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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 86
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Die Sandbank des Lebens.

»In sechs Monaten sehn wir uns wieder!« – so klang's mir im Ohr, als mein Boot den Kai herunter längs den Stadtmauern anluvte. Der Hafen versank, die Stimmen auf dem Schoner, die mich beim Vorüberfahren grüßten, erstarben. Ich mußte mir einen Ruck geben, um meiner Steuerpflicht zu genügen. Ein Mann und ein Junge bildeten die Besatzung des Liliputkahns. Nachts machten wir bloß eine kurze Strecke. Ein leichter, aber stetiger Nordwest blies uns in die Zähne. Wir hielten uns dicht am Lande, südwärts auf Cherbourg zu, kamen aber mit unsern zwei Riemen nur langsam vorwärts. Sieben Stunden arbeiteten wir gegen den Wind. Dann ließen wir den kleinen Anker fallen. Mann und Junge schliefen bald ein. Ich blieb auf Lugaus und bemerkte, wie Fischerboote und ein Kaperlugger in die See hinausschlichen; unser winziges Boot konnten sie aber nicht sichten. Ne echte Teerjacke pennt in einem Zug nie länger als vier Stunden. Es wurde hell. Der Alte sprang auf, zog eine wasserdichte, erbsgrüne Flauschjacke ab und schüttelte sich wie ein Kettenhund. Den Jungen scheuchte er mit einer Ladung Flüchen und Rippenstößen aus seinem Loch unterm Bug hervor. Nun tauchte er zwei Finger ins Wasser und rieb sich die Augen, – Kaperwäsche! Hob ein Fäßchen, tat sich's auf den Schoß und hielt's wie ein Wickelkind. Der Junge gab ihm eine Schöpfkelle, und er zapfte sie zu einem Drittel mit Branntwein voll. Ob ich nich auch 'ne »Doktersuppe« wolle? – Er kippte sie runter wie Milch, gab dem andern auch einen Tropfen und verstaute das Tönnchen wieder. So erfrischt, fischte er einen Kieker aus der Tasche, hielt Umschau, bezeichnete die Küste als klar und hieß den Jungen den Anker aufholen, während er selbst den Mast aufrichtete. Mit einem kleinen Sprietsegel und einem Klüver rissen wir eine gute Strecke ab und legten erst um, als die Flut aus dem Kanal uns luvwärts trieb.

Bei meinem Verkehr mit vielen Völkern hatte ich mir angewöhnt, mich in die Eigenarten ihres Wesens zu vertiefen. Der Bootsmann war eine Nummer für sich. Als alter Seebär war er überaus wortkarg. Weder dem Äußern noch der Rede nach war er als Engländer oder Franzose zu bestimmen. Er bediente sich wahllos beider Zungen und sprach sie gleich schlecht. Das Gesicht glich einem Felsbrocken, das ungekämmte Haar dunklem, salzbekrustetem Seegras; Kinn und Hals waren mit einem Wochenbart bestoppelt, die Gestalt kurz, auffallend stämmig. Mit seiner roten Kappe, der bis an die Knie reichenden Jacke, den geteerten Hosen sitzlings auf einem Felsen in Indien, – ich hätte wahrscheinlich als auf ein häßliches Musterstück von Walroß auf ihn geschossen. Nach und nach brachte ich heraus, daß er auf Guernsey geboren, jedoch nach Jersey ausgewandert sei und hier die Witwe eines ertrunknen Schmugglers gefreit habe. Ihr war als Erbe ein nettes Hüttchen im Winkel einer sandigen Bucht zugefallen, und er war stolzer als ein Lord auf die Gerechtsame seines Gutes, obwohl's nur aus Sand bestand. Von der Überschwemmung des Meeres hing sein Wohlstand ab wie der Ägypter von dem Austritt des Nils, der Inder des Ganges. Hochfluten nämlich sind im Kanal oft Vorboten von Stürmen. Stürmen folgen Schiffbrüche. Durch die Strömungen, die sich gerade die Bai aussuchten, wurden Fässer und sonstiges Strandgut hineingeführt, die sein Gespons, mit ihren Falkenaugen immer auf Wacht, als rechtmäßige Prise ausschlachtete. Neben dem Schleichhandel im kleinen leistete er auch den Schmugglern im großen als Lotse Vorschub. Dabei war er nicht heikel: er leitete, mit beiden Küsten gleich befreundet, ebensooft französische Kriegsschiffe wie englische.

Die kühnen Bootsgasten nutzten die Flut und die Strömungen aus, ohne die wir nichts geschafft hätten. Vor Nacht sagte der Alte: »Wir müssen nu jene rochers luvwärts ansteuern, eh die Gezeit einsetzt, und das Boot unter ihrem Schutze festlegen bis drei Uhr morgens, demain matin, wenn sie zu unsern Gunsten umspringt. Morgen abend sollen Sie sans être aperçu in meine Bucht einlaufen und dorten so lange bleiben, comme il vous plaira

Demgemäß hoben wir den Mast aus und zogen das Boot die Felsen hinauf. Ich erkletterte den höchsten, während der Lotse äußerte: »Ich legen häufig bei diese rochers an, um einige Rotröcke von Hummer aufzugabeln, parce que ma chère femme verteufelt goût für ihn hat; und es sein viel ici.« Darauf harpunte er Aale und Hummern, wovon es wimmelte. Der Bube messerte Austern, Muscheln und andere Schaltiere los. Unser Abendbrot bestand in Fischen. Dann entriegelte der Lotse durch wiederholten Fäßchenlupf seine Kiefern und verteilte mir lange Wundergeschichten von Seeabenteuern mit Engländern und Franzosen, einschließlich des Fliegenden Holländers, den er mit vielen Eiden beteuerte. Zuletzt gab er mir das Bootssegel zum Bett, streckte sich auf den Felsen und sank in einen so gesunden Schlaf wie ein Weltkind in einem bequemen Kirchenstuhl.

Auch mich störte damals die Härte meines Lagers so wenig wie das vogelgleiche Gehock auf einem einsamen Meerfelsen. Ich saß und brütete über mein seltsames Schicksal und war neugierig auf das Ende.

Es gibt hilflosere Wesen als Waisen, deren Triebe wie gefrorne Wasserfälle schlummern, bis ihnen die Liebe lenzsonnengleich aufgeht und sie aus dem Hindämmern weckt. Weit grausamer ist das Los derjenigen, deren hartherzige Eltern von ihren Kleinen Unterwürfigkeit erpressen; dabei schenken sie ihnen nicht einen freundlichen Blick und ersticken so die Liebe, die den Kinderherzen entströmt. Zu dieser verlornen Schar gehörte ich. Die harsche Behandlung und Preisgabe durch meine Eltern hatte schwer an meinem Herzen genagt. In jahrelanger Trennung lernte ich dann: Die schlimmste Knechtschaft ist dort, wo man jegliche Freiheit denen unterwerfen muß, die man weder achten noch lieben kann. Angeborner Stolz spornte mich, die unerträgliche Fron abzuschütteln. Als die Stunde der Freiheit schlug, erwarb ich, was weder Reichtum noch Rang erkaufen kann: die Freundschaft wahrhaft edler Naturen und die weit teurere Liebe der Einen, des holdesten Erdenbildes, eines Wesens, dem ich blind vertrauen durfte. Ich sonnte mich in den Strahlen ihres Daseins. Ich konnte, kann unsere Liebe nicht für eine kindische Leidenschaft erachten, an ihrer Dauer zweifeln. Um zwei füreinander bestimmte Herzen zu binden, hatte Natur unsre Seelen gleich besaitet. Ob beisammen, ob getrennt: immer der gleiche Ton! Uns blieb auf Erden und im Himmel nichts zu wünschen. Es ging uns wie dem Kinde, das nach einem Ast greift, aber den ganzen Baum über sich herzieht und nun, überlaubt davon, unter einer Fülle goldner Äpfel steht. Ach, damals ahnte ich nicht, daß ihr Grabstein so nahe an ihrer Wiege stand! Das Licht, das Liebe mir für einen Augenblick lieh, erlosch, wird nie mehr angesteckt. Mein Dasein wurde eine quälende Öde. Schwer ist die Fülle des Kummers. Wieviel schwerer dessen Leere! Ich wähnte in dem Ozean um mich her die Trümmer meines Lebens treiben zu sehen. Da erhob ich mich und sprach laut: »Wann wird Wogenschwall und Sturm ersterben und die Ruhe des Todes über dieses Welt-Meer hereinbrechen? Wann werde ich aus seinen Tiefen emportauchen, um auf seiner stillen Brust an die fernen, friedlichen Gestade der Ewigkeit getragen zu werden?«

 

Ende.

 

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