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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 65
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Jäger und Gejagte.

Wir segelten die Ostküste entlang, um einen Ankerplatz zu suchen. Kein Lüftchen regte sich, weder nachts vom Lande noch tags von der See. Zur Zerstreuung ließen wir das viereckige Segel zu Wasser, um drin zu baden. Es schützte uns vor den Grundhaien, die am Ufer wie stille Wachhunde in ihren unterseeischen Hütten lauerten. Die Hitze war so sengend, daß unsre Sonnenanbeter um einen Geviertfuß Schatten unter der Plane kämpften. Wer von unten kam, sah aus, als träte er aus einem Dampfbade. Endlich frischte der Wind auf. Sanft glitten wir vor dem fülligen Wechselrahmen der Gestade bis zu unsrer Ankerstelle bei Balamhua innerhalb der Insel Abaran. Hier fanden wir einen weiten sandigen Strand, ein Flüßchen, das gesuchte Holz im Überfluß. Ein javanischer Weiler lag an der Mündung. Der Älteste erlaubte uns bereitwillig gegen ein kleines Geschenk von Pulver und Branntwein, uns alles Nötige zu holen. Wir landeten unsre leeren Wassertonnen und begannen Holz zu fällen.

Windstille, Gluthitze, drückende Luft, – alles zusammen heckte wieder Fieber und Ruhr unter den Leuten. Wenige Tage, daß wir nicht einen verloren. Ich hatte inzwischen etwas von den Tropenkrankheiten gelernt; es tat mir aber doch leid, bei Vans Vorlesungen nicht aufmerksamer gewesen zu sein. Nun ich ohne Arzt war, ochste ich eins seiner Bücher durch. Schade nur, daß mir mein verfloßner Lehrer die Gelehrtensprache nicht besser eingebleut hatte, – Latein war Bilderschrift für mich. Dennoch quacksalberte ich drauflos, ob ich zwar keine Perücke, kein Meerrohr mit Bernsteinknopf, keine Sekundenuhr als Maske grober Unwissenheit trug. Ich verabfolgte Arzneien mit ebenso wenig Gewissensbissen wie die Mitglieder des Königlich Medizinischen Kollegiums, die ein M(ed). (Dr.) vor ihre Namen schreiben; ob das nicht M(enschen-)D(ämon) bedeutet?

Als ich zur Abfahrt rüstete, traf es mich schwer, daß sich meine Kerle mit den Dörflern geprügelt hatten; dabei waren zwei Eingeborne angeschossen worden. Solche Häkeleien kamen immer wieder vor: die Teerjacken konnten um die Welt nicht einsehn, daß sie sich auch an Land nach einem Gesetz zu richten hätten. Häufig rückte ich ihnen vor, wie roh sie die Insulaner anfielen, ausplünderten, hinmordeten. Ich konnte kein Gegenmittel finden, zog die Zügel an, so gut's ging, und leistete nach Möglichkeit den Geschädigten Ersatz. Beim letzten Zwischenfall sollten die Javaner angegriffen haben. Ich konnte nicht dahinter kommen, war aber überzeugt, daß sie vorher eine Unbill erlitten hätten, – und sie sind von Haus aus weder geduldig noch versöhnlich. Wenn das nicht eine blutige Vergeltung gab! An Bord kamen sie nicht mehr. Wenn aber Tauschhandel, Verkehr aufhörten, so war das unser Schade, und ich landete in zwei Booten mit Geschenken für den Schulzen. Damit hatte ich kein Glück. Als ich dann nur mit meinem Dolmetscher hinging, konnte ich – wenigstens dem Scheine nach – die Sache mühsam beilegen, die freundlichen Beziehungen wiederanbahnen.

Als wir seeklar waren, drang er in mich, ihn nach einem Jagen zu begleiten, das stark mit Rot- und Schwarzwild besetzt sei. Er hatte den Wunsch oft von mir gehört, die Einladung aber verschoben. Gern sagte ich zu. Nun legte er mir nahe, und zwar mit der Miene des Biedermanns, sein Volk nicht durch eine starke bewaffnete Begleitung zu verprellen. Am nächsten Tage sollte ich ganz früh zu ihm stoßen.

Ich kenne keine Furcht, ließ aber keine Vorsichtsmaßregel außer acht. Am Morgen küstete ich wohlgerüstet mit vierzehn der zuverlässigsten Matrosen in einem Boot und einem kleinern Begleitkahn. Dann befahl ich beiden abzustoßen, zu ankern und auf keinen Fall zu landen oder mit den Eingebornen zu reden.

Der Schulze erwartete mich mit vier, fünf Mann, die nur Krise und Saufedern führten. Wir folgten den Windungen des Flüßchens, das von den letzten Regengüssen angeschwollen, trübe und reißend war. Ich hatte gelernt, wachsam, mißtrauisch zu sein, und achtete auf scheinbar belanglose Einzelheiten. Der Schulze und seine Leute steckten fleißig die Köpfe zusammen. Einige Male sollten wir durch den Fluß waten, wo er furtlos und der Grund schlammig, löchrig war. Er änderte die Marschordnung und zog sich ins Hintertreffen. Warum sollte ich das nicht auch? Etwas Verschlagnes glomm in seinen Augen auf und machte mich stutzig.

Zela war diesmal nicht mit. Nur die Erinnerung an die Tigerjagd war schuld, daß ich sie gegen ihre stürmischen Bitten zurückgelassen hatte. Ich hatte jedoch ein wenig nachgegeben und ihr kluges Malaienmädchen mitgenommen, dem sie unbegrenzt vertraute. Aduh kannte keine andre Sorge, keinen andern Gedanken als Zela. Ihre Anhänglichkeit an mich gründete sich darauf, daß ihre Herrin mich liebte. Ich war so für sie eingenommen, daß ich ihr, um sie stets um mich zu haben, das hohe, wichtige Amt einer Pfeifenträgerin überantwortet hatte; sie war einzig im Zurüsten meiner Wasserpfeife, im Erdichten eines Tabakgemischs, im Stopfen des türkischen Rauchgeräts: Fertigkeiten, die gewiß nicht zu verachten sind+...

Wir zogen ungefähr vier Seemeilen flußauf und erklommen eine steile Felshöhe. Unser Führer schlug vor, in den vorhandnen leeren Rohrhütten zu rasten, uns mit Kaffee und Mangustanenfrüchten zu erfrischen, bis seine vorausgeschickten Leute den Standort des Wildes meldeten. Gern stimmte ich zu. Mein Mißtrauen hatte sich großenteils verflüchtigt, – ich sah keine verdächtigen Anzeichen mehr. Milch, Obst, Kaffee wurden gebracht. Beim Mokka war ich ein Feinschmecker; deshalb überwachte Aduh die Zubereitung des meinigen. Wir saßen in einem der Häuschen, um uns vor der Sonne zu schützen. Ich qualmte meinen Kallian, die andern aßen und tranken. Der Schulze hockte auf einer Matte zwischen mir und der Tür, die durch Javaner versperrt war. Eben wollte ich die Tasse zum Mund führen, als meine Hand vorsichtig von außen berührt wurde. Unbeweglich schaute ich nach der Spalte im Geflecht und sah das unverkennbare Auge Aduhs. Ich lehnte den Kopf zurück, und sie lispelte mir ins Ohr: »Nicht trinken Kaffee – rauskommen – böses Volk!«

Einige von uns hatten kaum den Abguß im Magen, als sie auch schon über Unwohlsein klagten. Wie war er mir vom Führer angepriesen worden! Vergiftet also! Glücklicherweise war ich nicht zu dem »Genuß« gekommen, – hatte ich doch das etwas langwierige Füllen und Anzünden der Wasserpfeife abgewartet. Der Schulze war nun an der Tür und wechselte bezeichnende Blicke mit den Seinigen, – alle starrten mich an. Ihr Getu war nur allzu beredt. Ich zog eine Pistole, sprang auf und suchte den Eingang zu gewinnen. Der Häuptling hinderte mich mit dem Kris. Ich gab ihm Blei, stieß den arabischen Kriegsschrei aus und rief: »Verrat – mir nach!«

So plötzlich war ich vorgegangen, daß die verwirrten Eingebornen hanghinunter in die Dschungel hasteten. Meine Leute wollten hinterher. Ich hielt sie zurück und ließ das Bajonett aufpflanzen. Aduh hatte erlauscht, daß ihnen etwas Giftiges oder Betäubendes beigebracht worden sei und daß der Führer auf Zuzug wartete.

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