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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 45
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Im »Joch« der Liebe. – Ein »genußreiches« medizinisches Experiment.

Ungeduldig heimzukommen, achtete ich wenig auf die Gegend. De Ruyter fragte, was ich von der – hm – Dame hielte.

»Sie ist ein Engel: so sanft und himmelgut, so edel und unerschrocken. Zwar ist sie ausnehmend still; das rührt aber nur von ihrer Schüchternheit und tiefen Veranlagung. Solche Augen und solch ein Mund sind alles andre als nichtssagend.«

»Nu machen Sie aber 'n Punkt! Zugestanden – sie besitzt alle Vorzüge ihres Volks: Jugend, Anstand. Aber von den andern Reizen hab' ich nicht die Bohne entdeckt, an ihr so wenig wie an ihrem Volk, – und ich hab lange drunter gelebt. Was verstehn Sie unter Schüchternheit? Etwa die Blicke, das Benehmen einer Dirne? Tiefe Veranlagung! Mit demselben Recht könnten Sie die kreischenden Papageien tief veranlagt nennen. Ausnehmend schweigsam! Lieber in einem Strudel, 'nen Wirbelsturm über mir, oder lebenslänglich auf den Galeeren, als von 'ner französischen Weiberzunge nur eine Tropenstunde täglich gepisackt!«

»Einer Französin! Wen meinen Sie?«

»Meinen? Wen sonst als die Person, bei der wir den Tag verbracht haben!«

»Ach, die hatt' ich ganz vergessen! Ich hab von Zela gesprochen.«

»Haha, Sie sind wie der junge Mensch, der seinem Vater diesen Briefschluß schrieb:

›Geliebte Zela, stets hab ich Dich lieb!‹

Ich hab Ihnen mehr Adlergeist zugetraut, um so tief zu sinken. Mit Recht heißt's: ›Der Liebe verfallen‹, – ein Mann kann gar nicht tiefer fallen. Große Geister werden nie von einem so niedrigen, schwachen Feind versklavt. Mein Beileid, Sie Ärmster! Ich seh, Sie haben sich freiwillig an die schlimmste, entnervendste Leidenschaft verloren. Männer wie Sie sind zu Edlerem da, zu Handlungen, die die Menschheit beglücken, – nicht, um sich den kleinlichen, selbstischen Wünschen eines Einzelwesens zu opfern, so wertvoll es auch sei!«

Um die schmerzhaften Stiche zu mildern, fügte er hinzu:

»Ich tadle Sie nicht, weil Sie Zela lieben. Sie ist Ihre Gattin, vertraut Ihnen, ist im höchsten Grade wert, geliebt zu werden. Aber ich werf Ihnen vor, daß Sie nur sie lieben, Ihre Neigungen andern entziehn, – abgesehn von Zeit und Gaben, die nützlich angewandt werden könnten.«

Er brach ab und suchte meine alte Teilnahme für Dinge und Pflichten zu wecken.

Vielleicht um weiteren bitteren Pillen zu entgehen, ritt ich voraus. Als ich vor dem Hause stand, waren zu meiner Überraschung alle Blenden und Fenster des Mittelzimmers verrammelt. Die Sonne hatte sich hinter dem Westhügel versteckt. Schon war es abendkühl, dazu wehte eine frische Brise. Ich besorgte Schlimmes. Da nur Zela in mir herrschte, des Freundes Vorhaltungen zutrotz, stürmte ich nach der Rückseite des Hauses, riß einen Laden beiseite und sprang hinein. Bei dem plötzlichen Übergang vom Hell zum Dunkel konnte ich nichts unterscheiden. Als ich aber rief: »Wer ist denn hier?« erwiderte es: »Fenster zu – sie wird entwischen! Fenster zu – sie werden entwischen!«

Beim Vordringen stolperte ich in die Wasserrinne. Immer noch tönte es: »Fenster zu – ach, sie werden entwischen!«

Ich rappelte mich auf. Da schritt eine unheimliche, verhutzelte Schattengestalt auf mich zu. Das Schlurfen des Sandalenfußes auf dem Estrich kannte ich doch? Dank einem Lämpchen in hornig-durchschimmernder Hand entdeckte ich richtig Scolpvelts spukhaftes Gesicht. Mit der Linken schwang er einen langen weißen Bambus wie eine Zauberrute. Er wandelte vorbei, ohne mich zu bemerken, – seine Stielaugen glupten zur Decke hinauf. Er schloß die Läden mit dem Stabe und babbelte: »Sie sind mir nicht entkommen – da sind sie – die Luft hat ihnen gut getan. Sie waren nur etwas schwindlig, – sind wieder munter geworden. Nun, das ist wundervoll! Sie sind's, Kapitän? Ich glaubte, es sei einer der Schwarzen, – herrlich, daß Sie hier sind! Sie werden an den muntern Vierfüßlern, die da herumgaukeln, Freude haben.«

»Wie? Ich seh nichts von Vierfüßlern! Aber Sie müssen der Leibhaftige sein, sonst könnten Sie diese Hitze nicht ertragen!«

»Hitze? Ich spür keine. Lassen Sie nur die Fenster zu, – Sie verderben mir sonst alles! In ein paar Minuten bin ich fertig. Sehn Sie nur hin!«

»Ich seh sie, hör sie auch leise schreien. Was stellen Sie mit diesen Vögeln an? Treiben Sie Schwarzkunst oder was sonst?«

»Vögel? Pah! Dacht mir's ja, daß Sie sehr unkultiviert sein müssen, weil Sie der Wissenschaft entgegenarbeiten. Vögel! Ebenso wenig Vögel wie ich! Tiere, die lebende Junge gebären, – die nämliche Spezies von Lebewesen wie Sie. Sie haben kürzlich meinen Spallanzani zurückgewiesen, den ich Ihnen schickte; sonst wären Sie nicht so töricht, eine Fledermaus ›Vogel‹ zu heißen.«

»Rasch, Van, Fenster auf, – ich werde krank.«

»Krank? Wenn schon! Bin ich nicht hier? Sie sollen das Resultat des Experiments bezeugen. Würden Sie nicht aus ihren Bewegungen folgern, sie hätten den Gebrauch der Sehwerkzeuge? Können Sie sich vorstellen, daß ihnen die Hornhaut ausgebrannt ist?«

»Ausgebrannt?!«

»Ja, vor 'ner halben Stunde.«

»Welcher Unmensch – –?«

Das Fenster wurde geöffnet, Zela trat weinend ein: »Gut, daß du zurück bist! Dieser abscheuliche, gelbe Inder hat so viel von den armen Geschöpfen gefangen, wie er nur konnte, und ihnen mit heißen Nadeln die Augen ausgestochen.«

Van hatte bei seinem Besuch anscheinend einige Fledermäuse in dem Gemäuer eines Brunnens aufgestöbert. Drei hatte er erwischt, zwei davon mit glühendem Draht geblendet, der dritten die Augen ausgeschnitten. Dann ließ er sie im Zimmer los, ob sie ihren Flug mit der früheren Schnelligkeit und Sicherheit tätigen würden.

Er nannte es ein anziehendes, genußreiches, befriedigendes Experiment: »Spallanzani hat's an der gemeinen Fledermaus probiert, ich aber am Vampir und der Gespenstergattung. Heut Nacht werd ich ein andres Problem entscheiden. Angeblich sind sie bewundernswerte Aderlasser; mit ihren Zungen, scharf wie die feinsten Lanzetten, fahren sie unmerklich den Schlafenden in die Adern, wobei sie ihre langen Schwingen als Fächer brauchen, um den Schlummer zu vertiefen, und extrahieren so ein hübsches Quantum Blut. Sie bevorzugen die Adern hinten am Hals oder an den Schläfen. Oft verblutet das Opfer, ohne es gewahr zu werden. (Zu mir): Sie sind jung, heißblütig, Ihre Venen prall. Wollen Sie heut bei dem alten Brunnen schlafen? Ich werde die Blutmenge taxieren und die Nachblutung, das einzig Gefährliche dran, zum Stehn bringen. Bedenken Sie, welchen Nutzen Sie der Wissenschaft bringen, – welchen Profit sich selbst! Wenn alles klappt, mögen Schröpfköpfe, Egel und andre Behelfe praktisch durch diese unschätzbaren Sauger verdrängt werden. Morgens untersuchen wir ihre Zungen; das kann neues Licht auf die Korrektur der Wundmesser werfen.«

Van wurde warm, beredt. Ich wußte, wie vergeblich es war, über derlei mit ihm zu streiten, und begnügte mich mit einem glatten Nein, auch hielt ich mit meinem Abscheu über das Getane nicht zurück.

Jetzt wollte er de Ruyter und Aston beschwatzen. Als er auch die taub fand, steckte er seine wehleidigste Miene auf und schnurrte auf Zela los. Sie ergriff das Hasenpanier. Er schnaubte Vorwürfe über die Unwissenheit der Weiber, die Voreingenommenheit der Männer und befahl schließlich, sein eignes Bett neben den Brunnen zu stellen.

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