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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 46
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Ein »Opfer« der Wissenschaft.

Aston und ich gelobten, dem »Experimentator« für diese Grausamkeit eins auszuwischen. Schnell waren wir uns einig. De Ruyter begleitete ihn zum Abendessen, ich besichtigte mit ein paar Negerjungen den Schauplatz. Der Brunnen war morgenländisch angelegt, breit, tief, mit einer Treppe, die zum Grunde führte. Ich stieg mühsam hinab. Die Stufen waren zerbröckelt, die Wände mit Stinkpflanzen, unten mit Fledermausunrat bedeckt, glibbrig von Krötenschleim; als ich einen Stecken hineinstieß, um den Wasserstand zu messen, begann ein mißtöniges Konzert. Wieder oben, traf ich meine Vorbereitungen, erfreut, daß das Wasser nur zwei, drei Fuß tief war. Einen Teil des Gesträuchs hatte ich weggeräumt. Ein leichtes Bett stellten wir mit dem Kopfende gegen die Stufen und scherten ein Tau durch die Ringe an beiden Enden. Ein großer Pepulbaum hing mit einem Ast über der Öffnung und verdunkelte sie mit seinem Laub. Daran befestigten wir einen Kloben und zogen das Tau durch. Ich unterwies die Boys in ihren Rollen und kehrte nach dem Hause zurück, um sie passend einzukleiden.

Als ich eintrat, um de Ruyter abzurufen, – Aston hatte Van so lange zu beschäftigen, bis er sich ins Bett verfügte – verhielt ich unwillkürlich bei seinem Erguß: »Hätt mich doch meine Mutter nicht zur Welt gebracht, oder wär ich tausend Jahre vor diesem obskuren Zeitalter geboren worden, wo ich die Sonne über der Forschung untergehn sehe! Oh, Mutter, hättst du doch bis zu der dunklen Zeit gelebt, wo ich keinen finden kann, der so aufgeklärt ist, an einem Brunnen zu schlafen! Du, meine Mutter, die nur die Wissenschaft liebte und honorierte und mich, dein einziges Kind, weil ich mich ihr weihte! Du wußtest, wie lange und eifrig die Scolpvelts ihrem göttlichen Beruf obgelegen hatten! Als dein Auge durch emsiges Studium erkrankte und ich dir sagte, der Krebs werde draus entstehen, wenn man's nicht exstirpiere, meintest du: ›Nimm's raus, mein Sohn!‹ Prompt tat ich's. Keinen Seufzer stieß sie aus, sondern lehnte sich, ohne gehalten zu werden, rücklings an ihren Sessel und lächelte meinen unerschütterlichen Nerven Beifall! (Stolz): Wo wäre eine solche Frau jetzt zu finden!«

Er zündete seinen Meerschaum an, durch unser verhaßtes Feixen beleidigt, und ging zum Brunnen. Aston wollte stündlich nach ihm sehn.

Wir machten nun die Negerjungen fertig. De Ruyter bemalte sie mit Strichen, die ein weißes Gerippe auf schwarzem Grund vortäuschten. Dies nebst den malaischen Bogen, mit schwarzem, weißgestreiftem Papier bespannt, flügelartig an ihrem Rücken befestigt, verlieh ihnen ein gespenstiges Aussehen. Schließlich rüsteten wir sie mit Nadeln aus, wie sie die Matrosen zum Tätowieren brauchen.

Kurz nach Mitternacht pflanzten Aston und de Ruyter sich am Kloben auf, um das Tau auf ein Zeichen aufzuzurren. Ich kroch unbemerkt unter den Baum, die Kobolde bezogen ihre Posten unter dem Wildwuchs zu beiden Seiten des Betts. Wirklich flirrten einige Riesenfledermäuse um den Brunnen, andre krallten sich, den Kopf abwärts, an die Zweige der Pepuls, grade über Scolpvelt, der auf dem Rücken lag und sie genau beobachtete. Sah er nicht aus wie 'ne halbaufgerollte Mumie? Er hatte sich nämlich mit 'ner Binde gerüstet, um die Blutung zu hemmen, falls er als Arzt Halt gebieten müßte.

Ich winkte. Die Jungen surrten unter gellendem Juchzen aus dem Gebüsch, schlugen mit den Skelettflügeln, klappten die herunterhängenden Decken der Bettstelle über dem Einlieger zusammen und zogen die Laschung sofort zu. Auf das Zeichen zum Aufholen fuhr das Bündel in die Höhe, und ich steuerte es über das Loch. Die Jungen trieben alle möglichen Possen, faßten das Tau, hopsten hinauf und prickelten den Ärmsten mit ihren Nadeln, als wenn er in ein Wespennest geraten wäre. Dann wurde alles schleunig hinabgefiert. Zahlreiche Fledermäuse schossen schwingenrauschend hervor; eine ungeheure Menge Kröten, Ratten vermehrte das Getöse. Sowie das Bett unten war und die Jungen die Laschung losgeschnitten hatten, hievten wir sie hoch. Jetzt gellten wir das Schlachtgeschrei der Indianer, jaulten, klatschten uns mit der Hand auf den Mund. Die entsetzten, jahrhundertelang unbehelligten Insassen des Brunnens: Vierfüßler, Vögel, das ganze Gezücht von Kriechtieren, quollen aus ihren Schlupfwinkeln hervor.

Für uns, die wir nur hinabsahen, war's ein Anblick des Schreckens, – für Van muß es grauenhaft gewesen sein. Unser Schabernack gereute uns schon; aber de Ruyter sagte: »Nein, er hat ein Herz von Stein. Seine Klugheit oder seine Angst oder beides hält ihn ab, um Hilfe zu rufen.«

»Pst«, wisperte ich, »ich hör seine Flosse im Wasser! Er bewegt sich. – Horch! Sein Gequak übertönt das der Kröten.«

Er murmelte vor sich hin und krebste herum. Dann gischtete es, als sei er ausgeglitten und hingeplumpst. Zufrieden, daß er in keiner unmittelbaren Gefahr schwebe, aber willens, ihm den verdienten Denkzettel zu geben, ließen wir ihn eine ganze Stunde zappeln. Dann trat Aston herzu, tat überrascht, ihn nicht zu finden, und lief, ihn beim Namen rufend, im Garten herum. Van verwünschte auf holländisch, lateinisch, englisch die Stunde, da seine Mutter ihn geboren, samt der Insel, den Fledermäusen, dem Brunnen, allen Teufeln drin. Endlich geruhte Aston ihn zu hören, und wir kamen mit Stricken und Kerzen herbei, um ihn zu erlösen. Einer der Jungen wurde runtergelassen und schlang ihm ein Tau um. Dann schwangen wir ihn mit solcher Gewalt zum Baum herauf, daß ihm Hosen und Hemd zerrissen und er anmutete wie ein in Ketten hängender, mit seinen Lumpen im Winde baumelnder Verbrecher. Bei der Landung gab er vor Erschöpfung keinen Laut von sich. Der auferweckte Lazarus war ein Waisenknabe gegen ihn, als wir ihn mit den Laternen anleuchteten.

Sein Kopf wackelte wie bei einem Schlagflüssigen, die dürren Beine klapperten wie Bambusstangen im steifen Wind, die Haut war mit Fledermauskot und grünem Schleim beschmuddelt, das Gesicht blau und blutgesprenkelt. Das lange, schüttere Haar hing herab wie bei 'ner Meerjungfer. Die emporgeborsteten grauen Brauen gemahnten an einen tückischen, knurrenden, in der Falle gefangnen Schakal. Keines Wortes würdigte er uns, als wir ihn unter unaufhörlichen Fragen heimgeleiteten. Grimmige Blicke schoß er auf mich, der ihn mit Erkundigungen über sein neuestes Arbeitsfeld bestürmte. Ein Humpen Schiedamer, ein trocknes Hemd, ein Bett warteten seiner in der Halle. Erbost, stumm hieb er sich aufs Ohr.

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