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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 70
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Ein geschäftstüchtiger Kaufmann.

Zwangsläufig verfügten wir erst nach geraumer Zeit über die Prise. So gab mir de Ruyter Anweisungen für seine Abwesenheit und segelte mit der Grab davon, um die chinesischen Gewässer abzugrasen.

Meine Zeit war voll besetzt durch die Überwachung unsrer mannigfaltigen Geschäfte. Mit der Aufsicht über die Prise wurde eine Abteilung Matrosen unter dem ersten Maat betraut. Sie schafften die Besatzung nach der kleinen Insel, auf der uns die Malaien Hütten gebaut hatten. Der zweite Maat war mit einer andern Abteilung dabei, gestreiftes, luftgetrocknetes Büffel- und Rehfleisch fertigzumachen, Wildschweine, Enten einzusalzen. Meine Muße widmete ich ganz meinem ländlichen Wirkungskreis und besorgte ihn mit dem Behagen der Neuheit, dem Eifer des Siedlers. Die kleine Lagune, wo ich mit Zela badete, wo wir auch den Waldalten getroffen hatten, erhob ich zur Kriegswerft und zeltete dort ausgiebig. Das Fleckchen war von der übrigen Insel durch eine Dschungel abgetrennt. Von einem Felsgipfel hatten wir einen weiten Seeblick und behielten die Prise und den Schoner im Auge; mit ihm konnte ich mich jederzeit durch Flaggenzeichen verständigen. Gegen Sonnenuntergang kehrte ich an Bord zurück, um zu essen, zu schlafen, die Prisengäste zu unterhalten.

Eines Abends waren wir alle ungewöhnlich aufgelegt. Das Deck strotzte von Punsch, Kognak, holländischen Schnäpsen, Bordeaux, Curaçao und ähnlichen »Geistigkeiten«, die das Herz nicht verknöchern lassen. Den Indern ist der Saft der Mimose ein Gegengift des Kummers. Richtig, – aber gegoren! Wein kann das Gemüt heilen und »eine eingewurzelte Sorge aus dem Gedächtnis rupfen«. Das erwies sich deutlich an dem gefangnen Kommandanten. Zu Anfang des Abends hatte er noch gestöhnt über den Verlust des hochgepriesnen Kahns. Hätte ihn, so sagte er, die Vorsehung seines Weibs und seiner sechs Gören beraubt, so würde er sich dem schweren Schlage gefügt haben;

»doch das, woran er einst sein Herz gehängt,
wo einzig ihm das Leben lebenswert, –
von dort vertrieben sein+...«

(Damit meinte er seine kupferbeschlagne Brigg, nicht seine kupferfarbne Frau). Kaum hatte der trügerische Geist des Weins seine Seele bestrickt, als die Sorge wich und sein stockendes Geblüt wallte. Er schwatzte und sang ununterbrochen, schüttelte mir die Hand und schwur, ich sei sein bester Freund, der beste Kerl der Welt.

Unser Gelage wurde unterbrochen: »Boot ahoy!« Die Antwort »Hadschi« (Pilger), unsre Losung, kündete einen Freund. Eine Prau schoß längsseits, – der Malaie erschien auf dem Fallreep. Er mühte sich, mir mit Hilfe seiner ausdrucksvollen Gebärdensprache zu erklären, wieso er so bald zurück sei, – was ich freilich wegen des Gebrülls, womit der Kapitän das » Rule Britannia« absang, nicht verstand – und schob einen kleinen, dicken, geschäftig aussehenden Mann auf mich zu. Ich stand auf, ihn zu empfangen. Die Würdigtuerei seines viereckigen, flachen Gesichts, ein Wanst, der vorschwellte wie ein windgebauschtes Toppsegel, – wer hätte da nicht gelacht? Seine Gliedmaßen waren unnatürlich kurz, »er segelte«, wie der Steuermannsmaat sich ausdrückte, »unter Notmasten«. Wenn wir wirklich alle mehr oder minder mit einem Vogel, einem Vierfüßler, einem andern Tier verwandt sind, – er gehörte unwidersprechlich zur Ordnung der Schaflaus. Mit gemeßnem Schritt, breitbehäbiger Feierlichkeit begrüßte er mich: »Wertester Herr, ich bin Bartholomäus Zacharias Jans, beglaubigter Geschäftsführer der Niederlassung der Holländischen Gesellschaft in Pontiana und Makler für Herrn Van Olaus Swammerdam. Ich vernehme, Sie haben über eine Prise zu verfügen, und bin hier, um derohalben mit Ihnen zu unterhandeln und abzuschließen.«

Der Kapitän schien den Braten zu riechen; denn plötzlich unterbrach er seinen Singsang vom »meerbeherrschenden Britannien«, stierte aufgesperrten Mundes den beglaubigten Makler an und ging in den gedehnten Klageton des » Poor Tom Bowling« über.

Der Holländer kam auf der Lukenöffnung nieder, ohne merklich an Höhe einzubüßen. Nachdem er sich den Rachen mit 'ner Schale Schiedamer geputzt hatte, die selbst Louis Bewunderung abgenötigt hätte, – angeblich, um die eingesogne Nachtluft zu vertreiben – beteuerte er, er habe nie einen so süffigen Tropfen gefunden und wolle noch einen Mundvoll mit einem Häppchen Zwieback nehmen. Ich ließ seine Wünsche durch den Steuermannsmaat befriedigen. Der ging den Kajütenjungen wecken und knurrte: »Hab' doch nie was von so 'm verdrehten Kahn gesehn oder gehört, – alles Laderaum! Nich mal der Dreidecker Témeraire hatt' so 'n Speicher. ›Häppchen Zwieback‹! Haja! 'N ganzer Sack Zwieback würd in seinem nassen Dock umherschwimmen wie Erbsen im Schiffskessel. He Jung, raus da!« Als er ihn mit einem Tritt geweckt hatte, hörte ich, wie er alles Eßbare im Kasten aufzutragen befahl.

Alsbald erschien ein Stück kaltes Schwein, eine von den spickfetten Enten der Insel, ein halber holländischer Käse. Ich besprach mich mit dem Malaien, während der Makler in unerschütterlichem Schweigen den Hohlraum seiner Riesenwampe füllte. Als er die Schüsseln gesäubert und 'ne Kruke Wacholder nachgestürzt hatte, quäkte er: »Käpten, 's ist spät. Nach dem Abendbrot redet sich's nicht gut von Geschäften. Die Nacht ist nah. Ich will hier schlafen.«

Damit tat er sich nicht ohne Schwierigkeit auf dem Großsegel dal, das achter zur Ausbesserung lag, deckte sich mit 'ner Flagge zu und hieß den Jungen seine Pfeife stopfen. Bald hörten wir ihn schnarchen und noch im Schlaf an der Pipe suckeln. Unsre schwärmende Gesellschaft räkelte ebenfalls die müden Glieder zwischen leeren Flaschen und Gläsern und lehnte die schweren Köpfe zurück.

Nachdem Herr Bartholomäus Zacharias Jans am Morgen den Verlust an Wärme und Feuchtigkeit mit Pökelfleisch und holländischen Herzstärkungen ersetzt hatte, gingen wir zusammen auf die Prise. Ich fand bald, daß ich's mit 'nem kaltschnäuzigen, ausgekochten Pfennigfuchser zu tun hatte; also alle Kräfte angespannt! In Geldsachen war ich unerfahren, verschwenderisch, soweit sie mich angingen; aber in Geschäftsdingen – das fühlte ich – hätt ich um »den neunten Teil eines Haars« markten können. Dieser Halunke verband mit den seinen Landsleuten eignen Zügen von Gewerbefleiß, listiger Berechnung, Ausdauer die schlaue »Griffigkeit« der schottischen Unterländer. Als der Kapitän mit Seemannsfreimut kam, um über den Rückkauf zu verhandeln, und von der besondern Härte seiner Lage sprach, zeigte er eine Fühllosigkeit gegen menschliches Unglück, schlimmer als ein Holländer, ein Schotte oder der Teufel selbst, – ich meine jenen Mißwachs der Natur: einen irischen Gutsherrn mit seinem Herzen von Granit, seinem Kopf von Holz. Er beglotzte den verarmten Schiffer mit der leeren, ertötenden Gleichgültigkeit, woran mich später einer jener schäbigen Rohlinge gemahnte, als er mürrisch die Bitten seiner schmutzigen, verhungerten Pächter anhörte. Er ging die Prisenpapiere, Warenrechnungen, Frachtenverzeichnisse abermals durch. Als ich die Verzweiflung des Kapitäns sah, tröstete ich ihn mit der Versicherung, daß er beim Verkauf nicht vergessen werden solle. Da fiel der Makler ein: »Ich protestiere gegen jedwede Abrede. Wenn der Kapitän anständig zahlt und einen sichern Garanten stellt, soll seine Offerte in Erwägung gezogen werden, – das heißt, wenn die Niederlassung Abnehmer wird oder ich Vermittler bin. Immer vorausgesetzt, daß Herr Van Olaus Swammerdam einverstanden ist.«

Damals war ich jung, wußte noch nicht, wie alltäglich solche Naturen sind. Das quallige Vieh ekelte mich so an, daß ich nicht allein ablehnte, mit ihm zu unterhandeln, sondern nah daran war, ihn zu kielholen oder über Bord zu werfen und zu harpunieren. Mir wurde widerraten, und ich entließ den Schubjack mit Schmähungen und einer Verachtung, die ich seither viel öfter verdienen als verteilen gesehn habe.

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