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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 55
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Die Dschunke.

Bei meiner Dauerstreife traf ich auf eine chinesische Dschunke, die von Borneo her abgekommen war. Sah aus wie 'ne riesige schwimmende Teekiste und segelte ungefähr ebenso schön. Platter Boden, flache Seiten. Reichvergoldete grüne, gelbe Drachen allenthalben aufgepinselt. Masten vier oder fünf. Bambusrahen, Mattensegel, Takelung aus gedrehtem Kokosbast. Ringsherum Doppelgalerien nebst verziertem Vorder- und Hinterschiff, so hoch wie mein Großmars. Sechshundert-Tonner. Das Innere 'n richtiges Warenhaus. Schwärme von Menschen. Da jedem sein Tonnengehalt zugeteilt war, hatte er ihn auch abgetrennt und in eine Bude oder Kramladen verwandelt, – wie die ungezählten Zellen eines Bienenkorbs, sicher mehrere hundert. Jegliches Handwerk wurde wie an Land betrieben, von der Eisenschmiede bis zur Anfertigung von Papier und Glas, von dem Geschnitz elfenbeinerner Fächer, dem Gestick in Gold und Musselin bis zum Geröst von Mastferkeln, die dann auf Bambusstöcken zum Verkauf rumgetragen wurden.

In einer Kammer hatten ein verleckerter Tatar und ein schmerbäuchiger Chinese ihr Schlemmerzeug auftragen lassen: einen feisten, im ganzen gebratnen Hund, gefüllt mit Ingwer, Reis, Talg, Knoblauch, mit Schweinefett beträufelt; die köstlichen, so hochgerühmten echten Schwalbennester, gesülzte Haiflossen, Soleier, gefärbten Pilau. Ein heidenmäßiger Napf mit heißem Arrakpunsch thronte inmitten des Tischs, ein Junge schöpfte unablässig daraus. Die Freßmäuler handhabten ihre Eßstäbchen hurtig, unentwegt wie ein Gaukler seine Kugeln. Die schwarzen, lüstern zwinkernden Äugelchen des Chinamanns waren fast in Fettwülsten vergraben. Der Tatar, mit einem Mundwerk wie 'ne Schiffsluke, schien auch über den entsprechenden Laderaum zu verfügen. Die beiden sollten die angesehensten Kaufleute an Bord sein, und ich wollte sie sprechen. Aber wie Schweine, die bis über die Seher in duftigem Gedärm wühlen, ließen sie sich nicht von ihren Leckerbissen ablenken. Ein Matrose, der mich geführt hatte, flüsterte seinem tatarischen Reeder ins Ohr, wer ich sei. Der grunzte etwas wie 'ne Antwort, packte mit fettriefender Pratze einige Handvoll gedünsteten Reises auf eine Tischecke, drückte ihn mit der Faust ein, schwappte in die Höhlung ein wenig Brühe aus der Schüssel mit dem geschmorten Wauwau, fügte fünf, sechs Soleier hinzu und forderte mich mit einer Handbewegung auf, niederzusitzen und zu essen.

Von den Dreckfinken angewidert, flüchtete ich in das Ruderhaus des tatarischen Kapitäns. Der war auf eine Matte gerekelt, rauchte Opium durch ein dünnes Schilfrohr und beobachtete die Windrose des Kompasses, wobei er mit singendem Tone rief: »Kie! Hooe! – Kie! Chee!« Ich hätte ebenso gut das Steuergerät ausfragen können wie ihn und rief den Schoner an, mir eine tüchtige Mannschaft rüberzuschicken.

Dann durchsuchten wir alles und drangen gewaltsam in jeden Verschlag ein. Wüste Verwirrung, Geschwabbel, Lärm, – Fratzenschneiden, Schnattern von Affen, Papageien, Hunderten von Enten, Ferkeln und vielem andern Getier, wie es zahllos in dieser Arche hauste. Die Bestürzung unter der gemischten Gesellschaft ist unvorstellbar und unbeschreiblich. Nie hatten sie sich träumen lassen, daß ein Schiff unter der geheiligten Flagge des Kaisers der Welt, des Königs der Könige, der Sonne Gottes, des Vaters, der Mutter aller Menschenkinder, in diesen Gewässern überfallen, durchstöbert würde. Sie plärrten: »Wer seid ihr? Woher kommt ihr? Was wollt ihr hier?« Meinen kleinen Schoner würdigten sie kaum eines Blicks, wunderten sich nur über soviel bewaffnete, verwegne Gesellen. Ein Seidenhändler bot, während wir schon sein Zeug in ein Boot schafften, ein Taschentuch je Nase, wollte uns aber ausreden, seine großen Ballen zu nehmen, für die wir doch unmöglich Platz hätten.

Einige wenige lehnten sich auf, riefen um Hilfe. Ein paar Soldaten der Dschunke traten unter Waffen. Der großmäulige Tatar und sein Gesell, fraßgedunsen, rüsteten sich und kamen schnaufend, Speichel spritzend auf mich zu.

Ich nahm den ersten beim Schnurrbart, der ihm bis ans Knie hing. Er drückte mir dafür seine Flinte ins Gesicht ab. Versager!

Sein Mund war aufgesperrt, – ich stopfte ihn für immer mit meiner Pistole. Er fiel, – nicht so anmutig wie Caesar, sondern wie ein Mastochs, der vom Hammer zwischen die Hörner getroffen wird.

Ein paar Minuten gab's eine Rauferei an Deck, einige Gewehre lösten sich in dem Wirrwarr, noch ein oder zwei Menschen gingen hops.

Der Schoner sandte uns weitere Leute, – mit der Gegenwehr war's aus. Anstatt nun einige wertvolle Waren auszulesen und den Rest rückkaufen zu lassen, erklärte ich das Schiff zur rechtmäßigen Prise, weil die Lümmel Widerstand geleistet hatten. Wir begannen zuoberst; jeder Winkel wurde durchschnüffelt, jeder Packen aufgeschnitten, jede Kiste erbrochen. Die sperrige Ladung: Kampfer, Farbhölzer, Drogen, Gewürze, Stäbe aus Eisen und Zinn, ließen wir liegen, – Seiden, Kupfer, erlesne Apothekerwaren, beträchtlichen Goldstaub, einige Diamanten, Tigerfelle beschlagnahmten wir. Für Louis hieß ich ein paar Säcke Schwalbennester aus der Kajüte des erschoßnen Kaufmanns mitgehen. Ebenso wenig ließ ich die Soleier stehn, die nebst Reis und Schmalztöpfen den Mundvorrat des Schiffs bildeten.

Der weltweise Käpten, dessen Geschäft es war, die Dschunke zu führen, der also nichts mit Mannschaft und Fracht zu tun hatte, schmauchte stumpfsinnig sein Betäubungsmittel fort. Sein dösiger Blick klebte noch immer am Kompaß, seine schläfrige Stimme rief: »Kie! Hooé! Kie! Chee!« Ich schlug den Kopf seines Pfeifenrohrs ab; er zog weiter Luft ein und wiederholte: »Kie! Hooé! Kie! Chee!« Als wir abstießen und ich unter dem Heck der Dschunke hinfuhr, kappte ich ihre Steuerleine, so daß sie schnell aufluvte; aber immer noch hörte ich den Singsang: »Kie! Hooé! – Kie! Chee!«

Ein glänzender Fang! Jedes Fleckchen bei uns war vollgestopft. Die Matrosen vertauschten ihre verteerten Lumpen mit Hemden und Hosen von bunter Seide und glichen mehr Reitknechten als Seeleuten. Ja, einige Tage nachher scheuchte ich eine faule chinesische Mastsau von einem Ballen Purpurseide auf, worauf sie sich's bequem gemacht hatte; vielleicht maßte sie sich das Hauptrecht darauf an, weil der Ballen möglicherweise ihrem Herrn gehört hatte. Wahrscheinlich aber war sie der Eigner selbst, der sich derart verkappt hatte, wozu es freilich keiner großen Verwandlung bedurfte.

Ich bekam auch einige absonderliche Waffen, besonders die Knarre, die nach Absicht ihres Herrn meinen Lebenslauf beenden sollte. Sie hängt noch in meinem Zimmer, hat mir auch eben wieder zugeflüstert, wie sie mir zugefallen ist.

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