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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 69
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Louis zum Gedächtnis. – Schabenstreiche des Medizinmanns. – Falsche Krankenbilder. – Glück im Winkel. – Das »lahme Dromedar«.

Wir steuerten die kleinen Inseln auf der Höhe Borneos an, bei denen wir früher geankert hatten, landeten die Kranken und nahmen frische Vorräte ein.

Ich hatte de Ruyter von allem berichtet, was ich gesehen, gehört, getan hatte, wogegen er mir von seinem Strafgericht an der Ostindischen Gesellschaft auf Seiten der Malaien Borneos erzählte. Der Tod unseres männlichen »Mädchens für alles« ging ihm sehr nahe. Mochte Louis äußerlich hartschalig gewesen sein wie 'ne Kokosnuß, – er trug jenen echten Stempel von Menschenwert, den man weder nachahmen noch auskratzen kann, und besaß ebensoviel gute Eigenschaften, wie er überhaupt verwendbar war. »Ich weiß nicht«, klagte de Ruyter, »wie wir ohne ihn auskommen sollen. Schon lange leitete er unsre Geldgeschäfte, – ein bewundernswerter Säckelmeister! Es wird schwer halten, einen gleich ehrlichen Mann hierfür zu finden. Die Berührung des Gelds ist giftig, nicht minder die Kenntnis der Zahlen; sie macht allzu geschickt, andern was abzuziehen und sich's selbst zuzuzählen. Was bleibt also übrig, als seinen Dienst unter uns aufzuteilen?«

Aufmerksam lauschte er auch meiner Geschichte von den Javanern und rief: »So, so, Sie sind auf 'ne Wilde Gänse- oder Schweinsjagd gegangen, – wohl deshalb, weil's gefährlich und verdreht war! Keiner hätte sich, das stimmt, scharfsinniger aus der Schlinge gezogen; aber wer hätte sich auch in eine solche Torheit eingelassen?« –

Ungeduldig über die lange Krankenhaft und sehnsüchtig nach den alten Freunden, ging ich auf die Grab, begleitet von meiner Pflegerin Zela und de Ruyter, der sie wie eine Tochter liebte. Wir verbrachten eine heitre Nacht, schmausten, becherten unter dem Sonnensegel bis zum Morgen. Das Schiffsvolk tanzte und sang; ich hatte ihm ein Tönnchen Java-Arrak aufgelegt.

Scolpvelt fand ich so ziemlich, wie ich ihn verlassen hatte. Zuerst erspähte ich ihn durch die Scheibenluke in seiner Arzneibude, die aussah wie 'n Taubenschlag. An den Spalten und Fugen des Gebälks krabbelten Tausendfüßler umher, alle Schaben im Schiff suchten hier Unterschlupf. Van scherte sich nicht um sie, wenn sie ihm nicht grade beim Schlafen in den Mund krochen. (Das tun sie mit Vorliebe, wenn sie kein Wasser haben.) Es war ihm schnuppe, ob sie ihm in die Suppe oder in den Tee huppten. Vielleicht machte es ihm ebensolchen Spaß, sie totgebrüht zu sehen, wie Domitian das Gezappel der Fliegen, die er in ein Spinnennetz warf. Da saß der Alte, wolkte aus dem Meerschaum und polkte ein Musterexemplar von Kakerlak am haarigen Bein aus der Tasse. Der Inhalt war nicht heiß, das warme Bad hatte es nur angefrischt. Überrascht durch die Länge, vielleicht auch aus Langerweile, hob er's gegens Licht, spießte es wissenschaftlich auf und beguckte es durch ein Vergrößerungsglas. Ich wollte ihn anrufen; de Ruyter hielt mir den Mund zu. Van hatte jetzt seine Schaulust befriedigt, warf das Vieh zum Bullauge raus und schlürfte seinen Sud. Aber sein Forscherdrang war geweckt, und er beaugapfelte das Gebälk. Mit oft erprobtem Kunstgriff preßte er den Kopf eines Tausendfußes fest gegen das Holz, während der Körper in einer Ritze blieb. Der Druck hinderte das Tier, sein Gift zu verspritzen. Der lange geringelte Leib mit den Zappelbeinen fiel in die offne Hand Scolpvelts, der sogleich mit Daumen und Zeigefinger eine Zange bildete und den zerquetschten Kopf packte. Er untersuchte die Beute gewissenhaft und stippte sie zu vielen andern in eine Flasche mit Weingeist; hier quirlte sie noch lange herum.

Endlich rief de Ruyter den Medizinmann an, der sein Pfeifchen frisch stopfte und heraufschlurfte. Er knöchelte mir die ungewaschne Flosse entgegen; obgleich noch das Gift dran klebte, schüttelte ich sie herzlich. Dann fragte er mich nach meiner Krankenliste und verschlang jedes Wort, das ich ihm von den Verheerungen des Javafiebers berichtete. Den Hintritt des armen Louis bedauerte er sehr, schmälte jedoch über dessen Halsstarrigkeit gegen Arznei und fragte eifrig, ob er nicht während der Schmerzen seinen Namen gerufen habe.

»Nein!«

»Nein? – Dann ist er als ungläubiger Heide gestorben. Nur ich hätt' ihn retten können!«

Als ich ihm die tödliche Blutvergiftung eines Arabers schilderte, fragte er, ob nichts Besondres aufgetreten sei. – Nun, er sei leicht verletzt gewesen und habe über die Schmerzhaftigkeit der rötlich aussehenden Wunde geklagt.

»War's ein fressender, schuppender Schade? Oder hielten Sie's für 'ne rotlaufartige Entzündung? Was haben Sie angewandt?«

»Angewandt? Ich ließ ihn Reiswasser mit Zitrone trinken, die Wunde mit Branntwein waschen. Er aber wusch sich mit dem Branntwein die Kehle, mit der Zitronenlimonade die Wunde.«

»Wirklich? Da zeigte er mehr Grips als Sie. Er hätte das Leben verdient, Sie den Tod!«

Ganz besonders donnerte er gegen den Feldscher, der seinen Posten im Kampf verlassen habe; er, Van Scolpvelt, er hätte sich's zum höchsten Ruhm gerechnet, mit ihm für die Wissenschaft die Klinge zu kreuzen. Er bestand darauf, meine Wunde zu untersuchen, und meinte, die Ärzte würden insgemein schließen, es sei etwas von der Kleidung mit der Kugel eingedrungen, und die Vernarbung durch Sondierung stören. »Ich aber weiß aus überreicher Empirie, daß die Kugel immer einschlägt, ohne auch nur eine Faser mitzuführen, – es sei denn, daß sie bereits matt geworden ist; und eine solche kann natürlich nur eine oberflächliche Blessur verursachen.«

Schließlich wollte er untrügliche Symptome von Gelbsucht in meinen Augen und an der Haut bemerken.

Mein alter Quartiermeister riß den Mund auf bei den rätselhaften Fachausdrücken Scolpvelts und flocht dann und wann 'ne Bemerkung ein. Schließlich wandte Van sich um:

»Was hat der alte Knochen da zu brammeln? He? Er verfault am Skorbut, sehn Sie nur!«

Dabei bohrte er seinen harten Daumen in den roten, behaarten Arm des Seemanns, zog die Klaue zurück und zeigte hin:

»Sehn Sie, der Eindruck bleibt, die kollabierten Muskeln haben ihre Elastizität infolge der Durchschwitzung des Blutes in den Venen verloren.«

Der Quartiermeister spürte nichts von dem Druck am Arm – wahrscheinlich war er nicht empfindlicher als meine Krücke – und sagte:

»Kollaboriert? Er meint, zum Henker, wohl 'n Koloß oder 'n Zyklopen. Sein das nich holländische Schiffe?« –

Van trottete fort, um zu sehen, was er von seiner Zitronensäure loswerden könne, und versprach, morgen die Kranken des Schoners zu besuchen. –

Die harten Züge des alten Reis wurden weicher, als er mich begrüßte. Zela, die ihn wegen seiner Güte liebte, küßte ihm die Hand, setzte sich neben ihn und schwatzte mit ihm von ihrem gemeinsamen Vaterland, ihren Stämmen. Mit wenig Pausen unterhielten sie sich lebhaft über die einzigartigen Schönheiten der Heimat, bis das Morgengrauen auf seine dunkle Gestalt und Zelas weiße Stirn fiel. Sie verweilte bei der Pracht der Stadt und des Flusses Yedana, seinen dunklen Bergen, klaren Wassern, seinem immerwährenden Grün, – bei den kühlen Winden aus dem Persischen Golf, den blauen Sohar-Eilanden, auf deren einem ihr Vater Scheich gewesen war. Der Reis ließ das alles gelten, widersetzte sich aber eifrig einem Vergleich mit den Reichtümern Kalats oder dem Glanz Rasalhads, – mit den Tor-Bergen, deren Gipfel den Himmel berührten, mit der Wüste, groß wie das Meer, wo er seine Jugend verlebt hatte. Leider endete hier die Ähnlichkeit, – hatte sie doch in ihrem weiten Bereich nicht einen Wassertropfen. Er suchte Zela zu überzeugen, welch ein Paradies diese Wüste sei, ohne Wasser oder Quellen, – wie friedlich und ahnherrlich sie lebten, indem sie sich von den Karawanen nährten und alle besteuerten, die durch das unwirtliche Sandmeer kämen. Freilich wurde er durch einige Fragen gezwungen, die schauerlichen Qualen einzugestehen, die sie hin und her durch Wassermangel litten; allerdings pflegten sie anhand der eingetrockneten Leichen den Zügen nachzuspüren, die sie dann reich entschädigten, – Allah wisse, was am besten für seine Kinder sei! Als er immer wieder darauf zurückkam, kübelte ich ihm eine Wasserbütte über den Kopf, nahm Zela bei der Hand und kehrte zum Schoner zurück.

Bald umgaben ihn Nachen, derart beladen, daß eine Fregatte genug gehabt hätte. Auch wurden die vier Überlebenden des Wracks auf die Grab gebracht, wo sie's bequemer hatten; bei erster Gelegenheit sollten sie nach den englischen Niederlassungen verschifft werden. Der leberkranke Hauptmann litt weiter an den Folgen des Schiffbruchs. Ich setze gleich den Schluß seiner Geschichte her: Wir schickten alle kurz darauf nach Bombay in einem Prisenschiff, das wir geplündert, dann freigegeben hatten. Vater und Sohn traten die Reise nach England an. De Ruyter und ich hatten heimlich eine goldgespickte Börse in einen wohlversehenen Koffer gepackt, den sie bei ihrer Kleidernot hatten annehmen müssen. Der Vater starb unterwegs und ersparte der »Gesellschaft« sein Gehalt. Über den Sohn, diesen jungen Menschen voll edler Gefühle, reiner Kindesliebe, konnte ich trotz aller Bemühungen nichts erfahren. Auch der Untersteuermann kehrte nicht nach England zurück; angeblich befehligte er ein Küstenhandelsschiff. Der Serang war wahrscheinlich bei ihm geblieben. –

Während unsers Aufenthalts setzten wir die Schiffe in den besten Segelzustand. Die Grab wurde durch Anpinseln und sonstige Verbrämungen wieder zu einem schwerfälligen, küstenschiffähnlichen Araber umgemodelt. Der Schoner erhielt seinen ursprünglichen Yankee-Schnitt mit breiten hellgelben Streifen.

De Ruyter machte mit dem Malaienhäuptling mehrere Ausflüge in das Innere, das den Europäern noch ganz fremd war. Ich besuchte mit Zela unsre alten Plätze. Dabei entwarf ich den Plan für ein Sommerhäuschen und steckte einen Garten ab. Sorgfältig überdachte ich eine Siedlung, die genug Korn, Reis, Wein liefern und das Paradies an Reinheit und Seligkeit weit übertreffen sollte; hier wollten wir den Rest unsrer Tage in ungestörter Ruhe verbringen. Inzwischen hatten wir eigenhändig eine Hütte errichtet, die aus vier Bambusstäben mit einem Dach aus Palmblättern bestand. Eines Tages – Zela briet Fische über der heißen Asche – storchte ich, geschwellt von meiner neuerlangten Wichtigkeit als Hausvater und Freisasse eines grenzenlosen Gebiets, auf meinem Besitz einher: »Liebseelchen, wieviel glücklicher werden wir unter unserm eignen wilden Rebstock und Feigenbaum sein als in dem Sarg von Schoner, wo wir vor Hitze vergehn, – zusammengepreßt, auf und nieder geschleudert wie die eingekisteten Datteln auf dem Rücken eines lahmen Dromedars! Wie glücklich+...«

Pause, – jemand kam durchs Gebüsch. War etwa mein alter Freund, der Orang-Utan, von den Toten erstanden und wollte mir meinen Besitztitel bestreiten? Ich hatte nämlich auf den Resten seines Wigwams das meinige errichtet; ehrlich gestanden: es blieb an Baukunst und Standfestigkeit beträchtlich dahinter zurück. Aber nicht er erschien, sondern de Ruyter, der abermals in meine ländlichen Träume platzte und lebensgefährlich losprustete: »Kommen Sie, Jungchen! Die Malaien haben von ihrem Lugaus ein fremdes Segel nordwärts gesichtet. Kommen Sie, eilen Sie an Bord des – lahmen Dromedars – hahaha! Die Grab ist noch nicht ganz segelklar. Bekommen Sie erst 'n mal das Schiff zu Gesicht, dann kann's nicht entwischen. Wenn's anzuhalten ist, und das muß es, bringen Sie's hier ein!«

In zehn Minuten war ich an Bord, in weitern fünf hatten wir Anker gelichtet. Bald gewannen wir die offne See und zwangen den Gegensegler nach neunstündiger Hatz zum Beidrehen: ein Küstenhändler von Bombay, nach China unterwegs, – eine schöne kupferbeschlagne Brigg, die Baumwolle, ein paar Kisten Opium, Flinten, arabische Perlen, Haiflossen, Vogelnester und Öl von den Lakkadiven geladen hatte, außerdem vier oder fünf Sack Rupien (Silbermünzen). Die fette Prise tröstete uns über den Fehlschlag auf die China-Flotte und befriedigte unsre Mannschaft vollauf.

Stolz kehrten wir zum Ankerplatz zurück. Einen oder zwei Tage später schickte de Ruyter seinen Malaienfreund nach Pontiana, einer großen, reichen Provinz an der Westküste, die kurz vorher von einem mächtigen und klugen arabischen Fürsten gegründet war. In der Hauptstadt, die an einem schiffbaren Strom liegt, war ein Zweig der holländischen Handelsniederlage, mit der unser Malaie ausgedehnte Geschäfte trieb. Er sollte einen Makler holen, die Ladung zu verkaufen, die für diesen Markt paßte; wir hatten nicht genug Leute, um die Prise weit wegzuschicken. Was sollten wir aber mit dem Schiff anfangen? Der Kapitän, Teilhaber der Fracht und Mitbesitzer, liebte es so sehr, daß er sich erbot, es leer auszulösen. Ich freute mich des Verzugs, konnte ich doch so mit Zela weiter bauen und bummeln.

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