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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Der Titanensturz. – Ein Gewaltschritt und eine Prüfung.

Meine Körperkraft wuchs. Ich wurde außerhalb der Anstalt Führer bei allen Wettkämpfen und schlimmen Streichen. Freilich saß ich noch immer in der untersten Klasse. Ich war entschlossen, nicht zu lernen, der Strafe zu trotzen. Überhaupt hat sich nicht einer der Jungen nützliche Kenntnisse dort erworben. Als ich meiner Überlegenheit über sie sicher war, spannte ich alle Gedanken auf die Möglichkeit, mich an dem Leiter zu rächen. Zuerst versuchte ich's mit dem Unterlehrer. Ich bildete mir aus meinen verwegensten Anhängern eine Gefolgschaft und ersann einen Plan, ihn auszuzahlen. Was auch geschah. Einmal wöchentlich unternahmen wir zur Erholung lange Wanderungen aufs Land. Bei einer solchen setzte sich der Pauker hin, um zu rasten. Die Nichtverschworenen suchten eifrig nach Nüssen. Meine Bande lungerte in der Nähe herum und machte Stöcke zurecht. Plötzlich fiel ich mit drei der Stärksten über unsern Feind her. Ich packte ihn an der schmutzigen Halsbinde und drehte sie immer mehr zu, die andern faßten ihn an Armen und Beinen und warfen ihn rücklings nieder. Ein Hallo rief weitere sechs, sieben herbei. Mehrmals hätte er uns beinah abgewimmelt. Aber ich ließ nicht locker, und wenn er sich nach langem Ringen von einem befreit hatte, trat ein anderer ein. Endlich war er restlos überwältigt und bat, mühsam japsend, Gnade walten zu lassen, ihn nicht zu erdrosseln. Ich drückte umso fester, bis ihm der Schweiß von der Stirn rann wie der Regen von der Stalltraufe. Dann gaben wir ihm einen Denkzettel mit der Peitsche, den er kaum vergessen haben wird.

Als wir zurück waren, begann dem Vorsteher (er war zugleich Pfarrer) zu dämmern, wessen ich und die andern fähig waren. Die Schilderung des Hilfslehrers ließ ihn besorgen, daß wir die Heiligkeit seines Berufs, sein Priesterkleid nur deswegen geachtet hätten, weil wir Widerstand für aussichtslos ansahen: nun wir einmal die Süße des Siegs gekostet hätten, könnten wir so frech sein, seinen Befehlen schlankweg den Gehorsam zu weigern; daß mein Einfluß und Vorbild andere ermutigen, sein Ansehen täglich an Boden verlieren müsse. Die Notwendigkeit leuchtete ihm ein, schärfer vorzugehen und an mir ein Beispiel aufzustellen, bevor ich vielleicht auch gegen ihn einen Anschlag versuchte oder gar ausführte. Seine Vorsicht kam zu spät. Er stand drei Stufen über mir auf einer Plattform und rief mich vor. Knaben werden störrisch wie junge Pferde, sobald sie ihre Kraft kennen. Ich nahm nicht wie früher Stellung, das Haupt vor seinen Zornesblicken gesenkt, sondern blieb aufrecht, selbstbewußt, schaute ihm furchtlos ins Gesicht. Er klagte mich an – ich rechtfertigte mich – er wurde wütend – das Blut stieg mir zu Kopf – er boxte auf mich ein – ich packte ihn mit einem schnellen Ruck an den Beinen, und er schlug schwer auf den Hinterschädel. Der Hilfslehrer, der Schreibmeister, andere eilten zu Hilfe; die Rangen saßen schweigend, frohlockend und harrten gespannt auf den Ausgang. Ich dachte nicht daran, mich von dem Unterlehrer greifen zu lassen, der zwischen dem Bammel vor uns und der Pflicht gegen den Brotgeber schwankte, stürzte in den Garten und genoß den Siegesrausch. Nichts, nichts sollte mich zu längerem Bleiben zwingen! Nur die Angst vor der unerbittlichen Strenge des Vaters hatte mich festgehalten. Zwei Jahre hatte ich Drangsale erduldet, die wenige ertragen hätten. Jetzt war Schluß! Ich war verzweifelt, ohne Hoffnung, aber auch ohne Furcht.

Durch einen Diener wurde mir befohlen, mich ins Haus zurückzuverfügen. Zögernd folgte ich. Ich wurde allein in ein Schlafgelaß gesperrt. Zum Nachtessen gab man mir Brot und Wasser: gewiß ein dürftiger Imbiß, und doch nicht viel schlechter als der übliche Fraß. Ich bekam nur den Aufwärter zu Gesicht. Am nächsten Tage dieselbe Einsamkeit, die gleiche karge Kost. Abends wurde mir ein Kerzenstumpf gelassen, mir ins Bett zu leuchten. Ich weiß nicht, was mich trieb, – vermutlich die Hoffnung auf Befreiung, nicht Rache – ich zündete die Vorhänge an. Das Bett loderte in hellen Flammen, Rauchwolken blakten auf. Ohne an Flucht zu denken, sah ich dem um sich greifenden Feuer mit bubenhaftem Genuß zu. Wandverkleidung, Holzwerk fing an zu schwelen, Lohe knatterte die Wände hinauf, während ich vor Qualm kaum atmen konnte. Da kam der Diener nach dem Licht. Als die Tür aufging, blähte der Luftzug die Flamme. Ich rief: »Sieh her, Georg, ich hab mir selbst 'n Feuerchen gemacht; ihr sagtet ja, ich brauchte keins, und es war so kalt!« Das Geschrei des Mannes brachte das Haus in Aufruhr. Der Brand hatte nur wenig Nahrung in dem verfluchten Winkel und war bald gelöscht. Man steckte mich in ein andres Loch, wo mich jemand die ganze Nacht bewachte. Ich frohlockte über den Schrecken, den ich ihnen eingejagt hatte. Sie hießen es Brandstiftung, Verrat, Tempelschändung. Die Beschuldigungen beeindruckten mich einigermaßen, weil ich den Sinn nicht verstand. Meinen verehrten Meister bekam ich nicht zu sehen, – vielleicht hatte er noch Kopfweh. Ebenso wenig durfte ich aber auch einen Kameraden sprechen, – das schmerzte mich; nicht einmal meinen Bruder, um ihn nicht zu verseuchen.

Morgens wurde ich unter Bedeckung heimbefördert. Mein Vater war glücklicherweise fort. Eine unerwartete dicke Erbschaft war ihm zugefallen. Er kam zurück und, war er durch sein Glück besänftigt, geschah's aus Berechnung: nie sprach er mit mir einen Ton über das Geschehene. Zu Mutter aber äußerte er: »Anscheinend hast du Einfluß auf deinen Sprößling. Ich überlaß ihn dir. Kannst du ihn zur Vernunft bringen, – gut; wo nicht, so mag er sich ein andres Zuhause suchen.« Ich war damals ungefähr elf Jahre.

Eine Probe von den Fortschritten, die ich in jener Prügelanstalt gemacht hatte: Vater sprach einmal nach dem Mittag mit Mutter über die Riesenkosten des Unterrichts und ließ durchblicken, daß eine Dorfschule, zu der er beisteuern mußte, es auch getan hätte. Dann nahm er mich vor: »Komm, Herrchen, laß sehn, was du gelernt hast!«

»Gelernt?« druckste ich; mir schwante Unheil.

»So antwortest du mir? Sprich nach, Dummkopf: ›Wie beliebt Papa?‹ – Hältst du mich für einen Schuhputzer?« Dabei wurde seine Stimme so laut, daß ihr Donner das wenige, was mir der Schulmeister mit unglaublicher Mühe eingebleut hatte, aus dem Kopf trieb. »Was hast du gelernt, Lümmel? Was weißt du?«

»Nicht viel, Papa.«

»Was weißt du im Lateinischen?«

»Lateinisch? Ich versteh kein Latein.«

»Kein Latein, du Trottel? Und ich dachte, sie paukten nur Latein!«

»Doch, Papa, rechnen.«

»Gut, wie weit bist du in der Arithmetik gekommen?«

»Davon weiß ich nichts, Papa. Rechnen lernten sie mir und schreiben.«

Vater blickte ernst drein. »Verstehst du die Regeldetri?«

»Regeldetri, Papa?«

»Kannst du subtrahieren? Antworte, Schafskopf! Wieviel bleibt übrig, wenn man fünf von fünfzehn abzieht?«

»5 und 15 geben« – ich zählte an den Fingern, aber vergaß den Daumen – »geben – geben – 19, Papa.«

»Wie, du unverbesserlicher Narr? Kannst du denn das Einmaleins aufsagen?«

»Was für ein Einmaleins, Papa?«

Da wandte er sich zu Mutter: »Dein Sohn ist offenbar ein Tropf; vielleicht weiß er nicht mal seinen Namen. Schreib deinen Namen, Dämlack!«

»Schreiben, Papa? Ich kann nicht mit dieser Feder schreiben, Papa, das ist nicht meine Feder.«

»Dann buchstabier deinen Namen!«

»Buchstabieren, Papa?« Ich war so baff, daß ich die Selbstlauter falsch setzte. Er stand wütend auf, warf den Tisch um und prellte sich das Schienenbein bei dem Versuch, mir einen Tritt zu geben. Ich wich aus und flitzte aus dem Zimmer.

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