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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 84
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Zwei Herrscher.

Nach einer Woche kehrte de Ruyter zurück. Lange Unterredungen hatten zwischen ihm und Napoleon stattgefunden. Nach de Ruyter war er so darein verrannt, seine Macht in Europa zu mehren, daß er andres kaum beachtete: »Könnte ich den ostindischen Handel in eine Hand bringen wie die Engländer, – ich tät's nicht. Einige wenige würden sich bereichern, zuletzt das Volk als Ganzes zu Grunde gehen. Die Engländer werden's noch lernen!«

De Ruyter stimmte zu; doch sei der Handel die Grundlage ihrer politischen Macht, daher ihre Achillesferse, wo man angreifen müsse. Auf Isle de France seien zwei treffliche Häfen, außerdem einer auf der Insel Bourbon –

»Wie! Soll unser Gut und Blut diese unnützen Inselpyramiden im Indischen Ozean behaupten, den Namen eines verfluchten Herrscherhauses erhalten, das man mit Stumpf und Stiel aus dem Buch der Geschichte tilgen müßte?«

De Ruyter (mit seinem gewöhnlichen furchtlosen Freimut): »Was besagt ein Name? Es mag sein –«

»Ein Name? Ein Name? Name ist alles! Jene winzigen Felsen sind wertlos, – mögen die Engländer sie schlucken! Sie werden sie schätzen wegen der Rechtmäßigkeit ihrer Benennungen. Sagen Sie mir, – an Sie bin ich verwiesen – läßt sich in Indien was machen? Was meinen Sie? Wir haben von Ihnen gehört, – Ihr Name hat Klang. Lange hat er geschlafen; doch heißt es, sein Geist sei wieder in Ihnen aufgelebt. Ich will Ihnen Bahn brechen, um seine Wertgeltung zu erhöhen. Sie haben an Holland, Ihrem Vaterland, ein Beispiel, daß ein Handelsvolk rasch groß werden kann. Doch das hat nie Dauer gehabt, – kann nie Dauer haben. Um zu bleiben, muß ein Volk auf eignem Boden bauen. Es ist nicht schwer, Führer für unsre Soldaten zu finden. Sehen Sie (er deutete auf ein Garderegiment, das vor den Tuillerien aufgezogen war): nicht einer ist drunter, der nicht ein tüchtiger General werden könnte; bei vielen wird's dazu kommen. Doch vergebens hab ich im ganzen Land nach einem einzigen de Witt, de Ruyter oder Van Tromp umgeschaut. Ich würde sonst den Untergang eines Staates beschleunigen, dessen gerühmte Hölzerne Wälle nur so furchtbar sind wie die Chinesische Mauer, – solange nämlich die Nachbarstaaten weniger furchtbar sind. Unser gallischer Stamm ist durch und durch gallsüchtig. Zu Land ist das ein Sporn; draußen werden alle seekrank. Ich wär Seemann geworden, hätt's meine Leber erlaubt. Nie bin ich in ein Boot getreten, ohne daß das Geschunkel mich hilflos machte wie 'n plärrendes Kind. Unsre Admirale taugen noch weniger. Zweien der ältesten, die mit mir in Boulogne waren, wurde schon vom Anblick der Schiffe speiübel, die im Hafen stampften und rollten. Ein Engländer, der's ganze Jahr auf dem Meer fährt, wird in einer Woche landkrank. Unsre Zukunft aber liegt auf dem Lande, – dreißig Millionen Menschen im Herzen Europas werden, müssen fest stehn wie der Mittelpunkt der Erde.«

Er fragte aufs genaueste nach den eingebornen Fürsten Indiens, ihrer Macht und Bevölkerung, nach ihren Zerwürfnissen, Einkünften, ihrem Glauben, ihrer Wesensart, noch mehr nach ihrem Mut, ihren Fähigkeiten. An die Auskünfte knüpfte er kurze leise Bemerkungen, als sei's ihm gleich, ob sie gehört würden oder nicht.

Er schloß: »Seltsam, daß nur die Türken und Chinesen – siegreich oder besiegt – das einzige Ziel des Siegs erreicht haben: eine wirkliche Vermehrung ihrer heimischen Macht. Wenn Unduldsamkeit, Frömmelei dazu führten, hätten die Engländer ebenso erfolgreich sein müssen; denn sie sind unduldsamer, frömmelnder als jene zwei. Sie können sich mit keinem andern Stamm vertragen, selbst nicht mit ihren nächsten Nachbarn, den Schotten und Iren. Sie ziehn aus, das Seitengewehr in der einen Hand, den Hängestrick in der andern; nie legen sie die beiseite. Nach Jahrhunderten sind sie nicht einen Schritt in der Meinung und Neigung der Welt weitergekommen. Daher müssen lieber heut als morgen die Eingebornen Indiens vom Himalaja bis zum Meer ihre langverhaltnen Flüche zum einstimmigen Aufschrei werden lassen, in wildem Aufruhr ihre hochmütigen Unterdrücker, jede Erinnrung an ihre schmachvolle Knechtung ausrotten.« –

In wiederholten ausgedehnten Empfängen äußerte der Kaiser, war er allein mit de Ruyter, rückhaltlos seine Meinung, freute sich über die nämliche Offenheit. Seine durchdringende Menschenkenntnis sagte ihm, daß er's mit einem gleich starkgeistigen Mann zu tun habe wie er, – einem Mann, den weder eitler Hofprunk noch die Hoheitszeichen der Willkürherrschaft blenden oder einschüchtern könnten. Napoleon war der einzige Herrschaftsträger, den de Ruyter nicht ganz verachtete; er haßte ihn ob seines ichkranken, machtbesoffnen Ehrgeizes: »Allerdings hat er 'n paar verkalkte Greise von Gottes Gnaden ihre wurmstichigen Throne runtergeschüttelt, ihnen den Purpur abgezogen, sie dem Marktgelächter preisgegeben; aber dabei ging er arglistig drauf aus, sie durch soldatische Gewaltmenschen zu ersetzen, die Veruntertanung zu verewigen. So hofft er sich zu sichern, die Ehrgeizhälse durch Dankbarkeit oder Eigennutz zu fesseln, – als ob Ehrgeiz für etwas andres Sinn hätte als fürs liebe Ich! Im ganzen kann, wird manches Gute draus entspringen. Aber wir schulden ihm nichts: er hat nur Böses im Schilde geführt.«

De Ruyter erzählte noch, Napoleon habe ihn wiederzusehen gewünscht und angedeutet, daß er ihn bediensten möchte; als Handgeld habe er weniger als einen Schilling geboten: das Band der Ehrenlegion: »Er hätte mich dadurch herabgewürdigt, daß er einen ›Ritter‹ aus mir machte. Da schon lieber Glücksritter! – Wir wollen unsre Ladung vollends abstoßen und unser Geschäft beenden. Gedient hab' ich nur einem Mann: Washington! Damals war ich Knabe. In Frankreich, während der Revolution, suchte ich meine Freiheitslehrzeit abzuschließen. Manche gaben sich für Lehrer aus; aber ich hatte bei meinem ersten Meister genug gelernt, um sie als Quacksalber zu erkennen. – Politik beiseite! Wollen Sie, Freund, klug handeln, – wollen Sie in Ihr Vaterland zurück? Sehn Sie nach, was sich in Ihrer Familie verändert hat! Sie ist starkzählig, hat hübsches Vermögen. Sicher verdienen einige Ihre Liebe. Töricht, wenn Sie sich mutwillig menschlichen Bindungen entfremden! Zudem hat Ihre Kraft und Gesundheit bedauerlich gelitten. Eine Winterreise nach Amerika würde Sie aufreiben. Versuchen Sie's einige Monate mit der Heimatluft! Dann bin ich zurück. Sollte ich durch unvorhergesehne Ereignisse verhindert sein, so können Sie in Amerika oder wo immer zu mir stoßen.«

Der Entschluß fiel mir schwer. Endlich entschied ich mich, – aber erst, als de Ruyter St. Malo verließ. Der Augenblick nahte bald. Seine Mannschaft bestand jetzt im Austausch gegen Franzosen und andre Ausländer zumeist in Amerikanern. Amerikaner sind begreiflicherweise in keinem Lande gern außer dem ihrigen.

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