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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 53
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Rettung. – Eine seltsame Begegnung auf hoher See.

Glücklich gelangte ich auf die Prau. Still lösten wir den Dregganker, hieben uns alle hin und ließen uns in der Flut hinaustreiben, bis die Fischerkähne ausliefen. Dann ruderten wir dazwischen, zogen das Großsegel auf und hielten nach der Malabarküste hinüber. Tagüber war wenig Wind; deshalb fuhren wir am Strande. Den Abendwolken nach war wieder eine böige Nacht zu befürchten, und wir steuerten in eine kleine, unbewohnt scheinende Bucht.

Hier setzten wir unser Boot auf den Sand und rüsteten uns unter einigen Fichten dicht an der See zum Nachtessen und Ruhen. Noch immer völlig hin, stellte ich nur noch zwei Mann aus, denen ich befahl, scharf zu wachen. Nun suchte ich mir einen glatten Stein zum Pfühl, streckte die Füße gegen das Feuer, hüllte mich ins Bootsegel und sank in einen so bleiernen Schlaf, daß weder Wind noch Regen mich weckte.

Eine Stunde vor Tag wurde ich gerufen. Die Glieder waren mir kalt und steif. Kaffee und Tabak, meine unfehlbaren Bundesgenossen am Morgen, belebten mich. Dann stießen wir das Boot ins Wasser und rissen mit einem beständigen Landwind eine tüchtige Strecke ab, hielten uns aber immer gut draußen, um den Seewind zu fassen. Nachmittags klarte es auf. Mitternachts segelten wir längs der Nordostseite der Insel hin, wo der Schoner am Anker ritt. Wir sahen ihn nicht eher, als bis wir eine Landzunge umrandeten: so versteckt war der Platz. Ein Matrose erspähte uns von seinem Lugaus am Strande. Wir kamen näher. Zela schaute mit einem Taschenfernrohr durch ein Bullauge.

Ich sprang über das niedrige Schanzdeck. Inbrünstig drückte ich Zela an mich, trug sie hinab und setzte sie auf den Kajütentisch. Dann wandte ich mich an den Maat: »Strong, was Unbekanntes draußen?«

»Nur Küstenschiffe, Käpten.«

»Ohne Belang. Lichten Sie Anker, – wir machen einen Strich ostwärts!«

Schon vorher hatte ich untersucht, wo der Kris des Schmuckhändlers mich geritzt haben könnte, aber keine Verletzung entdeckt. Die losen, dicken Falten meiner kamelhaarnen Aba und die umgewickelten Schals hatten mich gerettet. Meine Augen waren von dem Fall schwarz unterlaufen, das linke Handgelenk schmerzhaft geschwollen.

Die Aba hatte ich mit; so bot sich den Freunden des Goldschmieds nicht der geringste Anhalt, um mir nachzuspüren. Ob der Posten, mit dem ich zusammengeraten war, Lärm gemacht hat? Es war sein Fehler gewesen, mich so nahe heranzulassen, und so wird er wohl nichts gemeldet haben.

Die alte Kamalia nahm sich meiner Wunden an; Zela rieb mir die Schläfen und behandelte meine ersteiften Glieder erfolgreich mit Kajeputöl und Kampfer. Nur mußte ich den Arm noch in der Schlinge tragen; schwerlich hat er die frühere Kraft wiedererlangt.

De Ruyter wollte durch die Sundastraße fahren und Java berühren; drum wandte ich mich Borneo zu und segelte durch die Meerenge von Drion. Ich dachte nur ans Durchkommen und ließ die hie und da auftauchenden Küstenschiffe ungeschoren. Erst später faßte ich einen absonderlich gebauten und getakelten zweimastigen Kasten, offensichtlich keine hundert Tonnen. Die Taue bestanden meist aus dunklem Gras, die Segel aus rotweißem Baumwollzeug, vielleicht auch aus Matten; der hoch aus dem Wasser ragende Rumpf war zu einem blassen Braun verblichen, der Boden mit Entenmuscheln, Tang, grünem Schlamm überwachsen, – ich konnte nämlich fast bis zum Kiel sehen, da er schwer rollte. Er wurde schlecht gesteuert und krängte derart, daß ich mich kaum von ihm freihielt. Ich feuerte eine Büchse ab, um ihn zum Beidrehen zu veranlassen. Das geschah so täppisch, daß er fast die Masten einbüßte. Ein vorsintflutliches Volk nackter Wilden, über die Maßen ungeschlacht und roh, von Kopf zu Fuß tätowiert, tappte auf Deck und im Takelwerk herum. Als Flagge diente ein Fetzen bemalten Segeltuchs. Welcher Art das Schiff war, – woher, wohin, – rätselhaft! Das Oberwerk klaffte so, daß man rein- und durchsah. Wie konnte es nur eine Stunde flott bleiben?

Sie wollten einen alten, reich verzierten Kahn ausschwingen. Der Zeitersparnis wegen und aus Neugier ging ich in einem kleinen Boot rüber. Beim Näherkommen verblüffte mich das tolle Aussehen des Schiffes noch mehr. Mühsam erklomm ich das vorkragende Außenwerk aus Bambus. Das Innere übertraf das Äußere. Das Oberdeck hatte ein Dach aus Kokosfaser, das durch Grasstricke zusammengehalten war. Die Wilden hatten Hüte von Palmettoblättern und »adamitische« Hosen. Ein langer, dürrer Mann trat vor, um mich zu empfangen. Hellere Farbe und kühneres Aussehen unterschied ihn von den umherstehenden Genossen; auch hatte er etwas mehr am Leibe. Hätte er nicht auf Gesicht, Armen, Brust besonders schauerliche Ritzzeichnungen getragen, er wäre nach Gestalt und Haltung nicht unleidig gewesen. Dazu sprach ein harmloser Ausdruck aus Augen und Antlitz, der sich freilich mit dem barbarischen Aufzug nicht vertrug. Weiter konnte ich nicht forschen; denn dieser Boß oder Häuptling kam mir sehr höflich und freundlich entgegen und fragte mich mit fremdem Tonfall, aber in erträglichem Englisch: »Sie sind Engländer, mein Herr?« (Ich hatte die englische Flagge gesetzt.)

»Und Sie?« entgegnete ich.

»Ich bin von der Insel Zaoo.«

»Wo ist die? Nie gehört.«

»In der Richtung der Sooloo-Gruppe.«

»Seltsam!« sagte ich, mehr befremdet von seinem Gehaben als von seinem Aufzug. »Sie sind wirklich von diesen Inseln?«

»Jawohl.«

»Eingeborner?«

»Nein.«

»Was denn?«

Zögernd sagte er: »Engländer.«

»So was! Aber zum Geier, wie kommen Sie denn dorthin oder vielmehr: hierher, – in solcher Aufmachung?«

»Wenn Sie sich in die Kajüte bemühn wollen, werd ich's Ihnen sagen. Nur tut's mir leid, daß ich so wenig Erfrischungen für Sie habe.«

Als wir eben an der Luke waren, hörte ich unten ein Weib schreien.

Der Mann blieb stehen: »Daß ich nicht daran gedacht habe, – wir können nicht runter!«

»Ist jemand krank?« wollte ich wissen.

»Ja, eins meiner Weiber will niederkommen, vermutlich vor der Zeit. Seekrankheit hat die Wehen hervorgerufen. Sie quält sich furchtbar.«

Ich schickte nach Kamalia und erzählte, daß ich eine Frau an Bord hätte, deren Amme in derlei bewandert sei.

Sie kam bald. Wir setzten uns, um nicht zu stören, beiseit aufs Deck, und der Unbekannte begann:

»Schon so lange hab ich meine Muttersprache nicht geredet, und die Ereignisse liegen weit zurück. Darum werden Sie meine stümperhafte Erzählung wohl kaum verstehen.«

»Nun, es ist fast windstill, – wir haben Zeit. Sputen Sie sich also nicht! Mit Ihrer Küche wird's wohl nicht weit her sein; ich lasse deshalb zur Auffrischung Ihres Gedächtnisses was holen.«

Bald waren wir vom Schoner mit Rindfleisch, Schinken, Rotwein, Schnaps versorgt. Engländer hassen einander, eh sie nicht zusammen gespeist haben. Essen machte uns zu Freunden, Trinken öffnete das Herz. Einziges Überbleibsel gesitteter Tage, das ihn noch als »Herrn« erscheinen ließ, war sein Kettenrauchen. Als die Wasserpfeifen glimmten, begann er seine Mär, doch in so wunderlicher Ausdrucksweise, mit so viel Pausen, daß ich anfangs nur mühsam mitkam. Ich bessere daher zu Nutz und Frommen andrer sein Kauderwelsch aus.

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