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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 85
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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»Auf Wiedersehn!«

England und Frankreich lagen sich damals in den Haaren. De Ruyter erkundete, wie ich am besten über den Kanal besorgt werden könne. In St. Malo war's nicht allzu schwer. Die Jersey- und Guernseyinseln, die zu England gehören, sind fast nur von Franzosen oder deren Stämmlingen bewohnt. Da sie sich fast in der Mitte des Kanals zwischen den breitesten Teilen der englischen und französischen Küste befinden, sind die Einwohner politisch ganz farblos. Wenn die gewöhnlichen Verbindungen durch Krieg abgeschnitten sind, – diese Leute bringen's immer noch fertig, die ihren weiterzuspinnen. Während des letzten Waffenganges waren sie offenkundig; vermutlich hatten beide Regierungen sich ihrer bedient, um sich Kenntnis von den gegenseitigen Bewegungen zu verschaffen. Der Bootsmann, den ich heuerte, war bestimmt von den französischen und englischen Zwischenträgern gebraucht worden. Die letzten hatten ihn mit einem versiegelten Paß versehen, den er vorzeigen mußte, sobald er von einem königlichen Beamten gestellt wurde, und abzuliefern hatte, eh er sein Geld bekam.

Nun war's so weit, daß ich mich von de Ruyter trennen sollte, – dem Mann, den ich unsagbar liebte. Die Sonne sank, der Abend muß kalt gewesen sein. Ich erschauerte, vermochte mich kaum aufrechtzuhalten und krampfte mich an das Eisengeländer der Steintreppe, die vom Hafendamm zu meinem Boot führte. Als wir unten waren, merkte ich gar nicht, daß ich bis an die Kniee im Wasser stand. Ich war erschöpft wie nach einem Wettrennen; doch waren meine Gebärden feierlicher als die des Hauptleidtragenden bei einem Begräbnis. De Ruyter war ebenfalls gerührt, sein Bronzegesicht fahl. Vermutlich sprach er ruhig und deutlich; aber ich konnte mich nachher keines Worts entsinnen, bloß: »Leb wohl, Herzensjunge!« Dann suchte er einen heitern Ton anzuschlagen und tröstete: »In sechs Monaten sehn wir uns wieder.«

Seine Hand winkte mir ein letztes Ade zu. Mein Herz – ich hatte geglaubt, nichts mehr könne es bewegen – wollte springen; meine Lider, die seit Zelas Tod trocken waren, feuchteten sich. Das Herz ist der Sitz der Weisheit, hat Seherkraft, blickt in die Zukunft. Das »Wir werden uns wiedersehn« umschloß eine so natürliche Voraussage, daß der Verstand nichts dagegen einwenden konnte. Und doch sträubte sich mein Innres, das nie eine Verheißung de Ruyters angezweifelt hatte, die Worte zu unterschreiben, – es fügte hinzu: »Lebe wohl, für immer!«

Mußte ich nicht an de Ruyter hängen? Ich knotete mich an ihn wie einer, der an einem Tau über einer Klippe schwebt. Meine Gefühle waren jetzt genau so, wie wenn man ein solches Tau nachgeben sieht, oder wie wenn ein nächtens über Bord gestürzter Matrose in steigender Todesangst sein entschwindendes Schiff zum letzten Mal ins Auge faßt. Ich glaube fest, daß Liebe, Freundschaft bei feurigen Naturen jenen Bäumen der heißen Zone gleichen, die nur einmal fruchten, dann absterben. –

In der Abschiedsnacht reiste de Ruyter wieder nach Paris. Der Kaiser, den seine vornehme Art, seine ausgebreiteten Kenntnisse sichtlich gepackt hatten, beschloß, ihn für seine Zwecke zu verwenden. Er bot ihm allerlei an: Aufstieg in der Kriegsflotte, Befehl über die Küste und die Seemacht im Kanal, – eine Gesandtschaft auf einer westindischen Insel oder Rückkehr nach Ostindien. Napoleon dachte, handelte selbst. Alle Vorschläge unterbreitete er de Ruyter persönlich; die Ablehnung, durch keinen Minister vergiftet, verschnupfte nicht. Napoleon merkte wohl, daß de Ruyters Geist durch Ruhm und Ehrgeiz anzuregen, aber nicht blindlings anzustacheln sei. Er überließ es ihm daher, selbst zu entscheiden, suchte nur seine Kraft für die Pläne einzuspannen, die er eben verfolgte. Endlich wurde de Ruyter bewogen, den Schoner unter seinem ersten Steuermann nach Amerika zu schicken; hierbei tauschte er vorsorglich seine französischen Papiere durch den amerikanischen Geschäftsträger in Paris in nordamerikanische um.

Seine erste Leistung im kaiserlichen Dienst war eine geheime Sendung nach Italien. Nur ich kenne den Hauptzweck: er richtete sich gegen den »Stellvertreter Gottes«. Als de Ruyter sich mit seinem Auftrag befaßte, wurde er in einer dunklen Ecke bei dem Palast eines Kirchenfürsten hinterrücks mit einem Messer angefallen. Geistesgegenwärtig wie immer, stieß er dem Mörder seinen Dolch ins Herz. Er kam mit einer leichten Wunde davon, beschleunigte sein Geschäft und eilte nach Paris zurück.

Ich erfuhr nur noch, daß er sich bald darauf in Toulon auf einer französischen Korvette einschiffte, nach Korsika, Sardinien, von da nach der Küste der Berberei im Golf von Kabes ging. Bei einem Angriff auf Tunis begegneten sie unerwartet einer englischen Fregatte. Der Offizier der Korvette, der de Ruyters Aufsicht, nicht seinem Befehl unterstand, war tapfer, aber eigensinnig. Bis zuletzt und bis es zu spät war, hatte er aufgetrumpft, das englische Fahrzeug sei eine Korvette, nicht, wie jener behauptete, eine Fregatte; dabei hatte er ihn gereizt durch prahlige Anspielungen auf sein Vaterland, seine Pflicht, seinen Ruf, die unbefleckte Ehre der großen, unüberwindlichen Nation.

De Ruyter befand sich an einem sehr gefährlichen Standplatz. Eben versenkte er seine Briefe, als die französische Flaggenleine abgeschossen wurde. Er und der Kapitän wollten sie wieder aufziehn. Da wurden beide von zahlreichen Kugeln durchbohrt, welche die kartätschengeladnen Geschütze in voller Breitseite auf das Verdeck spieen.

Man fand ihn eingehüllt in das Dreifarb, unter dem er so lange siegreich gefochten hatte. Nun war es sein Leichentuch.

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