte was, guckte rein und rief: »Du liebe Tante, 'ne Prise!« Als er hörte, daß er vom Kapitän komme, erriet er sogleich den Inhalt. »Aha«, rief er, »der Überschuß des Geldes, das dein Oller ihm gegeben hat! Wirst doch nich so dämlich sein, es ihm zu schicken?«

»Doch!«

»Blech! Es gehört dir. Du kannst dir damit verschaffen, was du brauchst.«

Dann höhnte er mich so lange wegen meiner »Ebbe«, bis ich allmählich über die Filzigkeit meines Erzeugers nachsann; so bald würde sich jedenfalls keine zweite derartige Gelegenheit treffen! Er bewies mir, daß ich unbedingt einen Anteil beanspruchen könne: ein Junge müsse eben »Pinke« im Sack haben! Währenddem erbrach er das Siegel und krähte: »Sieh, es ist offen – durch Zufall, ganz durch Zufall –, hier ist das Geld!« Ein Blick auf die Einlage wirkte, wie er vorausgesehen hatte, mehr als seine Beredsamkeit. Die Summe war wirklich sehr gering, wenn ich sie auch für unerschöpflich hielt. Dank der freundlichen Hilfe des Genossen war sie schnell vertan. Meine Rate ging für eine Flinte, Pulver und Schrot drauf; der Löwenanteil war sein.

Am Morgen zogen wir auf die Vogeljagd. Mein Begleiter ließ mir die Vorhand. Dann gab ich ihm die Waffe; wir hatten uns nämlich geeinigt, abwechselnd zu feuern. Hierin war ich angeschmiert, weil er darauf bestand, sie zu behalten. Ich forderte ihn auf, mich ranzulassen. Umsonst! Ich bezichtigte ihn des Wortbruchs und murmelte, es sei mein Gewehr. Darauf backte er gegen mich an, und ich war der Affe. So gingen wir weiter, bis uns beide vor Ärger, daß wir nichts zu erlegen bekamen oder – was dasselbe war – nichts erlegen konnten, gegen Mittag Kohldampf anwandelte. Er hieß mich nun für meine letzten Kröten Futterage in einem Bauernhof kaufen. Mir blieb keine Wahl: er mit dem Schießprügel hatte mich in der Gewalt. Dann hieß er mich frech meinen Hut hochwerfen, um danach zu bollern. Zuerst weigerte ich mich. Er schwur aber, er wolle mich den zweiten Schuß tun lassen, ebenfalls nach meinem »Deckel«; wenn ich nicht so viel Schrote reinbrächte wie er, solle ich die Krone verlieren. Na schön! Er drückte ab und gab mir die geladne Knarre. Kaum war sie in meiner Hand, so zielte ich nicht nach meinem Hut, sondern nach dem auf seiner »Birne«, rief: »Hut um Hut!« und machte krumm. Entsetzt schrie er auf: »Willst du mich killen?« »Allerdings!« antwortete ich und ließ noch einmal schnappen. Es war kein Pulver auf der Pfanne. Seine List rettete ihm zum Glück das Leben. Er entwetzte. Ich Pulver aufgeschüttet und haste was kannste nach. Er vierzig bis fünfzig Schritt voraus. Als er über eine Hecke sprang, bremste ich. Päng! Er purzelte, und meine Wut verwandelte sich auf der Stelle in Angst. Er lag auf dem Gesicht und brüllte, er sei getötet. Ich schmiß das Rohr weg und eilte hin. Er war, obwohl nur unbedeutend angekratzt, außer sich vor Schreck, flehte um gut Wetter und erklärte, daß er sterben werde. Eine günstige Fügung hatte die Ladung gerade dorthin gelenkt, wo er die Rute verdiente. Ich versicherte ihm wiederholt, er sei nicht ernstlich verletzt, und überredete ihn endlich, sich heimführen zu lassen. Unterwegs wurde ihm schon weit besser. Seinem Eide zutrotz beschwerte er sich dann bei dem Vorsteher. Der beschlagnahmte das Mordwerkzeug, ohne mich zu hören, und lochte mich ein.

Nach zwei Tagen wurde ich vorgefordert, bekam mein Fett und erfuhr, daß Vater angewiesen habe, mich auf eine grade seeklare Fregatte zu schicken. Morgens ging's an Bord. Nach wenigen Tagen gondelten wir los und kreuzten auf der Höhe von Havre de Grace. Der Kapitän, ein guter Bekannter meiner Familie, war ein ohrenbläserischer Schotte mit rotem Kehlbraten, Sohn eines königlichen Anwalts, und hatte durch Bücklinge und Speichelleckerei die Aufmerksamkeit des Hofes erschlichen. Sein erster Leutnant war von der Insel Guernsey, niederer Herkunft und gemeiner Gesinnung, ein Kujon, der jeden haßte, der besser war als er – das heißt alle. Ich hatte wackere Jungen zu Backsgenossen, und die Zeit verging anfangs recht erträglich. Doch ich sah jetzt ein, daß das Schiffsleben nicht für mich passe. Der Kapitän hatte unumschränkte Gewalt; von seiner Laune hing es ab, Himmel oder Hölle aus seinem Kahn zu machen. Ich fragte nichts nach menschlichen Launen, kroch vor keinem Machthaber; folglich war ich unten durch. Bald fühlte ich mich unzufrieden, sehnte mich nach Freiheit. Tätigen Dienst, Kampf hatte ich auf der Flotte gesucht. Hier war nichts dergleichen, nicht mal die Aussicht darauf; viele wollten ihr lebelang auf dem Meere gewesen sein, ohne einen Schuß abfeuern zu sehen. Kurz: mit der Schlacht von Trafalgar schien der Seekrieg aus zu sein, und durch die Leidenschaft des alten Duckworth für die cornwallischen Hammel und Kartoffeln war ich von dem Ehrendienst ausgeschlossen worden, der mich allein hätte halten können.

Nichts ist so knechtig-verächtlich wie die Aufführung jüngerer Offiziere auf einem Kriegsschiff. Man darf den Vorgesetzten nicht mal mit mißvergnügter Miene ansehn. Die »Behauptung« muß immer in der Hand gehalten werden; dazu die Kratzfüße als Zeichen der Unterwürfigkeit gegen alle Höherstehenden! Wen nämlich der Kapitän oder ein Leutnant nicht »riechen« kann, der ist so in ihrer Gewalt, daß er kaum das Leben erträgt. Man mag recht haben, soviel man will – gleichgültig: Vorgesetzte können wie die Majestät kein Unrecht tun. Widerstand ist zwecklos. Ob für die Manneszucht auf einer Flotte nötig oder nicht: niemand wird bestreiten, daß es vom Übel ist. Aber jeder Mißstand, den man abzustellen sucht, kommt denen zugute, die einflußreicher sind als die Verbesserer.

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