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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 76
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Plagegeister als Leckerbissen. – Der Arzt als Teufelsbanner. – Holländische Kolonialpolitik. – Zweikampf unter »Seeräubern«.

Wir ankerten vor der Feste Rotterdam bei Makassar, einer holländischen Niederlassung auf Celebes. Nach der langen, mühseligen, aufregenden Fahrt freuten wir uns, sicher in einem schönen Hafen zu sein, in der Nähe einer hübschen, europäisch gearteten Stadt, die all unsre Wünsche erfüllte. Mehrere Tage wurde die Mannszucht gelockert. Wir schwelgten in Überfluß und Ruhe. Bloß der kann das gebührend schätzen, der gehungert, sich abgeäschert hat wie wir.

Den geretteten Darvell und seine Leute brachten wir auf ein neutrales Schiff. Mit tiefem Bedauern schieden wir von diesem wackern Offizier.

Dann fuhren wir nach dem Golf von Boni an der Südküste. Hier flickten wir die Grab, überholten das Takelwerk des Schoners und fingen an, Ratten und ähnliche »Insassen« zu tilgen. Den Schaden im Schiff und an den Vorräten wogen sie einigermaßen auf, lieferten sie doch den Matrosen einen gar nicht unschmackhaften Imbiß. Außerdem schafften sie uns, die wir mit Speeren auf sie jagten, manche vergnügliche Stunde. Mich reizten ihre Hinterviertel damals ebenso wie Schnepfenkeulen und »angestochner« Rehziemer den maßgebenden Feinschmecker. Bald hatten wir freilich Fettlebe in den reichen Vorräten der Insel, und das langschwänzige Wildbret ekelte uns an. Wir leerten den Schoner, um uns davon, aber auch von Tausendfüßen, Skorpionen, Kakerlaken und ähnlichen Eindringlingen zu befreien. Unser Scolpvelt schuf eine wüste »Komposition«, deren Dämpfe nach seiner Versicherung alle Teufel in der Hölle zähmen würden, wenn er ihre Pforten luftdicht schließen könnte. Wir verteilten die Satanspappe an verschiedne Stellen, legten Feuer dran, verrammelten die Luken und beseitigten so mit einem Schlag alles lästige Geschmeiß.

Inzwischen machte ich häufig Ausflüge an Land und unterhielt einen freundschaftlichen Verkehr mit den Eingebornen von Boni, dem Volk, das ich nach den kriegerischen Malaien am meisten liebte. Sie waren freundlich, offen, gastfrei, rechtschaffen, unternehmend, tapfer. Die Holländer gingen hier ebenso vor wie die Engländer in Indien: sie zettelten Kriege unter den heimischen Fürsten an, um ihre eignen Besitzungen zu sichern und »abzurunden«. Überdies schöpften sie hierbei nochmals den Rahm ab: sie erhielten die Kriegsgefangenen als Sklaven, die sie nach Java und den Gewürzinseln ausführten.

Bei einer Streife um die große Bucht hatte ich ein Netz und Jagdwaffen mit. Am Südufer kamen wir an eine kleine hufeisenförmige Bai. Ich hielt sie für sehr fischreich und ließ mich durch die Strömung einschleusen. Wir liefen auf dem Strand auf, dessen Seitenwände steil aufragten wie bei 'nem Waschbecken, und luden die Geräte, dazu ein kleines Zelt aus, das ich immer für Zela mitführte. Die Leute ruderten tiefer hinein, um eine günstigere Stelle zum Ziehen zu finden. Ich spazierte indes mit Zela den weichen Uferteppich entlang und sammelte herrliche Muscheln. Die Züge lieferten eine gar nicht zu bewältigende Strecke. Jeder schleppte mehr, als die ganze Gesellschaft verzehren konnte. Alle spielten Koch. Wenn der Nimrod prahlt, er waidwerke nicht für den Topf, – hier wurde er Lügen gestraft. Gierig verschlangen wir die Beute und überfütterten uns gründlich.

Ich ließ Zela mit ihren Malaienmädchen zurück und erkrauchte, auf den Eberspeer gestützt, mit einem arabischen Matrosen die Felsschroffen, um einen Blick hinabzuwerfen. Wir gelangten ziemlich müde etwa in halber Höhe zu einer vorspringenden kleinen Plattform. Hier setzte ich mich, zündete die Pfeife an und überschaute das ganze Becken zu meinen Füßen. Sein Spiegel erschien hier oben ungekerbt. Die malerischen Prauen der Eingebornen glitten mit dem letzten Seewind dahin. Auf dem hellen Sandstreifen, der sich um den Golf schmiegte wie ein Goldrahmen um ein dunkles venetianisches Rundgemälde, ruhte unser kleines Boot. Das Netz war drübergezogen, die Enden spreiteten sich über den Strand: eine schwarze Spinne in grauem Gewebe.

Der falkenäugige Araber zeigte auf eine Linie dunkler Flecke, die rasch in die Bucht traten. Kieloben treibende Boote? Der Araber war andrer Meinung: »Das ist die Haifischbai. Daß sie von der See reinkommen, zeigt untrüglich Schlechtwetter an.« Im Taschenfernglas waren's wirklich acht große Blauhaie; Flossen, spitze Rückenfinnen zackten hervor. Stattlich steuerten sie im Kielzug buchthinauf bis zum Ansatz einer kleinen Erweiterung. Ein Bombenkerl schob sich wie 'n Admiral an die Spitze. Schon hatte er mit den andern den Eingang erreicht, da schoß ein Ungetüm unfern des Ufers aus der Tiefe und widersetzte sich dem Vorgehen. Augenblicks begann der Zweikampf. Der verwegne Angreifer war – jetzt erkannte ich's – ein Schwertfisch oder See-Einhorn, der reisige Ritter des Meers, der alles anfällt, was ihm vor die Klinge kommt. Der Schädel ist felshart und -rauh, die obre Kinnlade längt sich wagrecht in einen elfenbeinernen Speer, weit fester als eine Lanze. Als de Ruyter auf einem Küstenschiff war, wurde es von einem dieser Wegelagerer so gewaltsam gerammt, daß seine Harpune den Bug durchdrang, – vielleicht hielt er's für 'nen Wal, dem er oft zuleibe geht. Durch den Stoß abgeknickt, konnte sie nur mühsam herausgewuchtet werden. Sie maß sieben Fuß; etwa ein Fuß zunächst dem Kopf war handgelenkdick und hohl, der Rest voll und schwer. Sie liefert das Elfenbein für die schönen Schachfiguren Ostindiens.

Der Hai hat ein noch stärkres Gefräß und einen geräumigeren Rachen als das Krokodil. Mit dem Schwanz, den er ebenfalls mit furchtbarer Kraft und Geschwindigkeit schwingt, verwirrt und betäubt er den Feind und wehrt so jeden Angriff ab. Dann legt er sich auf den Rücken, – nur so kann er die Schnauze brauchen.

Unser Urian wagte es nicht, sich umzukehren und seine verwundbaren Teile dem Degen des Feindes auszusetzen. So dreschflegelte er mit der gewichtigen Fluke nach ihm und molkte das Wasser. Inzwischen lagen – vermutlich aus Hochachtung und Anstandsgefühl – die sieben Kameraden beigedreht und mischten sich nirgends in den Waffengang. Oft konnte ich aus den Wirbeln schließen, daß der Hai sich auf den Boden geflüchtet hatte.

So ging's eine Weile hin und her. Offensichtlich zog der Hai den kürzern; denn kann ihn der Feind beim Tauchen fassen, so bringt sein Stoß Verderben. Vermutlich hatte ihn der Schwertfisch derart getroffen. Der Hai arbeitete sich nach dem Hintergrund des Beckens, hämmerte die Flut wie unsinnig, rollte, stampfte wie ein entmastetes Schiff. Einige Minuten verfolgte ihn der Sieger, dann wendete er, verschwand. Der Totwunde streckte sich auf den Sand und wühlte ihn nur noch schwach mit der Schwanzflosse auf. Die sieben Fahrtgenossen schwenkten anscheinend ganz gleichgültig, flößten langsam die Bucht hinab und kehrten durch die Enge zurück, bei der sie herein waren. Als ich zum Kampfplatz hinabeilte, sah ich keinen mehr. Meine Mannschaft sammelte sich und feuerte auf den Goliath, nun er im Trocknen lag. Ehe ich hinkonnte, hatten sie ihm den Fang gegeben. Er lastete am Ufer wie ein gestrandetes Fahrzeug. Ich ließ alles im Stich und hastete strandentlang, ungefähr eine halbe Seemeile, Zelas Zelt zu.

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