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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 67
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Verwundet.

Der heransegelnde Schoner bestrich den Strand, – der Feind gab auf. Wir stießen ab. Ich fühlte mich schwer verletzt, wußte aber nicht, wo der Einschuß war. Die Beine waren unregsam, dumpfe Taubheit rann mir durch den Körper. Die Kleider waren rechts bis zur Hüfte zerrissen und von Pulver beschmutzt, die weiten Kattunhosen glimmten; Blut war nicht zu sehen. Ich streckte mich auf eine Querbank. Als die Empfindlichkeit wiederkehrte, setzte ein qualvoller Sterbenskampf ein. Man legte mich im Achterboot nieder. Zela suchte mit linden Worten und Aufmerksamkeiten meine Pein zu erleichtern.

»Zela, mein guter Geist! Sag, war es unser böses Schicksal, das mir ans Leben griff? War es Azrael, der rote Engel des Todes?«

»Bei Allah, der gute Geist hemmte des Kriegers Arm, als er dir nach dem Leben zielte. Gott ist stark, wir sind schwach. Tod trifft den Stamm, nicht die Glieder.«

Die Kugel hatte unter meiner rechten Weiche eingeschlagen und sich abwärts gewandt; der Prinz war bei dem Schuß bedeutend höher gewesen als ich. Ich schweißte nicht, aber die Marter stieg; es war kein tröstlicher Gedanke, keinen Arzt an Bord zu haben. Man hievte mich an Deck und bettete mich in der Kajüte. Der Prinz war mir so nah gewesen, daß sich ein gut Teil Pulver hereingezogen und das Fleisch zerfetzt hatte, das schwarzblau angelaufen war. Zela strich rohes Eidotter auf, um's herauszuziehen, – ein bestimmt wirksames Mittel des Morgenlands. Nachher wurde die Wunde mit warmem Wein gewaschen und Brei aufgeschlagen. Vier, fünf Tage und Nächte war der Schmerz nicht zu stillen; nur brannte er, wie ich bei Schußverletzungen immer gefunden habe, von Mittag bis Aufgang der Sonne besonders heftig, – kein Sonnenanbeter ersehnte, verehrte ihren ersten Strahl inbrünstiger als ich. Zwölf Tage lebte ich nur als »Säugling«. Die Hingabe und Wachsamkeit Zelas prägte sich mir zutiefst ein; vermutlich litt sie im Gemüt mehr als ich am Körper. Und doch: könnte ich aus dem düstern Abgrund der Vergangenheit etwas haschen, um's noch einmal zu leben, – es wäre der Monat, wo ich siech, gefoltert dalag, weit liebevoller betreut als von der zärtlichsten Mutter+...

Wir waren nordöstlich hinausgefahren, um möglichst schnell die Grab zu treffen und Scolpvelts Geschicklichkeit zu nutzen. Seitdem hat Erfahrung mich überzeugt, daß bei neun von zehn Schußwunden der geschickteste Feldscher wenig frommt. Sonde und Stopfer erübrigen sich. Gewöhnlich fließt Blut genug, um Entzündung zu verhindern. Erweichende Aufschläge, Sauberkeit, Verbände, – mehr braucht die Natur nicht. Bei einem gesunden Körper muß es ihr überlassen bleiben, ihre unergründliche, wunderbare Heilkraft zu wirken+... Nie werde ich vergessen, mit welchem Wolfshunger ich während der Genesung ein Stück Lammbraten futterte. Worte sind zu schwach für das Hochgefühl, womit ich sogar die Knochen zermalmte. Am nächsten Tage brachte Zela das geröstete Schulterblatt eines Zickels. Es war Mittag, den ganzen Morgen hatte meine Einbildung genießerisch nur bei der Tischzeit verweilt. Als sie's vor mich hinsetzte, rief ich: »Ist das alles? Nun merk ich erst, was ich an Louis verloren habe. Der hätt' mich nicht mit 'nem verhungerten Lamm abgespeist, sondern die ganze Mutter gebraten mit dem Jungen als Beilage!«

Mit der Eßlust stellten sich nach und nach die Kräfte ein. Ich übernahm meinen Dienst an Deck; Krücken liehen mir noch größere Würde. Ein Verwundeter verschied, – gewiß nicht an der Schramme, sondern infolge des verseuchten Kaffees. Auch seine Kameraden klagten noch lange über das Gift. Eine steife Brise, mäßige Hitze, die straffe Regelmäßigkeit des Seelebens brachten sie wieder auf den Damm.

Wie war uns damals so rechtzeitig Hilfe geworden? Zela war mit ihrer andern Dienerin in einem kleinen Kahn, dem »Staatsboot«, strandentlang gerudert, um sich dem Lieblingsvergnügen des Schwimmens, unsrer täglichen Gewohnheit, hinzugeben. Während des Badens hörte sie plötzlich Gewehrschüsse, deren Schall durch den Landwind über die See getragen wurde, – fern, dumpf, verworren. Anfänglich schloß sie natürlich, wir seien auf der Jagd. Wenn nur diese böse Ahnung nicht gewesen wäre! Hastig warf sie sich in die Kleider. Zuerst wollte sie landen und dem Geräusch nachgehn; aber Überlegung machte sie andern Sinns. Sie ruderte auf die Mündung des Flusses zu, wo sie die Boote hatte liegen sehn, – sie waren nicht mehr dort. Der Flintenknall wurde deutlicher, – ihr überfeines Gehör unterschied meinen Stutzen. Bald vernahm sie schwach das Geschrei der Eingebornen, das sie kriegerisch anmutete. Sie eilte zum Schoner und äußerte dem Steuermann ihre Besorgnis. Der sichtete vom »Krähennest« die vorrückenden Reiter und die hastig aus dem Dorf quellenden Javanerhaufen. Zum Glück waren die Boote ausgeschwungen, die Pinasse mit dem Geschütz zur Deckung der Holzfäller an Bord. Schnell waren sie bemannt und bewaffnet. Zela, in der Kriegführung der Wilden bewandert, leitete die Matrosen mit untrüglichem Scharfsinn; sie wären sonst nicht zur Zeit angekommen.

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