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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 61
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Romeo und Julia in den Tropen.

De Ruyter danke ich die Geschichte des jungen Manns:

Sein Geschäftsfreund auf Isle de France hatte in Europa französische Handlungsgehilfen angefordert. Nach einiger Zeit trafen zwei mit einem Empfehlungsschreiben ein. Sie gaben sich für Brüder aus, und ihre starke Ähnlichkeit verglaubhaftete es. Einer schien kaum zwanzig, der andre viel jünger. Beide sahen gut aus und waren geschmackvoll gekleidet, besonders der kleinere, der sehr zart und frauenhaft auftrat. Man wies ihnen bei dem Kaufmann ein Zimmer an. Vom Geschäft verstand der erste sehr wenig, der zweite noch weniger. Das verdroß den Arbeitgeber. Aber unermüdliche Aufmerksamkeit und Treue versöhnten ihn bald, und dank ihrem Fleiß wurden sie nach und nach hervorragende Buchhalter. Unzertrennlich, mieden sie jeden sonstigen Umgang, unterschieden sich durchaus von den jungen Männern seiner Bekanntschaft. Sie rechtfertigten sich annehmbar: zarte Gesundheit des kleineren, – Verwaistheit, – Vorschrift der verblichnen Eltern.

Ein bösartiges Fieber befiel den jüngern, und der Bruder wich ihm nicht von der Seite. Der Luftveränderung wegen wurden sie in ein Landhaus geschickt. Eines Abends ging der Kaufmann hinaus, nachdem er ein paar Tage ohne Nachricht geblieben war. Zu seinem Befremden war es trotz der Abendkühle verschlossen, außerdem still, scheinbar verlassen. Lange hatte er gerufen, geklopft. Er erbrach ein Hinterfenster und stieg ein. In einem Oberzimmer stöhnte es leise. Er ging hinauf, lauschte, rief, erhielt keine Antwort und rüttelte an der Tür, – verriegelt! Er erbrach sie mit herbeigeholten Werkzeugen. Die zwei lagen festumschlungen auf einer Matte. Waren sie tot? Da er aber eben noch die Stimme des einen gehört hatte, sah er genauer hin. Da entdeckte er in dem jüngern ein Mädchen! Sie war schon einige Zeit gestorben. Der Ältere, ein bärenstarker Jüngling, fast schon Mann, atmete noch.

Bei der Durchsuchung der Stube fand der Kaufmann ein versiegeltes, an ihn überschriebnes Papier, dessen Inhalt alles entschleierte und ihn tief ergriff.

Der junge Mann hatte die Geliebte nicht überleben können; aber das Fieber, das auch ihn ergriffen hatte, war ihm zu langsam gewesen. Deshalb hatte er Opium genommen, damit ihre Seelen im Leben wie im Sterben vereint blieben. Der Kaufmann war geistesgegenwärtig und erfahren genug, um ihn wiederzuerwecken. Allerdings hatte Gift oder Kummer sein Gehirn zerrüttet, und er war monatelang ganz geistesabwesend. Zeit und Pflege brachten ihn wieder zu Verstand; aber Leib und Seele rieben sich umschichtig auf. Leidzerschlagen, enthoffnet, war er nur noch ein Schatten und wankte wie ein Gespenst umher. Der Kaufmann tat alles, um den Kummer fortzuwischen oder zu lindern. Aber der lag zu tief für die Sonde des Feldschers, den Heiltrank des Arztes, das Mitgefühl des Freundes. Wohlmeinend nahm ihn de Ruyter auf die Grab: vielleicht würde ihn unser lärmendes, wechselvolles Treiben doch noch aufrütteln+...

Jenem Briefe nach entstammten sie einer vornehmen Familie. Das Fräulein war in einem Pariser Kloster erzogen worden, gegründet von adelstolzen, unnatürlichen Eltern, die ihre Nachgebornen lebend begraben, um sie ihres Geburtsrechts zu berauben. Der Jüngling fand als Verwandter Zutritt. Von Jugend auf hatten sie sich geliebt; nur waren die Verhältnisse dazwischengetreten. Nach Jahren sahen sie sich wieder, – Schwärmerei wurde unbezwingliche Leidenschaft.

Sie schmiedeten den Plan, verkleidet zu fliehen. Erreichten Havre de Grace. Ein holländischer Kapitän, den sie mit ihrer ganzen Habe erkauft hatten, verbarg sie. Die französische Polizei war ihnen auf der Spur, sperrte den Hafen, durchsuchte jedes Fahrzeug vom Flaggenknopf zum Kiel. Der Schiffer kannte die Folgen der Entdeckung. Angst vor Strafe gab ihm eine List ein, womit er die Häscher übertrumpfte: während sie die Schiffe durchstöberten, barg er die beiden, vermeintlich Söhne vornehmer Herkunft, in den Gewölben seines Schmuggelfreundes.

Als er die Reede verlassen durfte, brachte er sie wieder an Bord und versteckte sie für alle Fälle, wie durch einen höhern Wink, in zwei Tonnen, die auf Deck verstaut wurden. Ob aus besonderm Verdacht oder durchgängig: als er losgeworfen hatte, kam die Polizei abermals rauf und schnüffelte schärfer denn je. Dabei entspundete ein Offizier die Tonne, worin das Mädchen hockte, stach mit dem Degen hinein und streifte ihre Brust. Der Schiffer (leichthin): »Nur 'n leeres Wasserfaß!« Allmächtige Liebe stärkte sie, die höllische Feuerprobe auszuhalten.

So entgingen sie den Spürhunden und kamen nach Holland, – freundlos, mittellos. Der Kapitän besorgte Verrat. Dem Eifer der Polizei nach handelte es sich um keinen gewöhnlichen Fall, und er wurde sehr ungehalten. Er sah sich getäuscht, konnte ihnen aber weder durch Drohungen noch Kniffe ihr Geheimnis entlocken. Damals setzten die Holländer alle Hebel in Bewegung, Abenteurer für ihre indischen Besitzungen zu werben; der Schmuggelkapitän gehörte zu den Vermittlern. Der junge Mann schlug vor, ihnen einen Posten dort zu verschaffen. Sofort war der Kapitän bereit, verwundert, nicht selbst darauf verfallen zu sein. Zu seiner großen Freude wurden sie nach Isle de France verschifft und an das erwähnte Kaufhaus empfohlen. Er erhielt zu dem früher Eingesackten eine hübsche Belohnung, daß er zwei vielversprechende, wohlerzogne Freiwillige geliefert habe. Er wußte genau, daß man nicht mehr viel von ihnen hören werde.

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