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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 81
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Heilige Flamme.

Wollte ich schildern, was ich damals gefühlt habe, noch jetzt fühle, wo Zeit und Kummer mich abgestumpft haben, – hieße es nicht einem Schatten nachjagen, mich zwecklos ängstigen? Mahomets Bekenner werden von klein auf angehalten, die geheimen Regungen des Herzens nie vor andern zu enthüllen: morgenländisches Pflichtgebot, Gesetz der Selbsterhaltung! Und wir? – Hatte ich die letzte Kummerträne vergossen? War es Betäubung? Überpeitschung? – Gleichgültigkeit kam über mich, vermehrt durch reichlichen Genuß von Opium, das ich damals rauchen lernte, und schnell eignete ich mir eine gelaßne Miene an, worum der ernsteste Türke auf seinem Polster, der stocksteifste Lord mich beneidet hätten. De Ruyter mit all seiner Menschenkenntnis konnte sich einen so befremdlichen Wandel nicht erklären. Meinem Benehmen nach schien ich an einem Tage um das Dreifache gealtert. Er hätte mich für wahnsinnig halten können oder doch nahe dran; aber meine Handlungen bekundeten eine Genauigkeit und zielstrebige Regelmäßigkeit, wie ich sie nicht in meinen Glückstagen gezeigt hatte. Dem Scheine nach trauerte ich nicht, nie weinte und klagte ich. Meine Lebensgewohnheiten, bisher schon mäßig und nur gelegentlich ausgeufert, – der Vernünftigste hätte sie loben müssen. Pflichtbissig erfüllte ich die einförmigsten Obliegenheiten. Der Umbruch trat seltsamerweise ein, als Zelas Kristallseele mich verließ.

Der Leichnam war noch an Bord. Ich sagte de Ruyter, wie ich's damit zu halten gedächte, und schickte den größten Teil meiner Leute auf die Grab. Sie steuerte nach Port St. Louis, ich fuhr nach Port Bourbon an der Südostküste, wo wir schon früher angelegt hatten. De Ruyter wollte die von Java mitgebrachten Briefschaften abliefern, sich mit dem Statthalter besprechen, dann mit dem Arzt und dem Reis zu mir herüberreiten. Auf dem Schoner hatte ich nur die unbedingt nötigen Leute behalten, hauptsächlich Morgenländer, – den treuen Stamm eines jetzt führerlosen Hauses. Noch in derselben Nacht ging ich in Port Bourbon vor Anker.

In der kurzen Spanne, die in einem so heißen Klima Tod und Verwesung trennt, hatte ich mir den Kopf zerbrochen, wie mit der Leiche am wenigsten abstoßend zu verfahren sei. Natürlich dachte ich zuerst an die allgemeine Herberge des Todes, die Erde, – an jene blumenduftende Laube, die wir zusammen in de Ruyters Garten angelegt hatten. Als ich mich jedoch der ungezählten ekelhaften Würmer und Käfer erinnerte, die wir ausgegraben hatten, verbannte ich schaudernd den Einfall. Das helle, tiefe Gewölb des schönen Urstoffs, den ich liebte, auf dessen Dach wir beiden unser Leben verbracht hatten, – was konnte sie dort stören? Aber meine Einbildung kehrte zu dem grauenhaften Auftritt nach Louis' Versenkung zurück. Dann fiel mir ein, den Leichnam einbalsamen zu lassen und zeitlebens mitzuführen. Dagegen erhoben sich so viel Schwierigkeiten, daß ich mir's versagen mußte. Zuletzt kam mir die heidnische Feierlichkeit in den Sinn, den Körper durch Feuer zu vernichten, vielmehr in die Form zu gießen, woraus er in seine Grundbestandteile übergeht. Der Scheiterhaufen, die Läuterung durch die Flamme, die einfachen rührenden Bräuche, die Beispiele gottähnlicher heidnischer Weiser, deren Vergängliches so geopfert wurde: all das wirkte auf mein Gemüt und festete meine Entscheidung. De Ruyter billigte sie, der Arzt wollte gern das Nötige herbeischaffen und bei der Ausführung helfen, die ihm aus Beschreibungen geläufig war. Deshalb hatte ich auch in Port Bourbon, dem abgelegensten Teil der Insel, geankert. Hier gab's keinen Handel, außer vier, fünf elenden Katen kein menschliches Obdach. Die Holländer hatten eine Stadt gründen wollen, – sie war längst verschilft.

Beim Morgendämmern sandte ich einen Zug meiner Araber weit nach dem Hintergrund des Hafens, um ein Zelt aufzuschlagen und dürres Holz zu sammeln. Dann schloß ich mich in die Kajüte und verbrachte hier den ganzen Tag, – den letzten, wo ich die betrachten durfte, die mir gewesen war, was die Sonne der Erde ist.

Das Malaienmädchen, das auch von den Giftfrüchten genossen hatte, siechte noch immer und wurde nach einem andern Teil des Schoners geschafft. War es nun ihre derbe Natur, hatte sie weniger geschluckt, – dazu das Gegenmittel des Arztes: sie lebte; es bestand sogar die schwache Hoffnung, sie ganz gesund zu machen. Ich hatte kein Mitgefühl für sie übrig. Aduh hatte sich in eine dumpfe Betäubung hineingeweint und -gestöhnt und nahm nur gezwungen Nahrung. Ich betrachtete auch sie ganz gleichgültig; ihr Schluchzen beeinflußte mich nicht stärker als der Sturm, der in den Wanten heult.

Meine einsamen Betrachtungen unterbrach nach Mitternacht der Ruf, vom Ufer werde ein Signal gegeben. Das mit de Ruyter verabredete Zeichen! Die Boote waren bereit. Ich sandte eins für ihn und seine Begleiter ab und bemannte die Pinasse der Grab, die er mir geborgt hatte. Zela hatte ich in die reichste Tracht ihres Landes gekleidet: das gelbe Leibchen war mit kleinen Rubinen benäht, das Überhemd, die weiten Beinkleider aus meergrünem indischem Krepp, mit Gold verbrämt; das Oberkleid aus feinstem indischen Musselin; die Pantoffel und die gestickten Tücher, womit sie ihr Haar aufband, Brust und Untergesicht verhüllte, mit Perlenschnüren und einzelnen Perlen besetzt. Nur eine Flechte behielt ich und barg sie auf dem Herzen. Ich hüllte Zela sorgsam in einen weiten arabischen Mantel aus weißem Kamelhaar und trug sie ins Boot. Ich war nur noch eine Maschine.

Als de Ruyter sagte, an Land sei alles bereit, fürchtete ich, nicht das Boot entlanggehen zu können; dennoch sträubte ich mich gegen jede Hilfe. Ich stieg über die Backstag in die See, preßte meine köstliche Bürde an die Brust, sorgsam behütete ich sie vor dem Wasser, trug sie durch die Brandung ans Ufer. Die Kühle stärkte mich. Ich wankte auf den Scheiterhaufen zu. Mehr erkannte ich nicht. Ein Totentanz huschte hin, her, hielt, mich anzureden. Ein schwarzer Eisenkessel – oder war's ein Sarg? – stand auf dem Holzstoß.

Ich legte den Leichnam in die Höhlung so sanft, wie die Mutter das schlafende Kind in die Wiege. Dann zog man mich einige Schritte weg und hielt mich fest. Öle, Gewürze, Moschus, Kampfer, Ambra wurden, man hat mir's nachher gesagt, körbeweise aufgeschüttet. Dürre Bambusstäbe, Binsen deckten alles zu. Als es angezündet wurde, nahm ich nur eine undurchdringliche Rauchsäule wahr. Ich suchte zu sprechen, – der Hals war mir ausgetrocknet. Ich beschwor sie durch Zeichen, mich loszugeben. Sie ließen nicht locker. Durch einen plötzlichen Wirrwarr, den ich damals nicht begriff, – Aduh hatte sich in die Flammen gestürzt, wurde herausgezogen – war ich frei. Um ein Gleiches zu tun, sprang ich vor, strauchelte aber so nahe beim Feuer, daß meine vorgestreckten Hände stark verbrannten. Was folgte, – ich weiß es nicht. Ich erwachte in einer Hängematte an Deck des Schoners.

Was Menschennatur ertragen, überleben kann, – ich habe es. Ich fluchte meiner Körperkraft, die dem Todesdrang zutrotz den Geist des Lebens bannte. De Ruyter hatte dringende Geschäfte in Port Louis, kam aber häufig nachts zu mir. Ein Kästchen mit Zelas Asche wurde mir überreicht und war immer in meiner Nähe. Man setzte mir zu, de Ruyter nach der Stadt oder in sein Landhaus zu begleiten, – ich wollte den Schoner nicht verlassen.

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