Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward John Trelawny >

Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 73
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
Schließen

Navigation:

Polnischer Abschied von verlustigen Witwe. – Der Unglückstraum. – Französische »Seehelden«.

Unsre Prisen waren an den Mann gebracht. De Ruyter hatte dabei nicht den Vorteil seines Gefangnen, des Bombay -Kapitäns, vergessen: das vielgeliebte Schiff ward wieder sein zu einem Preise, der noch unter der niedrigsten Schätzung lag, und er wurde mit seinen Leuten freigegeben. Dann gingen wir abermals Anker auf.

Die Witwe von Yug war nicht schlecht erschrocken, daß wir den Hafen für unbestimmte Zeit räumten. Liebe überwand ihre Wasserscheu. Sie folgte uns in einem Boot, schrie, winkte und zerkratzte – Gottlob! – nicht mich, sondern sich selber. Als ich nicht beidrehte, wuchs ihre opernhafte Wut so, daß ihr greuliches Schnauben scheinbar den Landwind verstärkte. Durch den Kieker sah ich, daß sie einen Teil ihres Grimms an den Sklaven ausließ; kräftig schlug ihr Bambus den Rudertakt auf den nackten Rücken. Der Mann hat bei 'ner Frau, die mit den Schutz- und Trutzwaffen der Zunge, der Tränen, der Nägel, eines Knüppels versehen ist, nicht mehr Siegesaussicht als im Fluß bei 'nem Alligator. Aus dieser Überzeugung war ich wenigstens einmal klug und drückte mich vor dem Strauß. Wahrscheinlich hätte mich die Schöne um die ganze Welt verfolgt, wäre nicht die schwere irdische Hülle Klotz am Bein gewesen. Sowie aber das Boot in die Dünung geriet und bald Kopf, bald Wappen im Wellenspiel war, entdeckte ich meine Prinzessin – oder vielmehr entdeckte ich sie nicht. Sie war im Boot niedergesunken, das gedreht und unverzüglich dem Ufer zugetrieben wurde, so daß ich von ihr sagen konnte:

Sie liebte und sie ruderte davon.

Dieser Drache, der mich heut mit Küssen und Kuchen überfütterte, morgen am liebsten mit den Krallen tätowiert hätte, hatte mich so geplagt, daß ich mir schwur, mich nie mehr in die Höhle einer Witwe locken zu lassen: die bösartige Wildheit einer gefangnen Tigerkatze ist nichts gegen 'ne abgelegte, brunstverkürzte Witwe.

Ich weiß nicht wieso: kaum hatten wir den Hafen Batavias mit seinem Schmutzwasser im Rücken, so überschattete mich das klare, tiefe Blau des Indischen Ozeans, das mich stets entzückt hatte, mit einer Trauer, die ich weder abschütteln noch unterdrücken konnte. Zum erstenmal umwölkten mich Zweifel und Furcht. Dabei war ich wohlauf, und auch Zela fühlte sich durchaus auf der Höhe. Was mochte es nur sein? Die Witwe nicht! Ihre »Liebe«, ihre Abschiedsflüche waren vergessen, eh das Boot sich verlor. Klammerte sich ihr Geist an mich wie ein Vampir? Ja, das war's: sie hatte zuletzt heftig gedroht, mich heimzusuchen, wenn ich sie verließe; nach Gerüchten, die ich verlachte, hatte sie andern eklig mitgespielt. Ein Menschenleben ist im Morgenland billig. Wenige Rupien erkauften in Java eines Meuchlers Dolch oder Gift, und Gift war dort daheim: es rann von Bäumen, Sträuchern, und die Eingebornen wußten's zu gebrauchen. Mir schien allerdings keins beigebracht zu sein, und nun war ich ja außer seinem Bereich!

Eines Abends war ich früh auf dem Bett eingedröselt und wurde durch grauenhafte Träume geweckt. Zuerst liebkoste mich die Witwe. Ich schauderte vor der Umarmung. Sie verschwand. Da griff mich eine runzlige, gelbe Vettel bei der Kehle, hielt mich fest und suchte mir eine Frucht zwischen die zusammengeklemmten Zähne zu zwängen. Mit aller Kraft wollte ich mich den eisigen Fingern entwinden; aber ich erlahmte, und die Frucht war schon an meinen Lippen, als die treue Aduh erschien und sie wegriß: »Gift!« Dann kam der feurige Javanesenfürst auf seinem blutroten Roß. Es trat mir mit den Hufen auf Kopf und Herz. Da warf sich Zela in glänzendweißem Gewand über mich, geführt von einer nachtschwarzen Gestalt: »Ich will sterben, du sollst leben!« Das Gespenst entschleierte sich, – ich erkannte die fahlen, geisterhaften Züge der alten Kamalia. Mit der Feierlichkeit einer Drude redete sie mich an: »Fremdling, du bist eidbrüchig. Arabiens bestes Blut hast du geschändet. Dein Herz ist zermalmt, das meines Kindes hast du gebrochen!«

Ich wollte auf. Erwachte. Mir schwindelte, ich hatte Herzweh von der gräßlichen Erscheinung. Seither verfolgt sie mich. Vergebens suche ich sie zu vergessen. Im Schlaf jagt sie nach mir, wird bei jeder Wiederkehr furchtbarer, – ist sie doch der gewisse Vorbote einer bitterbösen Veränderung. Oft bin ich verstört, krank vom Bett aufgefahren, wo ich Qualen erduldete, wie nur Teufel oder Ketzerrichter sie verhängen könnten. –

Wir trafen zwei schöne französische Fregatten und einen Dreimastschoner, die nach Batavia von einer Beutefahrt zurückkehrten. Die Ekel waren ganz aufgeblasen, weil sie eine englische Fregatte und eine Kriegsbrigg gejagt hätten. Bei ihrer Lottrigkeit und schlappen, unseemännischen Haltung hätten's jene ruhig auf ein Gefecht ankommen lassen dürfen. Der Beschreibung nach erkannte ich die Fregatte, von der ich ausgerissen war, und wußte recht gut, daß die »alte Quadratlatsche« mehr Freude am Bauern als am Kämpfen hatte. Wie 'n großmäuliger Zuhälter prahlte der französische Kommodore, nun der Feind außer Sicht war, was er getan hätte, wenn er an die Engländer gekommen wäre. Er fügte zu: »Als wir euch sahen, glaubte ich schon, wir hätten die Bulls geschnappt!«

De Ruyters gekräuselte Lippe verriet, wie er den Großsprecher einschätzte. Bei der Rückkehr bemerkte er: »Der Bursche ist das Fersengeld schon so gewohnt, daß es ihn ganz toll macht, einmal in seinem Leben jemand gejagt zu haben. Ein wahres Elend, daß die Franzosen, die alle im wissenschaftlichen Seewesen und praktischen Schiffbau übertreffen, keine Leute finden, um auf See zu kämpfen! Wie Flugfische sind sie 'ne Beute für alles, was schwimmt und fliegt. In den Büchern ihrer Flotte ist ein langes Dunkel mit nicht einer lichten Seite. Ein ausgestrichnes Kapitel der Weltgeschichte sind sie, ein unnützes Logbuch. Keine Stelle, worauf das Auge rasten könnte, – kein Stern als Leuchtturm oder Seezeichen, um den einsamen Lotsen zu leiten, den hochstrebenden Schiffsjungen anzuspornen!«

Jene große französische Fregatte, von einer der kleinsten englischen genommen, trägt jetzt die britische Gösch. Als sie zum erstenmal unter der siegreichen Flagge kreuzte, erwarb sie unsrer Seemacht neuen Zuwachs: sie eroberte nach blutigem, tapferem Ringen eine andre der schönsten französischen Fregatten.

Wir segelten den Sundainseln zu und stießen nur auf die winzigen Fahrzeuge jener Inselgruppe. Mit solchen Kleinigkeiten gaben wir uns nicht ab.

 << Kapitel 72  Kapitel 74 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.