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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 47
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
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Wildschwein und Affe auf der Speisekarte. – Der Igel als Versuchskaninchen. – Sonnige Tage.

In der Frühe griffen Aston und ich zu den Jagdspießen und erkletterten den Waldberg. Wir strolchten einige Zeit herum und folgten dann einem kleinen Fluß, der durch die lange Dürre fast versiegt war. Das Gerinnsel arbeitete sich in krausen Schleifen unter dem Schatten von Bäumen und Sträuchern fort. Die Glutsonne schien weit und breit alles zu töten. Das geschwätzige Papageienvolk schwieg. Die quecksilbrigen Affen pendelten gleichgültig in halbem Dusel an den Ästen und beachteten uns nicht. Sonst zeigte sich kein Tier. Wir aber mit den Nerven und Sehnen der Jugend, ihrer Gesundheit und Kraft, waren wir nicht sonnenfest, als wir unbehindert dahinsprangen und uns den Weg mit den Spießen bahnten? An die nahe Mittagsstunde erinnerte uns nur der Hunger.

Wir überschritten das Flüßchen und stiegen nach dem Hause hinab. Plötzlich überraschte uns ein Büchsenschuß dicht bei, der wegen der Stille rundum wie ne Kanone rumpelte und von Berg zu Berg hallte. Augenblicklich war das Holz mit seinen versteckten Einwohnern in Aufruhr. Als wir dem Knall nachstürzten, brach grunzend eine Wildsau aus einem hohlen Stamm, dahinter die Jungen, die den Ohrenschmaus mit ihren süßesten Tönen vervollständigten. Mit Hallo setzten wir ihnen nach. Die Bache stellte sich und bot uns, nur um ihren Wurf besorgt, die Brust dar. Im Jagdfieber lief ich Aston unvorsichtig voraus. Der Schaft meines Spießes knickte, als er, schlecht gezielt, an der Schwarte abprallte. Der Boden war trocken, glatt, – ich fiel vor der Sau hin. Sie ließ mir keine Zeit zum Aufstehen. Ich faßte nach dem Kris im Brustbausch und verlor die Geistesgegenwart nicht, obgleich ihre kleinen glitzernden Lichter, ihr runzliges Gebrech, ihre langen Zähne schreckhaft genug aussahen, als sie mich annahm. Aston rief: »Liegenbleiben – nicht rühren!« Ich spürte, wie seine Saufeder über mich hinglitt, als er sie dem Tier ins Blatt und fast durch den Körper stieß; die Sau sank verendet auf mich.

Jemand rief: »Dunnerlittchen, das wird großartige Schinken geben! Ich will se runtertragen, pökeln und räuchern.« Gleichzeitig wurde ich angepackt.

»Ich will gehenkt sein, wenn du's tust!« antwortete ich, sobald ich auf war und mich Louis gegenübersah, der morgens mit Lebensmitteln angekommen war.

»Hö«, sagte er, »zwei hab ich nich gesehn; ich dacht, es sei nur eins da!« Dann bückte er sich, betastete die Beute und schnalzte entzückt, – in Gedanken letzte er sich schon an dem Braten. Plötzlich hörte er das Gequiek der Frischlinge, die suchend herumirrten. »Hö, se hat Junge; etwan nich? Warum haben Se mir das nich gesagt?«

Wir konnten fast alle Frischlinge fangen. Louis herzte, küßte, drückte sie, hieß sie seine Zuckerschnutchen, bat sie, nicht zu schreien, und gelobte, besser für sie zu sorgen als ihre eigne Mutter. Dann fragte er, ob wir Hunger hätten, ob er Feuer anzünden und ein Paar zum Frühstück rösten solle, um uns eßlustig fürs Mittag zu machen. – Worauf er denn gepletzt habe? »Oh, das hatt ich ganz vergessen! Lassn Se mich vorerst diese entzückenden Kleinchen paarweis an 'n Läufen zusammbinden, und ich zeig Ihn, was ich geschossen hab, – es is noch nich tot.«

Er führte uns einige Schritte seitwärts unter einen weitarmigen Baum. An einem wagrechten Ast klebte ein stattlicher Pavian. Eingeweide quollen heraus, Schweiß strömte herab. Und doch klammerte er sich in Qual und Sterbensangst mit den Hinterhänden fest, schnitt uns Gesichter, schnatterte uns an. Sofort lud Louis seine Knarre wieder. Als er den Lauf nach oben richtete, schien sich das arme Geschöpf seines drohenden Geschicks bewußt zu werden: Wut wich der Furcht. Es warf uns einen jämmerlichen Blick zu, machte eine letzte Anstrengung, sich aus seiner ungedeckten Lage zu befreien, und plumpste, eh es zum Schuß kam, leblos herunter. Louis faßte es schnell beim Genick und schnitt ihm die Drossel ab. Das glich so ganz einem Menschenmord, daß ich schauderte: »Komm fort, – laß ihn hier, – laß ihn!«

»Wozu? Ich denk nich dran. Es is das beste Essen in der Welt. Wenn Se das nich wissen, wissen Se nischt.«

»Puh«, meinte Aston, »solch ein Menschenfresser. Gehn wir!«

Wir ließen ihn zurück, versprachen, einige Diener zu schicken, um das Schwein runterzuschaffen, und sausten den Hügel hinab. Unter einer Feigendistelhecke trafen wir Scolpvelt. Einen pfündigen, verschimmelten Schmöker aufgeschlagen vor sich, war er emsig dabei, etwas durch ein Vergrößerungsglas zu beäugen. Er kümmerte sich nicht um uns, sondern schnippelte mit einem Messerchen weiter. Nahm er nicht, unzähmbar in seiner Grausamkeit, mit einem unglücklichen Igel das vor, was er fachmännisch eine »Vivisektion« nannte? Mit einem schiefen Blick auf Aston murrte er: »Nehmen Sie sich ein Exempel! Sehn Sie dies kleine heldenmütige Tier? (Er zog das Messer drüber hin.) Sie bemerken, daß es am Leben ist, Muskeln, Nerven hat. Und doch regt sich's nicht, gibt keinen Laut von sich!« –

Als wir eintraten, sahn wir de Ruyter über Büchern und Zeitungen. Er bat mich, die Schiffspapiere und Briefe durchzugehn; ich wurde aber durch ein Gespräch zwischen Aston und ihm abgelenkt. Aston drang in ihn, einige seiner Tagebücher zu veröffentlichen, die wir hatten lesen dürfen. Die Antwort verblüffte mich: »Wär ich lüstern nach einem unsterblichen Namen und hätt' ich Geist genug, ihn mir durch Schreiben zu sichern, – ich tät's dennoch nicht. Die reine, leuchtende, unbefleckte Tat ist die edlere Unsterblichkeit. Millionen können die Gedanken eines großen Schriftstellers nicht fassen, werden aber warm, glühen, wenn eine edle oder kühne Handlung erzählt wird. Ich bin zufrieden, wenn die, die ich liebe, während meines Lebens gut von mir denken. Die Welt schlechthin ist mir gleichgültig und wird es bleiben. Höher als den Beifall der französischen Regierung schätze ich Ihre Achtung. Man hat mir geschrieben, – doch nur als allgemeine Anweisung – daß Sie bis zur Auswechslung als Gefangner gelten. Selbstsüchtig tracht ich aber danach, Ihre gute Meinung zu haben, – lasse Sie bedingungslos frei. Ich werde Ihnen zur Überfahrt nach einem unsrer Häfen verhelfen, wenn Sie unser fades Leben hier über haben.«

»Wenn ich bis dahin warten soll, – nie! Ich bin ganz zufrieden, und mein Glück wäre unbeschränkt, wenn ich nur seiner Dauer gewiß wäre. Offen gestanden: ich löge, wenn ich Ihnen für Ihre Kunde dankte.«

»Dann sparen Sie den Dank und bleiben Sie, wo Sie sind!« De Ruyter stand auf, reichte ihm die Hand. »Das Weitre überlassen Sie mir! Den Kommandanten will ich schon rumkriegen, und nach dem, was ich von Ihren Verhältnissen weiß, werden Sie dienstlich keinen Schaden haben.« –

»Verfluchter Dienst!« sagte Aston, sowie de Ruyter raus war. »Ich bin ein grüner Junge gewesen, als ich eintrat, und war ein Narr, daß ich dabei blieb. Nun taug ich für keinen vernünftigen Broterwerb. Ich bin im Joch vom zehnten Jahr bis jetzt, wo ich fünfundzwanzig zähle, bin nie drei Monate an Land gewesen, meine Haut ist fast schwarz von der Sonne, mein Haar in Stürmen ergraut. Dies, dazu ein paar Narben, gelegentlich gichtisches Zwicken und der Leutnantsrang: das ist alles, was ich erstanden habe, voraussichtlich erstehen werde+...«

»Ein behagliches Zimmerchen im Greenwicher Spital werden Sie doch bekommen, 'ne nette kleine Kammer ganz für Sie, mit Massenabfütterung, miete- und steuerfrei, dazu einen Kohlgarten und dreizehn Pennies täglich auf Tobak. Was braucht der Mensch mehr?«

Der Schnack endete damit, daß ich ihn überredete, noch einige Zeit hier zu warten, bis wir ihn auf ein Küstenschiff bringen oder bei einer englischen Niederlassung landen könnten. –

Oft setzte ich ihm mit meiner ganzen Freundschaft zu, eine Laufbahn zu verlassen, die ihm keine Beförderungsaussicht biete, und sich uns anzuschließen. Niemals wollte er was davon wissen. Auch de Ruyter hat wohl nie dergleichen bedacht; dabei waren sie dicke Freunde. –

Ich ging runter zum Hafen, wo die Grab lag, zahlte der Mannschaft einen erheblichen Anteil an Beutegeldern und heuerte die meisten ab; dem Reis verblieben nur die unbedingt Nötigen. Wir verabredeten, daß ich zweimal wöchentlich die Grab, er an zwei, drei andern Tagen uns besuchen solle.

Nun ergab ich mich mit Leib und Seele dem Genuß unsers Landlebens. Fast täglich durchstrich ich die Insel in andern Richtungen, forschte, wo das meiste Wild stehe, welche Flüsse, Seen am fischreichsten seien, – zuweilen mit einem der Freunde. An guten Jagdtagen zogen wir gemeinsam aus, nahmen Mundbedarf mit, speisten in den Wäldern. Louis hatte wenig an Bord zu tun, spielte den Küchenmeister. Bei günstigem Wetter beschäftigten wir uns mit Gartenarbeit. War es naß oder stürmisch, so fochten wir, lasen, schrieben, zeichneten. Zur Stadt gingen wir so selten wie möglich; dabei luden uns die Gemahlin des Kommandanten, Offiziere und Kaufleute nahezu täglich ein. De Ruyter haßte »gesellschaftlichen Verkehr« wie wir. Er hatte deswegen für sein Haus eine Stelle gewählt, die zur Regenzeit fast unzugänglich war. So schnitt er schlau jeden Einbruch oberflächlicher, fauler, lästiger Besucher in seine Einsamkeit ab, deren es in jeder Soldatenstadt wimmelt. Wagten sich doch einige heraus, dann drehte sich ihr ganzes Gespräch um die Gefahren, die sie beim Durchwaten von Flüssen, Morästen ausgestanden hätten. Um sie zu foppen, deutete de Ruyter an, wie leicht abzuhelfen sei, und versprach, nächstens danach zu sehen. Waren sie aber fort, so sagte er: »Ich staune, wie sie's angestellt haben, so leicht herzurutschen. Wir müssen das Wasser stauen, um den Sumpf und die Strömung zu vergrößern, die Bambusbrücke noch schwankender machen!«

Dabei war er nicht unhöflich. Alle, die es verdienten, waren willkommen. Er selber geleitete sie. Flog die Tür bei ihrer Ankunft auf, so drückte er ihnen die Hand, und jeder Gesichtszug verriet seine herzliche Freude. Je länger sie blieben, desto dankbarer war er; schieden sie vorzeitig, dann verdüsterte sich sein Antlitz+...

Zela wußte gottlob nichts von »Zivilisation«. Sie war schüchtern wie eine Holztaube, nicht wie eine gefallsüchtige Schöne, und meinte, nur der Eheherr dürfe in ihren Gedanken wohnen. Die Art unsrer Begegnung, das Schiffsleben, der Aufenthalt an Stellen, die für die Liebe geschaffen waren, – all das vollendete in wenig Monaten, wozu sonst vielleicht Jahre zu kurz gewesen wären. Zela war jung, aber mit dem Tode vertraut. Als der Kummer über den Vater verebbte, wurde ihr Herz durch mich wieder erweckt, – den einzigen, der es beanspruchte; und das meinige gehörte nur ihr. Ich lehrte sie meine Sprache, lernte noch mehr von der ihrigen. Als Gefährtin meiner Streifzüge folgte sie mir mit dem Jagdspeer durch dick und dünn. Ihre hauchleichte Gestalt war zum Staunen kräftig und behend. Hielt ein Wildbach oder Tobel sie auf, – ich trug sie hinüber, und in den Dschungeln bahnte ich ihr den Weg. Unser Glück konnte sich nicht mehren, – es war vollkommen. Aston nahm immer, später auch de Ruyter teil an unserm Herzensbund; sie wunderten sich nicht aus über so beispiellose gegenseitige Hingabe.

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