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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 54
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
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Die Erlebnisse des Eingeborenenkapitäns.

»Vor sieben, acht Jahren«, begann er, »verließ ich England auf einem Schiff der Ostindischen Gesellschaft, das unter Schutzgeleit nach Canton sollte. Der Erste Offizier, in Geschäftsbeziehungen zu meinem Vater, steckte tief bei ihm in der Tinte. Diesmal bewog er ihn, mehr als sonst einzuschießen unter der Bedingung, daß ich, der ich auf Vaters Schreibstube arbeitete, die Fahrt als Kadett mitmache und auf Vaters Rechnung einen bestimmten Anteil aus der Anlage beziehe.

Ich war damals fünfzehn. Wie gern dankte ich Soll und Haben, Rechnungen und Hauptbuch ab, um nach einer Gegend zu reisen, wovon ich soviel gehört hatte, und um mich den jungen Dachsen einzureihen, die an Land so schneidig auftraten, so glücklich dreinschauten. Ich ahnte ja nicht, daß sie hier nur darum so ausgelassen waren, weil das Sklavenjoch der schlimmsten Kerkerschiffe: der ostindischen, nicht auf ihnen drückte. Übrigens durfte ich hoffen, unter der Obhut des ›Ersten‹ angenehm in den Betrieb eingeführt zu werden.

Doch kaum hatten wir die Heimatküste hinter uns, verschlechterte sich meine Lage zusehends. Abgesehen von den entwürdigenden Diensten, wozu wir Offiziersanwärter herangezogen wurden, – mein ›Gönner‹, dessen Wache ich angehörte, wandte sich plötzlich ohne mein geringstes Verschulden gegen mich, nörgelte und schmähte. Von nun an behandelte er mich bei jeder Gelegenheit mit Hohn und Verachtung, ja, strafte mich grundlos, ganz nach Laune. Einmal sagte er in seiner Wut, mein Vater, der alte Gauner, habe mich ihm auf die Nase gesetzt, um ihn zu bespitzeln und um seinen Frachtgewinn zu prellen: ›Ich hab ihm zur Sicherheit noch 'ne Verschreibung geben müssen; aber verdammt will ich sein, wenn ich nicht Sie dem Teufel verschreibe!‹ – Überflüssig zu sagen, welch elendes Leben ich führte+...

Der Kapitän zog sich ganz zurück, wie 'ne Art Gott, – hielt sich wohl auch dafür. Er verkehrte nur mit ein paar Fahrgästen höchsten Ranges; alle Befehle gingen durch den Ersten Offizier.

Eines Nachts, es war auf der Höhe von Madeira, bei steifem Winde, schrie ein Matrose: ›Fremdes Segel in Lee!‹

Ich stand in der Nähe und antwortete: ›Gut, will's melden!‹, – sah aber nur eine schwarze Wolke.

Ich ging achter zum Wachhabenden. Der schlief auf der Haubitzenschleife. Ein neues Gefühl erwachte in mir: ›Rache!‹ – Ich ließ ihn liegen, ging runter und weckte den Kapitän: ›Großes Segel dicht unterm Leebug!‹

Er sprang auf: ›Wo ist der Wachoffizier?‹

›Kann ich nicht finden.‹

›Nicht finden?!‹ Er eilte hinauf.

Der Offizier ruhte dicht an der Kajütentreppe. Der ›Alte‹ rief ihn an, und entgeistert spritzte der Schläfer hoch bei der wohlbekannten Stimme des gestrengen Vorgesetzten. Aber es war keine Zeit zu Worten. Eine scharfe Brise wehte, die See ging hohl, die dunkle Masse schob als ungeheures Wrack auf uns zu. Der Kapitän tobte, wir sollten uns aus dem Wind bringen, alle Mann an Deck rufen. Aber es schien zu spät. Eine Stimme rief uns durch ein Sprachrohr wie von einem Turme an; turmhaft erschien uns auch das Schiff, das vor dem Wind trieb und auf einer Riesenwelle hoch über uns schwebte. Die blauen Lichter auf dem Vorderdeck warfen ihren Schein auf unser dichtgeholtes Toppsegel. Wenn es wieder in den Trichter stürzte, worin wir lagen, sein banniger Rumpf uns den Wind abfing, mußten wir unweigerlich in Grund gesegelt oder zerschnitten werden. Der Schreck lähmte uns, der große Kasten – von Wogen und Wind hin- und hergeworfen – rollte segellos, entmastet auf uns zu, – ein Schauspiel, wovor der Kühnste erstarrte!

Lauter, deutlicher hallte es durch das Sprachrohr, – es schien unser Sterberuf: ›Ruder nach Steuerbord, wir rammen euch sonst!‹

Die Woge hob uns, – wir prallten unter mordsmäßigem Krachen zusammen. Bei dem wüsten Gebrüll unsrer Leute gab ich mich verloren: an den Wanten festgekrampft, erwartete ich mein Schicksal. Das fremde Schiff ging scheinbar über uns weg und wuchtete sich dann wie ein Felsklotz scharf an unsre Leeseite. Es hatte das Achterschiff getroffen, aber nur die Heckgalerie, das Heckboot, die Hauptspiere mitgenommen. Gerettet! Das Schiff rief uns wieder an, erfragte den Namen. Dann befahl es, während der Nacht dicht an ihm zu halten, es sei Seiner Britischen Majestät ›Viktoria‹.

Nachts sagte man unserm wachhabenden Ersten Offizier nichts, doch wurde er in strenge Haft genommen.

Als ich morgens an Deck ging, hatten wir unser Schutzgeleit verloren. Die ›Viktoria‹, die immer noch hart an uns war, gab Zeichen, sie ins Schlepp zu nehmen. Unsre Lage wurde dadurch höchst bedrohlich: trotz der erheblichen Länge des Treckseils gaben uns Gewicht und Umfang des damals größten Schiffs der Welt furchtbare Stöße. Einigemale brachen auch die Haltekabel wie verfaulte Bindfäden, obwohl sie so dick waren wie ich um den Leib, und wir hatten wieder die brenzlige Aufgabe, das seinige einzuholen. Zum Glück flaute nachts der Sturm ab, sonst wären wir wohl beide gekentert.

Der Kapitän rief drüben an, stellte unsre Gefahr vor. Einzige Antwort: ›Wenn ihr die Trosse abwerft, bohren wir euch in den Grund.‹

Folgenden Tags hatte der Sturm weiter nachgelassen, wenn auch die See noch hoch ging.

Wir zwangen einen großen Westindienfahrer, unsre Stelle einzunehmen.

Der Kapitän begab sich auf das frühere Admiralschiff. Der Kommandant tadelte ihn ob seiner geringen Wachsamkeit, versprach aber, es hingehen zu lassen angesichts des Dienstes, den er Seiner Majestät und dem Vaterland geleistet habe, – sei doch durch ihn das wertvollste ihrer Schiffe erhalten worden, das die Siegerflagge Nelsons und seinen Leichnam getragen habe.

Zu diesem Behuf erteilte der Kommandant unserem Käptn einen Ausweis. Das besänftigte den Stolzen. Nun der Schlamassel vorüber war, verrauchte auch sein Zorn gegen den schuldigen Ersten Offizier, dem er in der ersten Hitze Ausstoßung angedroht hatte. Waren sie nicht überdies Verwandte, wenigstens Namensvettern: Patterson? Wie Sie wissen, halten's die Schotten immer mit ihrer Sippschaft. Doch Verzeihung, – es mögen auch »andre« drunter sein.

Der Erste Offizier trat wieder an und erriet leicht, daß sein Pech auf mich zurückgehe. Dadurch verbesserte ich mich natürlich nicht. Wie beneidete ich den verachtetsten Essenkehrer oder den verworfensten Bettler!

Endlich kamen wir in die chinesischen Gewässer. Als wir eines Nachts vor einer Insel ankerten, mußte ich in das back liegende Boot, um drauf zu achten. Plötzlich durchzuckte es mich, die Gelegenheit zu benutzen und abzurücken. Ohne die Gefahr auch nur einen Augenblick zu bedenken, folgte ich der Eingebung. Im Boot war ein Mast, ein Segel, ein Fäßchen Wasser; eben hatte es nämlich welches auf der Insel geholt. Das entschied. Damals fiel mir nicht ein, daß ich noch so manches brauchte, vor allem Brot; ich hatte nur mein Abendessen mit: Zwieback, Rindfleisch. Es war dunkel, eine steife Brise wehte vom Golf her, die See war ziemlich glatt.

Als an Bord alles still war, löste ich die Fangleine, trieb in angstvoller Erwartung etwas zurück, pflanzte dann den Mast auf, legte um, – bald verlor ich unser Schiff aus den Augen.

Aber mir schwante Unheil, als ich beim nächsten Sonnenuntergang meiner Hilflosigkeit nachsann: allein auf einem Seelenverkäufer, ohne Kompaß, ohne Lebensmittel auf dem weiten Ozean, die wilden Wasser um mich her, der sternleere Himmel über mir! Meine Torheit fiel mir schwer aufs Herz. Ich wünschte mich aufs Schiff zurück, weinte bittre Tränen. Verzweifelt ließ ich die Steuerpinne fahren, das Boot schwimmen. Lange hielt der Hunger meine Augen offen. Dann trank ich etwas Wasser und entschlummerte, überwältigt von Müdigkeit und Fasten. Lange, unruhig. Es war fast Tag, als ich erwachte, der Himmel heiter. So machte ich nochmals die Leinwand los und ging vor dem Winde. Kein Fahrzeug in Sicht. Ich ertappte mich, wie ich unwillkürlich an dem Zwieback knabberte. – Borneo ansteuern? – Der Wind drehte sich mehrere Striche, – ich hätte dagegen aufkreuzen müssen, konnte nur weitersegeln.

Der Tag verrann. Noch immer kein Land vor mir! Mit steigender Nacht wurde ich toll, fiebrig, haderte mit der Vorsehung. Es war beinah taghell. Trübselig am Ruder sitzend, hörte ich etwas ins Boot klatschen und sprang überrascht auf: ein silberner Fisch, fast ein Pfund schwer! Aber meine Freude gerann: ich hatte ja kein Feuer, ihn zu kochen, nicht mal ein Messer, ihn zu schuppen! Da – etwas Dunkles auf der Flut! Ich lenkte hin. Als ich nach der Masse packte, ähnlich einem kleinen Holzblock, war's – eine Schildkröte. Ich warf sie auf den Boden. Die beiden Gottesgaben richteten mich wieder auf, – zögerten sie doch den Hungertod hinaus. Ich zurrte das Ruder fest, nickte abermals ein.

Als mich die hereinschwappenden Wellen weckten, knurrte mir der Magen so, daß ich den Fisch versuchte, zuerst am Schwanz anbiß, saugte und so bis zum Kopf hinaufstieg. Das erfrischte so köstlich, übertraf so sehr alles früher Gegeßne, daß ich mich wunderte, wie man solchen Wohlgeschmack durch Kochen verderben könne. Schon schaute ich gierig nach der Schildkröte, die um sich schlug. Und da mir einfiel, daß sie fast entwischt war, als das Wasser eindrang, knotete ich sie bei den Füßen an. Den Rest der Nacht sann ich, wie die Schale zu öffnen sei, um an das Fleisch zu kommen. Immer wieder verfluchte ich meine Unvorsichtigkeit, mich nicht mit einem Messer, Kompaß, Quadranten, Steuermannshandbuch ausgerüstet zu haben. Nur dieser Gegenstände glaubte ich zu bedürfen, um die Welt zu umsegeln. – Aber Sie wissen, Kaptän, welches Selbstvertrauen man nach einem guten Abendbrot hat!

Jene Nacht brachte ich eine große Strecke hinter mich. Bei Tagesanbruch lauerte ich heftig darauf, Land voraus zu entdecken. Die See ging so hoch, daß mein kleines Boot sich nur eben flott hielt; fast ununterbrochen mußte ich schöpfen. Mein Leben hing daran, daß ich bald Land sah. Welcher Ärger und Schreck, als ich merkte, daß ich im Dunkeln an mehreren kleinen Inseln vorbeigestrichen war! Vergebens suchte ich an den Wind zu holen, um eine zu erreichen. Aber Luft und Wellen waren zu heftig; hätte ich nicht sofort das Boot vor den Wind gebracht, wäre ich gesunken.

Wenige Stunden später fraß der Hunger so an mir, daß ich trotz aller Anstrengung, auf den Gesichtskreis vor mir zu passen, immer wieder auf die Schildkröte starrte, – auf etwas andres konnte ich nicht mehr achten. Aber als ob sie meinen Vorsatz gemerkt hätte, – nicht einmal steckte sie den Kopf heraus. Ich suchte die Schale zu zertrümmern, indem ich das Tier gegen den Dollbord schlug; aber ich hätte eher das Boot eingehauen, als sie auch nur geritzt. Nach vielen Mißerfolgen bekam ich den Kopf zu fassen und band ihn mit einem Kabelgarn fest; mit dessen Hilfe hab' ich sie später getötet. Ich nagte die Haut am Halse durch, obwohl mir die Augen leicht von den Füßen ausgekratzt werden konnten. Dann bohrte ich die Finger in die Brust, riß die Füße ab und drang ein. Aber in meiner Hast oder aus Unwissenheit hatte ich wahrscheinlich die Galle gesprengt; so eifrig ich das Fleisch wusch, – es blieb bitter. Die vielen Eier waren das Beste. Jedenfalls war meine Gier gestillt.

Nun wandte ich wieder mein Augenmerk darauf, Land zu sichten. Entzückt schrie ich auf, – da lag es an Steuerbord! Meine erstorbnen Lebensgeister erwachten. Der Seewind nahm zu, Sturm stand vor der Tür. Ich arbeitete mit Hochdruck, die Insel schnell zu erreichen. Blindlings lief ich grade auf die höchste Brandung zu und war plötzlich von Atollen eingeschlossen, über denen die Sturzseen sich unaufhörlich brachen. Aus Übereifer, der See zu entweichen, gab ich mich den ungleich gefährlicheren Riffen preis. Ich löste die Leine, die das Segel hielt, – wild flatterte es im Winde. Seevögel kreischten über mir. Der Nachen, fast vergraben im Schaum, wurde geschüttelt, gequirlt, vollgeschlagen; trieb ich in ihm oder in der See? Plötzlich schwand er unter mir.

Mein Schwimmen war zwecklos: hatte ich mich mit äußerster Kraft einer Bank auf Armlänge genähert, – die Gegenströmung saugte mich wieder zurück. Zuletzt war ich ausgepumpt und blutete über und über von den nadelspitzen Korallen. Ich merkte, ich sackte ab. Nun war's aus! Der Tod durch Ertrinken ist nicht so schrecklich, wie man's darstellt. Ein Gefühl von Ruhe, das sich fast zur Lust steigerte, betörte mich, als sich das feuchte Grab über mir schloß. Ich erinnere mich genau, daß ich noch triebmäßig kämpfte, so daß mir's vorkam, ich hinge unter dem Wasser und sänke nicht.

Da plötzlich ein Schmerz, als sei mir das Herz gesprungen, – das Leben war dahin+...

Wie lange ich unten blieb? Ja, wenn ich das wüßte! Zuerst war mir, ich träumte, – versuchte zu erwachen. Dann, ich erstickte. Nicht anders, als drücke man mich unter den Schwall eines Gießbachs und sein Toben ertöte mein Geschrei. Nach und nach kehrte mir das Bewußtsein zurück.

Ich lag auf Matten, mit Baumwollzeug zugedeckt. Drei junge, fast nackte Weiber hatten ihre Kleider über mich gebreitet und neigten sich über mich. Sie kreischten los, als ich sprach und mich aufrichtete. Neuer Heißhunger hatte mich ergriffen. Auf meine Zeichen rannten sie fort, um bald mit Früchten zurückzukehren.

Gierig verdrückte ich eine Frucht nach der andern, wie sie mir dargeboten wurden. Ob solcher Gefräßigkeit rissen die drei Weiber Mund und Nase auf.

Wie war ich gerettet worden?

Ein starker Sog hatte mich zuletzt gepackt und in die Mündung eines Flüßchens getragen, die von der See nicht gesichtet werden konnte, völlig windgeschützt war und teichruhig. Die Mädchen waren herabgerudert, um nachts Fische zu speeren, die sich dort bei Sturm scharenweis einfinden. Sie mußten eben angelangt sein, als ich auftauchte. Weder Überraschung noch Furcht hinderte sie, mich aufs Trockne zu ziehen. Sie hatten ein Feuer angezündet, um die Fische zu locken, und legten mich daran. Lange sahen sie mich für tot an. Bei den ersten Zeichen von Atem und Bewegung boten sie alles auf, um den Lebensfunken anzublasen, – wenig, aber genug!

Die ganze Nacht blieb ich unter der Pflege der Mädchen. Dann konnte ich mich wieder auf den Beinen halten.

Die Mädchen führten mich zu ihrem Kahn und schoben ihn in den Fluß. Ich hatte Abscheu, ja, Angst vor dem Wasser. Aber sie setzten mich auf den Boden und paddelten los.

Wir verließen das schmale Becken zwischen Felsen, Kokosbäumen, Moor und gondelten flußauf. Der Duft der Blüten, die freundlichen Blicke der Mädchen brachten mich der Genesung immer näher. Nach etwa zwei Stunden lenkten sie in einen Nebenarm des Flusses und bedeuteten mir durch Zeichen, auszusteigen und zu folgen. Einige Minuten schritten sie in dem seichten Teil des Flußbetts vor mir her bis an einen Pfad. Inmitten hoher, ganz vom Unterholz gesäuberter Bäume stand ein Kral kleiner Holzhütten mit Blätterdach. Man führte mich in eine der größten, die von einer Feigendistelhecke umschlossen war.

Ein Händeklatschen zauberte aus allen Winkeln eine Menge alter Weiber und Nackedeis hervor. Sie beäugten mich von oben bis unten, betasteten Haar und Hände und fragten den Mädchen Löcher in den Kopf. Derweilen versorgten die mich mit einem Überfluß an Fressalien: gebratnem Fleisch, geröstetem Mais, Obst. Staunend sah ich außer ein paar abgelebten Greisen keine Männer. –

Ich fand Zuflucht bei diesem gutherzigsten, unverbildetsten Volk der Welt. Bei meiner Ankunft waren die Männer dem König zu einem großen Jagd- und Fischzug durch und um die Insel gefolgt, wie er zweimal jährlich stattfand. Meine drei Retterinnen waren seine Töchter.

Als ich mich nachts niederlegte, war ich höchlich überrascht: die älteste der drei rüstete mir ein behagliches Bett von Schilf und Matten, redete einige Minuten mit den Schwestern und nahm neben mir Platz. Von nun an war sie meine Frau.

Als der König mit seinem Gefolge heimkehrte, war er freudig überrascht, in mir ein neues Familienglied zu finden.

Nach und nach gewöhnte ich mich an ihre Lebensart, lernte ihre Sprache. Meine handwerkliche Begabung machte mich dem alten Fürsten so wert, daß er mich wie einen Sohn liebte, mir auch seine zwei anderen Töchter auf deren Drängen zu Weibern gab.

Nun bezog ich ein eignes Haus, des Königs Geschenk; aber lange konnte er meine Abwesenheit nicht ertragen. So ging das jahrelang. Ich habe jeden Rest abendländischer Sitte abgelegt, rechne nun zu den Eingeborenen.«

*

»Aber ich weiß immer noch nicht, wohin Sie wollen«, unterbrach ich jetzt die Erzählung des seltsamen Mannes.

»Nun, Ihnen als Engländer glaub ich's schadlos sagen zu dürfen. In den letzten Jahren haben spanische und holländische Schiffe unsre Küsten geplündert, einige unbewaffnete Leute meines Volkes als Sklaven mitgeschleppt. Die Plünderer kommen von den Philippinen. Ich will nun die Hilfe der englischen Regierung in Indien nachsuchen, Waffen, Schießbedarf für eine Batterie ankaufen oder –«

»Das letzte ist klug; aber Ihr Gesuch – das lassen Sie mal bleiben! Wodurch könnten Sie die Ostindische Gesellschaft bewegen, sich einzumischen?«

»Durch eine wertvolle Perlenfischerei, die kein Europäer außer mir kennt.«

Ich legte dem Erzählenden die Hand auf den Mund: »Erwähnen Sie das nie wieder gegen ein lebendes Wesen, oder man wird Ihnen Ihre Insel entreißen! Sammeln Sie heimlich Ihre Perlen und tauschen Sie sie gegen Waffen oder lassen Sie sie, wo sie sind!«

Das riet ich dem Manne so eindringlich, daß er wohl gefolgt haben wird; ich hab mich sehr gehütet, ihn zu verraten.

»Doch«, äußerte er, »nach Kalkutta muß ich. Dort hoff ich von meinen Angehörigen zu hören, möchte sie wissen lassen, wo ich lebe, daß ich in jeder Hinsicht zufrieden bin. Nach Europa will ich nicht mehr! Abgesehn davon, daß ich hier Weib und Kind habe, allgemein beliebt bin: was fing' ich dort mit meiner üppigen barbarischen Tätowierung an? Hier fordert sie Achtung, weil sie den Königssohn bekundet; dort würde ich auf Schritt und Tritt wie ein wildes Tier begafft, veralbert werden.«

»Aber beim ollen Neptun, wo haben Sie denn Ihre hinterweltlerische Kutsche her? Doch nicht die Perlenmuschelbank, die aufgestiegen und flott geworden ist?« rief ich belustigt.

»Vor etwa achtzehn Monaten fuhr ich mit einigen Kähnen um die Südwestküste unsrer Insel, – da trieb das Fahrzeug entmastet an Land. Ich sah kein lebendes Wesen und ging an Bord. Ganz verlassen! Als wir die Luken öffneten und einstiegen, drangen uns arge Verwesungsdünste entgegen, – wir fanden einen unentwirrbaren Haufen von Leichen. Wir hielten es für Laskaren oder Araber oder beides. Meine Leute dachten an ein Küstenschiff, dessen Mannschaft von Seeräubern abgewürgt worden sei. Alles Wertvolle oder Tragbare hatten sie mitgehn heißen. Wir schleppten das Ding in einen kleinen Hafen, säuberten es, besserten aus, was wir konnten. Ein Jahr hab ich dran gebastelt, – Sie sehn, mit welchem Erfolg! Aber ich hatte weder passende Geräte, noch Eisen, Tauwerk, Teer, Farbe, Segel, Anker. Na, das alles hab ich ja zu ersetzen versucht! Gondle ich nun weiter, oder folg ich dem gesunden Menschenverstand und kehr um? Sie haben so freundlichen Anteil genommen, sind mein Landsmann, – entscheiden Sie!«

Ich schüttelte ihm die Hand und versicherte ihn meines Beistands. Es war aber schon spät, und ich kehrte zum Schoner zurück.

Morgens wurde das »Staatsschiff« gründlich besichtigt. Seine Hoheit, der »Prinz von Zaoo«, wie ich diesen Engländer jetzt betitelte, wollte sich in einem Europäerhafen mit Waffen, Schießbedarf und sonst Nötigem eindecken. Ich empfahl ihm, die Malabarküste entlang nach Pulo-Penang zu fahren, dort seine Barke in einen seetüchtigeren Zustand versetzen zu lassen, von da aber nach Bengalen hinüberzuschiffen, da nur dort das Gewünschte zu erhalten sei.

Hoheit hatten sich mit Hülsenreis versehen, dazu mit Wild, Fischen, Ziegenfleisch, was alles in Stückchen zerschnitten, gepökelt und an der Sonne gedörrt war. Überdies hatten sie einen hübschen Vorrat an Kokosnüssen, einen deftigen Arrak aus gegornem Kokossaft, Melonen, Kürbisse, Zwiebeln, piekfeinen Tabak; davon verehrten sie mir 'ne ganze Bootsladung neben einer von ihren Pfeifen. Die bewahr ich noch; abenteuerliche, niebeschriebne Tiere sind drauf eingegraben.

Am Tage kam eine der Gemahlinnen dieses Abenteurers zu früh mit einem Prinzen nieder und erschien – alle Wetter! – bald nachher auf Deck, um in der See zu baden.

Ich hatte unverantwortlich viel Zeit mit dem Eingebornenkapitän vertan. So vererbte ich ihm eine Karte, einen Kompaß, einige Flaschen Branntwein und einen Sack Zwieback. Ich ließ sein Ruder zurechtstutzen und brachte seine »Jacht« halbwegs in Schuß.

Er wußte nicht genug zu danken und drängte mir noch ein Beutelchen mit Perlen auf. Ich versprach, wenn irgend möglich, seine Insel zu besuchen. Wir umarmten uns herzlich und fuhren los, – ich hierhin, er dorthin.

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