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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 74
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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In Durstesnot.

Anhaltender scharfer Wind drückte uns gegen die Küste Neuhollands hinab. Ungeachtet des noch immer mächtigen Wogengangs steuerten wir ein kleines Fahrzeug an, offenbar in Not. Es dauerte eine Weile, bis wir die Leute rüber hatten: vier Matrosen, ein Steuermannsmaat. Ihre englische Fregatte hatte sie auf eine aufgebrachte Brigantine gesetzt, um sie zu führen. Durch eine Bö in der Straße von Sumatra waren sie südlich abgetrieben worden, da Takel und Masten stark beschädigt waren. In dieser Hilflosigkeit zerschmetterte ihnen eine gewaltige Welle den Spiegel. Das Wasser schoß so schnell ein, daß sie nur mit äußerster Behendigkeit ein plumpes Boot flott bekamen. Sie hatten nur Zeit, sich selbst zu retten; ein Junge und zwei Matrosen ertranken, als sie ihre Habseligkeiten bergen wollten. Das Boot war alt und morsch wie das Schiff. Bis es etwas zusammenquoll, schöpften sie es mit den Mützen aus und stopften mit Lappen die von der Sonne verursachten Risse. Zum Glück hatte es als Behältnis für altes Segeltuch, Ruder, Tauenden und dergleichen gedient. Unendlich wichtiger aber: es war noch ein Käfig mit sechs Enten drin, ein alter Ziegenbock und eine Henne, die eben ihr Ei gelegt hatte. Sie dankten der Vorsehung für den lebenden Vorrat. Bis an die Knie standen sie im Wasser, trieften von Wasser, Wasser hatte ihr Fahrzeug zerstört, drohte nun, sie zu verschlingen. Um sie her war ein Meer von Wasser, und doch wurden bald die Schreckensworte laut: »Kein Trinkwasser im Boot!« Jeder Mund wiederholte in kaum mehr menschlichen Tönen: »Kein Trinkwasser!« Jedes Auge starrte wild umher, und wieder der verzweifelte Ruf: »Kein Wasser! Gott, wir sind verloren!«

Schon das Vorgefühl des Durstes dörrte die Lippen. Die tapferen Herzen bebten. Andre Gefahren: vergangne, gegenwärtige, – wer dachte dran! Ein geborstnes, ungestaltes Boot, kaum die Zusammengeschmolzenen fassend, umhergeworfen wie ein verendeter Wal, – nichts bedeutete es, wenn sie nur Wasser gehabt hätten. Der Maat war der jüngste, aber zum Glück fähigste, männlichste unter ihnen, wenigstens dem Geist nach; dadurch hatte ihm die Natur seine etwas schwächliche Gestalt reichlich entgolten. Er war schneidiger als der Breitbrüstigste, Muskelkräftigste. Mancherlei Unglück hatte ihn verfolgt, hatte ihn niedergehalten, aber nicht gebeugt. Er ermutigte und tröstete: sie seien dem Lande nahe, hätten Segel, Wind genug; das Boot sei leck, aber flott; sie seien nur wenige und der Durst lasse sich schon ein paar Tage ertragen; zudem hätten sie ja Tiere, deren Blut beinah so erfrische wie Wasser, und die Wolken verhießen Regen. Die Leute kannten ihn und vertrauten ihm. Seine gelaßne, furchtlose Haltung wirkte mehr als Worte. Die Hoffnungen, die er so zuversichtlich geäußert hatte, schienen sich zu erfüllen. Sie beruhigten sich, Vernunft, Gehorsam waren wieder da.

Der Maat hatte das Boot so abgedichtet, daß man nur gelegentlich zu schöpfen brauchte. Nun galt es Segel zu schaffen. Er wählte einen alten Außenklüver, nahm als Mast eine abgebrochne Leesegelspiere und fertigte die beste, sicherste Form: die »Hammelkeule«, wobei der breitre Teil im Rumpf bleibt. Wurde sie in die Leere des südlichen Indischen Ozeans getrieben, so war das sicherer Untergang, – auf jede Gefahr mußten sie den Wind soviel wie möglich östlich anholen. Ein Riemen ersetzte das Ruder, forderte aber festen Blick, sichre Hand. Sie hatten weder Seekarten, Kompaß noch andre Geräte, nur Sterne und die Sonne, und die drückte mit ihrer Lichtfaust so, daß sie kaum hinblicken durften. Sie hofften eine Sundainsel zu erreichen, sonst die Küste Neuhollands, oder aber einem Fahrzeug zu begegnen.

So schanzten sie Tag und Nacht und netzten nur dann und wann die trocknen Lippen mit dem Bocksblut. Jedes glasige Auge belauerte abstoßend wachsam seinen Anteil, zählte offensichtlich die spärlichen Tropfen, welche die Vorgesetzten zumaßen. Das Tier wurde zerwirkt, die Eingeweide, die noch etwas geronnenes Blut und Feuchtigkeit enthielten, mit der peinlichen Sorgfalt abgewogen, womit der Geizhals seine Goldstücke prüft. Der Offizier sog nur den Saft aus und kaute das Fleisch, aß es aber nicht, auch suchte er die übrigen dazu zu bewegen. Einige bezwangen den grimmen Hunger, andre nicht. »Dies«, meinte er, »konnte mich, gemessen am eignen Leid, nicht wundern; aber der Erfolg gab mir recht: durch das Fasten hielt ich den Durst besser aus. Nach einigen Tagen verging sogar der Drang zu essen, – ich fühlte Linderung, wenn ich nur etwas knabberte; Tabak, wovon ein wenig vorhanden war, wirkte am besten. Ängstlich beobachteten wir Bildung und Veränderung der Wolken. Jeder Fleck am Himmel wurde nach Form, Dichte, Höhe abgeschätzt. Endlich kam eine dunkle, schwere, offenbar regenhaltige Wolke auf uns zu. Als die ersten Tropfen unsre eingeschrumpften Lippen, glühenden Schläfen trafen, lechzte jeder keuchende Mund weit aufgesperrt dem Himmelsnaß entgegen. Inbrünstige Gebete wurden von Männern gemurmelt, die im Gefecht unter Gotteslästerungen verreckt wären. Aber sie frommten nichts: die Wolke, woran Leben und Tod hing, zeigte wie zum Hohn ihre Schätze, knauserte nur einige Tröpfchen auf uns nieder, eh sie weiterzog und sich an den salzigen Ozean verschwendete. Die Matrosen bedeckten verzweifelt die brennenden Augen mit den aufgesprungenen Händen, ächzten in Todespein.«

Wer könnte die Qualen all beschreiben? Jeder Augenblick steigerte sie, umschloß eine untragbare Ewigkeit. Dem Kalender nach dauerten sie nur sieben Tage, sieben Stunden: eine Zeit, die dem freien, glücklichen Menschen kaum merklich entflieht. Und doch wirkten sie bei ihnen wie siebzig Jahre! Die entzündeten Augen stierten blöd vor sich hin; die Wangen waren hager, schrumplig, hohl, der Mund eingesunken, die Lippen verschwollen, rissig, die Nüstern verzerrt; das Haar war dünn, weiß geworden, die Muskeln schlapp. Schwach, hinfällig, lallten sie nur Grabestöne.

Zwei stürzten sich im Wahnsinn über Bord, löschten den Durst in der Lauge und endeten unter ihrer kühlen Decke. Einer, der lange in dumpfer Unempfindlichkeit dagelegen hatte, sprang heulend auf, riß sich das Fleisch von den Knochen, saugte sein eignes Blut, legte sich wieder und schlief für immer ein. Am siebten Tage waren außer dem Offizier noch vier übrig. Himmel, Ozean, Boot, – alles feuerrot, lodernd. Sie hofften nicht mehr, als wir sie am achten Tage retteten: eine irre, wilde, scheußliche Gesellschaft, mehr beurlaubte Leichen als lebende Menschen! Der Schwächlichste, der Steuermannsmaat, mochte allein noch die Besinnung behalten haben. An Deck gezogen, blickte er sich völlig gefaßt um: »Wir sterben den Tod der Verdammten, – gebt meinen Leuten Wasser!« Er deutete auf seine schaumigen Lippen, – sprechen konnte er nicht mehr. Der Kraftwille, der ihn in der Fährde gesteift hatte, mochte erlahmen, nun er seiner Dienstpflicht quitt war, – er sank wie tot nieder. Gewiß wäre er ebenso ungebeugt gestorben, wie er gelebt hatte, hätten nicht die Bemühungen de Ruyters und Scolpvelts den fliehenden Odem zurückgehalten. Nach langen schmerzhaften Zuckungen kehrte seine Kraft langsam wieder. Die ersten verständlichen Worte waren: »Wer seid ihr? Der Teufel? (Er meinte Van.) Wo bin ich?« Nach längerer Pause: »Wo sind meine Leute? Haben sie Wasser? Ich muß sie sehn, die armen Burschen!« Wiederholt versicherten wir, daß ausreichend für sie gesorgt sei. Erst dann bat er um Wasser für sich. Nur tropfenweise versetzten wir's ihm. Wie von den andern Flüssigkeiten, die man ihm und den Seinigen zuführte, wurde davon nur wenig geschluckt; das meiste kam blutvermischt wieder hoch, da die geschwollnen Halsdrüsen die Speiseröhre beinah abgeschnürt hatten. Brust, Schläfen wurden unaufhörlich mit Wasser und Essig befeuchtet; das linderte. Er wiederholte in einemfort: »Das ist die Hölle nicht, – in der Hölle gibt's kein Wasser!« Aderlässe, Bäder erwiesen sich am wirksamsten. Gleichwohl konnten wir nur den Maat und zwei Mann durchbringen. Sie krankten lange an heftigem Erbrechen und Krämpfen, denen sie vermutlich dauernd unterworfen blieben. Von den übrigen starb einer in geistiger Umnachtung. Der andre hatte heimlich von der alten Henne gezehrt: durch eine Halsentzündung war ihm die Kehle zusammengepreßt worden und ein Blutgefäß gesprungen; auch ihm war nicht zu helfen.

Der Maat genas am schnellsten, vollständigsten. Darvell hieß er. Er blieb lange bei uns, und ich schloß mit der Unbefangenheit der Seeleute bald Kameradschaft mit ihm. Wir fanden Gefallen aneinander, wurden Freunde fürs Leben. Das seinige war nur kurz wie bei den vielen, denen ich mich gesellte. Als ich dreißig war, blieb mir nicht einer; Freundschaft kenne ich nur noch in der Erinnerung. Ein rastloser, kühner Geist trieb Darvell von Gefahr zu Gefahr. Seine Gebeine mögen noch jetzt auf Perus gelbem Sande bleichen. Dort strandete und zerschellte das kleine von ihm befehligte Fahrzeug, nachdem er ritterlich gegen zehnfach überlegne spanische Schiffe für ein freies Südamerika gefochten hatte.

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