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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 7
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Nachschußlorbeeren. – Friedliche Kaperung einer siegreichen Flotte.

Es ging die Rede, mich nach Oxford zu schicken. Hier hatte ein Onkel Pfründen zu vergeben, die Vater nur mit Schmerz in fremden Händen hätte sehen können. Man fragte mich. Die Entschiedenheit, womit ich den geistlichen Stand ablehnte, ließ keine Hoffnung, mich je durch Eigensucht zu ködern.

Bald darauf wurde ich nach Portsmouth auf ein Linienschiff, die Superb, geschafft, um in Nelsons Geschwader zu kommen. Kapitän Keates befehligte sie. Wir segelten nach Plymouth, Admiral Duckworth an Bord zu nehmen. Der hißte seine Flagge und hielt das Schiff drei Tage zurück, um Cornwallische Hammel und Kartoffeln zu fassen. Durch diesen Verzug stießen wir leider erst zwei Tage nach dem unsterblichen Siege Nelsons bei Trafalgar zu seiner Flotte.

So jung ich war, – nie werde ich die Begegnung mit dem von Trafalgar her laufenden Schoner Pickle vergessen, der die ersten Nachrichten von der Schlacht und dem Tode des Helden brachte. Wir hatten ihn viele Stunden außerhalb unsers Kompaßstrichs gejagt. Wäre unser Schiff nicht so schnell, der Wind so frisch gewesen, wir hätten ihn nicht zum Beidrehen veranlaßt. Sein Befehlshaber, der darauf brannte, als erster die Kunde nach England zu bringen, mußte beilegen und sich rüberbemühen. Kapitän Keates empfing ihn an Deck. Als er die Botschaft vernahm, befand ich mich in seiner Nähe. Das Schiff schwieg: man ahnte ein großes Geschehnis. Die Offiziere standen in Gruppen umher und beobachteten unruhig die zwei Befehlshaber, die beiseite traten. »Schlacht – Nelson – Schiffe«, das waren die einzigen vernehmbaren Wörter. Ich sah, wie Keates das Blut ins Gesicht stieg; er stampfte auf, ging eilig hin und her und sprach in heftiger Erregung. Ich staunte, hatte ich ihn doch nie so außer sich gesehen. Bei jeder Gelegenheit war er mir fest, kalt, gesammelt vorgekommen, und es schlug mir in die Seele, daß ein schreckliches Ereignis stattgefunden habe oder bevorstehe.

Der Admiral war noch immer in der Kajüte, hungrig auf Nachrichten von Nelsons Flotte. In seiner Reizbarkeit war er empört, daß der Schoner seinem Signal nur zwangsweise gehorcht hatte. Wutentbrannt sandte er nach einigen Minuten einen Befehl an Keates. Der hatte ihn vielleicht überhört. Er schwankte noch immer auf Deck auf und ab, zu Tode betrübt über die Meldung, und vergaß so zum ersten Male die Achtung gegen den Vorgesetzten. Anscheinend fluchte er auch über sein Geschick, durch das Zögern des Admirals um sein Teil an der ruhmvollsten Schlacht der Seegeschichte gekommen zu sein. Ein zweiter Bote drängte. Nun mußte er sofort zum Admiral hinunter, der vor Ungeduld raste.

Beim Eintritt sagte Keates, dem ich folgte, so leise, als wollte es ihn ersticken: »Eine große Schlacht hat vor zwei Tagen auf der Höhe von Trafalgar stattgefunden. Die vereinigten Flotten von Frankreich und Spanien sind vernichtet, Nelson ist nicht mehr!« Dann brummte er: »Hätt' man uns nicht hingehalten, wir wären auch dabei gewesen! Der Kapitän des Schoners bittet Sie, Herrn Admiral, ihn nicht länger zu versäumen und seine Hoffnungen nicht ebenso zu zerstören wie die unsrigen.«

Duckworth, dem das Gewissen pochte, antwortete nicht, sondern stahl sich an Deck. Er schien nach wie vor dem Blick seines Kapitäns auszuweichen und wandte sich an den Befehlshaber des Schoners, der in grämlicher Kürze mit Ja, Nein antwortete. Dann beurlaubte er ihn, hieß alle Segel setzen und pendelte allein auf dem Achterdeck umher. Totenstille lastete über dem Schiff, ab und zu unterbrochen durch das Getuschel der Mannschaft und der Offiziere; wieder ließ sich nur »Schlacht« und »Nelson« unterscheiden. Kummer, Mißmut malte sich auf jedem Antlitz. Ich teilte die Gefühle, ohne den Zusammenhang klar zu erkennen.

Morgens stießen wir auf einen Teil der siegreichen Flotte. Es wehte eine steife Brise, die Schiffe lagen wie Wracks auf der See. Der Admiral setzte sich mit ihnen in Verbindung, fuhr zu Collingwood hinüber und erhielt sechs Linienschiffe, um den flüchtigen Teil der feindlichen Flotte zu verfolgen. Ich gelangte nun auf das Schiff, für das ich bestimmt war. Das Elend eines Verbandplatzes an Bord übergehe ich. Immerhin fand ich das Leben erträglicher als in der Schule, weniger schlimm als im Elternhause, zudem wurde ich auf das freundlichste behandelt und gewann Gefallen am Beruf. Wir kehrten nach Portsmouth zurück. Der Kapitän schrieb an Vater, was er mit mir anfangen solle, die Mannschaft werde alsbald abgeheuert. Der äußerte den festen Willen, mich nicht daheim zu sehen, und wies an, mich unverzüglich in die Schiffsschule Dr. Burneys zu schicken. Ich erschrak des Todes. Die Lehranstalten glaubte ich hinter mir zu haben; in der Annahme, sie seien jede wie die frühere, machte ich mir im voraus ein Bild von den Plackereien, die meiner harrten. –

Eine beschwerliche Fahrt lag hinter uns. Wir waren zusammen fünf, sechs Linienschiffe, ganz oder teilweise entmastet, das unsrige überdies durch die Feinde kahlgefegt, will sagen: im Oberdeck fast ganz zerstört; unsere Heimreise verlief daher recht unbequem. Das schmucke Schiff, dessen leichte Segel noch vor wenig Tagen fast in den Wolken geflattert hatten, als es, mit dem Namen »Unüberwindlicher« dem gegnerischen Flottenverband zu Leibe ging, – jetzt war es, obwohl sich sein zerfetztes Banner noch immer siegreich blähte, zerschossen, mit Notmasten versehen, zerspellt: ein Rumpf, der sich mühsam durch die See arbeitete, Wellen, Winden preisgegeben. Mit unsäglicher Anstrengung und Gefahr schleppten wir uns unter dem jauchzenden Hurra der folgenden Schiffe in das sichere Spithead fort.

Welcher Freudenauftritt spielte sich aber jetzt ab! Vom Bord bis zum Lande hätte man über eine Brücke von Booten schreiten können, die um die Wette längsseit kommen wollten. Die einen, atemlos vor banger Erwartung, forschten gierig nach dem Schicksal ihrer Brüder, Söhne, Väter; fröhlich umarmte man sich und drückte sich die Hände. Die anderen drehten bleich, verzweifelt, gebrochenen Herzens um. Es nahte der jüdische Blutsauger, schnalzend vor Entzücken über den Wucherzins, den er jetzt aus den vorausgekauften Prisengeldern ziehen würde; mit raffiger Klaue bot er sein Gold und heischte schwindelhafte Pfänder für seinen Zaster. Mächtige Marketenderboote nestelten sich uns an, voll frischer Lebensmittel, dazu ein Kreis von Kähnen, die von Matrosenweibern, Kindern, Seemannsliebchen wimmelten. Die letzten strudelten so massenhaft herbei, daß von den achttausend, die angeblich damals Portsmouth und Gosport bevölkerten, wohl keine acht daheim blieben. In kurzem schienen sie fertiggebracht zu haben, was die verbündete Streitmacht der Feinde nur großmäulig angedroht hatte: das ganze Geschwader von Trafalgar gekapert! Am nächsten Tag hoben die geschminkten Dämchen beim Abtakeln des Schiffs die drei ersten Zweiunddreißigpfünder heraus; kaum weniger als drei-, vierhundert bedienten die Winde. Unser schwerverwundeter Kapitän landete und übergab mich nebst zwei anderen Gelbschnäbeln der Obhut eines Obermaats, der bald darauf mit uns nach Gosport übersetzte. Er sollte uns zu Dr. Burney geleiten.

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