Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward John Trelawny >

Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
Schließen

Navigation:

Altenglische Erziehungskunst.

»Raben«-Vater erachtete eine frühe Erziehung für zwecklos; ich wurde darum erst zwischen neun und zehn Jahren eingeschult. Den täglichen Streit der Eltern, wann der Unterricht der Söhne beginnen solle, entschied ein gewöhnlicher Vorfall. Ich hockte auf einem Apfelbaum, ein ausnehmend langer, knochiger Schlaks, und warf meinem Bruder die Früchte herunter, als Vater plötzlich auf uns zukam. Jeder Quark fuchste ihn. Wir mußten ihm folgen, und er schritt schnell durch die Felder auf den Landweg. Wortlos führte er uns nach der Stadt und durch die Straßen, zwei Meilen weit. Ich trottete mit verbißner Gleichgültigkeit hinterdrein, suchte aber dann und wann den Bruder auszuquetschen. Keine Antwort! Am äußersten Ende stand Papa still, richtete einige unverständliche Fragen an uns und ging auf ein ummauertes, düsteres Gebäude zu. Wir ihm nach, einen langen Gang hinab. Er läutete an einer Art Kerkerpforte. Ein Diener ließ uns in einen Hof, dann durch eine dunkle Halle in ein kleines Empfangszimmer. Die Tür schloß sich, wir waren allein. Nach endlosen zehn Minuten trat ein geschniegeltes Männchen ein, bebrillt, gepudert, Kopf hoch, enge Halsbinde, breite silberne Schuhschnallen. Das Zopfige, Itüpflige um ihn mußte einen Knaben anfrösteln. Ein schneller Blick aus dem Falkenauge, zuerst auf Vater, dann auf uns, – er war im Bilde. Unter wiederholten Bücklingen bat er den alten Herrn, Platz zu nehmen, und hieß uns ein gleiches. Ungeduld, Hast lag in allem, was er sprach, zeigte, daß er lieber handelte als redete.

»Sie sind wohl Herr Sayers?« fragte Vater.

»Zu dienen.«

»Ist noch Platz in Ihrer Anstalt?«

»Zu dienen.«

»Schön. Wollen Sie die Erziehung dieser Flegel übernehmen? Ich kann nichts mit ihnen anfangen. Der Nichtsnutz (er deutete auf mich) stiftet in meinem Hause mehr Unheil als Ihre sechzig Jungen zusammen.«

Der Schulmeister schob die Sehmaschine auf die Nasenspitze, schielte drüber weg und musterte mich von Kopf zu Fuß; dabei krampfte er die Hand zusammen, als ob sie in Gedanken bereits die Rute packe, und nickte wie: »Dich krieg ich schon!« Meine feierliche Einführung ging weiter:

»Er ist wild, unverbesserlich! Kommt an den Galgen, wenn Sie nicht seinen Teufel rausfuchteln. Ich hab ihn heut morgen über einer Gemeinheit ertappt, für die er den Strang verdient. Mein Älterer ist von ihm verleitet worden; von Haus aus ist er anständiger veranlagt.«

Er traf die notwendigsten Abmachungen, verneigte und entfernte sich, ohne uns zu beachten.

Welch empörende Verhöhnung meiner Gefühle! Aus dem Elternhause ohne Andeutung oder Vorbereitung gerissen, als ein Geächteter mit bitteren Worten einem Fremden ausgeliefert: so fand ich mich nach einer Minute auf einem winzigen Platz, der zum Spielen bestimmt war, aber mit seinen hohen, festen Wänden eher einem Gefängnishof glich. Dreißig, vierzig Zöglinge zwischen fünf und fünfzehn Jahren ständerten um uns herum, machten Glossen, fragten. Hätte mich doch die Erde verschlungen und meine Herzensqualen begraben! Rückblickend, wiederhole ich's aus voller Seele. Wäre mir meine Zukunft im Traum erschienen, – ich hätte, ein Knabe, mein Gehirn an der Wand verspritzt, woran ich in trübem Schweigen lehnte. Wie mein Bruder veranlagt war, trug er sein Schicksal verhältnismäßig gefaßt; doch die roten Flecke auf seinen Wangen, die schweren Augenlider, die gepreßte Stimme zeigten, daß unsre Stimmung zusammenklang, wenn sie sich auch in der Heftigkeit unterschied.

So unglücklich ich während meiner Schulzeit war, – der erste Tag war der bitterste. Beim Abendessen würgte es mich so, daß ich mein Hundefutter, in kümmerliche Bißchen geteilt, nicht herunter bekam; ich fühlte mich erst erleichtert, als ich auf meiner Bettelmatratze, kaum daß die Nachtlichte erloschen und die übermüdeten Jungen herum ihr Schnarchkonzert begannen, meine gepreßte Brust in Tränen verströmen konnte. Ich schluchzte laut. Sowie sich einer rührte, hielt ich den Atem an, bis ich mich wieder sicher fühlte. So stöhnte ich unbelauscht weiter, bis die Nacht vorgeschritten war, mein Kissen in Tränen schwamm und ich erschöpft entschlummerte. Unerquickt wurde ich um sieben wachgerüttelt und stieg ins Schulzimmer hinab.

In der Fron unumschränkter Herren sind Knaben grausam, freuen sich der Grausamkeit. Alles Üble in ihnen wird wachgerufen, alles Gute zurückgedrängt. Sie erinnern sich an das, was sie erdulden mußten, als sie schutzlose Sklaven waren: an die groben Streiche, die ihnen gespielt wurden, an die Verhöhnung ihrer Einfalt, daran, daß sie von den Schlauen beklaut, von den Starken gebimst wurden. Keinen Neuling lassen sie ungeschoren. Knaben lernen in der Schule in Roheit, Verschlagenheit, Selbstsucht aus; der ist ihr Opfer, ihr Narr, der nur eine Spur von Güte zeigt.

Der Vorsteher trat ein: Erzieher der »alten« Schule. Blind glaubte er an seine Wünschelrute, die er in ständiger Übung hielt und in allen Zweifelsfällen anwandte. Seine Schule glich mehr einem Zuchthause als einer höheren Bildungsanstalt. Wenn ich an den Befehl meines Vaters dachte, nicht die Knute zu schonen, wurde mir weh ums Herz.

Meine Schulzeit war ein einziger Kreuzweg; ich gleite daher möglichst schnell drüber weg. Ich wurde selten mehr als einmal täglich mit der Rute, mehr als einmal stündlich mit dem Stock abgeprügelt. Gewohnheit stumpfte mich ab. Der Schulherr sah mich als den verstocktesten, gewalttätigsten, bockigsten Bösewicht an, der ihm je unter die Hände geraten war. Jede mögliche Strafe wurde über mich verhängt, aber ganz wirkungslos. Nie kam's ihm bei, es mit Güte zu versuchen, – wahrscheinlich hatte er nie von so was gehört.

Schnell wurde ich abgebrüht gegen Scham und Furcht. Jede freundliche, zarte Regung meiner von Haus aus zutunlichen Natur schien durch das viehische Wesen meines Zuchtmeisters unterdrückt. Ich wurde tückisch, rachsüchtig, hartmäulig. Während sich die Kameraden immer wieder vergeblich abmühten, der Schmach der Züchtigung zu entgehen, fing ich an, meinen Groll an ihnen auszulassen. Bald verschaffte ich mir durch ihre Einschüchterung eine Achtung, die ich durch Bücherhocken nicht erlangen konnte. So lernte ich zuerst das Muß, mich nur auf mich zu verlassen. Mein Geist sammelte Kraft, allen entgegengesetzten Bemühungen zuwider, wie eine junge Föhre, die in einem Felsspalt aufsprießt.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.