Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward John Trelawny >

Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
Schließen

Navigation:

Der erste Schwips in der »Krone und Anker«.

Als Papa Noah und seine gemischte Gesellschaft den Fuß auf festen Boden setzten, konnten sie nicht aufgekratzter sein als wir. Das Gesicht des Obermaats, das durch die lange Gewohnheit des Gehorchens und Befehlens eine bärbeißige Würde angenommen hatte, entspannte sich und wurde so lustig wie das eines Hanswursts. Er guckte sich um, als hätte er unbeschränkten Besitz von der Insel ergriffen, und es war ihm gleichbedeutend mit Hochverrat, Gotteslästerung, wenn einer seiner Untertanen sauertöpfisch dreinschaute. Daher wandte er sich unmittelbar an mich: »Holla, Jung, was gibt's? Siehst ja so hängmäulig aus, als wenn Sonntag wär und Betglock läutete. Hältst mich doch nich für den faulen ehrpußligen Pfaffen an Bord. Oder doch?«

Er hatte es ziemlich getroffen: die verdeixelte Schule war mir sauer aufgestoßen, und mir bangte, daß er uns wirklich hinbringen würde. Doch ich blieb still, und er fuhr fort: »Daß de nie an Land oder an Ankerplätzen zur Kirche gehst! Auf See kann man manchmal nich umhin, ja. Außerdem hat man da einigen Grund zum Beten: schön Wetter, Prisengeld, ja. An Land brauchste um nischt zu beten. Los, Jungs, scharf ausgelugt nach ›Kron und Anker‹! Das Haus müßt irgendwo in diesen Breiten liegen, ja, wenn's nich andernwärts festgemacht hat.«

»Eine Galgenfrist!« dachte ich. »Er hat die Schule verschwitzt, und wir nehmen Kurs auf das Wirtshaus.« Ich griff aus wie ein ungezähmtes Füllen, als ich die schimmernde Krone über der Kneipentür sichtete. Ich zeigte drauf, und er wollte uns eben einschleppen, als er plötzlich stoppte und sich die Stirn rieb: »Halt mal, Jungs! Wie war'n das? Hat mir der Käpten nich befohlen, euch Kerlchen zu – zu – zu schaffen? Der Teufel weiß, wohin. Zum Kuckuck, Jungs, wohin sollt ihr gehn?«

»Gehn?« echoten wir.

»Nu ja – bin angewiesen, euch irgendwohin zu führen. Verdammt sonderbar, daß ihr's nich wißt. Ich kann mich nich entsinnen. O doch, ich hab's! Zum Dokter – mag er heißen, wie er will – in Gosport. Ja, ja, hab von dem Kerl gehört. Erinnre mich, daß se mich mal hinschicken wollten, – war aber zu schlau für sie – hatte'n zu guten Blick! Order pariern muß ich – hm! –; doch jetz bin ich frei – nich unterm Wimpel –, kann tun, was mir geliebt, ja. Na Jungs, was meint ihr? Wollt ihr zur Schule? Oder – kommt – ihr schaut euch ja um, wie ob ihr auskneifen wollt. (Stimmte auch!) Nun, wir können das beim Glas Grog besprechen. Zeit schockweis, drei Tag Urlaub, ja. Hauptsach, daß ich eure Namen in des Dokters Büchern seh, eh ich mich an Bord meld, ja. Nu aber nach vorn überholt!«

Als uns der Kellner geschäftig, der Befehle gewärtig, ins Zimmer wies, fragte uns der Kommodore nach unsern Wünschen. Darauf wandte er sich an den Aufwärter, der das Feuer schürte: »Puh, was für Staub rührste auf! Wenn de nich Grog auffährst, um unsern Brand zu löschen, so will ich sehn, ob dir 'n Tritt achter nich Beine macht, ja. – Festgehalten! (Er hielt ihn an.) Kommt, Jungs, merkt ihr nich, daß der Landwind in euer Unterdeck weht? Is es sieben?«

Aufwärter: »Nein, euer Gnaden, erst zehn.«

»Na, schnuppe! Was zu futtern her!«

»Was beliebt, euer Gnaden? Es is prima Rindskeule und Schinken im Haus.«

»Nein, nein, – damit wir Skorbut kriegen, Faulpelz!«

»Vielleicht 'n Kotlett, euer Gnaden, – Beefsteak?«

»Ja, ja, das eher! Auf, warum rührste deine Knochen nich, Landratte? Festgehalten! Könnt ihr nich 'n paar Hühner rösten?«

»Ja, euer Gnaden, 'n feines Hühnchen is in der Speisekammer.«

»Schade für euer Hühnchen! Röstet 'n Korb voll Hühner, sag ich, aber dalli! Und sperrt die Ohren auf, ja: wenn se nich in fünf Minuten hier sind, so sagt der Mutter, oder wie nennt er se? der Wirtin, daß ich komm und se braten wer, ja. Nu, warum hauste nich ab? Festgehalten! Alle Teufel, wo is der Grog? Vor 'ner Stunde schon abgerufen!«

Er warf seinen goldbetreßten Dreimaster hin und jagte den Kellner raus. Nach einem üppigen, reichlich befeuchteten Schmaus vergaßen wir Schiffe wie Schule und machten einen Ausfall. Unser Pilot führte uns in eine Menge Buden, in deren jeder er etwas bestellte oder kaufte; wir sollten nur nach Herzenslust wählen, er zahlte. Diese Kerls, bemerkte er, kennten ihn, ja, würden ihn nicht anschmieren wie uns. Er bestand darauf, in die Hinterstübchen der Kaufleute einzudringen, um ihre Frauen und Töchter zu begrüßen und ein Glas Heißen zu nippen.

Während dieses »Kreuzens«, wie er's nannte, lud er alle Backskameraden und jeden, den er von früher her kannte, ein, mit ihm um zwei in der Schenke zu essen. Mit allen Jungen seiner weitschichtigen Freundschaft verabredete er, sie sollten wie brave Töchter heimgehen, ja, die Verdecke schrubben, ihre Kammern aufräumen, sich schön machen, um im Theater zu ihm zu stoßen, ihren Müttern sagen, daß sie ihre Reiseflaschen gehörig füllen – keine leeren drunter – und ihre Kisten reichlich mit Grog beschicken möchten. Darauf begab er sich, er war sehr fürsichtig und zielklar in seinen Anordnungen, ins Theater, um zwei, drei Lauben zu bestellen, und lief wieder die »Krone und Anker« an, wo er sich über seinen »trocknen Dienst« beschwerte.

Seine umherstreifenden Gevattern trafen bald ein. Ihre Grüße waren wild, rauh, unbeherrscht. Das Mahl wurde aufgetragen, die Speisen verschwanden wie durch Zauberschlag. Die Flaschen flogen umher, die leeren Platten wurden abgeräumt, der Tisch besetzt mit getrockneten Früchten, Weinen aller Art, verschiedenen Karaffen voll Branntwein, Wacholderschnaps, Fruchtsaft, Rum. Unter Hochs, Liedern, ungeistlichen Scherzen verstrich die Zeit, bis unser planmäßig vorgehender Obermaat, der den Vorsitz führte, also anhub:

»Maul gehalten, ihr krummes Gemüse, oder ich bring euch beim Dokter! Verstandibum? Nu, meine wackern Jungs, wie wär's, wenn wer'n bißchen ausführen? 's is Zeit zum Schauspiel, ja, und ihr wißt, in de Kirche und in de Thiater müssen wer nüchtern, aus Achtung vor Priestern und Damßen. Es is nich offiziersmäßig, ja, sich vor Sonnuntergang zu besäuseln. Es is nich schicklich, ja, und ich wer 'n nich dulden. Gut, ich hab nur noch 'ne Gesundheit auszubringen, – dann zieh ich de Abfahrtsflagge auf, ja, und ihr müßt euch unter Segel betrachten. (Hier wurde er durch Geräusch unterbrochen.) Ruhe jetz, ihr Herrn, de Gläser gefüllt! Keine Neigen; denn ich bring jetz 'n feierliches Hoch aus. Schmerzlich muß ich bemerken, ja, daß durch diese bummligen Landratten nur leere Buddels und Reste auf der Back stehn. Dessentwegen befehl ich, ja, daß jeder 'ne leere Pulle am Kragen nimmt und sich bereit hält, ihr 'n Hals zu brechen.« Der Aufwärter erhob Gegenvorstellungen, bat den Präsidenten, sie zu schonen. »Jungs«, rief er, »Meuterei! Her zu euerm kommandierenden Offizier! Kellner, runter, räum's Achterdeck! Was, de muckst? Hoho, Jungs, eins – zwei – wenn ich sag: drei, denkt dran, ja, daß hier eure Zielscheibe is«, – er zeigte auf den Kellner – »und knickt ihm's Genick!«

Der erschreckte Aufwärter verduftete im entscheidenden Augenblick, und alle leeren Flaschen wurden gegen die Tür gefeuert. Darauf tranken wir auf Nelsons Andenken und trudelten in die Hochstraße. Die Luft kam mir alkoholgeschwängert vor; als ich im Freien war, verspürte ich die ersten Anzeichen von Besäuftheit. Vom Theater weiß ich nur soviel, daß die Zuschauer ausschließlich in Seeleuten und ihrem weiblichen Anhang bestanden. Die große Glocke von St. Paul wäre mit ihrem Bimbam ebenso wenig gehört worden wie die Musik in den Pausen. Um Mitternacht tafelten wir wie mittags und schwirrten wieder los. Nachtwächter, Hafenwärter, rotröckige Soldaten wurden gerempelt, wo wir sie trafen. Der Seebär war durch die unbändige Menge verschiedenster Getränke, die er vereinnahmt hatte, nicht mehr angegriffen als der Spund eines Rumfasses. Es war mein erster Schwips, und ich sah nicht eben klar. Die Häuser schienen zu rollen, zu stampfen wie Schiffe. Auch konnte ich nicht sonderlich sicher gehen; in der breitesten Straße zerstieß ich mir die Schienbeine an den beiderseitigen Bordsteinen. Da ich bei jeder Wendung auf Grund kam, glaubte ich, der Weg habe weder Anfang noch Ende. Aber der Obermaat hielt die Nachzügler zusammen, bis wir zum »Hauptquartier« kamen. Hier übergab er mich und die beiden andern mit genauen Behandlungsvorschriften einer rotglühenden alten Trulle. Sie erwiderte, sie werde für uns sorgen wie für ihre eignen Kinder. Inzwischen entwandelte er, »um die Küste zu peilen«, versprach wiederzukommen und bestellte ein Bett, eine Wärmpfanne, einen Räucherhering, einen Napf Punsch.

Die sorg-, gehor- und sittsame Wirtin ließ mit übermütterlicher Betulichkeit ein Lager für uns Hosenmätze aufschlagen, braute für jeden ein Glas Starkwasser, bemerkte weise, daß Nachtstunden für junges Blut schädlich seien, und brachte mich zuerst in die Klappe. Sie stülpte mir eine ihrer Hauben auf, knüpfte sie mit einem blauen Band unter dem Kinn fest, zog den Vorhang vor, nannte mich ein süßes Geschöpf, wickelte mich ein, besabberte meine Wange und schied mit den Worten: »Sei nu 'n art'ger Jung, und daß de nich vergißt, vorm Einschlafen zu beten!«

Als es graute, erwachte ich aus unruhigen, beklemmenden Träumen. Hätte ich damals schon den Alp gekannt, ich hätte geglaubt, seine Faust zu spüren. Wie staunte ich, mich auf meiner engen Ruhstatt zu finden! Noch suchte ich mir krampfhaft zu vergegenwärtigen, wie ich hierher gekommen sei, da erschien die Hausmagd, – das Rätsel war gelöst.

Einige Zeit verstrich, ehe das zur Morgenwäsche Nötige herbeigeschafft war. Dann kleidete ich mich an. Von des Obermaats wohlbekannter Stimme geleitet, trat ich kleinlaut, halbnärrisch, seine Vorwürfe fürchtend, ins Zimmer, – ich wußte ja nicht, daß er an allem schuld war.

Er ging sehr methodisch zu Werke, war aber wenigstens im Predigen kein Methodist. (Beider Verfahren mag ja sonst sehr verwandt sein.) Hier saß er mit seiner erhabenen Person wie'n Kaiser oder abessinischer Fürst auf dem Ehrensessel der alten Wirtin und im ausschließlichen Genuß des Feuers. Scherbenhafte Tassen ohne Schalen, ein Teetopf ohne Henkel, ein Stück gesalzne Butter in braunem Papier, Zucker auf einer zerbrochnen Schüssel, geröstete Butterstullen, aufgeweicht, halbgenossen, mit merklichen Bißspuren: all das sielte sich neben Schinkenfett und Wurst. –

Diese meine ersten Sünden müßten in meiner letztwilligen Verfügung stehen. Doch wem soll ich sie vermachen? Vater? Dem Käpten? Dem Obermaat? – Aber der schlimmste Feind kann mir nicht vorwerfen, was ich in meinem zwölften Jahre begangen habe+...

Nach rund zwei Tagen lieferte uns unser Führer in der Schule ab und übergab uns Herrn Burney mit einigen salbungsvollen Redensarten. Der Lehrer war über seine bescheidne Weise und Ansprache so entzückt, daß er ihn zu Gaste lud. Er entschuldigte sich mit »Schiffsdienst« und stakte, schätz' ich, wieder zum »Hauptquartier«. Vorher versetzte er jedem von uns einen kräftigen goldnen Händedruck. Schließlich forderte er uns auf, uns an ihn zu wenden, so oft wir was brauchten; »die alten Kracher«, ja, die dürften freilich nichts von dem Vorgefallnen erfahren. Wir verloren ihn für immer aus dem Auge.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.