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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 63
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
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Der Oberküchenmeister als Fraß der Fische. Der lebende Leichnam.

Wie um den Ernährungsstreit zu entscheiden, richtete die Seuche beispielhaft ihren Pfeil auf den vornehmsten ihrer großspurigen Verächter, – Louis. Essen, Trinken nach wäre er unsterblich gewesen! Er kröpfte wie 'n Geier, obendrein solche fetten Happen, daß die Leber eines Wals nicht mehr Tran, die Rippen eines Ochsen nicht mehr Talg geliefert hätten als er: Ludwig der Große! Trinken? Nun, – Gurgel und Magen mußten 'ne Pelle haben, brandfest wie Asbest; wie hätten sie sonst dem Feuerwasser trotzen können, das er so manches liebe Jahr hinter die Binde goß, genug, 'n Dutzend Kupfertrichter zu zerfressen? Kaum daß jener leidige Gast den Schoner zu verheeren begann, wurde pünktlich das Stundenglas gedreht, die Glocke gezogen. Louis achtete streng auf die Zeit und rief: »Jung, weißte nich, daß de Sanduhr umgekehrt is und 's Fieber an Bord? Bring de Steinbuddel, um's rauszujagen!« Dabei kippte er ein Glas in den kupfernen Schlund. Die Seeuhr in der Kajüte ging nicht genauer als Louis mit der Flasche. Sein Gaumen war untrüglich. Sooft durch Irrtum, Nachlässigkeit unpünktlich geglast wurde, verfehlte er nie auszurufen: »Jung, de Buddel!« Wenn dann der Schelm einwandte, die Glocke habe noch nicht geschlagen, so tobte er: »Dann hätt se schlagen sollen! Auf, faules Seekalb, reich mir de Buddel!« Einmal aber schrie er: »Was haste gemacht, junger Skorpion? Hast an der Buddel gelutscht und Wasser aus 'm Schiffsraum nachgefüllt! Das is nich aus meiner Kiste, das is bestialsches Gesöff und würd 'n Walroß schwach machen.«

Der Gescholtne beteuerte, es sei der nämliche, den er immer genehmige. Louis grollte, schüttelte ihm den Fusel ins Gesicht und wollte ihm schon das Tauende aufmessen. Da griff ich ein: »Halt, Louis, laß mich kosten! – Ich schwöre, es klappt alles!«

»Was, mein eignen Schiedam nich kennen! Der Deibel selbst könnt mich, seit ich fünf Jahr bin, nich drin dumm machen. Van Sülpke, was der große Brannteweinhändler in Amsterdam is, hat's bestätigt: ich kann besser als seine Spirtuswaage das Gehalt seiner Schnäpse bestimmen. Überdem hab' ich so viel davon verschluckt, daß der Schoner drin schwimmen könnt, – etwan nich?«

Hier hielt er inne: die Krankheit hatte ihn gepackt!

»Der Satansjung hat an der Buddel gesogen und Arznei reingepanscht! Ich kann 'n Dokterstrank nich vertragen. Ne andre Buddel her, du Dieb, du Lügner!«

Eine neue Kruke! Er versuchte. Aber das bislang so belebende Getränk hatte den Geschmack verloren. Er prustete, spie, stieß es fort, nahm auch die frisch angezündete Pfeife aus dem Munde. Ich trat näher: die funkelnden Äugelchen waren trübe, die Lippen entfärbt, schaumig, die Hände geballt, Kopf, Unterkiefer hingen herab.

»Nanu, alter Louis, was ist's, bist du krank?«

»Krank? Nö, ich bin nie krank, nur 'n bißchen unpäßlich. Der verdammte Stoff liegt mir wie Gift im Magen.« Dabei strengte er sich heftig an aufzustehen.

»Komm, du bist krank. Geh aus der Sonne und leg dich achter hin!«

»Nö, Kaptän, bin nich so verrückt, krank zu werden. Ich war nie derart krank. Außer mal in der Südsee bei Otaheiti, als diese – wie heißen se doch? – diese Mischonäre an Bord kamen, um 'm Schiffsvolk was vorzupriestern und ums Geld zu prellen. Wie 'n ausgemachter Trottel ging ich mit ihn' an Land, und se trichterten mir 'n verfluchtiges Zeugs ein, wo se Wacholder nannten; hab ne solche Gotteslästrung nie gehört! Als se mir sagten, se hätten 'ne große Wacholderbrennerei angelegt, hielt ich se für sehr nützliche, geschickte, gute Leute; denn Se wissen, Kaptän, mit Wacholderbranntwein kann man de ganze Welt bekehren. Aber das war der unchristlischste, vermaledeitste Rachenputzer, wo ich je gekost hatte, und damals fühlt ich mich wie jetz. Dennoch haltn'en de vertrottelten Insolaner vor recht gut, weil er toll und voll macht, und se glauben, der Himmel hat ihn für sie geschickt. Aber ich glaub, der Deibel treibt mit ihn sein Wesen.«

Er brach ab und klagte über Schmerzen am ganzen Leibe, im Kopf, im Magen. Lieb wie ich ihn hatte, sah ich bekümmert, welche Verwüstung sich auf seinem breiten, ehrlichen Gesicht abzeichnete. Ich führte ihn in die Kajüte, legte ihn in mein Bett, beauftragte Zela (Louis behauptete, sie sei viel zu sanft und zu gut für 'ne »Frow«), ihn zu pflegen und, wenn menschenmöglich, die Krankheit zu brechen, deren Eisenfinger wohl schon nach seinem Leben griffen. Aber es stand im Buch des Schicksals, – wer kann dessen düstere Schlüsse wenden! Krampfgeschüttelt, geiferte, raste er, sank dann in dumpfe Bewußtlosigkeit, – ächzte, stammelte Unzusammenhängendes. Als es graute, brachte er kraft der unüberwindlichen Gewohnheit matt, aber deutlich seit Stunden die ersten verständlichen Laute hervor: »Jung, de Buddel!« Schlaftrunken raffte sich der Bursche vom Boden der Kajüte auf und kramte in der vertrauten Lade. Ich fragte Louis, wie er sich fühle. »Heiß, sehr heiß und durstig! Mein Körper brennt und is trocken wie Asche, – kein Troppen Feuchtigkeit drin. Ich glaub, ich steck in 'm Ofen. Jung, de Buddel!«

Ich konnte dem Flehen seines Blicks, der zitternden Gier seiner Hand nicht widerstehen, womit er nach dem Glase tastete. Aber kaum berührte der Trank, den er sonst für den Geist des Lebens erklärt hatte, die weißen, kaltklebrigen Lippen, da schauderte er wie vor einem Giftwurm zurück und blickte wild umher: »Gott, Gott, ich fleh um 'n See voll Wasser, und tausend Teufel bringen mir Feuer! Ich steh in Flammen.«

So lag er, abwechselnd irreredend, stumm vor sich hindämmernd, bis Mittag. Da meldete der Junge, daß er schlummre. So stürmisch hatte das Fieber gehaust, daß ich Böses gewärtigte und runter ging. Mir grauste bei dem Anblick: die Züge verknittert, die Nasenlöcher erweitert, das Auge glasig, halb geschlossen, die wattige Haut blau unterlaufen, dick geädert, der Arm schlaff herabhängend, die Hand fahl, welk. Louis hatte die Flagge vor dem scheußlichen Piratenfürsten gestrichen! Des Todes graues Banner hing über ihm. Ich hielt einen Spiegel an die bleifarbnen Lippen, – kein Hauch trübte das Glas. Dazu hatte die Verwesung eingesetzt, eh der letzte Lebensfunke erloschen war. Kaum hatte ich Zeit, eine Träne abzuwischen, als der daneben stehende Fregattenarzt mir die Hand auf den Arm legte: »Sind Sie denn taub, Kapitän? Wenn Sie die Leiche nicht augenblicklich über Bord schicken, sind Ihre Kerls morgen eine Beute der Haie.«

»Wie? Der warmherzige, ehrliche, frohsinnige Louis, die Seele der Besatzung, mein bester Diener Futter für die Fische, – wie ein verfaultes Schaf ins Meer geworfen, eh nicht sicher das Leben von ihm gewichen ist! Fühlen Sie her, – noch warm! Es darf nicht sein!«

Der Doktor kehrte auf sein Schiff zurück. Sein Rat war richtig gewesen, so hart er klang. Die Zersetzung trat wunderbar schnell ein; die unerträglich drückende Luft auf dem Schoner wurde verpestet. Noch ein paar Stunden, – man hätte sich nicht mehr ungefährdet dem Toten nähern können. Also ließ ich ihn in eine Hängematte nähen, den Matrosensarg, ein paar große Kanonenkugeln an den Füßen. Er wurde in ein Boot gefiert, statt des Leichentuchs in eine Flagge seines Landes gehüllt und weit hinausgerudert; niemand durfte im Hafen oder in der Nähe versenkt werden. Ich hätte die Totenmesse über ihn gelesen, wenn so was wie ein Gebetbuch aufzutreiben gewesen wäre. Wir feuerten drei Lagen über Louis' Menschhaftem ab und übergaben es der Tiefe. Schweren Herzens sah ich's untergehen und befahl backzurudern. Das Boot war voller Leute, die ihrem allbeliebten Louis die letzte Ehre erweisen wollten. Ich betrachtete das Gekräusel: »Armer Louis, die Welt gäb ich dafür, wenn ich dich wiederhaben könnte – – – da, – was ist das? Riemen glatt!« Alle drehten sich um und riefen aus einem Munde: »Bei Gott, er ist wieder rauf!«

Tatsächlich, – der Tote war bolzgerade emporgeschossen! In der allgemeinen Verblüfftheit fiel das Warum keinem ein: die Kugeln, nicht genug befestigt, waren herausgeschlüpft! Wir fuhren so eifrig hin, als gölte es, einen Ertrinkenden zu retten. Wirklich waren einige dafür, den Körper einzuholen, ob er vielleicht lebendig geworden sei. Als wir merkten, daß das Gewicht aus der Laschung war, kamen wir in Verlegenheit. Einen Gestorbnen schwimmen lassen, gilt unter Teerjacken für einen ebensolchen Frevel wie: ihm ein christliches Begräbnis verweigern. Für unsern Zweck war nur der eiserne Dregganker schwer genug. Der wurde an die Leiche festgezurrt, und sie tauchte wieder hinab. Vermutlich warteten alle auf ihr Wiedererscheinen. Ein alter Kriegschiffmatrose bedeutete weise: »Verdammt will ich sein, wenn alle Anker auf der Werft von Portsmouth den holländschen Dogger unter Wasser halten. Das Zeugs hat er bei Lebzeiten nie in seine Speigatten laufen lassen; jetzt ist er tot, und da ist's erst recht unnatürlich!« –

Ich hatte fern vom Hafen festgelegt, um außer Bereich der schädlichen Landdünste zu sein und den frischen Seewind wahrzunehmen. Dennoch suchte sich die Plage bei uns ihre Opfer mit fast den nämlichen Zeichen, derselben schnellen Verwesung wie bei dem armen Louis. Einen großen Teil der Nacht betreute ich die Kranken. Auch später fand ich keinen Schlummer. Wie konnte am nachdrücklichsten eine weitere Ausbreitung gehemmt werden? Ob ich nicht besser meine Geschäfte abbrach und ungesäumt einen andern Hafen aufsuchte? Zögerte ich, so würde ich wohl bald keine Wahl mehr haben. Mein versoffner Bader hatte mich aufsitzen lassen. An sich wäre mir das nur lieb gewesen; aber ich hatte noch keinen Ersatz. Meine paar Heilmittel verstand ich nicht anzuwenden; dabei hatte de Ruyter sich bemüht, mich in einem so wichtigen Dienstzweig zu unterweisen. Acht Matrosen lagen schwer danieder. Ich beriet mich mit den beiden Maaten, und wir einigten uns dahin, bei Tagesanbruch das Feld zu räumen. Dann zog ich mich zerquält, erschöpft auf mein Lager zurück.

Bei Morgengrauen störte mich der obgenannte Kriegsschiffmatrose: »Käppen, er ist wieder flott und langseit! Soll er an Bord?«

Ich rieb mir die bleischweren Lider: »Ja, an Bord! – Wer – ist's denn?«

»Nun, – er!«

»Er, – wer?«

»Der Vorratmeister!«

»Vorratmeister? Welcher Vorratmeister?«

»Der alte Louis!«

Wachte ich oder schlief ich? Der Maat fuhr fort: »Hab ich's nich gesagt, Käppen, er würd sich nich unter Wasser halten lassen?«

Ich ging mit an Deck. Er deutete auf den Leichnam, der quer vor unserm Steven trieb. Die Matrosen drängelten nach vorn, staunten bang hinab. Von der offenbar übernatürlichen Wiederkunft war ich nicht minder betroffen. Wir hatten den Dregganker ordentlich angeschnürt, und nachts war gutes Wetter gewesen. Bei genauerer Untersuchung löste sich das Rätsel: die Grundhaie hatten die Hängematte losgezerrt, um an den Leib zu gelangen. Schrecklich war ihm mitgespielt: ein Bein abgerissen, – den Oberkörper hatte das Flaggentuch geschützt. Nun beschloß ich, die Überbleibsel zu beerdigen; doch war's gefährlich, sie anzurühren, und ich hatte keine Sargbretter. Endlich verfiel ich darauf, den Wiedergänger an Land zu schleppen und in einer tiefen Grube einzuscharren. Der zweite Maat hob eine oberhalb der Hochwassermarke aus: »Wasser darf er nich spüren! Heißt mich 'ne Landratte, wenn er dann nich sein Tau abstreift und wieder unter Segel geht und uns in alle Kanten der Welt nachkommt! Ich will ihm also 'nen trocknen, molligen Ankergrund geben.«

Das war nicht zu bestreiten. Wir schroteten also Louis in sein Strandgrab hinab. Um doppelt sicher zu gehen, schleppten wir den vermoderten Boden eines Kahns heran und deckten 's damit zu. Nun war er von oben und von unten sicher vor dem Wasser!

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