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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 41
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Liebesfrühling.

Sie ging Zela vorbereiten. Wäre ich ein stürmischer Heirater gewesen, – sie ließ mir Muße abzuflauen. Vielleicht half just der Gedanke, ich wolle ja gar nicht freien, sondern sei schon gebunden, daß mir die anderthalb Stunden eben nur als – neunzig Minuten erschienen. Ich enthielt mich jeder empfindsamen Beschwörung der »Zeit« benebst deren »Blei«- oder »Schwalbenfittichen«. Vielleicht fand ich auch um diese Stunde einen besondern Genuß daran, meine Wasserpfeife zu schmauchen, meinen Kaffee zu schlürfen. Ich saß und sog den letzten Paff des Duftkrauts aus Schiras durch Rosenwasser von Benares. So versunken war ich darein, das Spiel der Rauchkringel in der Sonne zu bewundern, daß ich die Alte nicht eintreten sah. Nun hörte ich, ihre Herrin habe mit Kaffee und Süßigkeiten auf mich gewartet, bis der eine kalt, die andern sauer geworden seien.

»Gewartet? Niemand hat mir was gesagt!«

Sie schaute so verdrießlich drein, daß sie mit einem Blick die Leckereien ungenießbar gemacht hätte, und meckerte kläglich: »Ich steh schon so lange hier, daß – schau! – meine Füße an die Diele gewachsen sind!«

Ich lachte. Es stimmte insofern, als die Sonne im Verein mit der Hitze ihrer Füße die Teerung geschmolzen hatte. Da das Schiff eben krängte, konnte sie nur mühsam Gleichgewicht halten, während sie ihr »Pedal« löste. Ich sparte keine Worte, um sie zu besänftigen, und wir gingen gemeinsam runter. Die Tür wurde durch eine kleine malaiische Sklavin geöffnet, – mein erstes Geschenk. Die Herrin saß mit verschränkten Beinen auf einem niedrigen Ruhebett, so in die landüblichen weißen Trauergewänder gemummelt, daß ich nichts von den Wunderreizen entdecken konnte, wovon die Araberin geschwärmt hatte. Die Füße waren nackt. Sie stand auf und steckte sie in gestickte Pantoffel, die auf dem Boden lagen. Dann führte sie meine Hand an Stirn und Lippen. Ich bat sie, sich zu setzen. Sie nahm die vorige Stellung ein und rührte sich nicht, die Arme sanken ihr schlaff herab. Das Haar, das einzig Sichtbare an ihr, deckte sie wie eine Pechwolke. Ich hatte den stillen Druck der zitternden Lippen gespürt und glaube jetzt, daß er das erste Glied jener Diamantkette schmiedete, die weder Zeit noch Gewohnheit zerreißen oder abnutzen konnte. Ich war wie in einen Zauberkreis verfangen. Schweigsam saßen wir beiden. Es war mir eine Erleichterung, als die greise Dienerin mit dem Kaffee, mit Mangofrüchten und eingedicktem Guajavasaft zurückkehrte. Wieder erhob sich Zela. Ich hätte es verhindert; aber die Alte machte mir ein Zeichen. Zela reichte mir ein Täßchen von einem Untersatz in durchbrochner Silberarbeit. Ich war so abgelenkt von ihren spitz zulaufenden, feingeformten Fingern, daß ich den Mokka verschüttete und die Schale fast verschluckt hätte, – sie war nicht größer als das Gehäuse einer Muskatnuß. (Die Alte verriet mir nachher, das sei ein schlimmes Vorzeichen.) Zela bot mir dann von dem Eingemachten, gab den Teller zurück und nahm ihren alten Sitz ein.

Ich zog mir einen Goldring ab, der eine arabische Inschrift trug und mit zwei Reihen Kamelhaar umrandet war: denselben, den mir ihr sterbender Vater angesteckt hatte, und hielt ihr ihn hin. Das unterdrückte Seufzen bei meinem Eintritt wurde zu einem solch wilden Schluchzen, daß sich ihr loses Leibchen von den Herzschlägen bewegte. Eben wollte ich den Gegenstand entfernen, der so schmerzliche Erinnerungen weckte, da faßte sie ihn, preßte ihn an die Lippen und weinte über ihm. Die Alte raunte ihr etwas zu. Zela streckte, ohne von den Augen geleitet zu werden, abermals ihre kleinen Finger vor und schob mir das Geschmeide wieder auf. Es war der alte Siegelring vom Stamm ihres Vaters, und gleich fürstlichen Siegeln machte er Recht zu Unrecht oder Unrecht zu Recht, gab, nahm, schuf Gesetze, hob sie auf, gehorsam dem Willen des Trägers. Sie führte ihn auf den Zeigefinger meiner rechten Hand und drückte sie abermals an Stirn und Lippen.

Da nahm ich einen Reif, den ich aus de Ruyters Spielwarenvorrat ausgesucht hatte: ein dunkler Rubin, in reines Gold gefaßt, dem Umfang nach von einer Fee getragen. Ich langte ihre Rechte sacht unter dem Gewande hervor und streifte ihn auf den Zeigefinger. Die Alte lächelte. Dann hob ich Zelas Hand und küßte sie wiederholt. Die Stirn der Alten verfinsterte sich. Indes erhielt ich einen Wink und ließ die Hand los, die an Zelas Hüfte niederglitt.

Dieser Ringwechsel war ein unverbrüchliches Eingeständnis unsrer Verbindung. Jetzt fragte ich, ob ich ihre Bequemlichkeit irgendwie steigern könne. Ich hätte nach Möglichkeit alle Stammesgenossen ihres Vaters freigelassen; sie sollten freundlich behandelt werden; ich sei ein Fremdling, kennte viele ihrer Bräuche nicht und bäte, mich zu belehren; unser Reis sei ein guter Mann und werde sie wie ein Vater lieben. Das Schluchzen wurde heftiger. Die Schwermut steckte mich an, ich legte die Hand aufs Herz und sprach: »Teure Schwester, mäßige deinen Kummer! Gebiete mir in allem; denn bin ich nicht dein glücklicher Sklave?« Sie weinte nur, und ich zog mich zurück. –

So verstrich mein erster Besuch und viele folgende. Lange blieb mir die Musik ihrer Stimme versagt. Sie schien stumm, reglos. Aber ich wurde durch die Unruhe unsers überfüllten Schiffes zerstreut, durch die Aufwartungen bei der Schweigsamen nicht ermüdet. Ich suchte alles aus, was sie unterhalten, erfreuen könnte. Unter dem marattischen Raubgut forschte ich genau nach allem, was ihrem Vater und seinen Leuten gehört hatte, und gab's zurück. Unermüdlich suchte ich ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen; doch ich hätte genau so gut eine Mumie anbeten können.

Die alte Dienerin war nicht so zurückhaltend. Bei jedem Bestellgang über Deck hielt sie an und sprach von nichts anderm als von ihrer Herrin. Zuerst verfluchte ich ihren Zungenschlag; denn meine Beine ermüdeten vom Stehen. Sie hätte sie mir am Ende noch weggeschwatzt, – konnte ich sie doch um keinen Preis bewegen, sich zu setzen: Nein, sie dürfe nicht sitzen in Gegenwart ihres Herrn, außerdem warte ihre Herrin auf Wasser, Kaffee, Leckereien oder sonst etwas. Ihre Herrin erschien mir ungemein geduldig: der Mond nahm eher ab als das Gerede der Plaudertasche.

Endlich tröpfelte sie mir die Hoffnung ein, daß Zela nicht stumpf sei gegen meine Güte. Daß sie sage, ich sei sehr gut, – ich müsse so sein; denn ihre Leute sagten es. Daß ich leider ihre Sprache so unvollkommen beherrschte und ein Fremdling sei von einem weit entfernten Stamm. Es bedrücke sie, daß das große schwarze Wasser zwischen den Ländern unsrer Väter sei. Ich aber sei edel, gütig, schön wie ein Zebra, und sie höre meine Stimme gern.

Das süße Gift entzündete meine erlöschenden Hoffnungen. Die dunkle alte Frau wurde hell, unterhaltsam, ihre rauhe Kehle glatt. Meine Nachtwachen verkürzten sich wunderbar. Und doch hatte ich von Zela nur Fuß und Kopf gesehen; ihre Stimme war mir immer noch fremd.

Wie konnte ich sie dann lieben? Nie hatte ich die seltsame Gewalt der Liebe gefühlt, gesehen, geträumt. Mir war, ich erfüllte nur eine Pflicht, – heilig, weil auferlegt durch die Seelenstärke eines verscheidenden Vaters, der mir mit dem letzten Atem sein Kind vertraute.

In der Reinheit der Jugend war das der erste ergreifende Auftritt, worin ich die Hauptrolle spielte und wodurch die guten Geister meines Herzens beschworen wurden, – einer Quelle, die versiegelt war, nun aber aufbrach. Mitleid, Kummer, Liebe entströmten ihr jetzt wie ein Wildbach, der alles fortträgt.

Der arme, kleine, gefangne Vogel baute sein Nest in meiner Herzenskammer, während ich ihn ruhig im Käfig meiner Kabine wähnte. Meine Besuche wurden länger, häufiger. Ich faßte Zelas kalte Hand, bis sie sich wieder erwärmte, und bildete mir ein, sie glühe mit der meinigen. Sogar ihr unempfindliches Haar erfüllte mich mit Leidenschaft, wenn es meine Wange streifte. Als ich endlich den vollen Strahlenglanz ihrer Augen auffing, da flogen meine Glieder, meine Stimme bebte, meine Pulse hetzten. Ob sie's merkte, – ich weiß es nicht; aber sie zog die Hand zurück, verschattete den Blick.

Liebe ward so in meiner Brust entzündet, – reine, tiefe, unvergängliche Liebe. Wenn mein Geist sein Staubgehäuse sprengt, wie eine Taube davonflattert, – keinen Ruheplatz, keinen Ölzweig des Friedens wird er finden, bis er wieder mit Zelas Geist vereint ist. Dann werden sie, zwei Sonnenstrahlen, miteinander verschmelzen und ewig leuchten.

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