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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 66
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Der rote Ritter.

Die erste Gefahr war vorüber, aber unsre Lage noch höchst bedenklich. Wir machten lange Beine und gelangten wieder an den Fluß. Hatte Furcht oder Überanstrengung die Wirkung des Gifts aufgehoben oder aufgeschoben, – war's zu schwach gewesen, – nach einer halben Stunde hörte ich nichts mehr davon. Das entscheidende Ziel, unser Schiff wiederzuerreichen, behielt ich fest im Auge; darum führte ich meine Staffel zunächst über den Fluß. Jetzt das Ufer lang! Die Verfolger waren uns dicht auf den Hacken oder in der Flanke, schleuderten ab und an ihre Speere, brannten Luntenflinten ab, schrillten unverständliche Drohungen und Flüche. Sobald sich einer zeigte, antworteten wir pünktlich mit einem Schuß. Sie mehrten sich, und als wir uns der See näherten, wurde die Dschungel dünner. Aduh sah Reiter vorn. Aber schon witterte ich den strengen Allerleigeruch des Strandes und rief: »Vorwärts, Jungs, – See voraus!« Sie setzten sich in Trab, – flotter, als ich sie je das Takelwerk hinaufflitzen sah, um nach einer öden Fahrt einen Blick auf das Land zu tun. Als wir die Wimpel des Schoners aufleuchten sahen, brüllten wir Hurrah, gaben noch eine Lage ab und glaubten uns über den Berg.

Zu früh! Auf der langen Uferzeile zeigte sich eine dunkle Masse. Das Freudengejohl der Eingebornen, die sich uns wie Köter anhängten, bestätigte, was Aduh ersperbert hatte und wir bald alle erkannten: ein Trupp fast nackter, speerbewaffneter Reiter spritzte auf kleinen, aber hurtigen Pferden auf uns zu. Nun war ich auch hier mit meinem Latein zu Ende und überlegte krampfhaft, wie wir der Gefahr am besten die Stirn bieten könnten. Quer durch den Fluß streckte sich eine Barre von Schlamm und Sand. Zur Linken dehnte sich eine weite Ebne, hart an der See lag das Dorf, durchwachsen von Kokosbaumgruppen, die rechts die Aussicht auf den Schoner sperrten. Wir hatten keine Zeit, einen dieser Schläge zu nehmen, – schon hetzten die Reiter heran. Wir verzogen uns also ins Wasser und fußten auf der Bank. Hier hatten wir sichern Grund, die Flut reichte nur bis zum Knie. Der Damm mit dem Schwemmholz bot eine Brustwehr. Ich verfügte noch immer über meine vierzehn Mann; allerdings hatten zwei, drei was weggekriegt, konnten aber noch die Büchsen handhaben.

Mit betäubendem Geheul rückte die Horde vor. Schweigend duckten wir uns. An der Spitze der Fürst auf einem kleinen, hellroten Pferde. Von Kopf zu Fuß bekleidet und gerüstet, trug er als einziger den Turban. Sein geätztes, bemaltes Gesicht schien vor Blutdurst zu brennen. Er setzte ins Wasser, knallte die Pistole ab, warf die Lanze, tänzelte zurück, führte die Reiter herzu, schwenkte, rief die am Ufer Lauernden an, fuchtelte die Fußkämpfer mit der Plempe in den Fluß, durchquerte ihn selbst, preschte zurück, war in ständiger rascher Bewegung. Ich legte auf einen Baumstumpf auf und schickte ihm mehrere Kugeln zu, – vergebens! Unsre Stellung war zwar so günstig, unser Feuer so sicher und kaltblütig, daß wir nicht herauszudrücken waren; aber wir hatten uns fast verschossen, zwei waren tot, ein paar kampfunfähig.

Der Augenblick war da, wo wir einen verzweifelten Versuch machen mußten, die Bucht wiederzugewinnen. Vorsichtig zog ich einen um den andern nach dem Gegenufer. Alsbald drängten die Feinde herab und kletteten sich an. Die tüchtig gelichteten Reiter galoppierten der See zu, um uns abzuschneiden. Leider, leider mußten wir zwei Verwundete zurücklassen. Dem ersten, der an Land trat, zertrümmerte ein Schleuderstein den Schädel; mit mir waren wir also nur noch neun.

Bis zum Meer hatten wir etwa eine Seemeile. Dicht aufgeschlossen räumten wir die Furt und arbeiteten uns, von hinten und von vorn belästigt, am Ufer vorwärts. Endlich sahen wir den Rumpf des Schoners; die erschöpften Männer fühlten neues Leben. Da tauchte aus einer Sandwolke vor uns der Satansprinz auf dem schäumenden Rotroß kentaurengleich auf.

Ein kleines Palmengehölz, das die entdachten Trümmer einer Erdhütte beschattete, erhob sich links; alles umher war wüst. Sie mußten wir erreichen. Wir rannten ums Leben, keuchend, fast berstenden Herzens, und warfen uns über das Gewände der Hütte. Einer der Verletzten hatte unterwegs schlapp gemacht. Ich hörte einen Aufschrei und blickte mich um. Der Prinz überritt ihn, glitt herunter, schlug ihm mit dem Gewehrkolben den Kopf ein, sprang wieder auf und kam auf ungefähr sechshundert Schritt heran. Die Lanzer umkreisten die Hütte, bis sie nah genug waren, uns ihre Speere anzutragen. Drei der besten Schützen, darunter ich, nahmen den Prinzen aufs Korn. Wirklich machte sein Goldfuchs einen Satz und hoppelte unsicher davon; eine Paradiesvogelfeder stob aus dem Turban. War der Kamerad gerächt? Der Prinz stieg ab, schüttelte sich, untersuchte sein Roß, saß wieder auf. Er tummelte sich wie früher, schien aber etwas abgekühlt.

Wir hatten jeder nur noch ein bis zwei Patronen und waren vollständig umzingelt. Beinah »fertig«, bereiteten wir uns vor, durch einen Ausfall unser Leben teuer zu verkaufen. Die Eingebornen hatten sich dicht an die Rückwand der Hütte geschlichen. Es roch brenzlig. Mit den Bajonetten wuchteten wir ein Loch und sahen Schilf, Buschwerk in Flammen. Die Brandstifter fegten wir weg; Löschen ging über die Kraft. Murrend über die Patsche, in die ich sie gebracht hätte, folgte meine Rotte zögernd dem Befehl, sich draußen anzustellen, um den Feind, der uns nun im Nacken saß, mit aufgepflanztem Seitengewehr anzugehen.

Da grüßte uns das Gewumm eines schweren Geschützes. Der Schoner! Die Wirkung war zauberhaft. Meine gebratnen Leute schöpften Mut, warfen die Mützen hoch und gaben Hals wie 'ne Meute Jagdhunde. Zweiter Kanonenschlag! Die Wilden erstarrten bei dem Widerhall. Wir prellten dazwischen, fegten die Schreckgelähmten vor uns her und bargen uns unter den dornumfriedeten Palmen. Heiter, willig besetzten meine Kerle die Stellung, schüttelten sich die Hände, schwuren, sich gegen jede Übermacht zu wehren. Aber noch immer wurden die Erfolgbetrognen vom Prinzen gegen uns gepeitscht. Mit ungemindertem Schneid zügelte er auf dem dampfenden Pferd von einem Punkt zum andern. War er, wie meine Leute schon lange dachten, wirklich der »Leibhaftige« und »gefroren«? Wir hatten zusammen nur noch fünf, sechs Ladungen. Da der Entsatz auf sich warten ließ, unser Feuer verstummte, machte sich der Feind dicht an die Hecken und versehrte einige durchs Gerank. Unsre Lage war trostloser denn je. Aber der Prinz vermochte die Reiter nicht mehr vorzureißen.

In dieser Umklammerung brachten wir ungefähr eine Stunde hin, – uns waren es tausend. Da wandten sich die Javaner plötzlich nach der See. Gleichzeitig hörte ich Rattern von Gewehren: mein Schiffsvolk, das uns zu Hilfe kam! Unser erster Einfall war, vorzustürzen und uns mit ihnen zu vereinigen. Wenn nur die Verwundeten nicht gewesen wären! Als wir die roten Mützen der Araber sahen, zeigte ich ihnen durch einen Schuß unsre Stellung an. Deutlich hörte ich ihren Kriegsruf. Der Prinz umplänkelte uns noch immer mit seinem zusammengeschmolznen Troß und machte den Unsrigen jeden Zollbreit streitig. Zuletzt aber näherten sie sich in unsrer Flanke, teilten sich und stießen vor. Wir bekamen Luft. Ich setzte über die Hecke und grüßte mit der Mütze mein wackres Volk. Aber noch halbwegs flog mir eine Gestalt mit flatterndem Gewand und Haar entgegen, – Zela! Sprachlos hielten wir uns umschlungen. Die rauhen Teerjacken vergaßen der Fährnis und schauten gerührt drein. Dann ging's: »Wie steht's, Käpten? Wo sind die Backsgenossen?« Bald erhob sich ein wüstes Fragen, Brüllen, Fluchen gegen das Inselvolk.

Wir nahmen die Verwundeten auf, gewannen das Flußufer und marschierten, wenn auch immer wieder geneckt, in guter Ordnung nach dem Strande. Der Prinz uns vorauf, augenscheinlich um die Einbootung zu hindern oder die Boote vorher anzugreifen. Das zwang uns zur Eile; denn der Schoner lag zu weit, um uns zu decken. Doch sagte der zweite Maat, daß die Boote draußen ankerten und die Pinasse eine Haubitze führe. Wir waren ausgepumpt, von Hunger, mehr noch von Durst gepeinigt. Nur Zela, das Kind der Wüste, hatte an Wasser gedacht, das den Verletzten zuteil wurde. Vermutlich wurden die Boote am Anlegen gehindert; aber schon zog der Schoner die Segel auf. Da raffte ich meine Leute zusammen, lichtete das Gewühl vor uns mit einer Salve und schlug Bresche mit dem Bajonett. Die Boote liefen in die Flußmündung, – wir konnten die Verwundeten bergen. Die Pinasse saß mit ihren Leuten im Morast fest; es kam zum Handgemenge. Von Ordnung, Befehl war keine Rede. Es ging ums Letzte. Auf dem Boden des blutgefärbten Flusses konnten wir nicht fest stehen. Etliche fielen hin und wurden unter Wasser erstochen. Mit ein paar strammen Burschen hatte ich Zela ins Boot gebracht. Die Javaner, die sich am Dollbord anklammerten, brachten wir mit einer Kartätschenladung zur Ruhe. Eine zweite Auflage räumte am Strand auf und ließ uns flott werden.

Ich stand mit der Lunte auf dem Bug des Boots. Es hing auf einer Sandwächte, von der es die Leute herabschoben. Die Angreifer wichen vor dem unheimlichen Rohr. Tote, Sterbende säten den Strand. In unverkümmerter Wut hatte sich der Prinz vor ein Halbdutzend Reiter gestellt. Als die aber das Ding, dessen Gebuller sie so fürchteten, auf sich gerichtet sahen, stockten sie. Der Prinz rief ihnen ein paar geharnischte Worte zu und raste mit wildem Geschrei, Hohn, Tollkühnheit auf der Stirn, schnurstracks auf das Geschütz zu. Ich blies die Lunte an und hielt sie ans Zündloch. Versager! Der Prinz klatschte mir seinen Turban ins Gesicht und drückte die Pistole ab. Während ich von der Erschütterung wankte, raffte Zela die Zündstange auf und brannte los. Jammergeschrei! Ein Pferd keilte aus und stampfte auf seinem Reiter herum, – nicht der Prinz! Etwas weiter lag ein ekler Klumpen: ein Menschen-, ein Pferdefuß, Hände, Hufe, das Gewand eines Mannes, das Reitzeug eines Pferdes, pulvergeschwärzt, blutbespritzt. Genügte es nicht, um das beste Roß zu erkennen, das je ein Kriegsmann bestiegen, – den heldenmütigsten Ritter, der es je zur Schlacht gelenkt hatte?

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