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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 43
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Wandern in Wundern.

In wenig Tagen waren unsre Anstalten getroffen. Der Reis blieb als Befehlshaber an Bord. De Ruyter, Aston, ich und Zela mit ihren Begleiterinnen landeten bei Tagesanbruch. Wir begannen den Marsch auf Maultieren, Ponies und Eseln. Eine Strecke hielten wir uns an der steinigen Küste. Dann durchzogen wir eine unfruchtbare Ebene und schraubten uns eine bucklige Schrägung empor auf einem Pfad, der nur für ein Tragtier Raum bot. Ich schritt neben Zelas Pferdchen und zeigte ihr die herrliche Gegend. In ihren Adern rollte das Blut eines furchtlosen Geschlechts, stete Gefahren hatten sie geschult. Bisweilen hielt sie gerade über einer Schrunde an, um aus einer Felswölbung seltne Blumen zu pflücken oder um die Zweige des reizendsten indischen Baums, der stolzen Mimose, zu brechen, die, empfindlich, heilig wie die Liebe, vor der Berührung Ungeweihter zurückzuckt. Sie reichte mir einen hin: »Leg ihn in deinen Turban, Bruder, – du willst ja nicht, daß ich dich Herr heiße – und runzle nicht die Stirn! Ich sehe das nicht gern; du bist dann nicht so hübsch, – ich meine: nicht so gut, als wenn du lächelst. Lache nicht, nimm! Er wird dich gegen jeden Zauber feien.«

Als wir über eine Sandebne ritten, stutzte sie plötzlich. Ohne das Pferd anzuhalten, das weiter trottete, sprang sie ab und rannte eine Kuppe hinauf. Ich hatte sie so noch nie gesehn und geriet in solches Staunen, daß sie zurück war, bevor ich sie einholen konnte.

»Schau her! Du hast Blumen gern. Aber hast du schon eine gesehn, die so schön ist wie die? Riech doch! Sie ist so süß, daß die Rose, wenn sie neben ihr wächst, vor Neid Schönheit und Duft einbüßt.«

Ich hielt sie für behext. Es war ein schreiend roter Zweig voll brauner Blüten und gelber Beeren, mit moschusartigem Gestank. »Na«, rief ich, »du könntest ebenso gut auf deine alte Amme Kamalia eifersüchtig sein wie die Rose auf solch garstiges Zeugs da! Pfui, der Geruch macht mich krank.«

Vermutlich hatte mich ihr Hätscheln und Küssen des Zweiges so kratzbürstig gemacht. Ihre Augen erweiterten sich, schienen mich erstaunt, bekümmert anzublicken; als sie sich schlossen, sah ich Tränen an den Wimpern. Der Zweig entfiel ihr, sie knickte zusammen, ihre Stimme gemahnte mich an den Augenblick, da sie über ihrem sterbenden Vater hing: »Verzeih mir, Fremdling! Ich hatte vergessen, daß du nicht meiner Heimat angehörst. Dieser Baum beschattete das Zelt meines Vaters, schirmte uns gegen die Sonne und hielt die Fliegen fern, wenn wir tagsüber schlummerten. Unsere Jungfrauen flechten sich ihn ins Haar; wenn sie sterben, wird er ihnen aufs Grab gestreut. Deshalb muß ich ihn ja mehr als alles andre lieben! Aber du sagst, du wirst krank davon; so will ich ihn nicht mehr lieben und nie wieder pflücken. (Ihre Worte erstickten fast vor Schluchzen): Warum sollte ich ihn jetzt tragen? Ich gehöre einem Fremdling! Mein Vater ist fort!«

Ich gab die Blüten nicht nur zurück und entschuldigte mich mit meiner Unkenntnis, sondern erstieg auch die Kuppe und riß den Baum mit den Wurzeln aus: »Schwester mein, ich war nur bös auf den Baum, weil du die Rose schmältest, die Lieblingspflanze meines Vaterlands. Aber nun, da die Sonne ihn bescheint und ich ihn näher betrachte, dünkt mich, die Rose möchte ihn beneiden, wie die reizendste Frau meines Vaterlands dich beneiden muß. Ich will ihn in unsern Garten pflanzen.«

»Ach, wie gut du bist! Ich will einen Rosenstock daneben setzen, und sie sollen ihre Düfte mischen. Unsre Liebe und Sorgfalt wird sie neidlos nebeneinander leben lassen.« –

Ich suchte abzulenken: »Sei ohne Furcht, liebe Zela, dies ist der letzte Fluß, über den wir müssen, – dann werden wir über jene wunderbare Gegend reiten.«

»O Fremdling, Zela hat nie etwas andres gefürchtet als ihren Vater, wenn er zornig war. Dann war seine Stimme lauter als der Donner, sein Speer tödlicher als der Donnerkeil. Gestern abend, als du mit jenem großen Mann sprachst, der so freundlich ist, sahst du aus wie mein Vater. Ich glaubte, du würdest ihn umbringen, und wollte dir sagen: tu's nicht! Ich las in seinen Augen, daß er dich sehr lieb hat. Es ist sehr böse, denen zu zürnen, die uns lieben.«

»Ach, du meinst Aston! Nein, ich zürnte ihm nicht. Auch ich liebe ihn. Wir sprachen von den scheußlichen Grausamkeiten, die hierlands an den unglücklichen Sklaven verübt werden. Darüber war ich so ergrimmt.«

»Ich möchte deine Sprache verstehn! Wie hätt' ich mich gefreut, dich zu hören! Dann hätte ich auch geschlafen. Aber ich verstand dich nicht, – so hab' ich nur geweint.«

Jetzt kam auch de Ruyter herauf, und plötzlich befanden wir uns auf der Hochebene inmitten der Insel. Die Sonne stieg über den Bergen im Osten auf, teilte die Dunstknäuel und entschleierte die Reize des göttlichen Eilands.

Wir lagerten uns im Schatten einer Gruppe von Rosenäpfelbäumen. Hatten sie nicht einen Bannkreis um eine einsame Eiche geschlagen, die an einem See von diamantner Klarheit und offensichtlich bodenloser Tiefe ragte? Goldne Fische spielten an der Oberfläche, bunte Wasserjungfern zickzackten drüber hin. Papageien keckerten auf den Bäumen, als seien sie mit keifenden Ehefrauen bevölkert. Papa Pavian thronte mit würdigem Ränzlein und pampfte mit der Gier und der Beschaulichkeit eines Mönchs, nur darauf erpicht, sich mit Bananen vollzupacken.

Wir hatten uns an dem überreichen Prunk der Natur gesättigt. Nun gewann gröberer Geschmack die Oberhand. Fische, Früchte und andere einfache Speisen, wie sie der Seefahrer liebt, wurden ausgebreitet. Ein Teil meines Behagens sprang auf Zela über. Aßen wir heut' nicht endlich Brot und Salz miteinander? Als ich sie darauf hinwies, lächelte sie: »Ja, jetzt müssen wir Freunde sein! Wenn du dich an die Sitten unsres Landes hältst, darfst du gegen mich, deinen Gast, nicht einmal die Stirn krausen, bevor die Sonne unter- und wieder aufgeht.«

De Ruyter rief uns bald wieder in den Sattel. Den Pfad überdomten wilde Reben, Jasmin, dunkelrot blühende Schlingpflanzen, so dicht verwuchert, daß weder Sonne noch Sturm hindurch konnten. In den Zauberräumen der Luftgeister erschienen wir als Eindringlinge. Zum erstenmal kamen mir die Stimmen de Ruyters und Astons rauh vor, ihre männlichen Gestalten, wettergegerbten Gesichter fehl am Platz: auf ein bewaffnetes Deck oder vor eine Kampftruppe mochten sie eher passen! Die alte Kamalia, die mit zwei schwarzen Sklaven die Nachhut bildete, war sicher eine Drude mit ihrer Sippe von Unholden. Ich wünschte mich aus dem Walddüster heraus, fror nach der Sonne, so sehr sie brannte.

Der Pfad wurde jetzt weiträumiger, lichter. Wir tauchten aus dem Blättermeer in eine freie Ebene, die durch ihr Geleucht fast blendete. Als wir auf einer schlichten Brücke einen Fluß überschritten, rief ich entzückt Aston hinter mir an: »Sehen Sie, hier ist's – hier ist unsre Wohnung! Das muß sie sein! Wer sonst als de Ruyter hätte einen so unvergleichlichen Erdenwinkel wählen können! Ich hab's Ihnen vorausgesagt: alles Bisherige verbleicht dagegen. Was kann man noch wünschen, wenn man das besitzt? Hier sind alle Reize der Natur beisammen, um etwas Vollkommnes zu bieten.«

»Wirklich«, pflichtete Aston bei, »es ist vollkommen.«

Wir saßen unter einer Vorlaube ab. De Ruyter führte uns ins Haus. Eine Reihe doppelter Gitterläden rundum sperrte die Sonne ab und ließ die Luft ein. Die Mittelhalle, fast die Hälfte des Raums, war mit Fliesen ausgelegt. Ein Strom klarsten Wassers rann durch einen schmalen Durchlaß, füllte ein eirundes Becken und im Garten einen großen Badeteich, der auch zur Bewässerung diente. Später bildete er einen Fall und gelangte wieder zu dem eigentlichen Fluß, dessen Glucksen man vom Fenster aus hörte. Rings in der Halle standen niedere, breite Polstersitze, an den Wänden hingen indische, europäische Jagdwaffen, dazwischen Zeichnungen, Gartengeräte.

Zela wurde mit ihren Dienerinnen nach einem Flügel geleitet. De Ruyter meinte: »Ihre Herzensdame ist meines Wissens das erste weibliche Wesen, das mein Haus betritt.« Auch Aston wies er sein Gemach an. Zu mir sagte er: »Sie Irrwisch sind ja in keinen vier Pfählen zu halten! Wir müssen's Ihnen überlassen, nach Ihrer Art herumzustreunen. Brauchen Sie was, so klatschen Sie: nicht allzu anspruchsvolle Wünsche werden erfüllt. Glock eins finden Sie Gabelfrühstück in der Halle.«

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