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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 64
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Der Meuterer.

Nur vier Tage waren wir bei völliger Windstille im Hafen gewesen. Batavia ist wie Venedig von Kanälen durchschnitten, worein aller Unrat der übervölkerten Stadt wandert; Schlamm und Äser verstopfen sie am Auslauf und bilden den Haupt-Krankheitsherd. Die nahen Berge und das Innre der Insel sind sehr gesund. In der Stadt seuchte alljährlich das sogenannte Java-Fieber. Junge kräftige Menschen mit blühendem Aussehen wurden gewöhnlich zuerst befallen, am schnellsten weggerafft; auch Freßsäcke, Fettsteißige kamen so gut wie nie davon. Mir ekelt vor allen Leuten mit dicken Bäuchen und Hintern, wie Moses und Mahomet vor Schweinen; ich freu mich, wenn's ihnen an den Kragen geht. Einen ausgenommen: den treuen, ehrlichen Louis, dessen warmes Herz auch die Schmerwälle nicht hinderten, frei zu pochen, selbstlos zu fühlen. Gicht, Schlagfluß, Wassersucht, Stein preise, verehre, grüße ich mit gezognem Hut: sie sind Revoluzer in ihrer Art, die unversöhnlichen Mörder von Königen, Priestern, raffgierigen Geldleuten, schlingsüchtigen Schlemmern. Wenn der Pfaff dem armen Kätner sein Korn und Zehntschwein nimmt, – das Gewissen mag ihn nicht zwicken, desto öfter sein großer Zeh, und das Borstenvieh hört nicht auf in ihm zu grunzen, bis es, an seine Rippen festgewachsen, seinen Hals umklammernd, unverkennbar bevorstehenden Gehirnschlag anzeigt. Selten wurden bei uns die breitbrüstigen, langgliedrigen, helläugigen Windhundnaturen, die Hageren, Mageren von Fieber und Ruhr verfolgt oder gepackt, – sie mochten leben, wie sie wollten. Unser Zimmermann, ein braver Seehund, nahm täglich nach der Schnur seine gut zwei Liter Arrak zur Brust und arbeitete wie 'ne Dampfmaschine; man hätte seiner Schweißspur nachgehen können. So pichelte er jahrelang und war der Erste, der Letzte beim Handanlegen, dazu Bordältester und am längsten in Indien; und doch waren Gesundheit und Stärke ungemindert, von Hitze und Wetterwechsel unabhängig wie 'n Triebwerk. Tag und Nacht schuftete er und wunderte sich, wenn andre erkrankten, starben, ihre Stelle verließen. Mich führte er beispielsweise als »Span« seines eignen »Klotzes« an, zum Befehlen geeignet; denn ich war immer da, wohin die Pflicht rief.

Bei meinem zusammengefegten, rohen, verwilderten Volk, den Entgleisten des Westens, den Entkasteten des Ostens: Leuten, welche die Eisenfaust des Gesetzes weder beugen noch zähmen konnte, deren Tigerherzen keine Bande der Verwandtschaft, des Zuhause, des Vaterlands kannten, – hier war mein Dienst bestimmt kein Druckposten. Mehr als einmal stand meine Obergewalt auf dem Spiel, trotz den alten erprobten Mannen, die mir de Ruyter zur Rückendeckung gegeben hatte, – trotz den Europäern unter meinen Leuten, die zu mir hielten, – trotz Zelas getreuen Arabern. Einige waren so unbändig, daß ich oft in großer Gefahr schwebte, wo's auf mein Leben abgesehen war. Zela mit der kleinen Malaiin, die ich jener zartbesaiteten Mutter abgekauft hatte, und ihre Amber waren meine Rettung. Sie unterrichteten mich rechtzeitig von allem, was gespielt wurde, und ich konnte mich vorsehen. Außerdem war mir der erste Maat, der Amerikaner, ein zuverlässiger Freund. Die starken Bande gegenseitigen Vorteils fesselten ihn an de Ruyter: unter Menschen das einzige Treuepfand. Aber wir hatten einen wüsten Klüngel heruntergekommener Franzosen da: graubärtige Seeräuber, Schmuggler, Burschen mit langen Messern im Gurt und so jähzornig, daß ihre Hand gewöhnlich wie unbewußt am Heft lag, während das Auge beim geringsten Anlaß mordlustig aufflackerte. Ihre böswillige Scheelsucht verübelte mir die Vorliebe, die ich angeblich meinen Landsleuten und den Eingebornen bewies. Die Stänkereien rissen nicht ab. Ein Häuptling dieser Bande war in Wortwechsel mit dem ruhigen, etwas schüchternen amerikanischen Steuermann geraten und zückte drohend den Stahl. Ich hörte in der Kajüte den Streit von Anfang bis Ende. Die Aufführung des Lümmels wurmte mich schon lange, war er doch Wortführer der aufsässigen Franzosen. An Deck stellte ich ihn. Ohne zu mucksen, blieb er stehn, immer noch den Stecher in der Hand. Wir maßen uns mit den Blicken wie Zirkusfechter. Indem suchte ich meinen kleinen Kris zu ziehen und brüllte: »Meuterei! Packt ihn!« Wir aufeinander los! Er rief seine Landsleute zu Hilfe, – der schönste Aufruhr war da! Ich spürte Kalteisen am linken Arm und an den Rippen, eh ich meine Waffe raus hatte, bemühte mich aber nicht, den Stoß abzuwehren, sondern faßte ihn mit der einen Hand an dem sehnigen Hals und stieß ihm mit der andern den Kris nach Malaienart von hinten durchs Herz. Dann sackten wir auf ein Kanonengestell.

Beim Aufstehn bebte mir jeder Muskel wie eine verwundete Schlange. Ich hatte getötet, – im Zorn, aber nicht in jäher Leidenschaft; so jung, hitzig ich war, – beherrschen konnte ich mich. Der Tod des Schufts war beschloßne Sache, nachdem ich mich redlich bemüht hatte, ihn zu gewinnen. Er war Bootsmann, der Verwegenste an Bord, gegen Gefahr gleichgültig wie ein Büffel. Er haßte die Engländer, – ich haßte ihn wegen einer Geschichte, der er sich oft mit wilder Lust gebrüstet hatte:

Er war früher Steuermann auf einem kleinen Schiff, das zwischen Isle de France und Madagaskar Viehhandel trieb. Es wurde von einer englischen Korvette genommen und mit einem Kadetten nebst fünf, sechs Mann besetzt. Jenen Burschen hatte man mit zwei andern – darunter einem Afrikaner – dort belassen. Unbedacht erlaubte ihnen der Kadett, bei den Schiffsarbeiten zu helfen, statt sie einzusperren. Als in einer windstillen Nacht der Jungoffizier und die meisten Matrosen schliefen, kroch er in die Kammer und schnitt ihm den Hals ab. Hierauf machte er mit seinen Kumpanen die übrigen stumm, warf sie in die See und kehrte nach Isle de France zurück, wo sie über ihre blutrünstige Niedertracht frohlockten.

Abends vorher hatte ich ihn das Heldenstück wiederholen hören und kaum meine Entrüstung gezügelt.

Ich streckte die blutige Hand mit der triefenden Waffe aus und herrschte die sich zusammenscharenden Franzosen an: »An den Dienst! Da liegt euer Rädelsführer! So geht's jedem, der mir ungehorsam sein will!«

Zela stand neben mir und hielt meinen Degen vor mich. Ihr Auge hatte sich verfärbt, das Feuer ihres Stammes loderte in ihren Blicken. Finster traten die Franzosen ab, die andern lehnten schweigend umher. Von da an hatte ich beträchtlich an Ansehn gewonnen, die aufkeimende Widersetzlichkeit bekam einen Dämpfer, meine Jugend, der Haupteinwand der Widerspenstigen, ward vergessen.

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