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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 80
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Die Büchse Pandoras.

Lange vermochte ich vor Schwäche nicht auf das zu achten, was sich vor meinen Augen abspielte, geschweige denn es zu behalten. Alle Einzelheiten huschten vorüber wie die blitzende Furche unsres Kiels im Wogendunkel. Die Schwingen meines Geistes wollten mich nicht fürder tragen, meine Einbildung blieb an Zelas Krankenbett gefesselt. Keine alltäglichen Bande verknüpften uns. Sie war wie der Vogel, den der Sturm vom Land gescheucht hatte, und der nun Zuflucht an meiner Brust suchte. Und sie glich wirklich einem holden Vögelchen; zu zart für andre Hände, wurde sie von mir erwärmt und gehegt. Immer noch versprach der Arzt, der seine Zeit zwischen beiden Fahrzeugen teilte, sie ganz wiederherzustellen; freilich heische der Stoß, den ihr zarter Leib erlitten habe, Zeit und Sorgfalt. –

Wir waren nun fast einen Monat auf See. In Zelas ganzem Wesen zeigte sich unverkennbare Besserung. Wie gewöhnlich hatte ich die ganze Nacht an ihrem Lager verbracht und schlief nun unter dem Zeltdach des Verdecks. Noch quälte mich ein Angsttraum von der Witwe auf Java, – da weckte mich Aduh, die von ihren Verletzungen nahezu genesen war. Ihren bewegten Gesichtszügen nach war etwas geschehen! Eh sie ein paar zusammenhängende Worte heraus hatte, war ich an Zelas Bett. Sie wand sich in furchtbarster Pein und klagte, der Magen verbrenne ihr. Augenblicklich rief ich den Steuermann an, er möge den Doktor von der Grab heranwinken. Die lag aber unglücklicherweise außer Sicht, überdies war es beinah windstill. Ich fragte Aduh nach der Ursache der Verschlimmerung. Sie deutete auf einen Topf auf dem Tisch. Da die Gebieterin lange nichts genossen, habe sie mit ihrer Gefährtin die Vorratskammer durchstöbert, um etwas zur Anregung der Eßlust zu finden: »Wir entdeckten das Gefäß mit eingelegten Früchten. Die Herrin liebt ja Süßigkeiten. Sie nahm ein gut Teil und gab auch der andern. Die wurde von den nämlichen Schmerzen befallen. Ich sah, die Früchte mundeten meiner Frau, und versuchte auch. Aber nur eine. Schon die hat mich krank gemacht. Gewiß ist Gift drin!«

Gift! Das Wort drang mir wie ein Pfeil ins Gehirn. Ich langte aus der Kruke, die sorgfältig durch Gummiharz verschlossen gewesen war, einige Früchte: sehr schöne grüne, gelbe Muskatnüsse, mit weißem Kandiszucker eingemacht. Hätte die schlimme kleine grüne Java-Schlange den Kamm daraus hervorgereckt, es hätte mich nicht so erschüttert. Ich besann mich nämlich, oft bei der Witwe von Yug aus einem ganz ähnlichen Hafen solche Nüsse genascht zu haben. Ihr diente eine vertraute Sklavin, deren Herz ich dadurch gewonnen hatte, daß ich ihr ein am Arme zu befestigendes Silberbüchschen schenkte. Drin war ein aus Mekka stammender Papyrusstreifen mit einer Zauberformel in Zeichenschrift, und ich offenbarte ihr, dieser Freipaß werde sie als einzige ihres Geschlechts ins Paradies bringen. Die Frau nun sah mich damals fest an und fragte: »Habt ihr meine Gebieterin schon erzürnt?« Ich lachte. In dem Augenblick trat die Witwe aufgeräumt ins Zimmer, tätschelte mir die Backen und lief wieder hinaus, um Kaffee zu machen. Kaum war sie draußen, fing die Alte wieder an: »Ich wollte sagen: Wenn meine Gebieterin aufgebracht ist und ihr Muskatnüsse verzehrt habt, die von ihr zubereitet sind, würdet ihr das Schutzwort besser für euch behalten, das die Pforten des Paradieses öffnet. Ihr seid zu jung und zu glücklich, um schon dorthin zu gehen. Ich hab einmal einem Ehemann das gleiche geraten. Er war ein guter Mann und schenkte meinem Sohn die Freiheit. Ich warnte ihn, Muskatnüsse zu essen, als – ach – als –«

»Und warum nicht?«

»Er wollte dasselbe von mir wissen. Aber ihr Männer seid alle Ungläubige. Ihr nehmt nichts an, was die Frauen euch sagen, wenn sie alt sind; was aber noch schlimmer ist, – alles, wenn sie jung sind. Meine Herrin sah einen andern, der ihr besser gefiel. Einmal hörte ich, wie sie bittre Reden über meinen Herrn führte. Folgenden Tags merkte ich, wie sie ihm derlei Süßigkeiten vorsetzte, worauf er erkrankte. Bald trug man ihn aus dem Haus. Ein andrer kam rein, der sich seine Pantoffel und seinen Turban antat. Aber ich kann in den Gedanken meiner Herrin lesen: bis jetzt liebt sie euch noch und will euch nichts Übles. Ich behalte also den Zauber, – ich werd ihn bald brauchen. Aber hört gut zu: reizt meine Gebieterin nicht; denn dann ist sie ebenso tödlich wie das Gift des Schietikbaums, der in der Dschungel wächst und niemals von der Sonne beschienen wird!«

Wir wurden abermals durch die Witwe und ein Halbdutzend Sklaven unterbrochen, die Kaffee und kaltes Wasser brachten. Die Warnung machte damals einigen Eindruck auf mich: ich ließ die köstlichsten Leckereien der Welt stehen. Sie war mir, bevor ich abfuhr, durch viele noch überzeugendere Geschichten bekräftigt worden. Später hatte ich mich oft beglückwünscht, jenen Klauen entronnen zu sein. Nun aber blitzte der Schreckensgedanke auf, das geile Weibstück habe mit Hilfe des Teufels den Arm über den Indischen Ozean gereckt, um die Pandorabüchse auf unser Schiff zu schmuggeln; keine Nachforschung führte darauf, wie sie hergekommen sei.

Während ich so der höllischen Latwerge nachsann, halb unwissentlich, wo ich sei, – war mir, als hörte ich das abgründige Hohngelächter der Vettel. Ich meinte sie zu sehen, wie sie hinten in ihrem Boot stand, drohend, fluchend, als ich den Hafen Batavias verließ. Laut und wild verwünschte ich sie, – da vergaß Zela, erschreckt auch durch meine Blicke und Gebärden, einen Augenblick ihrer Todesangst, nahm mich bei der Hand, zog mich aufs Bett und versicherte mir in den sanftesten Tönen, es werde ihr wieder besser. Sie bat mich, den Kopf auf ihre Brust zu legen, um ihn zu streicheln. Sie sah die angeschwollnen Adern: »Jeden Schmerz kann ich ertragen, nur den nicht, dich leiden zu sehen.«

Ihre Ruhe täuschte mich flüchtig; aber der überanstrengte Geist zermalmte fast den gebrechlichen Körper. Bald sprach sie fahrig, unzusammenhängend, – ihr zerrütteter Verstand war ein Vorbote des nahen unseligen Ausgangs. Jeder Muskel, jeder Nerv zuckte wie in eignem Krampf. Mit dem Erdenklichen suchte ich ihren Schmerz zu erleichtern. Das Gift nagte an ihrem Lebensmark, – die Geisteslähmung war noch eine Linderung.

Als der Arzt endlich kam, versagte auch sein Können. Er untersuchte das Gefäß, verglich die beiden Kranken und erklärte meinen Verdacht für begründet. Welche Verheerungen richtete das Gift Schritt vor Schritt in Zela an! Sie schwand mit jedem Tage mehr dahin, bis sie beinah ein Schatten war. Ich wich nicht von ihr. In den wenigen lichten Minuten schmiegte sie sich zärtlicher an mich als sonst. Unsre Tränen flossen dann ineinander, und wir erneuerten das Gelübde, uns nie zu scheiden. Treffender hat kein Dichter gesungen: »Liebe ist wahr wie das Leid, woraus sie geboren wird.« Leid war der Vater unsrer Zuneigung. Als wir einst gesund und selig in unsrer Hütte auf Borneo weilten, hatte sie mir offenbart: »Ich sah dich in das Zelt treten, worin ich gefangen war. Alle flohen. Es war das Haus des Todes. Du kamst wie ein rettender Engel. Meinem Vater hast du nicht helfen können. Aber du hast ihn gerächt. Du hast ihn im Tode getröstet. Mußte ich dich damals nicht bewundern? Du wandtest dich mir dann zu. Meine Bewunderung wurde im Nu zu Liebe. Noch weiß ich nicht, durch welchen Zauber. Du nahtest dich mir. Du schenktest mir Zärtlichkeiten: die kleinen Glieder der unsichtbaren Kette, welche die Liebe ewig mit Entzücken trägt.«

Woher Worte nehmen, um den Tod derjenigen zu schildern, die so gefühlt, geredet hat! Könnte ich die Sprache in ein Wort bannen, das meine Gefühle ausdrückte, – es würde mir den Verstand rauben, wollte ich's von mir geben.

Sie suchte jetzt ständig die Kerne der Granatäpfel heraus und bildete rubinrote Buchstaben auf dem Bett. In glücklicheren Tagen, wo einer des andern Zunge nicht verstand, hatten wir so unsre Gedanken getauscht. Dazwischen summte sie Bruchstücke arabischer Lieder. Während einer Nacht wurde sie in ihrem wirren Gesang vom Verdeck herab aufgeschreckt, Isle de France sei in Sicht. Da rief sie: »Wie froh, froh ich darüber bin! Nimm mich, Liebster, ich bitt dich einzig darum, trag mich an Land! Ich bin zu schwach, um zu gehn.« Hierauf warf sie sich mir mit ihrer letzten Kraft in die Arme, der ich neben ihrem niedrigen Lager kniete, umschlang meinen Nacken mit den abgemagerten Händen und sagte: »Jetzt bin ich wohl und glücklich. Ich leb in seinem Herzen!« Ihre Lippen preßten sich auf die meinen, – sie tat ihr Sterbliches ab.

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